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Der Character eines Christen und ehrlichen Manns bey Hofe.
In dem Schreiben des Herrn von ** an seinen jungen Vetter.

Franckfurt, bey Philipp Heinrich Hutter, 1751

Anrede
Ich finde mich in meinem Gemüth gedrungen, euch vor euer nunmehro bevorstehenden baldigen Abreise von hier meinen Sinn und Gedancken über euch und euren künfftigen Lauf schriftlich mitzutheilen, um so mehr, als ich bey meinem durch Gottes Gnade erlebten hohen Alter kaum hoffen darf, auch eine geheime Ahndung mir solches beynahe gewiß vorher sagen will, daß ich euch so dann in diesem Leben nicht wiederum sehen werde. Nehmet also meine aus einem treu und redlich gegen euch gesinnten Gemüth geflossene Ermahnungen gerne an, füget eure dereinstige Erfahrung zu der meinigen, so werdet ihr finden, daß ich ehrlich gedacht, euch aber väterlich gerathen habe. Ich entdecke euch forderst offenherzig diejenige Faßung meines Gemüths, in welcher ich mich dermalen, so wie schon einige Zeit her, befinde, worinnen ich auch, unter dem Beystand Gottes, bis an den lezten Odem meines Lebens zu beharren gedencke: und könnt ihr solches als einen Theil meiner lezten Worte und Willens zuverläsig annehmen.

Meine dermalige Umstände sind die glücklichste meines Lebens, dann ich bin neben deme, daß ich mich jederzeit ein ehrlicher Mann zu seyn beflissen habe, nun auch ein Christ. Mein ganzes Leben ist ein Zusammenhang unendlicher Proben einer erbarmenden Vorsehung, welche mich unter wunderbaren Veränderungen bis hieher gebracht hat und und die ich mit der innigsten Erkenntlichkeit und einer von Danck und Beschämung durchdrungenen Seele verehre und allererst vor dem Thron Gottes mit einem von Lob überfliessenden Munde anbetend preisen werden. Eines ist, das mir Thränen der Scham und der Liebe auspreßt und mein ganzhes Herz in Staub vor GOtt hinlegt, daß mir in meinem Alter durch den wichtigen Dienst des euch noch wohlbekannten Herrn S.** hauptsächlich aber durch die lebendigmachende Krafft des heiligen Geistes das unaussprechliche Glück wiederfahren ist, JEsum Christum, als meinen Erlöser, Heyland und Seeligmacher, annoch zu erkennen, durch den Glauben wahrhafftig mit ihm verbunden zu seyn und ein in der Krafft seiner ewigen Erlösung freygemachtes, von allen geheimen Banden entbundenes, in seinem theuren Blut gewaschenes und vollendetes Gewissen zu haben. Dieses sind die wichtigste Früchte die ich in dem Lauf meines nun bald siebenzigjährigen Alters auf der Welt annoch eingesammelt und auf eine bevorstehende Ewigkeit, deren ich nunmehro getrost entgegen gehe, vorausgeschickt habe. In der Ruhe, die ich meinem grau gewordenen Haupt von Rechtswegen zu gönnen Ursache hatte, verschafft mir dieses die allerangenehmste Gelegenheit, meinen zurückgelegten Lebens=Wandel und dessen mit so unzähligen Abwechslungen begleitetes Schicksaal mit einem ganz andern, durch das Licht der Ewigkeit aufgeklärten, Auge zu überdenken, und, nachdeme ich die Welt in ihrer betrüglichen Larve sattsam kennen gelernt, mich nur nach denen höhern und unverweslichen Dingen umzusehen, alle die Bilder und Vorstellungen aus meinem Gemüth und Angedenken zu verbannen, deren ich mich dereinst vor dem Richter aller menschlichen Handlungen zu schämen haben möchte und hingegen mit denen Sachen mich näher bekannt zu machen, von welchen ich mir dereinst ein unwandelbares Glück und ewiges Vergnügen verspreche.

Dieses sind meine hauptsächlichste Beschäfftigungen und je mehr ich mit meinem Geist in die Betrachtung dieser herrlichen Sachen eindringe, je reizender, je gewisser und unumstöslicher kommen mir dieselbige vor. Nunmehro lebe ich erst ganz vergnügt, da ich vorhin nur immer zwischen Furcht und Hoffnung schwebte und an mein Ende niemahls anderst, als mit Schrecken, gedenken können.

Es ist an dem, daß ich jederzeit eine Furcht vor GOtt und einen tiefen Eindruck von seiner Macht, Hoheit und Gerechtigkeit gehabt und dieserwegen nicht nur meine handlungen nach denen aus diesen Vorstellungen fliesenden Regeln einzurichten gesucht, sondern auch den Nahmen eines redlichen und frommen Mannes an den Orten meines Aufenthalts davon getragen habe; ja wann ich denen Schmeicheleyen unsers Hof= und Polster=Predigers zu *** ohne Widerspruch meines eigenen Gewissens hätte glauben können, so wäre ich das Gegenbild eines Josephs, eines Daniels und mehr anderer Glaubens=Männer alter und neuerer Zeiten gewesen. Wie aber dieses letztere eine mir selbst eckelhaffte theologische Fuchsschwänzerey ware, so ware das, was offt würcklich in meinem Herzen vorgienge, mehr eine Würckung des Geistes der Knechtschafft, der mich von meiner und aller um und neben mir vorgehenden Dinge Unvollkommenheit und Mangelhafftigkeit nur mehrers überzeugte, ohne mir zugleich die Krafft mitzutheilen, mich über die Noth der Erden, so wie über meine eigene Schwachheit, zu erheben. Nicht zu gedencken, wie man in äusserlichen Handlungen auch durch eigene Kräffte manche Tugenden ausüben kan, die der sittlich=frommen Welt, welche den seichten und offt würcklich verdammlichen Grund, aus deme sie herfliesen, nicht beurtheilen kan noch mag, als wahre Früchte einer höhern und göttlichen Krafft vorkommen.

Aber GOtt auch als Liebe zu erkennen und mit dem Freund der Seelen in eine solche trostvolle, herzerquickende und weit über alle irrdische Gedancken hinreichende Gemeinschafft kommen zu können, hätte ich nicht geglaubt, wann ich es nicht selbst wahrhafftig erfahren hätte. Dieser geheime und intime Umgang mit meinem allerbesten Freund heitert erst meine Begriffe über die Dinge auf, so mir in der vergangenen Zeit so offt bedencklich, zweifelhafft und dunckel waren, ja meine ganze Gedenckens=Art ändert sich, ich bekomme neue Grund=Gedancken, den Zusammenhang der Dinge auf eine ganz andere und dem erhabenen Zweck unsers allgemeinen Herrn gemäße Weise einzusehen. Kurz: ich lebe erst, da ich an dem Ende meines zeitlichen Lebens, zugleich aber in dem unaussprechlich wichtigen Mittel=Punct stehe, welcher mir nur noch einen Schritt übrig läßt, in das Thor der Ewigkeit zu tretten, allwo sich mein Glück allererst entwickeln und in unüberdenckliche Folgen durchdauren wird.

Ich theile hier mit euch diese vergnügende Augenblicke, welche ich jetzo bey Überlegung dieser vornehmsten Sachen geniesse und bin versichert, daß euch meine darob empfindende Freude nicht ohne alles Gefühl lassen wird.

Nach dieser Erklärung melde ich eu kürzlich noch vo viel von meinen äusern und Vermögens=Umständen, daß meine hierüber gemachte Disposition sich in den Händen der ** befindet. Wäre ich weniger ehrlich gewesen, so hätte mein Vermögen bey einigen wichtigen Gelegenheiten einen ansehnlichen Zuwachs bekommen können. Es reut mich aber jenes nicht und wird mir ein ruhiges Sterbe=Bett verschaffen, daß sich kein ungerechter Heller bey meinem Gut befindet. Ich habe übrigens seit dem Tod meines seel. liebsten Sohns an euch, mein Vetter, und bey eurer Erziehung so viel gethan, als ich gekonnt und ihr dessen ohnehin überzeugt seyd. Da nun meine Mittel dahin nicht reichen, euch ohne Herren=Dienste den benöthigten Unterhalt, so lang ich noch lebe, zu verschaffen, und ich ausser dem nach vielen Gründen davor gehalten, daß euch gut seye, das Joch in der Jugend tragen zu lernen und durch mehrere Kenntniß der Welt in eurem engefangenen Tugend=Lauf befestiget zu werden, so ist es mir ein Vergnügen und Trost, euch durch die Dienste an dem ** Hofe wohl gesetzt zu sehen. Ich will euch demnach, mein kindlich geliebter Vetter, hiemit noch den letzten und hoffentlich nicht übel angelegten Dienst erweisen, euch meine Gedancken über eure künfftige Umstände, so wie ich jetzt über dergleichen Sachen dencke, zu Papier zu bringen.

