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Barthold Hinrich Brockes, DER PATRIOT.



Der fiktive Erzähler rühmt in dieser Ausgabe des Patriot die Vorzüge des Landlebens. Über "Gärten", d.h. kleine ländliche Besitzungen außerhalb der Stadt, verfügten damals viele wohlhabende Hamburger.
Wichtig ist an der Beschreibung des Lebens auf dem Garten die Betonung des Einfachen, Ungezwungenen und Bequemen in Aufwand und Umgang. Die Bewillkommnung ist kurz, d.h. man macht keine Umstände, verzichtet auf Zeremonien. Der Besitzer pfelgt eigenhändig seine Blumen, trinkt Tee von eigenen deutschen Kräutern, Garten und Haus sind nicht aufwendig, sondern nur zum zweckmäßigen, bequemen Gebrauch eingerichtet. Kleinstädtische Kostbarkeiten und unnatürliche Künsteleien werden vermieden; man findet keine Statuen, was dem höfischen Geschmack entsprochen hätte. Die Bewirtung ist, mit den Produkten des eigenen Gartens bestritten, bescheiden. Unruhe und Aufwand des Stadtlebens oder gar eines Lebens bei Hofe sind hier durch Behaglichkeit und Zufriedenheit in ländlicher Abgeschiedenheit ersetzt.
Es kann durchaus sein, dass mit Belander, dem freundlichen Wirt und Gartenbesitzer, Barthold Hinrich Brockes sich selbst meint, der tatsächlich in der Nähe Hamburgs einen prächtigen Garten besaß und in der Hamburger "Teutsch-übenden Gesellschaft" den Gesellschaftsnamen Belisander innehatte.

Der Patriot. Nr. 26
Donnerstags, den 29. Junii, 1724.

HOC ERAT IN VOTIS: MODUS AGRI NON ITA MAGNUS,
HORTUS UBI, ET TECTO VICINUS JUGIS AQUAE FONS,
ET PAULUM SYLVAE SUPER HIS FORET. .. .. .. .. .. HORATIUS. (1)

