![]() |
![]() |
|
|
|
![]() Der Biedermann Zwölfftes Blatt 1727. den 21. Julii.
Charlotte, so lautet die Fortsetzung der neulichen Geschicht, hatte vor dem Bette des Printzen ihre thränenden Augen noch nicht in die Höhe geschlagen. Er hatte zwar aufgehöret zu reden: sie gab ihm aber keine Antwort. Er dachte sie derowegen durch Liebkosungen zu gewinnen: und wie er sie so lange bey der Hand gehalten hatte; also zog er sie itzo allmählich näher zu sich, und bemühte sich, sie küssend zu umarmen. Allein vergebens. Sie stieß ihn mit beyden Händen von sich und sprach: Nicht so, mein Printz, nicht so: Was sie suchen, das finden sie hier nicht. Denn bin ich gleich gegen Sie nur vor einen Erdenwurm zu achten; so liebe ich doch meine Ehre so sehr, daß ich lieber sterben, als dieselbe schmählern wollte. Auch die aller empfindlichste Belustigung soll mich nicht dazu bewegen. Deswegen zittere und bebe ich eben, weil vielleicht alle, die Sie haben in diß Haus kommen sehen, an diesem meinem festen Vorsatze zweifeln werden. Da es Ihnen aber beliebt, mir die Gnade zu thun, und mit mir zu sprechen: so werden Sie mirs auch vergeben, wenn ich Ihnen so antworte, wie meine Ehre es erfordert. So dumm und blind bin ich nicht, Gnädigster Herr, daß ich die Schönheit und Annehmlichkeit die GOtt Ihnen verliehen hat, nicht sehen und erkennen sollte. Nein, ich halte diejenige vor das glücklichste Frauenzimmer von der Welt, die einmahl der Liebe eines solchen Prinzen genießen wird. Allein was ist mir damit geholfen, da dieses Glück vor mich, und vor Personen meines Standes, gewiß nicht aufgehoben ist? Wenn ich mir nur ein Verlangen darnach in den Sinn kommen ließe: so beginge ich schon die allergröste Thorheit. Was kan ich mir also wohl vor eine andre Ursache einbilden, die sie bewogen hat, sich eben zu mir zu wenden, als diese; daß dero Hofdamen, welche unfehlbar von Ihnen geliebet werden müssen, wo Sie nur Schönheit und Anmuth lieben, so tugendhafft sind, daß Sie von ihnen dasjenige nicht einmahl fordern, geschweige denn vermuthen dörfen, wozu mein niedriger Stand Ihnen Hoffnung macht. Ich bin fest versichert, wenn Sie bey Personen meinesgleichen Ihres Wunsches theilhafftig würden, so bekämen sie eben dadurch eine neue Materie, Ihre Gebieterin ein paar Stunden von dero Siegen zu unterhalten, die Sie zum Schaden solcher ohnmächtigen Creaturen davon getragen. Aber ich bitte Ihre Durchlauchten, zu erwegen, daß ich von der Gattung gar nicht bin. Ich bin in einem Hause erzogen, wo ich gelernet habe, was die Liebe ist. Mein Vater und meine Mutter sind dero treue Bediente gewesen; Weil mich also GOtt zu keiner Prinzeßin gemacht hat, daß Sie mich zu ihrer Freundin und Gemahlin machten könnten; so ersuche ich Sie unterthänigst, mich nicht unter die Zahl der armseeligen Weibsbilder zu setzen, die ihre Ehre in die Schantze geschlagen. Seyn Sie doch zufrieden, daß ich Sie hochschätze, und von Hertzen wünsche, daß sie der glücklichste Printz in der gantzen Christenheit seyn mögen. Wollen sie aber Personen von meinem Stande zu Ihrem Zeitvertreibe haben: O sie werden in unsrer Stadt unzehliche antreffen, die ohne Zweifel viel schöner sind als ich, und sich doch bey weitem nicht so lange werden bitten lassen. Halten sie sich an solche Buhldirnen; denen es ein Vergnügen seyn wird, ihre Ehre zu verkaufen; und beunruhigen