Was forderst die Person eures künftigen Herrn anbelangt, so habe ich euch in Ansehung eures Betragens gegen denselbigen einiges zu sagen, so die Person dieses Fürsten allein angeht und einiges, so er mit allen übrigen grossen Herrn gemein hat, folglich auch von euch an diesem Hof so wohl, als wann ihr künftighin noch in andere Hof=Dienste kommen solltet, zu beobachten habt. Euer Herr ist ein Prinz von einem natürlich gar guten Gemüth, leutseelig, freundlich, gnädig gegen seine Unterthanen, erbarmend gegen Nothleidende, mehr ein Freund, als Herr, seiner Räthe und Diener. Noch mehr, seine Handlungen zeigen zum Theil von einer gewissen Furcht Gottes, welchen Eindruck er noch der sehr ernst= und gewissenhafften Erziehung seiner Groß=Frau= Mutter, einer Dame von einer strengen Tugend, vielem Verstand und einer wahren Liebe zu GOtt zu dancken hat. Ihr könntet unter denen grossen jetzt lebenden Regenten, so viel deren Character mir bekannt ist, nicht wohl einen gütigern und gnädigern Herrn bekommen, wovon eine grose Ursach auch diese seyn mag, daß er bey gar jungen Jahren in Kriegs=Dienste gekommen und unter dem alten tapfern General W** einer genauen Subordination gewohnen müssen, wobey der denen jungen teutschen Prinzen so gar gewöhnliche Hochmuth mächtig gedemüthiget und ihme hernach, da er nun unter den Waffen grau zu werden angefangen, eine gewisse Lindigkeit und Phlegma wie natürlich geworden. Ihr habt dieses allerdings als einen Theil eures Wohlstandes anzusehen, zumahlen nicht alle Temperamente, worunter das eurige mit gehört, ein sprödes Begegnen in die Länge und alltäglich zu ertragen sind. Es sind aber auch hiebey hinwiederum andere Umstände in Erwegung zu ziehen: Euer Herr ist zu gut; wann er ein Burger wäre, würde ich sagen: er verstünde sein Handwerck nicht; denn er begegnet zwar männiglich liebreich und gnädig, aber mehr als ein Fremder, der hier nicht zu Hause gehört, mithin zu denen wahrnehmenden Fehlern und Unordnungen stille schweigt, als wie ein Herr, der Liebe und Ernst zu vermengen und so wohl Gegenliebe als Furcht in dem Herzen und Betragen seiner Diener und Unterthanen zu erhalten weiß. Diese Gutheit, welche ich bey einer genauern Kenntniß seines Gemüths nicht einer Schwäche der Einsicht und des Verstandes, sondern ehender einer gewissen Nachläßigkeit und dabey einer Art der Eigenliebe, als ein gnädiger und milder Regent angesehen zu seyn, zuschreiben muß, hat schon viele üble Folgen nach sich gezogen, wovon ich euch auf euer Erinnern mündlich ein mehreres sagen werde.

Da ihr nun eurer Bedienung wegen den öftern Zutritt zu eurem Herrn habt, so gebrauchet euch der erestbelobten Eigenschafft so, daß ihr der andern nicht mißbrauchet, und suchet denselben jederzeit mehr durch euer ganzes Betragen, durch eure Redlichkeit, Dienst=Eyfer, Treue, Accuratesse und Freymüthigkeit zu überzeugen, was er vor einen Diener an euch habe, als durch andere Insinuationen, die nur in Worten, in tiefen Verbeugungen, in einem schmeichlerischen Beyfall, oder gar niederträchtigen Speichelleckerey bestehen.

Bey allem dem aber versprechet euch niemahls, der Gnade eures Herrn so gesichert zu seyn, daß ihr euch nicht alltäglich zu einer schleunigen Veränderung gefaßt halten müßtet. Nicht zu gedencken, daß manche Fürsten nicht lange einerley Gesichter sehen können, sondern den Wechsel lieben, so können sich auch asser dem viele Fälle zutragen, daß man eurer müde wird, oder daß ihr selbst Überzeugung bekommt, daß euer Lauf zu Ende seye, ohne daß euer Herr die unmittelbare Schuld und Veranlassung dazu seye. GOtt prüfet offt unter solchen Umständen die Tugend, die Gedult, die Lauterkeit und Standhaftigkeit derjenigen, welche nicht nach Art des rohen Welt= Hauffens, deren Bauch ihr Gott ist, sondern aus Gehorsam und Ergebenheit in seinen Willen, sich dem Dienst des gemeinen Wesens widmen; und kan ich euch auf solche Fälle keinen kürzern und zugleich bessern Rath geben, als der in den Worten des Heil. Bernhardi enthalten ist: Considero, non per quem, sed a quo munissa sit tribulatio.

Seyd übrigens muthig und unerschrocken in allem, worinn ihr mit eurem jetzigen und etwa andern künfftigen Herrn zu handlen habt. Es ist die Art mancher grossen Herrn, ihre Leute auf allerhand Weise hierinn auf die Probe zu setzen: ob sie fähig seyen, Gegenstand zu halten? ob sie Widerspruch und zwar hefftigen Widerspruch ertragen können? ob sie durch ein vorschützendes Interesse sich bewegen lassen, in eine Sache zu willigen, welche der Fürst bey sich selbst für unbillig hält? ob sie erschrecken, wann sie über einen unangenehmen Vortrag hart angelassen, oder wohl gar mit Dienst-Erlassungen bedrohet werden? und was dergleichem mehr ist, wovon ich theils an mir selbst die Proben ausgehalten, theils an andern machen gesehen. In keinem solcher Fälle handelt gegen euer Gewissen oder Recht und Billigkeit und lasset lieber eine zeitliche Ungnade über euch ergehen, als daß ihr unter irgend einem Schein in etwas williget, dessen euch in eurer Todes=Stunde gereuen möchte.

Suchet niemahls, euch zu poussiren, sondern bedencket die Lehre Christi: Wer sich selbst erhöhet, der wird ernidriget werden. Wann ein jeder in demjenigen, so ihme anvertraut ist, ganz treu seyn will, so wird ihme, zu seiner Bechämung, noch allemal etwas übrig bleiben, worinn er noch mehr hätte thun und noch treuer hätte seyn können. Findet GOtt vor euch gut, daß ihr mehr Ehre und mit derselben eine mehrere Last ertragen könnt, so wird er gewiß zu der rechten Stunde euch ein wichtiges Amt auflegen und euch auch Verstand und Weisheit geben, dasselbe zu seiner Ehre und dem Dienst eures Nächsten zu verwalten. Verfallt ihr aber auf krumme Wege, trauet ihr euren Schultern mehr zu, als sie fähig sind, aufzunehmen, setzt ihr euer Vertrauen auf euch selbst, so mögt ihr es so dann auch annehmen, wann euch in eurem Amt Beschwerde, Verdruß, Kummer, Verantwortung und Verfolgung begleiten, wann euch alles widrig geht, wann ihr den Mangel eurer Kräffte würcklich fühlt und froh wäret, wann ihr euch noch in einem geringern Stand befändet. Und auch diß ist noch Gnade von GOtt und eine Würckung der Zucht seines Geistes, dahingegen wann einer sich selbst und dem Dünckel seines eigenen Geistes überlassen wird, es vielmahlen, ich darf wohl sagen, ordentlicher Weise ein Zeichen des Falls einer solchen Person ist, als welche GOtt nunmehro nicht mehr wie ein Kind, sondern als einen Fremdling behandelt, so wie ein sorgfältiger Hausvater die Fehler und Unarten seiner Hausgenossen nur so lange ahndet, als sie bey ihm in Diensten sind, nach der Hand aber sie in ihrem eigenem Sinn zu gutem und bösen als Leute gehen läßt, die sich seiner Aufsicht selbst entzogen haben.

Meine Meynung gehet aber hiebey, wie ihr wohl selbst begreiffen werdet, nicht dahin, daß ihr deßwegen gleichgültig oder träg und nachläßig in eurem Thun und Wandel seyn und euer Pfund vergraben sollet. Keineswegs! Alles, was ihr thun sollt und thun könnt, daß thut mit ganzem Herzen, mit völliger Application, um der Sache selbst willen, nicht aber aus Lohnsucht, oder aus Ruhmbegierde. Lasset euch das allemal schon Lohn und Ehre genug seyn, daß euch GOtt würdig achtet, ein Werckzeug abzugeben, wodurch sein Reich und die Gerechtigkeit in einem Lande befördert, dem Unschuldigen und Bedrängten geholfen, der Bosheit aber gesteuert werde.

Glaubet aber auch: GOtt ist so getreu, daß er keinem Menschen ein gutes Werck unbelohnt läßt; nur ist der Unterschied, die mehreste werden erst in dem Lohn der Ewigkeit die Frucht ihrer Wercke finden; manchen aber wird es auch hier schon belohnt und zwar zuweilen auf eine so grosse und ausnehmende Weise, daß, wann sie dereinsten auch dorten eine nochmalige Vergeltung suchen werden, es vermuthlich heissen wird: Ihr habt euren Lohn dahin. Ihr Mund wird verstummen und GOtt recht geben müssen, daß er ihnen alle ihre Tugend=Wercke schon belohnt und reichlich belohnt habe. Ich erinnere mich noch mit vieler Gemüths=Bewegung, daß in meiner Jugend an einem hohen Ort diese Anmerckung über eine Prinzeßin gemacht worden, welche bey ihrem angebohrnen Fürsten=Stand sich gleichwohlen in sehr mäßigen Umständen begnügen müssen, unvermuthet aber auf einen Königs=Thron erhoben worden, dessen sie sich in kurzer Zeit mit einer so außerordentlichen Gewalt über das Gemüth ihres Herrn, den ganzen Hof und die Schatz=Cammer zu bedienen gewußt, daß kaum die Einkünffte eines Königreichs hinreichten, die Eitelkeit eines sonst so demüthigen Herzens zu sättigen.

So wahr ist es, daß es ein sehr erhabener Geist seyn muß, der in unerwarteten Glücks=Umständen sich nicht überhebt, sondern sein Gemüth in der Demuth oder doch einem gewissen Gleichgewicht zu erhalten weiß.

Freylich sind die Wege der Vorsicht, wie GOtt mit uns Menschen handelt, verborgen und werden erst im Licht der Ewigkeit ganz offenbar werden, da alle Welt die Hand auf den Mund legen und GOtt in allen Handlungen seines Regiments auf der Welt Recht behalten wird. Aber wie ist uns dieser Gesichts=Punct so offt verdunckelt? wie tumm sind wir noch in den Wegen der Weisheit? wie offt veschuldigen wir GOtt bey uns selbst, daß er unsere Tugend und Redlichkeit weniger belohne, als die Gottlosen, deren Glück zu blühen seinet? wie unzufrieden sind wir offt über unser Schicksaal? wie kindisch beneiden wir das schwere Glück der Grossen? wie murren offt selbst die Weisen? wo ist der Mensch in der Welt, dem es GOtt in allem recht gemacht? wer wird aber auch dereinst auftretten und sagen können, daß er ihm unrecht gethan? Mein Gemüth versinckt hier in eine Tiefe, deren Grund ich nicht sehen kan, in eine Weite, deren Ende ich nicht erblicke, GOtt auf der einen Seite und die Beschuldigungen der menschlichen Herzen auf der andern; der Unverstand streitet mit der höchsten Weisheit, die Finsterniß stellet sich gegen das reinste Licht; der Unterthan richtet den Herrn, das Geschöpf, der Staub, meistert den Schöpfer. O göttliche Gedult und Langmuth!

