|
Catharina Regina von Greiffenberg: Lyrik
Göttlicher Anfangs-Hülffe Erbittung.
Gott / der du allen das / was du selbst nicht hast / gibest!
Du bist des gantz befreyt / was du den andern bist.
mein und der ganzen Welt Vranfang von dir ist /
weil die mittheilend Krafft du uns erschaffend' übest.
Jn deiner Vorsicht Buch du alles Welt-seyn schriebest.
dein' Überschwenglichkeit mit wolthun war gerüst /
daß sie so göttlich-reich uns schenket ieder frist.
ob alles kam aus dir / du alles dannoch bleibest.
Sonst alles / als nur dich selbst nicht / anfahends Ding /
sey mit / in / und bey mir / wann ich das Buch anhebe.
Dein Anfang-Schirmungs-Geist ob diesen Redwerk schwebe /
der gebe daß ich rein von deinen Wundem sing'.
Mein Gott / ich fah izt an / dich ohne End zu preissen:
Laß wol anfahend mich dich unanfänglich weißen.
Auf Höchst-erwehnten Wunder-Tag.
O nie-gesehne Sach! ein Jungfrau-Mutter wieget /
denselben / der doch selbst die Haubtbewegung ist.
Er hat zur lieg statt ihm ein spannbreit Ort erkiest.
Der / so die Erd' umspannt / ietzt in der Krippen lieget.
Er lässt den Himmels-Saal / und sich in Stall herfüget.
Ach mein Herz! daß du nicht stat seiner Windeln bist /
und Lieb-verbindlichst stark umfängest deinen Christ!
Ach daß ich ihn ein mal in meine Arme krieget'!
Ach Ochs und Esel / weicht und lasst mir euren Platz!
daß ich bedienen kan den kleinen Tausend Schatz.
Was unrecht! dieser / der die Federn selbst erschaffen
muß auf dem harten Stroh ohn alle Federn schlaffen.
mein Herz ist feder-voll / fliegt dir mein Heiland zu:
Ach würdig' es so hoch / und in demselben ruh!
Auf unsers Heilandes Allmacht-durchstrahlten Wunder-Wandel auf dieser Erden.
Jesu! deine Wunder / wundern und bestürzen mich so sehr /
das ich / stummer / als der Stumm' / eh du ihm die Sprach gegeben /
steh' im zweiffel / welches ich zu erheben an-soll' heben.
Ja / sie mehren in den Händen / leitend sie / sich mehr und mehr.
Lauter sonder-Seltenheiten sih' ich / wo ich mich hinkehr:
höre / was sonst unerhört / die gestorbenen beleben:
Blinden / das Gesicht und Liecht / Seelen-Sonn und Wonn darneben /
geben / gleicher weiß den Tauben das Gehör / zu Gottes Ehr.
Krumme / lauffen wie die Reh auf der Allbewegung lenken.
auch der Aussatz lässt den Platz / deine Allmacht macht ihn rein.
Keine Sach' unüberwindlich / soll man / dir zu seyn / gedenken.
Du beherrschest alles / alles muß dir Dienst-gehorsam seyn.
Doch in dem so über-Mild du dein Herz uns pflegst zuschenken:
zeigest / daß dir könne gleichen deine grosse Güt' allein.
Auf meines Auserwählten Jesu verscheiden!
Anbetbars Wunderwerck! will denn das Leben sterben?
verseucht die Lebensquell? verlischt das Ewig Liecht?
hat Saffts und Kraffts Vrsprung / kein Safft und Krafft mehr nicht?
will Ertz-Erhaltungs-Stärck / selbselbsten hie verderben?
das Ewig Leben wir von Christus Sterben erben.
Die äusserst' Eusserung der Gottheits-Krafft geschicht /
die jetzt im Höllen-Reich Zerstörungs-Werk verricht.
Der unsterbliche kan unsterblichkeit erwerben
im Tod; der hat sich mit dem Leben selbst verschlungen.
Aus Jesu End / erfolgt mein Glücks-Vnendlichkeit.
Es hat die selbste Stärck durch Schwachheit überrungen
die stärcksten Menschen-Feind. Der / so des Tods befreyt /
wolt sterben / daß dadurch das Sterblich' Ewig lebet.
Die Vrständ-Geister er der Erd im Grab einwebet.
Auf meinen bestürmeten Lebens-Lauff
Wie sehr der Wirbelstrom so vieler Angst und plagen
mich drähet um und um / so bistu doch mein Hort /
mein mittel punct / in dem mein Zirkel fort und fort
mein Geist halb hafften bleibt vom sturm unausgeschlagen.
Mein Zünglein stehet stät / von Wellen fort getragen /
auf meinen Stern gericht. Mein Herz und Aug' ist dort /
es wartet schon auf mich am Ruhe-vollen Port:
dieweil muß ich mich keck in weh und See hinwagen.
offt will der Muht / der Mast / zu tausend trümmern springen.
Bald thun die Ruder-Knecht / die sinnen / keinen Zug.
Bald kan ich keinen Wind in glaubens-Segel bringen.
jetz hab ich / meine Uhr zu richten / keinen fug.
Dann wollen mich die Wind auf andre zufahrt dringen,
bring' an den Hafen mich / mein Gott / es ist genug!
|