sie diejenige nicht mehr, die mehr Sie, als sich selbst liebet. Denn wenn es GOtt heute gefallen sollte, entweder Ihr Leben, oder das meinige zu fordern: so würde ich mich glücklich schätzen, das meinige vor das Ihrige hinzugeben. Daß ich dero Gegenwart fliehe, geschicht gar nicht aus Mangel die Liebe: Nein es kommt bloß daher, weil ich unser beyder Gewissen gar zu sehr liebe. Ich bitte mir lebenslang dero Gnade aus, mein Printz; wenn sie mich anders derselben würdigen wollen: und ich werde Gott vor dero hohes Wohlseyn und Gesundheit unaufhörlich anruffen. Es ist wahr, daß die Ehre, so sie mir itzo angethan haben, mir unter meines gleichen Hochachtung genug zuwege bringen wird. Allein, welche Mannsperson von meinem Stande, werde ich wohl künfftig eines Anblickes würdigen, nachdem ich Sie mein Printz gesehen habe? Dergestalt wird mein Hertz in Freyheit bleiben; und von keiner andern Pflicht was wissen, als die mir auferlegt, vor dero Wohlfahrt zu beten: denn, gnädigster Herr, dieses ist die einzige Gattung von Gehorsam, die ich Ihnen jemahls leisten kan. Eine so tugendhaffte Antwort dieses liebenswürdigen Frauenzimmers war zwar dem Prinzen nicht nach seinem Sinne: doch die beängstigte Unschuld, die ihr aus allen Minen und Geberden hervor leuchtete, und die holdseeligen Augen, die ihr in währender Antwort gantz voller Wasser stunden, ja zuweilen einige Tropffen die Wangen hinunter laufen ließen, rührten ihm dergestalt das Hertz, daß er sich nicht enthalten konnte, sie so hoch zu schätzen als sie es verdienete. Er that zwar alles Mögliche, sie zu überreden, daß er niemahls eine andre, als Sie lieben würde: allein sie war so unbeweglich in ihrer Zucht und Schamhafftigkeit; daß eine so unanständige Liebe ihr durchaus nicht gefallen konnte. Indessen waren die Bedienten des Prinzen mit seiner Kleidung aus dem Schlosse zurücke gekommen: und ob sich dieselben gleich etliche mahl melden ließen; so befahl er doch allezeit ihnen zurücke zu sagen, daß er schliefe: so angenehm waren ihm Charlottens Unterredungen. Diese daureten nun so lange, biß die Zeit des Abendessens heran kam; welches er aufm Schlosse durchaus nicht versäumen dorfte: weil seine Frau Mutter eine sehr ordentliche und scharfe Dame war. Also verließ der Printz das Haus seines Küchenschreibers, mit der größten Hochachtung vor die Erbarkeit und Tugend dieses Frauenzimmers. Sie lag ihm unaufhörlich in Gedancken, und er redete mit seinem vertrauten Edelmanne fast alle Augenblicke davon. Und da derselbe, ihm zur Gesellschaft, in seiner Kammer zu schlafen pflegte: so giengen bißweilen halbe Nächte darüber hin; denn er verlangte von ihm immer neue Anschläge zu hören, wie er endlich zu seinem Zwecke gelangen könnte. Geld wird mehr ausrichten als die Liebe: dachte dieser verschmitzte Rathgeber, daher rieth er dem verliebten Prinzen, ihr eine gute Summe anbieten zu lassen. Der Vorschlag gefiel dem Prinzen zwar, es schien ihm aber sehr schwer zu seyn denselben ins Werck zu richten. Er hatte sehr wenig Geld in Händen; denn seine Frau Mutter verwaltete noch alle seine Einkünffte. Doch entzog er seinen kleinen Belustigungen soviel er konnte; und entwendete sogar seiner strengen Aufseherin so viel, als es sich thun ließ. Er hatte endlich eine Summe von fünfhundert Thalern zusammen gebracht, und diese gab er seinem Vertrauten, mit