Ich weiß euch, mein lieber ** hiebey keine edlere und christlichere Gedenckens=Art anzuwünschen, als wie sich David ausdrückt: HErr, mein Herz ist nicht hoffärtig und meine Augen sind nicht stolz; und wandle nicht in grossen Dingen, die mir zu hoch sind; wann ich meine Seele nicht sezte und stillete: so ward meine Seele entwehnet, wie einer von seiner Mutter entwehnet wird.

Ich rathe euch ferner: Verlanget niemalen euch bey einem Heren necessair und unentbehrlich zu machen. Es geschieht auf zweyerley Weise; wann man sich entweder als ein Gehülfe geheimer Schandthaten gebrauchen läßt, oder wann man zu tief in die Cabinets=Geheimnisse eingesehen oder es dahin gespielt hat, daß man die Kenntniß von den wichtigsten Angelegenheiten eines Herrn und deren geheimsten Ressorts alleine besitzet. Das erste ist eine unlaugbare Gottlosigkeit, deren kein Gemüth fähig ist, daß eine Furcht vor GOtt und ein Gefühl der Tugend hat, deßwegen ich auch davon gegen euch nichts mehrers gedencken will. Das andere aber kan ehender unter allerley Art und unter gar verschiedenen Umständen geschehen, deßwegen man auch nicht wohl auf einerley Weise davon urtheilen kan. Manchmalen ist das Amt, worein man gesetzt ist, so beschaffen, daß man an den Geheimnissen eines Hauses nothwendig theil nehmen muß; offt hat auch ein Fürst erhebliche Ursachen, warum er diese und jene geheime Angelegenheit mit einem seiner Räthe, wo nicht ganz allein, doch hauptsächlich mit ihm, behandeln will, welchem Vertrauen man sich, aus ebenfalls wichtigen Gründen nicht allezeit entziehen kan, obgleich einem ehrlichen und gewissenhafften Mann allemal, ordentlicher Weise, lieber ist, daß eine Sache durch mehrere Augen, Hände und Überlegung geht, als wann er sie auf seine alleinige Verantwortung nehmen solle. Es werden einen auch zuweilen auserordentlicher Weise Sachen anvertraut, die der Regel nach nicht in eines seine Obliegenheit gehörten, da aber doch der Befehl des Herrn verlangt, sich denselben zu unterziehen. Diese Umstände nun ziehen offtermalen grosse Beschwerden nach sich. Ein Herr läßt sichs etwa gereuen, daß er uns seines Vertrauens zu vil gewürdiget hat; man möchte gerne seiner Dienste entlassen seyn, und der Fürst will es nicht thun, weil man zu vil in Erfahrung gebracht; ja der Herr möchte einen offt gerne selbst wiederum frey geben und will es nicht wagen, aus Furcht, der Diener möchte sich der ihm bekannten Geheimnisse zum Schaden des Hauses mißbrauchen; da man einem in solchen beeden Fällen das Leben auf andere Weise sauer macht und es manchen schon den Verlust ihrer Freyheit nachgezogen hat. Ausser idesne Umständen aber, da man durch die Sachen selbst gewisser massen unentbehrlich wird, bildet euch niemalen ein, daß ihr deßwegen, weil ihr in eurem Amt alle menschmögliche Treue, Fleiß und Geschicklichkeit bewiesen, als eine bey der Regierung eures Herrn nothwendige Person anzusehen seyd. Die Welt hat grosse Minister gesehen, auf welchen das Regiment ganzer Königreiche beruhte und die als die Triebfedern aller grosser Begebenheiten geachtet wurden; sie starben und es tratten in ihre Stelle andere ein, welche den Verlust ihrer Vorgänger eben so bald vergessen machten, als man sich vorher ihren Tod nur mit Sorgen und Betrübniß vorstellte. Noch vielmehr wird dieses bey ungleich kleinern Höfen eintreffen, allwo man noch allezeit Leute von Verdienst antrifft, welche unsere Bedienung eben so würdig zu bekleiden im Stande sind.

Solltet ihr aber einst genöthiget werden, selbsten wiederum eine Veränderung zu treffen und ihr habt die Wahl unter mehreren Gelegenheiten, so rathe ich euch, allemal einen mittelmäßigen Hof einem ganz kleinen und einem sehr grossen vorzuziehen. Die Vortheile davon sind mancherley.

An einem ganz kleinen Hof wird von einem gefordert, allerhand Verrichtungen zugleich versehen zu können, und solle einer manchmal Hofmeister, Cavalier und Page zugleich, in einer Ewil=Bedienung aber in allen Theilen der Rechts= und Staats=Wissenschafft, in dem Cameral= Rechnungs= und Forst=Wesen und andern gleich erfahren und bewandert seyn, welches der wenigsten Sache ist. Zu dem sind auch die Besoldungen so gering, daß die Kinder solcher Bedienten gemeiniglich Bettler sind und gleichwohl sind solche kleine Regenten offt weit unleidentlicher, alß andere, welche grosse Lande, jawohl Königreiche zu beherrschen haben.

An einem sehr grossen Hof hingegen findet man so viele Hindernisse vor sich, durchgehends als ein ehrlicher und rechtschaffener Mann zu handeln, daß, wann man nicht mit dem Strohm schwimmen und denen meistens grundverdorbenen Principiis der grossen Höfe in Staats= und Regierungs= Sachen folgen will, man wenigstens eine unbrauchbare Meuble bleibt, wo man sich nicht gar Haß und Verfolgung zuzieht, welche hier weit schneller und mächtiger, als anderwärts, würcken.

An einem mittelmäßigen Hof kan man sich noch ehender in demjenigen Theil gebrauchen lassen, worinnen man Stärcke und Fähigkeit besitzet, man bekommt und behält öfftere Gelegenheit, etwas gutes zum besten des Nächsten und des Landes auszurichten, man kan noch leichter den Herrn selbsten sprechen, als an ganz grossen Höfen, und die Verantwortung ist auch ordentlicher Weise mit mehreren getheilt und nicht so groß, als an ganz kleinen, da man alles alein wagen muß, oder wie an sehr grossen, da einen offt der Blitz trifft, ehe man sich umsehen kan, woher er kommt.

Bey allem dem habt ihr jedoch vornehmlich auf die innere Beschaffenheit des Hofs selbst zu sehen, welchemnach ein geordneter grosser oder kleiner Hof einem unordentlichen mittelmäßigen unstreitig allemal vorzuziehen ist.

Was nun die Personen anbelangt, mit welchen ihr euren künftigen Umgang haben werdet, so werdet ihr bey eurer Ankunft Leute von allerley Gattung finden, die sich um eure Bekanntschafft bewerben und euch ihre Freundschafft und Dienste anerbieten, ja wohl gar aufdringen werden. Ich bedarf euch nicht erst zu sagen, wie wenig Rechnung auf die Hof=Freundschafften, überhaupt von selbigen zu reden, zu machen seye; sie werden eben so leicht zerrissen, als sie geschlossen werden; ich bin von euch versichert, daß ihr nach der bereits erworbenen Kenntniß eures eigenen und anderer Gemüther vorsichtig hierinn zu Werck gehen werdet; doch gebe ich euch noch die besondere Erinnerung: Seyd nicht zu übereilt, seyd aber auch nicht zu vorsichtig, eine nähere Bekanntschafft mit ein und anderm, den ihr einiger massen kennen gelernt, zu schliessen. Diese Anmerckung hat ihren Grund in der Verfassung der Höfe selbsten. Es ist kein Hof so ordentlich und gut, an dem nicht ein Bösewicht von Rang seyn sollte, und kein Hof ist so schlimm, der nicht wenigstens einen ehrlichen Mann in sich hätte. An allen aber, grossen und kleinen, so viel ich deren noch kennen gelernt, herrschen Factionen und Partheyen. Bey dieser der Sachen Bewandniß ist es ein eben so leicht möglicher Fall, daß sich ein Hof=Teufel euch nähert, um euch zum Mitgenossen seiner Unthaten zu machen, als daß ein ehrlicher unter der Last seines Amts seufzender Mann eine Bekanntschafft mit euch macht, um euch selbst kennen zu lernen, euch vor Personen, vor diesen und jenen Umständen und Gelegenheiten zu warnen und an euch eine Stütze seiner redlichen Absichten einen Gehülfen seiner Bemühungen, oder doch einen Freund zu finden, in dessen Schooß er seinen heimlichen Kummer verbergen und in eurem Rath und Mitleiden sich einige Erleichterung versprechen könte. Hütet euch, gegen einen Menschen von jener Gattung nicht zu offenherzig zu seyn, wann ihr ihn davor erkennt, und verschliesset diesem euer Herz nicht, wann und so bald ihr ihn kennt.