Ich besuchte vor einigen Tagen einen Bekandten meines Herrn Vettern auff seinem etwan anderthalb Meilen von der Stadt entlegenen Garten. Er ist ein sehr begüterter Mann, dem diese weitläufftige Einsiedlerey so viel vergnüglicher seyn kann, je schöner und gemächlicher er selber nach seinem Willen sie eingerichtet. Es war bereits ziemlich spät, als ich daselbst ankam; mein höflicher Herr Wirth aber, der sich eben beschäfftigte, eigenhändig seiner Nelcken=Töpffe zu pflegen, führte mich in kurtzem an eine gedeckte Taffel, wo ich ein Gericht Fische aus seinem Teiche und einige Garten=Gewächse vorfand. Zugleich traten ein paar wohl=gewachsene Frauens=Personen ins Zimmer, die ich in weniger Zeit eben so ver-nünfftig und auffgeweckt, als beym ersten Anblick schön und liebreich, gefunden. Nach geziemender Anrede und freundlicher Bewillkommung, die jedoch von beyden Seiten nur kurtz war, nöhtigten sie mich, zwischen ihnen nieder zu sitzen, und ich hatte Ursache, besonders vergnügt zu seyn, wenn bald jene, bald diese, schöne Hand mir etwas vorlegte. Nächst meiner allerliebsten Araminthe hatte ich noch kein gefälligers und angenehmeres Frauenzimmer gesehen; doch überwog ihr Wehrt dermassen, daß ich, auch mitten unter diesen Schönheiten, ihrer nicht vergessen konte. Wir brachten eine gute Stunde mit unserer Mahlzeit zu, aber auch zugleich mit allerhand Unterredungen von der Anmuht des Land=Lebens und einer zufriedenen Garten=Einsamkeit. Ungeachtet es nun hierüber schon etwas dunckel, und ich durch die in der Hitze gethane, ob gleich kleine. Reise ziemlich ermüdet, worden; so war mir gleichwohl diese Gesellschafft viel zu schätzbar, als daß ich hätte versäumen sollen, in ihrer Begleitung noch eine Promenade durch den Garten zu machen. Die kühle, doch sanffte und stille Abend=Lufft erfrischte mich nach der schwülen Gluht des Tages, und eine heisere Music der benachbarten Frösche war meinen Ohren, in Ermangelung einer besseren, mehr gefällig, als zuwider. Die schon allenthalben verbreitete Finsterniß entzog zwar dem Auge alle diejenigen Schönheiten, so man hier vermuthen konnte; eine lebhafte Einbildung aber ersetzte diß alles mit tausend vergnüglichen Gedancken. Endlich begaben wir uns ohngefehr um eilff Uhr zur Ruhe, mit der Abrede, bald nach angebrochenem Tage wieder auff zu seyn, und der Garten=Lust uns zu rechter Zeit zu bedienen, vornehmlich aber der auffgehenden Sonne entgegen zu sehen. Es konte noch nicht vier geschlagen haben, als Belander, der Besitzer dieses Lust=0rts, den folgenden Morgen schon vor meiner Kammer klopflte, und mir ankündigte, daß ich das an-genehmste Spectakel von der Welt zu gewarten hätte. Ich warff mich mit ziemlicher Eilfertigkeit in die Kleider, und er selber führte mich auff den Altan oder die Gallerie seines Garten-Hauses, wo sich schon eine sanffte Rosen=ähnliche Röhte, als der vorhergehende Schatten der Sonne, am Himmel, sehen ließ, so allezeit stärcker wurde, und uns näher kahm, ja auch auff den Gipffein einiger hohen Bäume und entfernten Hügel sich zeigte. Nicht lange hernach brach sie selbst auff einmahl, wie ein blitzender Strahl, im vollkommenen Schein hervor, und erfüllte mit ihrem Majestätischen Lichte den gantzen Horizont. Das Auge erstaunete über solchen gewaltigen durchdringenden Glantz, und die gantze Natur wurde gleichsahm darüber in Verwunderung gesetzet. Wie viele unserer Landes=Leute, sagte Belander, auch von denen, die schon lange Jahre ihre Gärten gehabt, sollten sich wohl rühmen können, daß sie jemahls die Sonne in ihrem Auffgange gesehen, geschweige dieselbe gehörig bewundert, hätten? Diese Frage gab uns zu verschiedenen Anmerckungen Anlaß, die vielleicht allzuwahr sind, als daß sie einem grossen Theile der Leser gefallen dürfften. Ich hatte sonst auff besagter Gallerie ein ausnehmendes Vergnügen, den gantzen Garten, und seine Anlage überhaupt, mit allen umliegenden Gegenden, auff eine lange Ferne übersehen zu können. In dem Bezirck desselben bewunderte ich die durchgehende Regelmäßige Richtigkeit der Kunst: ausser ihm die Mannichfaltigkeit der trefflichsten Landschafften, die durch den blossen Willkühr der Natur dahin gelegt waren; beyde Theile aber wurden so viel schöner und anmuthiger, je stärcker die Morgen=Sonne sie bestrahlte, bis endlich die gantze abzusehende Fläche in einem vollen und warmen Lichte glühete. Dieses lockte mich, in den Garten selber hinab zu steigen, und auch dessen besondere Einrichtung und Annehmlichkeiten in Obacht zu nehmen, als wovon ich meiner Araminthe einen möglichsten Abriß zu geben, bey meiner Beurlaubung versprechen müssen.

