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      Johann Jakob Bodmer
geb. 19.7.1698 Greifensee / Kanton Zürich
gest. 2.1.1783 Zürich

Biographie

Der aus einem Schweizer Pfarrhaus stammende und zunächst auch für den Pfarrerberuf bestimmte junge Mann interessierte sich für Poesie und Geschichte mehr als für Theologie.

Seine Ausbildung erhielt er am Collegium Carolinum, der traditionsreichen Zürcher Gelehrtenschule. Wichtiger als die dort erworbene klassische Bildung wurde für ihn die Freundschaft mit seinem Studiengenossen Johann Jakob Breitinger und anderen Mitschülern, die lebenslang zu seinem Zürcher Literatenkreis gehören sollten. Auch an der Kaufmannslehre fand Bodmer keinen Gefallen: die Ausbeute von zwei Reisen, die er als Zwanzigjähriger auftragsgemäß nach Lyon und Lugano unternahm, bestand nicht in geschäftlichen Erfolgen, sondern in neuen literarischen Erfahrungen, insbesondere in der Bekanntschaft mit der englischen Poesie und Publizistik.

Wieder in Zürich, begründete Bodmer zusammen mit Breitinger und anderen Freunden den Literatenkreis »Gesellschaft der Mahler«, der von 1721 bis 1723 die moralische Wochenschrift Die Discourse der Mahlern herausgab. Dem Vorbild von Joseph Addisons Spectator verpflichtet, enthielt dieses Journal neben moralischen und politischen Kommentaren zum Zeitgeschehen vor allem kritische Beiträge zur Literatur und Kunst.

Zwischen 1735 und 1741 folgte, ebenfalls als Gemeinschaftswerk, die Helvetische Bibliothek, eine Reihe von Beiträgen zur eidgenössischen Geschichte mit patriotisch-republikanischem Akzent. 1725 wurde Bodmer zum Professor für helvetische Geschichte am Zürcher Carolinum berufen, in ein Amt, das er bis ins hohe Alter ausübte. Seit 1737 saß er auch als Mitglied im Großen Rat von Zürich. Forschungen zur Zürcher Stadtgeschichte, Übersetzungen und Editionen, darunter eine bedeutsame deutsche Ausgabe von John Miltons Paradise Lost (1732; verbesserte Fassung 1769), zahlreiche Dramen und epische Dichtungen meist biblischen Inhalts, die zu Recht heute vergessen sind, und nicht zuletzt philologische Pionierleistungen wie die Herausgabe mittelalterlicher Poesie (Manessische Handschrift, Nibelungenlied) zeigen einen für seine Zeit erstaunlich weiten Horizont publizistischer Tätigkeit. Die größte Wirkung erzielte B. jedoch durch seine ästhetisch-kritischen Schriften. Friedrich Gottlieb Klopstock, Christoph Martin Wieland, Johann Kaspar Lavater und der junge Johann Wolfgang Goethe suchten seine Bekanntschaft, weil sie in ihm einen Erneuerer der erstarrten Kunst- und Literaturszene der Frühaufklärung zu finden hofften.

Ihren bescheidenen, aber wichtigen Platz in der Geschichte der deutschsprachigen Literatur haben »die Schweizer«, wie sie kurzerhand genannt wurden, vor allem dadurch erworben, dass sie als Erste gegen die allmächtig scheinende Literaturdoktrin Johann Christoph Gottscheds polemisierten. Seit Beginn der 40er Jahre des 18. Jahrhunderts machten sie mit nie ermüdender Energie Front gegen die auf Regeln und Mustern beruhende Poetik des Leipziger Literaturpapstes. Schon im Titel einer Schrift wie Bodmers Critischer Abhandlung von dem Wunderbaren in der Poesie (1740) wird kenntlich, worum es ging: Dass Naturnachahmung mehr als die Befolgung kodifizierter Regeln, dass Subjektivität die Triebkraft dichterischer Produktivität sei, stand für Bodmer und Breitinger nicht im Widerspruch zum Geist der Aufklärung, dem sie sich verpflichtet fühlten. Dem Vorbild des französischen Rationalismus, der auch die Affekt-Lehren ihrer Zeit beherrschte, hielten sie das Beispiel des englischen Sensualismus entgegen, der mit Johann Joachim Winckelmann einsetzenden Antikenseligkeit die Beispiele der europäischen Poesie des Mittelalters. Der mit Christoph Martin Wieland beginnende Shakespeare-Kult, die bei den Romantikern kulminierende Verehrung des Mittelalters, Sturm und Drang und Klassik, haben in diesem Neuansatz ihre Wurzeln.

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