Laßt euch aber das Ansehen nicht blenden, einen Mann vor ehrlich zu halten, ehe ihr seine Handlungen eingesehen; trauet nicht nur den Worten. Ich meine dieses auf eine Art Leute, welche mir zuweilen nicht wenigen Eckel verursacht haben, Leute, die das Verderben der Welt, den Verfall der Sitten, die Verachtung der Religion, die Laster ihres Hofs und die Gebrechen dieses oder jenen insbesondere, benutzt und beklagt, jedoch sich damit getröstet haben: Sie vermöchten es nicht zu ändern, die Welt seye einmal so schlimm, der Hof seye so verdorben, wem nicht zu rathen seye, dem seye auch nicht zu helfen, man müsse es GOtt befehlen, u.s.w. Bis hieher wars gut und wer sie nicht näher kennen gelernt, mußte und ware geneigt, gerne zu glauben, daß dieses rechte Israeliten wären, die den Schaden Josephs beherzigten. Sahe man aber genauer nach, so waren sie nicht eines Hellers mehr werth, als die andern, welche sie so freymüthig verdammten. Was ist zu thun, sagen sie, ich bin einmal an dem Hof, in dem Collegio, in dem Amt, der Herr verlangt dieses und jenes von mir, ich sehe wohl, es ist nicht ganz recht, ich wünschte, es unterbliebe, indessen, was will ich machen? ich bin ein Diener, ich habe es dem Herrn nicht gerathen; es sind freylich Gründe davor und dagegen, es ist eben schwer, mit ganz unbeflecktem Gewissen durch die Welt zu kommen, GOtt vergebe mirs, meine Absicht war nicht daß dabey, ich hätte nicht gedacht, daß jemand darunter Tort geschähe, ich habe selbst nicht genugsame Information gehabt, mein GOtt! man wird manchmal übertäubt und beschwätzt u.d. ferner: Ich bin einmahl an dem Hof, ich muß mich nach dem Herrn richten, dann der Herr richtet sich nicht nach mir, ich hätte freylich eben nicht nöthig gehabt, an diesem und jenem mit Theil zu nehmen, man wird hineingezogen, eine Gelegenheit gibt die andere, es ist was unschuldiges und der Herr hats doch gerne, ich will ein andersmahl mich davon= oder doch nicht mitmachen, ich wills dem Herrn vorstellen etc. bin ich ein Sonderling, so dürffte ich gar nicht bey Hof seyn, andere meynens doch auch redlich und ich sehe eben dieses von ihnen, ja noch mehr etc. Du übertünchte Wand! Du Heuchler! Was sagt dein Gewissen? dieses führt eine ganz andere Sprache. Sagt es dir nicht: Ich handle offenbar gegen meine Überzeugung, um aber bey dem Fürsten mich in Gnaden zu setzen, willige ich vorsetzlich darein, ja ich habe selbst den Anschlag gegeben, da sonst keiner so leicht darauf gefallen wäre; ich habe die Folgen davon wohl voraus sehen können und auch würcklich voraus gesehen, meine Eigenliebe, mein Hochmuth, meine Unbarmherzigkeit aber haben mich verblendet, ich bin von dem alten redlichen Paro gewarnt worden, ich habe ihm aber nicht gefolgt, ich habe vorher gewußt, die übrige Räthe werden mir widerstehen, deswegen habe ich dem Herrn den Vorschlag allein gethan, ich habe ihn so gar betrüglich beschwätzt, mit seinem andern Dienern von der Sache, als von seinem eigenen Einfall, zu reden, ich habe ihn selbst gegen alle billige Einwendungen zum voraus verhärtet und ihm die Worte in den Mund gelegt, wie er die, so sich widersetzen wollten, mit seiner Gewalt niederschlagen und schüchtern machen sollte. Ich bin mir selbst bewußt, daß ich ein Heuchler, ein Lügner und Betrüger bin. Ich hätte nicht nöthig, so offt nach Hof zu gehen und bey diesen und jenen Gelegenheiten mich einzufinden, ich thue es aber gerne, ich habe ein wahres Vergnügen nicht nur an den Eitelkeiten überhaupt, sondern, wann es recht toll hergeht, ja ich gebe selbsten Anlaß zu vielen Ausschweiffungen etc. Ich trage zwar den Nahmen eines christlichen und ehrlichen Manns, ich kan aber an GOtt nicht anders, als an einen zornigen Richter, gedencken, und ich weiß, daß ein Ende mit Schrecken auf mich wartet. So sieht es, mein Vetter, von aussen und von innen bey dergleichen Leuten aus.

Ihr werdet aber auch zuweilen Personen antreffen, die in einer andern Gestalt als die vorigen erscheinen und sich mit einer grossen Zuversicht und fast bey allen Gelegenheiten den Nahmen eines ehrlichen Mannes beylegen. Man hört von ihnen fast immer über das zehende oder zwanzigste Wort die Redens=Art: Ja, ich bin ein ehrlicher Mann, darum kan ichs nicht allen recht machen; ich wollte so gut, als andere, beym Fürsten stehen, wann ich nicht so ein ehrlicher Mann wäre; ich bin zu ehrlich, das ist mein Fehler, darum komme ich nirgends fort; ich habe wenigstens als ein ehrlicher Mann gehandelt etc. man weiß wohl, wie es ehrlichen Leuten in der Welt geht, ich kan nicht überall durchdringen, weil ich zu frey und zu ehrlich bin und was dergleichen Blümgen mehr sind. Es sind zweyerley Arten Leute, die solche Reden von sich hören lassen. Die von der ersten Gattung sind theil offenbare, theils heimliche Betrüger, die von der zweyten Sorte sind würcklich ehrliche Leute, treue und rechtschaffene Diener eines Herrn, aber wie die Putz=Schräncke, die nur mit Glas=Thüren verwahrt sind. Ihre Brust ist offen und unbedeckt; ihr Hertz hat Fenster und ihre Zunge spricht, wie und so bald das Hertz denckt. Ein schöner Character! nur Schade, daß er vor unsere Höfe zu schön ist. Ich kann euch den Unterschied zwischen beeden nicht deutlicher zeigen, als wann ich euch zwey Ministers schildere, mit denen ich unter einem Herrn gedient und mit beyden einen genauen Umgang gepflogen habe.

Appius (so soll der eine heissen) truge die Maske eines ehrlichen Manns, er hatte was einvernehmendes und reitzendes und wuste beym ersten Empfang jeden zu gewinnen und ihm einen vortheilhafften Begriff von seiner Redlichkeit beyzubringen. Sprache man mit ihm von dem Zustand des Hofs, so zuckte er mit einer zweydeutigen Mine die Achseln und sagte: Ich thue das meinige als ein ehrlicher Mann, was ich nicht ändern kann, muß ich GOTT und der Zeit überlassen. Er hörte sich nicht nur gerne loben, sondern er lobte sich auch selbst mit der anständigsten Art von der Welt: Ich habe, sprache er, die hiesige Umstände nehmen müssen, wie sie waren, doch hoffe ich, wird man den Unterschied zwischen den vorigen und jetzigen Zeiten zimlich spühren; es kommt bey einem Herrn alles darauf an, daß er ehrliche Leute zu Räthen hat. Hätte man mir zu == gefolget, die Sachen würden anders gegangen seyn, als sie würcklich stehen. Mein Herr hat das beste Gemüth, das man finden kan, allein, wie es an Höfen geht, ein ehrlicher Mann kan nicht allemal durchdringen u.s.w. Er liebte dabey das Geld und Geldeswerth, wuste es aber so zu verbergen, daß man sich glücklich schätzen muste, wann er die Geschencke und sonstige Dienste anzunehmen würdigte. Er gienge zuweilen so weit, daß er Präsente, so ihm angeboten waren, annahme, damit zum Fürsten gienge und nicht eher ruhte, bis derjenige, so ihn angeblich bestechen wollte, mit einem harten Verweiß angesehen und das Geschenck den Armen zugetheilt wurde. Er begegnete jedermann ohne Unterschied höflich und thate allemal etwas mehr, als er zu thun nach seinem Stand schuldig ware. Wollte man es ablehnen, so ware die schmeichelhaffte Antwort: Ich sehe den Herrn vor einen ehrlichen Mann an, und mehr bin ich auch nicht, was braucht es hier vieler Complimenten. Er ware ferner Meister von seinem Gesicht und die empfindlichste Beleidigung verstellte seine Mine nicht. Er eiferte vor das Interesse seines Herrn, so daß er sich selbst aufzuopfern schiene. Er hätte gemächlichere Tage haben können, wenn er auf seinen Gütern geblieben wäre; der ehrlichen Leute sind aber so wenig, daß man ihm keine Ruhe gelassen, bey seinem Herrn in Dienste zu gehen; er hatte sich so gar erboten, die angetragene Stelle anzunehmen, aber unentgeltlich zu dienen, weil die gröste Belohnung eines ehrlichen Mannes darinn bestünde, wann er eine reiche Frucht seiner Bemühungen vor das Beste des Herrn und des Landes vor sich sieht. Er hätte auch weit wichtigere Bedienungen haben können, deren er keine angenommen; fragte man: warum? so war die erste Antwort: Aus Liebe vor meinen Herrn. Er veranstaltete ferner allerhand löbliche Ordnungen: er suchte alle Mittel hervor, seinen Herrn groß und respectabel zu machen; er machte, daß den Unterthanen einige neue Auflagen, die er schreyende Ungerechtigkeiten nannte, erlassen wurden, und doch, welches zu verwundern, schaffte er mehr Geld, daß der Hofstaat vergrössert, die Livreen glänzender und die Besoldungen erhöhet werden konnten. Er hielte öfftere Gesellschaften und der Herr des Landes beehrte dieselbe vilmals mit seiner Gegenwart. Appius wuste, daß der Fürst so dann am aufgeräumtesten ware und bediente sich dahero dieser Gelegenheit, über verschiedenes mit ihm zu sprechen, welches ihm bey einem trockenen Vortrag unangenehm zu hören gewesen wäre. Der Fürst schätzte ihn so hoch als seine Crone und die Unterthanen schienen um nichts mehr als um seine Erhaltung und langes Leben besorgt zu seyn. Appius ware das Bild eines ehrlichen Manns bey Hofe. Ja wohl das Bild, der Schatten, aber nicht das Wesen, nicht der Körper selbst, eine Copie, aber lange nicht das Original; ein Mann, dem perspectivischen Gemählde ähnlich, welches, nach der Verschiedenheit seiner Stellung, bald ein schönes Frauenzimmer, bald einen graubärtigen Mann vorstellt. Das Gepräge war gut, aber Schrot und Korn ware falsch. Appius ware ein ganz anderer Mann, als es schiene. Sein einnehmendes leutseeliges Wesen waren blosse Gaben der Natur, an denen seine Seele so wenig Antheil hatte, als ein heßliches Gesicht an einen schönen Larve, so dasselbe bedecket. Er ware sanguinischen Temperaments, wohlgebildet und die Lufft des Hofes hatte seine Mine so verhärtet, wie es die Eigenschaften eines Betrügers erforderten. Er hatte eine falsche, krumme und lasterhaffte Seele. Derjenige, den er als einen Bruder zu lieben schien, ware keine Stunde vor seinem Fall sicher, so bald es Appius Interesse erforderte, und wann er anfienge zu hassen, so haßte er unversöhnlich. Er machte sich Freunde und behielte sie, so lange er ihrer Hülfe und Diensts benöthigt ware; die geringste Eyfersucht aber, sie möchten seine Schwäche zu sehr einsehen, ihm über den Kopf wachsen, oder sich doch unentbehrlich machen wollen, ware ihm hinreichend genug, sich von ihnen los zu machen, sie unter der Hand bey dem Fürsten zu verkleinern, und wo es nur möglich ware, gar zu stürzen. Er nahme selten Geschencke, doch behielte er gerne was zum Angedencken und er schämte sich nicht zu borgen, ohne wieder zu bezahlen. Er hatte schöne Güter, sie waren aber so verschuldet, daß die Gläubiger die mehreste Einkünffte an sich zogen, folglich ware er genöthiget, zu dienen. Die wichtigere Bedienungen hat er deßwegen abgeschlagen, weil er an andern Orten mehrere neben sich hätte leyden und Gewalt und Ansehen mit ihnen theilen, auch gewärtig seyn müssen, daß seine Schwäche sich allda eher, als an einem mittelmäßigen Hof verrathen hätte. Er machte gern seinen Herrn groß, nur damit er selbst zugleich desto grösser würde. Die Ordnungen, so er veranstaltete, hatten allemal einen ihm daraus mit erwachsenden privat Vortheil zum Grund. Die Auflagen, so er abschaffte, kamen unter einem andern angenehmern Nahmen gedoppelt wieder zum Vorschein, mithin ware es auch leicht, den Staat zu vergrössern, um so mehr, als er dazu die jährliche Einkünffte anwandte, welche zu Abtragung eines theils der Schulden des Hauses gewidmet waren, weil er seinem Herrn glaubend zu machen suchte, es wäre eben so Fürstlich, Schulden, die ein Herr nur geerbt hätte, unbezahlt zu lassen, als sein Fürst es bishero christlich zu seyn erachtet hatte, lieber einen Theil seines Staats einzuziehen, um von dem Überschuß eine Menge Familien zu befridigen, die unter täglichen Thränen um den mit Schweiß und Blut verdienten Lohn ihrer längst im Elend verstorbenen Ehemänner und Eltern seufzten. Weil er ein falsches Hertz hatte, so bediente er sich auch krummer Wege und suchte bey geheimen Unterredungen den Fürsten zu übertäuben und zu solchen Sachen zu überreden, von denen er vorher wuste, daß sie den offenbaren Widerspruch der Räthe, wann sie collegialisch behandelt werden sollten, finden würden. Sein Herr war von ihm verblendet und das Volck wünschte ihm ein langes Leben, aus Furcht, es möchte einer nach ihm kommen, welcher sie noch ärger drückte.