Ich fand denselben diesen Morgen in seiner lebhafftesten und prächtigsten Anmuth, so daß ihm, zu meiner vollkommenen Vergnügung, nicht das geringste fehlte, als allein die holdseelige Gegenwart meiner nicht offt genug zu nennenden Araminthe. Der Himmel war durchgehends heiter und rein, die Lufft gelinde und frisch, und es herrschte an allen Ecken eine allgemeine Stille, die allein durch den Gesang der Vögel und das leiseGemurmel der arbeitsahmenBienen unterbrochen wurde. Der Thau hatte bereits die Bluhmen und Krauter auffs an-muthigste genetzet, und das lieblich darauff fallende Sonnen=Licht verdoppelte den brennenden Schmuck ihrer mannich-faltigen Farben, dadurch sie so viel schöner wurden. Sie hauchten einen viel stärckern und süsseren Geruch von sich; die Sonne aber selbst schien sich in jedem, auff ihren Blättern herum rollenden. Tropften zu spiegeln, ja gar ihren verschiedenen Farben auch eine verschiedene besondere Zierde abzuborgen. So mercklich auch die Breite dieses Gartens war; so mochte dennoch die Länge davon ohngefehr noch zweymahl so groß seyn. Ich fand überhaupt gantz nichts von kleinstädtischen Kostbahrkeiten und unnatürlichen Künsteleyen, wie ich wohl auff ändern Gärten bemerckt hatte. Alles war ungezwungen, groß und ansehnlich, aber viel weniger kostbahr, als es den Schein hatte. Ich sähe sehr wenig Holtz=Werck, und die gantze Unterhaltung schien nur mittelmäßige, oder gar geringe, Ausgaben jährlich zu erfodern. Er war von aussen rund herum mit einigen hundert der dickesten Linden beschattet, die zugleich einer unzählichen Menge von Vögeln zum Auffenthalt dienten. Inwendig hatte man ihn durch verschiedene Alleen und Bogen=Gänge, auch gegen die Mittags=Hitze der Sonne (wider die gewöhnliche Anlage der meisten Hamburgischen Gärten) brauchbahr gemacht. Beym ersten Eintritt fand sich ein anmuthiger Vorhoff oder Stein=Platz, der auff beyden Seiten mit ein paar niedrigen Häusern bebauet, rund herum mit eitel Ipern (2) von gleicher Höhe besetzet, und durch ein hohes eisernes Gitter=Werck von dem Garten selber abgesondert war. In der Mitte desselben führte eine besondere breite Allee, gleichfalls von Ipern, auff die Thür dieses Gartens, wo man zuerst auff jeder Seite des eben so breiten Ganges ein Parterre von eitel Gasons, oder Graß=Betten, antraft. Diese waren mit einer Hecke von Englischen Dornen, und nach der Linie dazwischen gesetzten Tannen=Bäumen, eingefasst, auch mit allerhand immer grünenden Stauden, Kräutern und Bäumen, als Taxus, Wacholder=Büschen, Epheu, Buchs=Baum, Tannen etc. in den inneren Abtheilungen bepflantzet. Diß, sagte Belander, ist eigentlich mein Winter=Garten. Ich habe ihn mit Fleiß hier vorn her angelegt, damit ich allezeit beym ersten Anblick was grünes finde. Wie er immer, auch in der härtesten Jahres-Zeit, seine völlige Zierde behält; so veruhrsacht er mir alsdann desto grössere Freude, je betrübter im Winter alles übrige aussiebet. Gleich hinter selbigem Winter=Garten kahmen wir an einen grossen Fisch-Teich, worauffein paar artige Fahrzeuge zur Erlustigung bereit lagen. In der Mitte des Teiches stund das Garten=Hauß selbst, das gäntzlich bis unters Dach gemauert war, und dahinein man über eine ziemlich lange Brücke von beyden Seiten zu gehen hatte. In diesem war eine gewölbte Durchsicht von eben der Breite, wie die Allee oder der Haupt=Gang, damit das Auge nicht gehindert würde, die gantze Länge des Gartens, und alle im Perspectiv vorkommende Veränderungen, von oben so wohl als unten abzusehen. Auff der Brücke sahen wir eine Menge der grösten Carpen im Wasser sich belustigen, denen Belander etliche Hände voll, vom Gärtner zusammen gesuchter, Schnecken vorwarft, wobey sie sich tapffer herum tummelten, und selbige, als ein angenehmes Früh=Stück, begierigst hinunter schlungen. Um den Teich herum lagen hinter demselben und auff beyden Seiten, zunächst dem Hause, die Bluhmen=Betten, auff welchen vornehmlich die rothen und weissen Rosen, die Mohn=Bluhmen und Lilien, um den Vorzug ihrer Schönheit mit einander zu streiten schienen. Hierauff aber, wo die Alleen und Bogen=Gänge anfingen, welche letztern sich auch ins gevierte um den gantzen Garten erstreckten, war alles hinter denselben mit schönen Frucht=Bäumen, Küchen=Kräutern, und andern eßbahren Garten=Gewächsen bedeckt. In der Mitte dieser begrünten Gänge, wo sie zugleich sämtlich ihren Zusammenlauff hatten, strahlte ein annehmlich springendes Wasser, das sich aus den benachbahrten Hügeln sammlete, und daselbst, ohne einiges Treib=Werck, Tag und Nacht ein lieblich rauschendes Geklatsch machte. Endlich bestund das hinterste und letzte Theil des Gartens in einer blossen natürlichen Wildniß, wo auff einem unebenen, bald niedrigen, bald erhobenen Grunde die gemeinesten Krauter und Feld=Bluhmen, Klee und Gras, Unkraut und Disteln, Stauden und Bäume in der grösten Verwirrung beysammen waren, und von weitem ein dick-verwachsenes Gehöltz schienen. Dieser Platz hatte überall keine Wartung, und, ob gleich die Kunst selbst ihn angelegt hatte, war doch nicht die geringste Spuhr davon zu erkennen. Auff der einen Seite rauschte ein kleiner Wasser=Fall, der sich, in einem schmahlen Bach, ohne die geringste Ordnung, durch dieses Gebüsch weg schlängelte, und auff seinem steinigten Lager ein sanfftes Geriesel veruhrsachte. Er war aber mit Fleiß aus dem Spring-Brunnen des Gartens selber dahin geleitet, und diente selbigem zum nothwendigen Abfluß. Ich betrachtete diese sämtlichen Schönheiten mit einem sehr auffmercksamen frölichen Auge, und dachte allezeit, wie jener trefliche Poet:

