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Christoph Martin Wieland
geb. 5. September 1733 Oberholzheim (Schwaben)
gest. 20. Januar 1813 Weimar
Biographie
Christoph Martin Wieland, aus einem pietistischen schwäbischen Pfarrhaus, nach dem Studium hoher Beamter im heimischen Biberach, Philosophieprofessor, Prinzenerzieher, umfasst mit seinem schöpferischen Leben die Epochen der deutschen Literatur von der Aufklärung bis zur Klassik und Romantik. Sein Frühwerk mit den emphatischen Tugend- und Seelenschwärmereien und seinem religiösen Enthusiasmus (Anti-Ovid, 1752; Erzählungen, 1752) hat teil an Aufklärung und Empfindsamkeit; die Wendung zur weltoffenen Kunst des französischen Spätrokokos macht ihn zur Verkörperung dieser literarischen Kleinepoche in Deutschland (Don Sylvio von Rosalva, 1764; Komische Erzählungen, 1765; Musarion, 1768); der Agathon (1766/67) als erster deutscher Bildungsroman ist das Muster für dessen klassische Ausformung in Goethes Wilhelm Meister. Auch mit seinem weiteren Werk (vor allem die Romane Der goldene Spiegel, 1772; Die Abderiten, 1776; Geheime Geschichte des Philosophen Pererrinus Proteus, 1791; Aristipp und einige seiner Zeitgenossen, 1800-1802) trägt er zur Ausbildung und Konsolidierung der neueren deutschen Literatur bei, zu einem Prozess also, der in der Aufklärung begonnen hatte und in Klassik und Romantik einen ersten Höhepunkt fand. Wieland hat durch seine Anlehnung an verschiedene Stile und Gattungen, durch die Aufnahme und Anverwandlung verschiedener Traditionen der deutschen Literatur eine Fülle von literarischen Ausdrucksformen erschlossen und sie zugleich aus ihrer Provinzialität befreit. Seine ästhetischen Mittel wie Vielfalt der Perspektiven, Durchbrechung der lllusion, Ironie, Einbeziehung des Lesers, erlebte Rede und Reflexion über das Erzählen im Prozess des Erzählens sind gerade der Literatur der Moderne wieder vertraut.
Seinem schriftstellerischen Werk steht seine Leistung als vielseitiger und vielfältiger Vermittler und Anreger gleichrangig zur Seite: Er war als Übersetzer von Horaz, Lukian, Euripides, Xenophon und Cicero maßgeblich an der Wiederentdeckung der klassischen Antike und an ihrer Popularisierung beteiligt; seine Prosaübersetzungen Shakespeares (22 Stücke zwischen 1775 und 1782) legten den Grund für die Rezeption dieses Autors in Deutschland (er brachte den für Sturm und Drang sowie die Klassik so ungemein wichtigen Shakespeare in Biberach erstmals in Deutschland überhaupt auf die Bühne!); in seinen schriftstellerischen Werken wurden Anregungen nicht nur aus der englischen und französischen, sondern auch aus der spanischen und italienischen Literatur fruchtbar; als Journalist veröffentlichte er - oft populärwissenschaftlich gehaltene - Aufsätze zu Fragen der Asthetik und Politik, zu Naturkunde, Geographie und Philosophie, und schließlich war er zwischen 1773 und 1789 der Herausgeber des »Teutschen Merkurs«, der ersten bedeutenden literarischen Zeitschrift Deutschlands.