Cato hingegen, so will ich den andern nennen, ware ein ächtes Original eines ehrlichen Manns. Er liebte seinen Herrn aus treuem und redlichen Hertzen, und hat dieses in solchen Gelegenheiten bewiesen, welche vor den Prüfestein der Treue gehalten werden konnten. Er sorgte unermüdet vor die Wohlfahrth des Landes und man konnte wohl sagen, daß er die Unterthanen recht auf seinem Hertzen trug. Die Fürstliche Familie ware vor seinen Augen groß geworden und ehrte ihn wie einen Vater. Er hatte ein ehrwürdig graues Haupt, welches von keinem Trug, Untreue und Falschheit jemahls befleckt wäre. Er hatte eine gesunde Staats=Klugheit und ob er wohl wuste, was zu einem Betrüger gehörte, so übte er doch diese Künste niemals aus. Der Fürst hatte ein wahres und gäntzliches Vertrauen zu seiner Treue und Geschicklichkeit, allein er fürchtete ihn mehr, als er ihn liebte. Der Cato meiner Zeit ware eben das, was der Cato des alten Roms ware, ein ernsthaffter und in seinen Sitten und Wandel strenger Mann, der allezeit so redete, wie er gedacht, und andere nach dem genauen Maaß beurtheilte und behandelte, als er bey sich selbsten zu thun gewohnt ware. Er hatte eine wahre Gottesfurcht und thate alles aus ungeheucheltem Hertzen, bey aller seiner Kenntniß der göttlichen Wahrheiten aber mochte er doch niemalen den Spruch des Salomo gelesen haben: Wer ein treu Hertz und eine liebliche Rede hat, des Freund ist der König. Er eiferte über Unordnungen eben so sehr mit dem Fürsten, als mit einem Bedienten; es ware ihm unmöglich, Zeit und Stunde abzupassen, wann etwa das Gemüth seines Herrn fähig seyn möchte, eine Vorstellung anzunehmen, der erste Augenblick war ihm der beste und wie er von der Redlichkeit seiner Absichten bey sich überzeugt ware, so bekümmerte er sich auch am wenigsten um die Art des Vortrags, in welchen er eine trockne Wahrheit einkleiden wollte. Denen ware er ein Schreckens=Mann, welche er auf Lügen oder Betrug antraff und vor Fehler des Willens ware bey ihm keine Vergebung zu finden. Da nun diese an den Höfen am häufigsten angetroffen werden, so konnte es ihm auch an Feinden nicht fehlen, die das Gemüth des Herrn gegen ihn einzunehmen und bitter zu machen suchten; es gelung ihnen; so bald Cato sahe, daß man seinem Rath nicht mehr folgte, verliesse er willig einen Hof, der durch seinen Dienst von der Spitze des Verderbens errettet worden, in der Hoffnung, er würde noch erleben, daß selbst diejenige, so an seiner Entfernung schuld gewesen, den undanckbaren Wechsel bereuen würden.

Ich überlasse euch selbst, diesen gedoppelten Character und die aus demselben fliesende Klugheits=Regeln weiters zu überlegen, und gedencke hiebey noch insbesondere einer dreyfachen Gattung anderer Leute, deren Umgang ihr so wenig gantz vermeiden könnt, als ihr euch mit äusserster Vorsicht gegen dieselbe zu betragen habt; ich meine die Hof=Prediger, die Leib=Medicos und die Cammer=Leute.

Ich habe keine besondere Nachricht von dem Hof=Prediger eures künftigen Herrn. Ist er ein redlicher und wahrer Theologus, so rathe ich euch: Ehret und liebet ihn, suchet seine Bekanntschafft und Umgang, bedienet euch seines Raths in denen Fällen, worinn ihr ihn im Stand zu seyn glaubet, euch rathen zu können; verlasset euch aber deßwegen nicht auf sein alleiniges Gutbefinden, sondern gehet in euren geheimen Anligen zu erst und am meisten mit GOtt zu Rath; so dann enthaltet euch vor immerhin von einer Vertraulichkeit mit einem Geistlichen in Sachen, die die Regierung eures Herrn überhaupt und insbesondere euer ordinaire Amts=Verrichtungen betreffen, in so weit solche ihren gewohnten Gang gehen, folglich gebt keinen Zeitungs=Träger von dem ab, was bey Hof oder in den Collegiis vorgeht, wann ihr euch nicht vielen Verdrieslichkeiten Preiß geben wollt, es wäre dann, daß ihr unverwerffliche Proben von seiner Treue, Klugheit und Verschwiegenheit hättet, und euch GOtt in ihm einen Freund bescherte, dessen Klugheit, Rath, Mitleiden und Sorgfalt ihr euch anvertrauen könnet. Vor blossen Bauch=Pfaffen hütet euch, so lange und so viel es möglich ist: meidet ihre Bekanntschafft, redet von ihnen weder gutes noch böses, überlaßt sie GOTT und ihrer dereinstigen Verantwortung, degegnet ihnen übrigens mit der ihrem Stand gehörigen Achtung und beweiset ihnen gelegenheitlich alle diejenige Pflichten des Bandes der menschlichen Gesellschafft, die ihr auch dem Esel eures Nächsten, der in Brunnen gefallen, erweisen würdet. Die unangenehme Begebenheiten, die ich mit diesem Geschlecht während meines Consistorial=Präsidii erdulten müssen, deren einige der vornehmsten euch bekannt seynd, können euch Warnung genug seyn, wann ihr anderst nicht lieber erst durch eigenen Schaden klug werden wollet.

Galenus sagt schon: Fuge Medicum, quam diu potes; laßt euch diese bündige Regel in dem Verstande gesagt seyn, daß ihr euch mit diesen Herrn ausser dem Bezirk ihrer Profession, unverworren laßt. Wann sie sonst Verstand und Bosheit genug dazu besitzen, so schicken sie sich vor vielen andern zu Ohren=Bläsern. Mein erster Herr, der seelige Fürst A** hatte einen solchen Cabinets=Kriecher, der manchem ehrlichen wackern Mann Ungelegenheit gemacht hat. Indeme er diesen alten Herrn wöchentlich einigemal medice behandelte, gebrauchte er sich dieser Gelegenheit, seinen Kram auszuleeren. Der alte Fürst, so ohnehin nur noch durch die Kunst der Aertzte lebte, glaubte ihm aus Höflichkeit mehr, als er sollte und dadurch hielte dieser Leib=Artzt die Hofleute so in der Furcht, daß sie ihn, wie die Indianer den Teufel, ne noceat, mit Ehrenbezeugungen und Geschencken überhäufften, um nur vor seiner bösen Zunge gesichert zu seyn.

Der Pöbel bey Hof ist weit gefährlicher und unverträglicher, als der Pöbel des gemeinen Volcks, daher ihr euch auch mit demselben noch viel weniger gemein zu machen, am allerwenigsten aber solchen gegen euch zu reitzen habt.