Gläntzt Garten, Fluhr und Feld,
in solchem Schmuck und Schein;
Wie herrlich muß ihr Quell,
wie schön der Schöpffer, seyn! (3)

Wir mochten ohngefehr anderthalb Stunden mit Betrachtung aller Merckwürdigkeiten zugebracht, und mehrentheils den gantzen Garten durchgesehen, haben, als mich Belander, wie von ungefehr, in eine dick=bewachsene Laube führte, bey deren Eintritt ich gantz unvermuhtlich eben dasselbe artige Frauenzimmer wieder antraft, in dessen beliebtem Umgange ich voriges Tages so viel Vergnügen gefunden hatte. Vor ihnen stund ein Thee=Tisch mit allem Zubehör bereit, und sie schienen nur noch auff uns beyde gewartet zu haben, indesssen sie sich mit ein paar neben ihnen liegenden Büchern die Zeit verkürtzet hatten. Belander fragte mich bald, ob ich lieber Thee mit seinen Töchtern trincken, oder mit ihm etliche Teutsche Kräuter versuchen, wolte? Er nannte mir Salbey, Melisse und Ehren=Preiß, die er, bald zusammen gemengt, bald eins oder das andere allein, trüncke. Hier habe ich, sprach er, Indien in meinem Garten, und darff deßwegen kein Geld ausser Landes versenden. Was kann sich auch besser zu unserer Natur schicken, als das in einer Gegend mit uns gezeuget, und von gleich=beschaffenen Elementen ernähret, worden? Wir wählten für dasmahl insgesammt, von seiner Melisse zu nehmen, deren lieblicher und den Citronen etwas ähnlicher Geschmack mir recht wohl gefiel. Es fehlte uns auch abermahls weder an nutzbahren noch ergötzlichen Unterredungen, die in dem Munde dieses holdseligen Frauenzimmers eine doppelte Anmuht hatten, bey Belandern aber allezeit mit einer reiffen Erfahrung und offenhertzigen liebreichen Redlichkeit begleitet waren. Vornehmlich redeten wir von der gewöhnlichen Geringschätzung, oder wohl gar Verachtung, aller inländischen Dinge, insonderheit unserer Krauter, gegen die ausländischen, ingleichen von der Sclavischen Weise, womit viele, zur grösten Ungemächlichkeit, ihre Natur fesseln, daß sie unmöglich nur einen Tag z.E. ohne Thee, Caffee, Schnupff=Toback, Wein, gebrandte Wasser etc. zubringen können. Hiernächst gingen wir, bey zunehmender Hitze, in sein Garten=Hauß zurück, durch dessen sämmtliche Gemächer Belander mich gleichfalls herum führte. Ich weise es ihnen nicht, sagte er, daß sie etwas prächtiges sehen sollen, sondern, wie mein Garten nicht kostbahr ist, so werden sie auch mein Hauß nicht anders finden. Ich habe einzig gesorget, daß es zu nohtdürfftiger Gemächlichkeit eines guten Freundes, auch meiner und der meinigen, zureichen möge. Ich lobte die treflichen Anstalten, die ich in allen Stücken wahrgenommen hatte, und erwiederte, daß ich freylich nicht selten Miß=Gebuhrten von Gärten gesehen, deren Kopff mehrentheils so groß gewesen, als der gantze Leib, und da man billig hätte fragen mögen: wo der Garten zum Hause wäre, oder ob die auffgestellten Bild=Säulen daselbst zu Kauffe stünden? Während