Übersicht:
12.1. Die schriftliche Gedichtinterpretation
12.1.1. Die Vorarbeiten
12.1.2. Die schriftliche Fassung
12.1.3. Die häufigsten Mängel bei Gedichtinterpretationen
12.2. Grundbegriffe der Gedichtinterpretation
12.2.1. Strophe
12.2.2 Vers
12.2.2.1 Versmaß
12.2.2.2. Rhythmus
12.2.2.3. Enjambement
12.2.3. Reim
12.2.4 Bildsprache
12.1. Die schriftliche Gedichtinterpretation
12.1.1. Die Vorarbeiten
- Text genau lesen. Überschrift nicht vergessen!
- Was steht da eigentlich? Welches ist der Erzählkern des Gedichts? Was ist das Anliegen dieses Textes?
- Wer spricht da (Frage nach dem lyrischen Ich)? Mann oder Frau (woran wird das deutlich?), jung oder alt? Oder vielleicht sogar ein Gegenstand oder ein Tier? - Beobachtungen am Rand des Textes markieren!
- Wie spricht das lyrische Ich? Fröhlich oder traurig, verstandesbetont oder gefühlsbetont? (Woran wird das deutlich? Belege unterstreichen und/oder am Rand markieren! Wichtig für das spätere Zitieren!)
- Mit wem spricht das lyrische Ich? Mit sich selbst oder mit einem bestimmten anderen? Mit Gott? Mit dem von ihm beschriebenen Gegenstand? Mit uns, den Lesern? (auch hier: Belege!)
- Welche auffälligen Merkmale des Textes sind sonst erwähnenswert? (z.B. Sprache, Versmaß, Reim, innerer und äußerer Aufbau des Gedichts)
Es gibt zwei Wege der Interpretation:
- die induktive Methode:
- Sie geht von den kleinsten Beobachtungen aus und schreitet zum Großen und Ganzen fort. Vorteil: Man vergisst nichts. Gefahr: Man übersieht vor lauter Einzelheiten die Gesamtheit nicht mehr.
- die deduktive Methode:
- Sie geht von Behauptungen, Vermutungen und Thesen über das Ganze aus und belegt oder widerlegt diese dann am Beispielen. Vorteil: Der Blick für das Ganze bleibt gewahrt. Gefahr: Man lässt sich von ersten Eindrücken leiten, verrennt sich und ist für Gegenteiliges blind: Sich selbst widerlegen ist schwierig.
- Man sollte beim Schreiben jederzeit sagen können, was man gerade untersucht, und zu welchem Zweck.
- Die Einzelteile der Interpretation sollen miteinander verbunden sein (vorherige Gliederung, Überleitungen, Zusammenfassung usw).
- Form und Inhalt des Gedichts bilden meist eine Einheit: Das eine könnte oft ohne das andere nicht sein. Wenn das der Fall ist, sollte auch in der Interpretation darauf verwiesen werden.
- Der "Ton" der Interpretation soll dem des untersuchten Gedichts nicht widersprechen (Beispiel: Ein Toten- und Klagelied wird beschwingt und mit ironischen Bemerkungen gewürzt interpretiert)
- Form und Inhalt des Gedichts werden ungenügend oder gar nicht aufeinander bezogen (Beispiel: "Nach der Beschreibung von Aufbau, Reim und Versmaß komme ich nun zum Inhalt des Gedichts.").
- Ein gegliederter Aufbau der Arbeit (Überleitungen, Zusammenfassungen usw.) ist nicht erkennbar. Das Ganze sieht aus wie eine Mathearbeit mit völlig unterschiedlichen Aufgaben.
- Thesen (Behauptungen) über die Hauptaussage(n) des Gedichts werden vorschnell, nach der allerersten Lektüre, getroffen. Die Beweisführung verfolgt nun nur noch diese These und ist für alles andere blind.
- Behauptungen zum Text werden nicht am Text belegt.
- Es wird unrichtig zitiert.
12.2.1 Strophe
| Sonett | Gedicht, das aus 2 vierversigen (Quartett) und 2 dreiversigen (Terzett) Strophen besteht | |
| reine Reime | Gleichklang von Wörtern von dem letzten betonten Vokal an | Hérz - Schmérz,
Líebe - Tríebe |
| unreine Reime | ungenauer oder unvollkommener Gleichklang | Gemüt - Lied,
Geläute - Weite |
| männliche (stumpfe, starke) Reime | einsilbige Reime (Vers endet mit betonter Silbe) | Nacht - Wacht,
Aar - Paar |
| weibliche (klingende, schwache) Reime | zweisilbige Reime (Vers endet mit unbetonter Silbe) | Blume - Ruhme,
Feuer - teuer |
| Paarreim | a
a b b |
... Herz
... Schmerz ... Liebe ... Triebe |
| Wechselreim | a
b a b |
... Herz
... Liebe ... Schmerz ... Triebe |
| Umfassreim | a
b b a |
... Herz
... Liebe ... Triebe ... Schmerz |
| Schweifreim | a
a b c c b |
... Herz
... Schmerz ... Sonne ... Liebe ... Triebe ... Wonne |
| Alliteration
(Binnenreim) |
gleich lautender Anlaut benachbarten Stammsilben | bei Wind und Wetter
mit Mann und Maus |
| Bild | in diesem Zusammenhang:
allgemeiner Ausdruck für den Gebrauch von Wörtern in übertragener Bedeutung; sie haben die Funktion, etwas eindringlich und unmittelbar (ohne rationale Brücken) zu vermitteln |
|
| Vergleich | Eine Sache wird mit einer anderen gleichgesetzt; beide haben etwas gemeinsam. | Sie hat Augen wie zwei Sternelein, und einen Mund, rot wie Kirschen |
| Metapher | ein Vergleich, bei dem das "wie" wegfällt (verkürzter Vergleich), wobei die Vergleichsvorstellung selten bewusst wird | Sternaugen, Kirschenmund, Flussarm, Redefluss, Licht der Wahrheit |
| Chiffre (auch Montage) | verschlüsselte Metapher, bei der das Gemeinsame des Vergleichspaares nicht ohne weiteres einsichtig ist (v.a. in der modernen Lyrik) | Schwarze Milch der Frühe |
| Personifikation | Ein Ding oder ein Begriff wird wie ein Lebewesen dargestellt | Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte |
| Synästhesie | Zwei oder mehrere Sinnesgebiete werden gemischt | Golden wehn die Töne nieder |
| Allegorie | systematisch aufgebautes Bild, das nicht als Ganzes wirkt, sondern durch Nachdenken in seinen Einzelheiten erschlossen (übersetzt) werden muss | Eine Frau, die die Augen verbunden hat und eine Waage hält = Gerechtigkeit |
| Symbol | anschauliches Zeichen für etwas Unanschauliches | Das Symbol der Sonne für Königsmacht |