Von dem Frauenzimmer noch einiges zu sagen, so will ich euch den Umgang mit denselben nicht abrathen, aber auch nicht sehr dazu anrathen. Es kommt darauf an, was vor Bekanntschafften ihr jeden Orts antrefft. Ueberhaupt laßt euch zur Regel dienen: daß ihr den Umgang des Frauenzimmers niemalen der Bekanntschafft und Freundschafft von Personen unsers Geschlechts vorzieht oder auch nur gleich schätzet, woferne euch anders eure Gemüths=Ruhe lieb ist. Es ist was angenehmes, eine tugendhaffte und verständige Freundin zu haben, es dient uns zu einer Ermunterung und Auffrischung des Gemüths, und wir sind gröstentheils so schwach, daß die Lehren und Erinnerungen aus dem Munde eines Frauenzimmers bey uns mehreren Eingang finden, als wann sie von dem grösten Weltweisen herrührten. Wie verfänglich und betrüglich ist aber auch das menschliche Herz? wie leicht lassen wir uns den blossen Schein blenden? wie leichtglaubig sind wir? wie wenig Mühe mögen wir uns nehmen hierinn vorsichtig und nach Grunde zu gehen? wie viele haben endlich darüber sich in solche Stricke verwickeln lassen, von denen sie sich nicht mehr los zu machen im Stande waren, und am Ende Tugend, Glauben und Gewissen selbst verlohren haben?

Was euer übriges Betragen in der äusserlichen Aufführung, in Kleidung, in Besuchung der Gesellschaftften, in Theilnehmung an denen Feyerlichkeiten des Hofs und was dahin einschlägt, anbetrifft, so weiß ich euch kein schöners Exempel, als das Beyspiel Daniels, vorzuhalten. Er war an einem Königlichen Hof, an dem Pracht und Wollust auf ihren höchsten Grad gestiegen waren, der Purpur, den er tragen mußte, entfernte sein Hertz nicht von der Demuth, womit er täglich vor dem Herrn, seinem GOtt, anbetete; er verunreinigte sich nicht mit einer Speise, welche den Gesetzen seiner Religion nach ihm verboten waren, nichts destoweniger bliebe er der Mann von hohem Geist, daß auch seine Feinde selbst an seiner Weisheitund Treue nichts auszusetzen wusten, ob sie gleich wegen seines Gebets und Anhangens an GOtt ihm den Hals zu brechen suchten. Lasset uns, mein Vetter, dieses auf eine noch höhere und Evangelische Weise nehmen. Unser Christenthum beruhet nicht in dem äuserlichen, sondern in der Lauterkeit des Hertzens und auf dem Grund der Wahrheit; gleichwohl muß es sich auch in dem äuserlichen zeigen, ob einer von dem Geist Christi regieret oder von dem Schwindelgeist der Welt beherrschet wird. Leute, welche die Religion nur im Munde führen und mit den Heiligen heilig, bey Bösen aber böse sind, haben darinn eine Moral, welche sehr vieles erlaubet, so der Sitten=Lehre Christi ganz entgegen ist. Habt die Allgegenwart GOttes mit einem beständig tiefen Eindruck vor euren Augen, entziehet euch nicht des Geistes Gottes, sondern gewöhnet euch an seine Stimme, sie wird euch unter keinem Umstand in Ungewißheit lassen, williget in keine Sünde, sie mag so scheinbar seyn als sie will, traget euer Hertz in euren Händen und lasset euch den Spruch des Heil. Augustum: Ama Christum & fac quod vis, durch den heiligen Geist selbsten erklären.

In allen euren Handlungen gehet überhaupt, so viel möglich, nach gewissen und festen Principiis. Es ist ein Fehler, den man ganzen Höfen und zwar mit Recht Schuld gegeben, daß ihr Staats=System auf gar keinen, oder, eigentlicher zu reden, auf ungewissen Princippiis beruhe, dahero so viele und wichtige Staats=Fehler entsprungen, welche in Ansehung des davon abhängigen Credits in der grossen Welt und des eigenen Interesse von unaussprechlich=schädlichen Folgen gewesen sind. Eben so häuffig trifft man diesen Mangel bey Collegiis, noch mehr aber bey einzeln Hof= und Staats=Bedienten an, die zum Dienst des gemeinen Wesens etwas beytragen sollen, welche offt nach willkührlichen Grund=Sätzen und heute so, morgen anders, handeln, die ihr ganzes Leben und Handlungen auf gerathe wohl vollbringen, die einer seits wie ein wanckendes Rohr sind, welche der geringste Zweifel oder Furcht zu Boden werfen kan, und die hingegen anderer seits, auf eine scheinbare, obwohl unbegründete Hoffnung eines Nutzens vor sich, oder ihren Herrn, ohne Überlegung der dabey in Betracht zu ziehenden Umstände, in den gewagtesten Handel sich einlassen und alle ihre Sachen mehr auf ein gewisses Glück oder Schicksal aussetzen, als daß sie solche regelmäßig behandeln sollten. Wann GOtt ein Land strafen will, darf er einem Herrn nur ein paar solcher Waghälse zuschicken, diese können in zehen Jahren mehr verderben, als ihre Nachkommen in einem Jahrhundert wieder gut machen können.

Es gibt aber auch Höfe und Ministeria, bey welchen man kein gewissen System haben kan oder will. Jenes kan in sehr unruhigen und critischen Zeiten geschehen, da man einen jeden Schritt, den man zu thun vorhat, besonders überlegen und abmessen und sich in die Zeit schicken muß; dieses aber ist ein Grundsatz solcher Höfe, welche den Mantel nach dem Wind hängen und so dencken und handeln, wie es jedesmals ihr Interesse zu erfordern scheinet, ohne eben alle mögliche Folgen davon in Erwegung zu ziehen, als worinn man es auf die Macht und das Übergewicht ankommen, oder die Nachkommen davor sorgen läßt. Nicht selten ist es auch eine Maxime böser Ministers, um hiedurch das Hefft der Affairen desto sicherer in Händen zu behalten, weil so dann ausser ihnen niemand sich der Direction der Sachen mit Sicherheit unterziehen kan.

Diese Umstände sind euch jedoch nicht die nächste, so wie an sich diese Handelsweise nicht die rühmlichste ist, deswegen ich meine obige Erinnerung wiederhole. Ihr werdet finden, daß ein Mann, der nicht nur par fantaisie, sondern par principe zu handeln sucht, sich seinen Weg ungemein erleichtert und unendliche Vortheile vor denen, welche keine gewisse Schritte thun, auch in Ansehung seiner eigenen Gemüths=Ruhe zum voraus hat.

Der K. David druckt sich hierüber mit wenigen, aber gewichtigen Worten aus, da er sagt: Es ist ein köstlich Ding, daß das Herz fest werde; zugleich gibt er aber auch das höchste und bewährteste Mittel an, zu einem solchen Grund=Wesen des Gemüths zu gelangen, wann er gleich beyfügt: Und das geschiehet durch Gnade. Der Geist der Weisheit, die von oben ist, kan uns erst die edelste Gedenckens=Art beybringen, die Angelegenheiten unsers Beruffs zuverlläßig und würdiglich zu verrichten.

Da ihr neben eurer Hof=Bedienung auch den Zutritt in der Regierung bekommen sollet, so will ich euch auch hierüber nur noch folgendes wenige anrathen. GOtt hat euch ein erbarmendes und weiches Herz gegeben, lasset solches niemahls hart werden. Eben so wenig aber lasset euch durch irgend einen Umstand furchtsam und schüchtern machen.

Haltet überhaupt in allem, was hieher einschlägt, bey euch selbst weislich die Mittel=Strasse; Dann da ihr (ausser in besondern Umständen, welche aber dermalen noch sehr entfernt sind) den Strohm alleine nicht aufhalten werdet, so widersprecht nicht unzeitig besonders in Fällen, die unabänderlichen, obgleich an sich nicht allzugerechten, Herkommens sind; lasset euch aber auch weder Ehre noch Gunst, noch Interesse des Herrn, noch widrige Gesichter, noch androhende Verantwortung oder sonst was anders auf der ganzen Welt abhalten, in Sachen, die ihr gegen das Recht, Billigkeit, und Gewissen zu seyn mit Grunde glaubet, eure Meynung frey und ungescheut zu entdecken, der Bedrängniß der Armen, besonders einer nothleidenden Tugend, euch erbarmend anzunehmen, und wo ihr auch überstimmt werdet, lieber zu schweigen, oder, nach der Freyheit der Stimmen, die eurige vorzubehalten, als am Ende doch mit einzuwilligen.

Es kommen aber hiebey so viele und verschidene Umstände vor, die man sich unmöglich alle vorher so vorstellen, und darinn gewisse Regeln geben, oder sich bey andern Raths erholen kan, sondern wobey es ganz allein auf einen selbst und die mehr oder weniger tugendhaffte und redliche Gedenckens=Art ankommt.

Man kan auch hierinne von verschiedenen Personen bey einerley Handlung doch nicht auf Einerley Weise urtheilen. Ich habe Leute gekannt, welche aus einer verdammlichen Gefälligkeit stille schwiegen, hingegen habe ich auch wiederum andere gesehen, welche das ehrlichste Gemüth von der Welt hatten und alle Unbilligkeiten, noch viel mehr alles offenbare Widerrecht im Grunde verabscheuten, dannoch aber zu schwach waren, sich dem Befehl eines Ministers, oder dem Schluß eines ganzen Collegii frey zu widersetzen, und was sie im Hertzen glaubten, auch mit dem Munde zu bekennen; aus keiner andern Ursache, als weil sie vorher zu sehen vermeinten, daß ihre Vorstellung nichts fruchten, sondern ihnen nur die Gelegenheit benehmen würde, in einem andern Fall, wo noch ehender Gegenstand zu thun möglich wäre, ein gültiges Wort zu sprechen.

Diese Entschuldigung, welche sich aus dem Grund einer Klugheit herleiten läßt, möchte noch ehender statt finden, als wann es bloß darum geschiehet, die Gnade eines Herrn, die Gewogenheit eines Ministers, die Freundschafft anderer, oder gewisse Vortheile und Hoffnungen zu verlieren, oder wohl gar nur, um ein verdriessliches Wort und ungnädiges Gesicht zu vermeiden.