dergleichen Reden schloß er mir sein Studir=Zimmer auf, das gegen Mitternacht lag, und mit einer zwar kleinen, aber ausgesuchten Bibliothec, meist von Moralischen Büchern, versehen war. Hier, fuhr er fort, bespreche ich mich mit den Todten, wenn ich, wegen unruhigen Wetters oder gar zu grosser Hitze, verhindert werde, mit den Sprach=losen, ob gleich lebendigen. Geschöpffen meine Unterredungen anzustellen. Auff seinem Tische lagen Seneca, Gottholds zufällige Andachten (4), und das bekandte Irdische Vergnügen in GOtt (5), noch auffgeschlagen, worin er eben des vorigen Nachmittags gelesen hatte.

Ich beschäfftigte mich noch, eins und das andere von seinen Büchern anzusehen, als wir bereits zum Mittags=Essen abgeruffen wurden. Es war von neuen auffgetragen, was der Garten vermochte, und sich zur Jahres=Zeit am besten schickte. Wenn sie auf einem ändern Hamburgischen Garten wären, sagte mir Belander, würden sie viel kostbarer bewirthet; mit einem Land=Mann aber müssen sie vor Willen nehmen. Ich befinde mich bey meinen Garten=Gewächsen aus der Massen wohl, und glaube, daß, wie unsere meisten Alt=Väter Gärtner gewesen, als ich; sie auch nicht viel anders, als ihre Garten=Früchte, werden genossen haben. Für mein Theil, antwortete ich, daß ich die Ehre hätte, so wohl von seinem Geschmack, als von seiner Meynung, zu seyn, und was dieß beträffe, in meinem rechten Element wäre. Unsere Gespräche fielen hiernächst auff die Materie vom Gebrauch und Mißbrauch der Gärten, wobey wir uns ziemlich lange auff-hielten. Was haben doch die meisten von ihren Gärten, sprach er, welche sie mit so vielen Kosten unterhalten? Sie fahren heraus, essen, trincken, spielen in Karten, und kommen so wieder hinein. Des Morgens schlaffen sie, schlurften einen Thee, und kleiden sich an. Des Mittags ists ihnen zu heiß: sie müssen speisen, und Mittags=Ruhe halten. Auff den Nachmittag wird Caffee getruncken, und können sie nicht mit den BĘTen (6) zu Ende kommen. Des Abends währet die Mahlzeit fein lange, und hernach fällt entweder schon der Thau, oder es ist ihnen auch bereits zu kalt. Dieses ist auff unsern Gärten der gewöhnliche Lebens=Lauff, den man aber zu Hause zwischen den vier Wänden eben so gut führen könnte. Und noch rechne ich nicht, wie viel, ohne den geringsten Nutzen, mehrentheils hiebey verschwendet, und im ordentlichen Gewerbe, auch an der Kinder-Zucht, versäumet wird. Zwar muß ich sagen, fuhr er fort, daß itzund die Schwelgerey, wie überhaupt, so auch auff den Gärten, nicht mehr dermassen im Schwange gehet, als wohl vor diesem, da man nicht eher auffgehöret, biß gantze Körbe voll Gläser entzwey gewesen; doch ist sie auch nicht so gäntzlich aus der Gewohnheit kommen, daß es an Leuten fehlen solte, die, statt einer erlaubten Belustigung, nicht allein ihre Gesundheit, sondern auch ihr gantzes zeitliches Glück, darauff verprasset haben.