Zeittafel:
| 1733 | 5.September Geburt in Oberholzheim bei Biberach. Vater: Thomas Adam Wieland, Pfarrer. Mutter: Regina Katharina Wieland, geb. Kick. |
| 1735 | Geburt des Bruders Thomas Adam. |
| 1736 | Vater Pfarrer in Biberach. Erkrankung an Blattern. |
| 1738 | Lateinunterricht durch den Vater, dann durch den Biberacher Rektor Johann Jakob Doll. |
| 1746 | Erste Dichtungen. |
| 1747 | Schüler in Kloster Bergen bei Magdeburg. |
| 1749 | Immatrikulation an der Universität Erfurt als Jurastudent. |
| 1750 | Rückkehr nach Biberach. Verlobung mit Sophie Gutermann. Fortsetzung des Studiums an der Universität Tübingen. |
| 1752 | Auf Einladung Johann Jacob Bodmers in Zürich. Anti-Ovid. Erzählungen. Die Natur der Dinge. |
| 1753 | Briefe von Verstorbenen an hinterlassene Freunde. Der geprüfte Abraham. Abhandlung von den Schönheiten des epischen Gedichts (über Bodmers Noah). Lösung der Verlobung durch Sophie Gutermann. |
| 1754 | Trennung von Bodmer. Hauslehrer. |
| 1756 | Bekanntschaft mit Salomon Geßner. Sympathien. |
| 1758 | Lady Johanna Gray (Trauerspiel). |
| 1759 | In Bern als Privatlehrer. Cyrus (Fragment eines Epos). Verlobung mit Julie von Bondeli. |
| 1760 | Clementina von Porretta (Trauerspiel). Araspes und Panthea. Wahl zum Senator der Reichsstadt Biberach. |
| 1761 | Umgang mit Graf Stadion auf Schloss Warthausen bei Biberach. |
| 1763 | Liebesaffäre mit Christine Hagel. Finanzielle Schwierigkeiten. |
| 1764 | Der Sieg der Natur über die Schwärmerei oder Die Abenteuer des Don Sylsio von Rosalva. Tod des Bruders Thomas Adam. |
| 1765 | Komische Erzählungen. Heirat mit Dorothea Hillenbrand. |
| 1766 | Agathon (Teil 1). |
| 1767 | Agathon (Teil 2). |
| 1768 | Musarion. Idris. |
| 1769 | Ernennung zum Professor der Philosophie in Erfurt. |
| 1770 | Sokrates mainomenos, oder die Dialogen des Diogenes von Sinope. Die Grazien. Beiträge zur geheimen Geschichte des menschlichen Verstandes und Herzens. |
| 1771 | Der neue Amadis. Rheinreise. |
| 1772 | Der goldene Spiegel. Anstellung als Prinzenerzieher in Weimar. |
| 1773 | Erstes Heft der Zeitschrift »Der Teutsche Merkur«. |
| 1774 | Alceste (Singspiel). |
| 1775 | Ende der Erziehertätigkeit. Beginn einer lebenslangen Freundschaft mit Goethe. |
| 1776 | Die Abderiten. |
| 1777 | Reise nach Frankfurt. |
| 1780 | Oberon. |
| 1784 | Clelia und Sinibald. |
| 1787 | Mitarbeit Schillers am »Teutschen Merkur«. |
| 1791 | Geheime Geschichte des Philosophen Peregrinus Proteus. |
| 1796 | Reise nach Leipzig und Dresden. Das »Attische Museum« (Zeitschrift für Altertumskunde, bis 1803). Reise nach Zürich. Umgang mit Johann Heinrich Pestalozzi, Johann Kaspar Lavater und dem Philologen Johann Jakob Hottinger. |
| 1797 | Kauf des Gutes Oßmannstedt bei Weimar. Freundschaft mit Herder. |
| 1800 | Aristipp und einige seiner Zeitgenossen (4 Bände bis 1802). |
| 1801 | Tod der Gattin. |
| 1802 | Heinrich von Kleist zu Gast. |
| 1803 | Verkauf von Oßmannstedt. Umzug nach Weimar. |
| 1808 | Begegnung mit Napoleon. |
| 1809 | Beitritt zur Freimaurer-Loge »Amalia«. |
| 1813 | 20.Januar Tod in Weimar. Begräbnis in Oßmannstedt. |
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