Aber, lautet die Sprache viler, ist es dann nur um mich zu thun? Habe ich nicht Frau und Kinder? Wann ich über meiner Ehrlichkeit um Dienst und Besoldung komme, wohin? wovon soll ich leben? ja, wann ich auch vor mich noch zu leben hätte, verliehren nicht meine Kinder dadurch die Hoffnung zu ihrer künfftigen Versorgung? So lautet die Sprache des Unglaubens. David sagt: Er habe des Gerechten Saamen noch niemals sehen nach Brod gehen. Gesetzt aber auch, es könnte einer auftretten, der sein Unglück nichts, als der strengsten Tugend seines Vaters, oder seiner selbst, zuzuschreiben wüßte, wie herrlich ist dagegen der Trost der Belohnung in den ewigen Hütten? Freylich muß einer einen GOtt im Himmel, eine Belohnung des Guten und Bösen und ein ewiges Leben glauben, sonst wird nur Tauben gepredigt, wann es darauf ankommt, um einer künfftigen Hoffnung willen ein gegenwärtig=anscheinendes Glück zu verläugnen, wann ja einer nicht das Gute um sein selbst willen liebt und es noch einer Überlegung werth achtet, ob er lieber die ganze Welt nehmen, oder eine wissentliche Untreue gegen GOtt, seinen allerliebreichsten Wohlthäter, begehen wollte.

Bey allem diesen Verlangen aber, zu aller Zeit und unter allen Umständen unsträflich und mit einem reinen Gewissen zu handeln, ereignen sich doch zuweilen Fälle, da das Gewissen, die menschliche Rechte und die wahre oder verlangte Pflichten und Diensteifer vor einen Herrn dergestalt unter sich zusammen stossen, daß man in eine Verlegenheit des Gemüths kommt und wie in einer in völligem Gleichgewicht stehenden Waage ohne Entschluß, ohne Ausschlag und fast in einer Erstorbenheit oder vielmehr unendlichem Gewirre der Gedancken bleibt.

Hier finden Salomonische Aussprüche statt.

Freylich kommt es hiebey auf das enge oder weite Gewissen eines jeden selbsten an. Ich habe Leute gesehen, die in sehr zweifelhafften Umständen mit eben der Geschwindigkeit, als bey ganz klaren Fällen, ihren Entschluß gefaßt und manchmal einen solchen Entscheidungs= Grund gehabt haben, der bey mir just die gröste Schwürigkeit verursacht hat. Ich habe ferner mit Personen im Rath gesessen, die in Sachen, so Leib und Leben der Unterthanen, oder ein grosses Stück des Wohls oder Wehe des Landes, oder einen ganzen Stadt und Amts betroffen, mit einer mir unbegreifflichen Leichtsinnigkeit in in einer augenscheinlichen Unüberlegung sich ihren vorstimmenden conformirt und hintennach kaum mit halben Worten gewust, worüber sie selbst votirt hatten. Bey beyden lage weder Bosheit noch Eigennutz zum Grund, hingegen ware des ersten Einsicht und Überzeugung anderst als die meinige und bey dem andern ware es ein strafbarer Leichtsinn, welcheswegen er der Verantwortung vor seinem Richter überlassen bleibt. Noch andere (und wie viele sind deren nicht?) handeln auf gerathe wohl zu, die nächste und erste Gedancken sind ihnen die beste, sie verlassen sich entweder darauf, daß sie es nicht alleine zu verantworten hätten, oder ihre ganze Gedenckens=Art gleich der Handel=Weise derer, welche in einen Glücks=Topf greiffen und sich insgesamt versprechen, daß sie lauter Treffer bekommen, wann sich gleich bey der Untersuchung befindet, daß andere sie und sie sich selbsten betrogen haben; derer schreyenden Ungerechtigkeiten, welche mit Wissen und Vorbedacht begangen werden, nicht einmahl zu gedencken; wie auch nicht derer Mücken=Sauger und Cameel= Verschlucker, die über Kleinigkeiten sich den Kopf zerbrechen und andere unendlich ermüden können, hingegen zu allen soliden Arbeiten gänzlich unfähig sind. Diese Art Leute wird ihres Lebens nicht froh und verdient mehr Mitleiden, als Unwillen, wann ja ihr Schicksal sie zu Rathgebern eines Herrn bestimmet hat.

Wer nun aber nicht von einem dieses Characters ist, sondern gewisse Schritte thun will, wie offt muß der nicht bey dem lautersten Willen die Schwäche seiner Menschlichkeit fühlen? und wie vollkommen treffen da die Lehren ein: Verlasset euch nicht auf euren Verstand; haltet euch nicht selbst vor klug. Bei dergleichen schwürigen und in unauflöslich scheinende Bedencklichkeiten verhüllten Umständen trifft aber auch das verheissungsvolle Wort Christi ein: Sorget nicht, wie oder was ihr reden sollt, denn es soll euch zu der Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt. Gewiß, wer mit einem demüthigen, kindlichen und auf den Beystand Gottes erwegenen Herzen in solchen schweren Augenblicken den Mund des HErrn fragt dem wird er seine Hülfe niemals ertziehen, sondern ihm wahrhafftig Rath, Krafft und Weisheit seyn.

Sollte auch dasjenige, was man solchergestalt in der erlangten und bey sich wahrnehmenden innern Überzeugung mit Parrhesie vorbringt, keinen Beyfall finden, so ist es öffters ein Merckmal, daß GOTT seine Hand von einem Herrn abzieht, ihn mit Blindheit schlägt und unfähig macht, treuen Rath anzunehmen, vielmehr in seinem Verderben, zu dem er sich den Weg gebahnt, vollends überläßt; solchen Falls legitimiert es sich hintennach, welcher Rath der heilsamste gewesen wäre; man muß aber auch erkennen: das hat der Herr gethan. Ist es möglich, habe ich unter manchen mir nähern und entfernten Umständen gedacht, daß ein Herr, ein ganzes Ministerium, so viele kluge Leute, wissentlich und vorhergesehener Dingen diesem oder jenem Unfall entgegen eilen, da man die Exempel anderer vor sich hat, da man an sich selbsten die Proben schon erfahren und dieses Feuer noch in seinen Funcken löschen könnte? Der Herr hats gethan. Eben die Mittel, die man hernach zur Rettung brauchen wollte, vermehrten das Übel, man gosse, statt Wasser Oel ins Feuer, und die Noth wurde zu groß, als daß eine Hülfe statt gefunden hätte. Ich vermochte damals die Ursachen und den Zusammenhang des Ganzen nicht einzusehen, bis mir ein göttliches Licht zuweilen und erst lange hintennach die Augen öffnete, da mir die Wege der göttlichen Regierung auf der Welt allererst klar (so weit nehmlich ein sterbliches Auge davon zu fassen vermag) und anbetungswürdig wurden. Ich sahe einen solchen Reihen Dinge vor mir, in denen sich mein Gesichts=Punct verlohr und der zu tief in das Meer der Ewigkeit hineinreichte, als daß ich sein Ende hätte erreichen können. Ich gienge in mich selbst; woher bey einem Fürsten aller Rath vergebens und die beste Anschläge zu Wasser wurden. Der HErr führte mich ins Heiligthum, mir wars, als sähe ich die Bücher der Menschheit vor mir liegen und in denselben aufgezeichnet: Blut=Schulden, Vergifftungen, Ehebrüche, heimliche Morde und andere Greuel, nebst Millionen Seufzer, so unausgelöscht waren. Ein Engel schiene in diesen ewigen Augenblicken immer neue Striche hinzu zu setzen und ein Strich begriffe wohl tausend Seufzer armer Wittwen und gedruckter Waysen. Es wurde mir noch mehr entdeckt, ich erfuhr alle die Arbeit, welche der Geist des lebendigen Gottes an die Seele meines Fürsten gewendet hatte, ihn zu einem Knecht Gottes zuzubereiten. Ich sahe auf einem besondern Blat die Sünden wider die Majestät verzeichnet, deren eine Menge waren. Noch vil mehreres wurde mir in diesen Stunden der Anbetung entdecket, ich legte meinen Mund in den Staub und ärgerte mich nicht mehr über das Glück der Gottlosen, denn ich sahe ihr Ende.

Nehmet annoch letztlich folgende Erfahrungs=Wahrheit an, welche euch vor einem Fehler verwahren wird, der besonders bey jungen Leuten sehr gemein ist, die ein redliches Gemüth, dabey aber noch wenige Kenntniß der Welt besitzen. Ich meine: verlanget niemalen, wo ihr hinkommt, oder so ein hohes Alter ihr erreichen möchtet, oder unter was vor Umständen ihr euch je befinden werdet, was vollkommenes. Ihr werdet es nie erlangen und je mehr ihr es zu erreichen suchet, desto mehr unüberwindliche Schwürigkeiten werden euch entgegen stehen, und ohne Frucht, euer Leben, euer Amt, euch selbst andere und andere euch beschwerlich und unerträglich machen. GOTT der HErr regiert die Welt selbst in der unendlichen Vermischung des Guten und Bösen, das wir überall antreffen; es ware seinen Absichten nicht entgegen, er kan vilmehr seine Liebe, Gedult und Langmuth so erst recht ausbreiten und in dem uneingeschräncktesten Maas ausüben. Kan er so viele Bösewichter auf seinem Erdboden dulden, die er doch mit einem Blick seiner Macht vertilgen und wie einen Wurm vernichten könnte, warum wollen wir in dem geringen Theil, der uns angewiesen ist, so ungedultig und schwermüthig über die Umstände werden, die um und neben uns vergehen und die wir besser zu seyn wünschten, Ich lasse die Zeugen der Wahrheit in ihrem Werth, welche mit einem auserordentlichen Trieb das Verderben der Welt und die im Schwang gehende Sünden eines Landes und Hofs öffentlich bestrafft und darüber Kopf und Kragen gewagt haben. Der HErr seye ihr Lohn! Wann mir aber sonst in der wenigen Zeit, die mir zu Lesung solcher Art Schrifften übrig geblieben ist, manchsmal Projecte unter die Hände gekommen sind, welche die Verbesserung eines Staats zum Grund hatten, so habe ich bey genauerer Untersuchung fast durchgehends befunden, daß deren Verfassere Leute gewesen sind, die sich in ihrer Studier=Stube selbst den Plan einer vollkommenen Welt formirt, vor ihre Person aber nicht eine auch nur mittelmäßige eigene Erfahrung davon gehabt haben; oder die angegebene Hülffs= und Rettungs=Mittel waren gegen den beklagten Schaden so disproportionirt, daß wir ehender das Ende der Welt, als die Vollziehung eines solchen Plans zu gewarten haben. Die Absicht hiebey mag ja wohl gut, recht gut seyn; ich halte aber davor und bin durch so viele Proben im kleinern überzeugt, daß alle dergleichen Anschläge vergebens sind. Das sind Dinge, die ad reservata divina gehören, er hat den Grund=Riß des Regiments aller Reiche allein in Handen, den er niemahls so weit mittheilt, daß man den Zusammenhang der Dinge in ihren unermeßlichen Umfang durchsehen, viel weniger übersehen kan. Die gröste Heilige aller Zeiten, die vertraute Freunde des HErrn, legen hier mit einem forschenden Stillschweigen die Hand auf den Mund. Es kommt bey uns nicht darauf an: wie man die Welt reformiren, sondern nur: wie man, da dieselbe einmal so ist, wie sie ist, sich unter allen Umständen christlich, weislich und ehrlich betragen solle? Dieses kan man unter verworrenen Umständen eben so wohl, als wann alles seinen gleichen ebenen Gang geht. Ja es wäre nicht gut, wann keine Übungen vorkämen, wodurch die Gottesfurcht und Tugend geprüft, geläutert und bevestiget würde. Wahrlich es ist keine Kunst, so in der Welt zu leben und in einem solchen Beruf zu stehen, wobey man nichts zu leyden hat, da alles, was man thut, wohl gethan ist, da der Fürst nur gnädig, die Collegen mit einem zufriden, die Subalternen gehorsam sind, und alle Leute einen lieb und werth halten. Dieses sind vor ein redliches Herz weit gefährlichere Klippen, zu scheitern, als wo es mehr durch Gedräng und unter, wiewohl (wie ich voraus setze) unverschuldeten Nachreden, ja offenbaren Anfeindungen, geht. Ein Soldat, der ruhige Quartiere genießt und nur zu Lust exercirt, geräth leicht in Trägheit und Weichlichkeit, das ihm dazu, daß er einen Soldaten vorstellen soll, weit schädlicher ist, als ein mühsamer und gefährlicher Feldzug, der die Natur härtet und unverzagt macht.