Mit dergleichen Unterredungen verbrachten wir auch noch nach dem Essen eine gute Zeit, als ich nach gerade für diese Woche an diejenige Arbeit zu gedencken hatte, die mein Herr Vetter, in Abwesenheit seiner, mir auffgetragen: und machte ich mich deßwegen zur Rück=Reise gefasst. Belander aber wollte mich, ungeachtet aller Vorstellung, durchaus nicht von sich lassen, sondern meynte, sein Schreib=Zeug würde mir vielleicht eben so gute Einfälle geben, als mein eigenes. Ich bat mir also gezwungen dasselbe aus, und fieng an, einen rohen Entwurff von der Beschreibung seines Gartens zu machen, wie ich selbige meiner Araminthe zu geben, mich verpflichtet hatte: in Meynung, daß, wenn sie einiger Massen gerathen würde, ich auff einmahl eine zwiefache Arbeit abthun, und zugleich den Lesern damit dienen könnte. Meine Gedancken aber waren gar zu sehr zerstreuet, und die Zeit verlieft mir darüber so unvermerckt, daß ich für dießmahl aus der Noth eine Tugend machen, und besagten Entwurff, ohne gehörige Ausarbeitung, so roh, wie er war, wiewohl mit einigen Zusätzen von Herrn Belanders Gesprächen, den Lesern vorlegen, müssen. Mein gar zu höflicher Herr Wirth wird mir solche Freyheit zu gute halten, und gedencken, daß er mich selber dazu genöthiget.

Anmerkungen:

  1. Motto: Horaz, Satiren II 6,1-3 - "Das war mein Verlangen: Ein nicht zu großes Stück Ackerland, ein Garten, eine Quelle am Berg nahe dem Haus und ein Stückchen Wald."
  2. Ipern: Ulmen
  3. Die zitierten Verse stammen aus dem Gedicht Allerhand Garten=Gedancken von B.H. Brockes (Irdisches Vergnügen in GOtt, Bd. 1, 2. Aufl. 1724, S. 163)
  4. Gottholds zufällige Andachten: Gottholds Zufälliger Andachten Vier Hundert bey Betrachtung mancherley Dinge der Kunst und Natur in unterschiedlichen Veranlassungen, zuerst 1671, ist ein beliebtes Erbauungsbuch, das 1724 in 19. Auflage vorlag und die Naturbetrachtung Brockes' wesentlich beeinflusste. Sein Verfasser war Christian Scriver.
  5. Der erste Band von Brockes' Irdischem Vergnügen in GOtt, bestehend in Physicalisch- und Moralischen Gedichten war 1721 mit einer Vorrede von Weichmann in Hamburg herausgekommen; 1724 erschien die zweyte, durchgehends verbesserte und über die Hälfte vermehrte Auflage.
  6. Bêten: Strafeinsatz beim Kartenspiel

     
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