der inständigsten Bitte, keinen Fleiß, keine Mühe zu sparen, biß er Charlotten dadurch gewonnen hätte. Der Edelmann hatte selbst den Anschlag gegeben; also ermangelte er nicht, alle seine Künste anzuwenden. Er sprach das Frauenzimmer so bald es sich thun ließ; Er eröfnete ihr des Prinzen beständige Zuneigung; Er zeigte ihr das ansehnliche Geschenck, so er ihr von seinentwegen zu überbringen hatte. Aber alles umsonst. Mein Herr, sprach Charlotte, ich bitte dem Prinzen zu sagen; mein Hertz sey so züchtig und ehrliebend, daß, wenn es jemahls durch Versuchungen überwunden werden könnte; so müste es allbereits durch seine Schönheit und Annehmlichkeit überwältiget worden seyn. Wo aber dieselben nichts haben ausrichten können, da würden gewiß aller Welt Schätze nicht zureichen, etwas zu erlangen. Bringen Sie ihm also dieses Geschenck wieder zurücke; denn eine ehrliche Armuth ist mir tausendmahl lieber, als alle Reichthümer, die ich mir bey dem Verluste meines guten Nahmens erwerben könnte. Diese Härte ihrer unüberwindlichen Tugend, brachte den Edelmann auf die Gedancken, durch Drohungen und Furcht zu bewegen. Er stellte ihr derowegen die Macht und Gewalt seines Prinzen vor, der sie, als eine seiner Unterthanen, sich gar nicht würde wiedersetzen dörfen. Hierzu aber lachte sie nur, und sagte: Dadurch mögen sie andre erschrecken, mein Herr, die den Prinzen gar nicht kennen: denn ich weiß, daß derselbe viel zu tugendhafft und ehrliebend ist, als daß dergleichen Vorstellungen von ihm herrühren sollten. Ja ich bin versichert, daß er sie gantz verwerfen wird, wenn sie ihm was davon erzehlen werden. Aber gesetzt, es verhielte sich so, wie Sie vorgeben: So ist doch keine Marter, ja kein Tod zu ersinnen, der mich auf andre Gedancken bringen soll. Denn da, wie ich bereits erwehnet habe, die Liebe gegen ihn, mein Hertz nicht geändert hat; so sollen hinfort alle Belohnungen und Strafen, die man mir vorhalten kan, mich keinen Fuß breit von dem Wege ablencken, den ich mir einmahl erwehlet habe. Man kan leicht dencken, mit was vor Verdruß der Cammerjuncker des Prinzen, seinem Herrn die Antwort unsrer, seiner Meynung nach, so hartnäckigen Charlotten, werde hinterbracht haben. Er hielte sichs selbst vor eine Schande, daß er durch alle seine Mühe ihre Halsstarrigkeit nicht überwinden können: und würde also aus Rachgier, dem Prinzen die gewaltsamsten Mittel anzuwenden gerathen haben; wenn es bloß darauf angekommen wäre. Allein zum Theil, wollte derselbe von keiner unvergönnten Art sie zu überwinden, was hören: zum Theil muste er besorgen, daß eine solche Gewaltthätigkeit viel Aufsehens machen, und gar seiner strengen Frau Mutter zu Ohren kommen möchte; deren Unwillen gegen sich zu erwecken, er billig ein Bedencken trug. Er unterstund sich also ferner nicht das geringste zu unternehmen: biß ihm sein verschlagener Bedienter einmahl ein so leichtes Mittel vorschlug, davon er sich nichts anders einbildete, als daß es ihm unmöglich fehl schlagen könnte. Der vorhingedachte Küchenschreiber sollte hier wiederum hülfliche Hand leisten. Es hatte derselbe vor der Stadt einen Weinberg, und neben demselben ein angenehmes Sommerhaus, welches nahe an einem kleinen Lustwäldgen gelegen war. Auf Anstifften des Edelmanns, nöthigte er seine Ehegattin nebst ihrer Schwester, sich ein Vergnügen zu machen, und der