GOtt lencket die Herzen der Menschen, wie die Wasser=Bäche. Wann ein Bach seinen ganz geraden Lauf behielte, würde es zwar ein prächtiger Ansehen geben, es würde aber auch nur diejenige Gegend allein von ihm befeuchtet, durch welche er hindurch streicht, da hingegen bey seinem krummen und ungleichen Gang noch viele hundert mehrere Plätze erfrischet und fruchtbar gemacht werden. Ist es nicht eben also mit unserm Lauf durch die Welt. Wann alles in gleichem gienge, wann wir uns einen solchen geradgesinnten Fürsten vorstellten, so würden zwar die, so zu nächst um ihn sind, beständig blühen und gedeyhen, wie eine Wiese, welche ein durchlauffender Bach bewässert; so aber, daß ich mich des Gleichnisses fortbediene, reißt der Bach manchmal aus seinen Ufern und überstreicht Gegenden, welche von seiner geraden Lage sehr entfernt sind, gleichwohl zu ihrem augenscheinlichen Nutzen und mehreren Befruchtung. Dort sitzt einer, der in seiner Ruhe stoltz und durch Sicherheit unfruchtbar wird, was geschieht? es erheben sich Leyden, der Fürst und die Seinigen machen sich an ihn, er wird zur Verantwortung gezogen, er wird verfolgt, es geschieht ihm hie und da empfindlich wehe; er erwacht dadurch wieder aus seinem Schlaf, er sieht, wie weit er von GOtt zurückgekommen und auf eigene Wege gerathen ist, er sucht ihn wieder, GOTT zieht ihn selbst und läßt sich finden; das Ungewitter geht wieder vorüber; der Mann ist wieder, wie er vorher war, ja die Anfechtungen und Leyden haben ihn stärcker, gesund am Glauben und vor künfftige Versuchungen unbeweglicher gemacht.

Haltet euch demnach als ein Mann lasset euch nicht durch die Beschwerlichkeiten dieses Lebens, durch die Noth, so noch die Erde drückt, durch die Last eures Amts überwinden und zu Boden bringen, sondern überwindet solche selbst durch Gedult und Gelassenheit, welches die sicherste Waffen gegen die trotzige und verzagte Art unsers Hertzens sind. Ich gedencke mit Beschämung daran, wie unartig ich mich in den Jahren meiner ersten Dienste in Absicht auf diese Anmerckungen betragen habe. Ich ware einem Miltzsüchtigen gleich, den eine jede Fliege an der Wand irren kan, bald hatte ich an dem Herrn, bald an dem Hof, bald an dem Ministerio, bald an der Art der Regierung und so noch in hundert Sachen was auszusetzen und machte mir dadurch mein Leben schwer, mich aber andern verhaßt. Die Sachen blieben, wie sie waren; ich kame noch mehrers unter die Welt, ich erlangte mehrere Erfahrung, ich lernte meinen Hals beugen und das Joch der Anfechtungen, ich erkannte ferner, daß GOtt keine grosse Thaten, sondern nur Treue und Willigkeit in demjenigen von mir forderte, was mir in meinem Theil anvertrauet ware, ich lernte endliche die Wege der Vorsicht mit Gedult gehen und fande dabey mehr Ruhe und innerlichen Frieden, als bey allem meinem gutgemeinten Eigensinn, von welchem ich, so gut auch meine Absichten gewesen seyn, dannoch keine Frucht in der Ewigkeit versprechen darf. Wollte GOtt! daß ich allein diesen Fehler begangen hätte und mit meinem einigen Exempel vermögend wäre, andere witzig zu machen. Allein fast unzählige Erfahrungen überzeugen mich, daß diese unrichtige Gedenckungs=Art noch allgemeiner seye. Mein würdiger und verdienstvoller nun aber ewig vollendeter Freund H.** ware einer von denen, die bey einem vollkommen redlichen Zerzen gleichwohl die unmöglichste, ich will nicht sagen unbilligste, Anforderungen machen können; die Trauben von den Dornen und Feigen von den Disteln lesen wollen. Die Vortrefflichkeit seines Herzens hätte ihn aller Welt ehrwürdig machen sollen, er hatte aber das Unglück, daß selbst diejenige, die ihn wahrhafftig ehrten, gleichwohlen seinen Umgang sorgfältig zu vermeiden suchten, weil Anfang und Ende seiner Rede nur Klagen, obwohl gerechte Klagen, waren. GOtt thate ihm auf seinem Sterbe=Bette annoch die Gnade, ihn über seine allzuvile Sorgfalt zu beschämen, und zur Belohnung seiner Treue, mit einem gantz auserordentlichen Zufluß göttlicher Tröstungen zu erquicken. Ich kame wenige Tage vor seinem Hingang einst der morgens zu ihm, sein Blick schiene mir gleich was besonders anzuzeigen, das in seiner Seele vorgegangen seyn müßte, er ergriffe meine Hand und zoge sie an sich: Freund, sprache er, wie schäme ich mich, ich, ach ich Wurm, ich wollte GOtt lernen, wie er die Welt regiren sollte, wie würde ich vor ihm bestehen und vor seinen Flammen=Augen erscheinen können, wann ich nicht auf Barmherzigkeit hoffen dürffte. Ja, mein Heyland, der du auch vor meine unerkannte Sünden genug gethan hast, dein Blut und Wasser besprenge mein Herz, daß ich ohnbeschämt vor dem Vater erscheinen kann, trete mir als mein Mittler und Hoherpriester zur Seiten gegen alle Beschuldigungen des Verklägers der Brüder. Laß mich fühlen, daß du gnädig bist, ja, HErr, ich glaube, dein zerschlagener Rücken ware das Opfer vor meinen ungebrochenen Sinn, deine gedultige Lammesart ist mir verdienstlich vor meine Empfindlichkeit, deine Liebe zu Sündern und Zöllnern ist die Genugthuung vor meine grausame Partheylichkeit, dein allgemeines Herz mache noch auch mir alle Menschen lieb, dein redendes Blut werde das Siegel auch meiner Gnaden=Wahl. In diesem Gespräch mit seinem Erlöser ward sein Geist so erhaben, daß man den Eindruck, den seine Seele von diesem anhaltenden Glaubens=Kampf bekame, auch an seiner Bildung wahrnehmen konnte. Die gebrochene Augen klärten sich allmälig auf, die Züge, an welchen Scham und Beugung zu lesen ware, bezeichneten eine sanffte und entzückende Freude, er schlosse endlich seine Augen, um sich diesen himmlischen Empfindungen ganz zu überlassen. Nach einer geraumen Stille riefe er aus: Ich werde Brünnlein trincken, Brünlein des Trostes und einer ewigen Erquickung. In diesem Glauben gieng er hin, an dem Strohm des Lebens zu trincken ohne Aufjören. Das Angedencken seiner grossen Gaben, Verdienste und Redlichkeit würde in aller Herzen unauslöschlich gewesen seyn, wann er seinen Eifer durch Menschenliebe und Gedult mehrers geheiligt hätte.

Ich hätte euch, meiner Neigung nach, noch mancherley zu sagen; ich fühle aber die Abnahm meiner Leibes=Kräffte so starck, daß, wann auch der Geist sich in die Höhe schwingen will, meine baufällige Hütte ihn gleich wieder nieder zieht und mich unfähig macht, den Rest einer Heiterkeit des Gemüths, so wie ich wollte, zu gebrauchen. Der Geist der Weißheit wolle und wird euch überschwenglich mehr lehren, als ich euch ohnehin niemahlen hätte sagen können. Ich umarme euch mit väterlicher Liebe und meine Seele seegnet euch. Werdet ein treuer und unverzagter Knecht des HErrn und lasset euch nicht verführen weder zur Rechten noch zur Lincken, sondern bleibt auf dem einigen und richtigen Weg der Wahrheit, auf welchen JEsus euer Licht und Krafft seyn wird ewiglich. Ich werde euch wieder sehen in den himmlischen Wohnungen, auf welche sich unaussprechlich freuet das Herz

Eures
aufrichtig treuen
Vetters
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