bevorstehenden Weinlese beyzuwohnen: wozu dann beyde gar leicht zu bereden waren. Als der Tag herankam, that der Cammer=Juncker solches seinem Herrn zu wissen: und dieser fassete voller Freuden den Entschluß, sich mit demselben gantz allein hinaus zu machen, und daselbst Charlottens Liebe nach Wunsche zu geniessen. Die Maulesel wurden fertig gehalten, um zu bestimmter Zeit heimlich davon zu reiten. Allein von ohngefehr trug sichs zu, daß sich die Fürstin im Schlosse ein gewisses Vergnügen machte, wobey sie alle ihre Kinder zugegen haben wollte. Dadurch ward der Printz wieder seinen Willen so lange aufgehalten, biß die abgeredete Stunde verlaufen war. Der Küchenschreiber, dem draussen die Zeit lang werden mochte, suchte sich indessen mehr und mehr aufzuhalten. Seine Frau hatte sich zu Hause kranck anstellen müssen, so daß sie den Augenblick, als man schon aufsitzen wollen, ihm Nachricht geben lassen, daß sie unmöglich würde mitfahren können. Dergestalt war er mit Charlotten gantz allein draussen, und es fehlte an nichts, als an der Ankunnft des Prinzen. Doch als es Abend werden wollte, und derselbe sich nicht einfand, sprach der Küchenschreiber zu seiner Gefehrtin: Wir werden uns wohl wieder in die Stadt begeben können. Wer hindert uns daran, versetzte Charlotte? Ich dachte der Printz würde etwan heraus kommen, erwiederte der erste; weil er mirs versprochen hatte. Auf den dörfet ihr nicht länger warten, mein Bruder, gab sie zur Antwort: denn ich weiß gewiß, daß er heute nicht kommen wird. Das glaubte der Küchenschreiber, und also fuhren sie zurücke. Kaum waren sie zu Hause angelanget, als Charlotte ihn seiner Gottlosigkeit halber auf das schärfeste zur Rede setzte. Sie verwieß ihm sein boßhafftes Gemüth, welches sich um eines schnöden Gewinstes willen, zu einer so niederträchtigen Kuppeley hätte gebrauchen lassen; zumahl sie versichert wäre, daß alles auf sein und des Cammerjunckers Angeben, ohne die Schuld des Prinzen wäre angestellet worden. Ja von Stund an räumte sie sein Haus, als in welchem sich ihre Tugend hinführo nicht sicher sahe. Sie that ihrem Bruder den gantzen Handel zu wissen, welcher auch kommen und sie mit sich in seine Provintz nehmen muste. So war aber dem Prinzen auch der lezte Anschlag mißlungen; und ob es ihn wohl anfänglich sehr schmertzete; so daß er sie auch vor ihrer Abreise in einer Gesellschaft noch einmahl deswegen zur Rede setzete, und es ihr verwieß, daß sie ihren Schwestermann verlassen wollte: So gab er sich doch endlich zu frieden, und beschloß, einer so tugendhafften Person nicht ferner nachzustellen. Alle diese Proben einer so beständigen Zucht und Erbarkeit, waren indessen einem von den Hofbedienten des Prinzen bekannt geworden, und hatten ihm so wohl gefallen, daß er in kurtzer Zeit diese tugendhaffte Charlotte heyrathete. Ohngeachtet sie wieder ihren Freyer nichts einzuwenden hatte: so wollte sie doch ihr Wort nicht ohne des Prinzen Erlaubniß von sich geben. Diese war nun leicht zu erhalten; und durch diese Heyrath gerieth sie in den glücklichsten Ehstand, den sie sich hätte wünschen können: zumahl sie darinnen von dem Prinzen, eine besondre Gnade und vielfältige Zeichen einer fürstlichen Wohlgewogenheit lebens=lang genossen. |
|
| © Wolfgang Pohl | [Deutsche Literatur] [Startseite] [Mittelalter] [Renaissance] [Barock] [Aufklärung] |