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      Johann Christian Günther: Lyrik

An seine Schöne (1714)

So wenig eine junge Rebe
Des Ulmbaums Hilfe missen kann,
So wenig ficht der Neid mich an,
Daß meine Brust dir Abschied gebe.
Mein treues Herz ist ein Magnet,
Der nur nach einem Pole steht,
Dein Nordstern leitet meine Liebe;
Ich leb und sterbe dir getreu,
Wenngleich der Schickung Tyrannei
Mich heute noch ins Elend triebe.

Eröffne mir das Feld der Brüste,
Entschleuß die wollustschwangre Schoß,
Gib mir die schönen Lenden bloß,
Bis sich des Monden Neid entrüste!
Die Nacht ist unsrer Lust bequem,
Die Sterne schimmern angenehm
Und buhlen uns nur zum Exempel;
Drum gibt mir der Verliebten Kost,
Ich schenke dir der Wollust Most
Zum Opfer in der Keuschheit Tempel.

Die Zeit kommt nimmermehr zurücke,
Wenn sie schon einmal sich verkreucht
Und die Gelegenheit entweicht
In einem kurzen Augenblicke.
Wer weiß, wer dich in einer Frist
Von vierundzwanzig Wochen küßt.
Wie bald kann mich ein Stahl entleiben,
Dann wird dein angenehmer Mund,
Der meiner Sehnsucht offenstund,
Mit andren sich die Zeit vertreiben.

Jedoch, soll mich der Tod entreißen,
Du aber meine Leiche sehn,
So soll mir doch der Wunsch geschehn,
Dir in der Gruft getreu zu heißen;
Mein Blut soll dir beständig sein,
Und meines Körpers Leichenstein
Wird diese Grabschrift nie verlieren:
Hier schläft, mein Kind, dein ander Ich,
Dem wenig, glaub es sicherlich,
Den Preis der Redlichkeit entführen.


Breslau, den 25. Dezember 1719

Mein Herz, was fangen wir noch miteinander an?
Es scheint, wir werden bald dem Kummer weichen müssen;
Vor alles, was wir sonst dem Nächsten Guts getan,
Muß uns're Redlichkeit mit Not und Elend büßen.
Die Weisheit bringt kein Brot, die Arbeit keine Lust,
Uns jagt des Himmels Zorn durch Ruten, Land und Jahre.
Ein Fehltritt, den du nur aus Übereilung tust,
Wird, ob er dich gleich reut, ein neuer Schritt zur Bahre.
Der Eltern Angst ist dein, der Schwester Gram trifft mich;
Die Lästrer plagen uns mit unverschämten Zungen,
Die Armut macht mich auch den Toren lächerlich
Und was nur Schaden bringt, das wird mir aufgedrungen.
Du kannst das von Natur dir anvertraute Pfund
Aus Mangel hoher Gunst auf keinen Wucher legen;
Kein Zufall macht den Wert von meinem Wissen kund
Und was dir gütig scheint, wird elend meinetwegen.
Man würdigt meine Not der Untersuchung nicht,
Die Spötter nennen sie teils Strafe, teils Gedichte;
Und wer in Gegenwart auch noch so freundlich spricht,
. . . mir hinterwärts ein . . . Gerichte.
Nunmehr ist endlich auch der Jahre Lenz vorbei;
Wem will ein solches Kreuz nicht die Geduld ermüden?
Die Musen sind mir hold, und Lorchen bleibt noch treu,
Mein Herz, was wilt du mehr? Ich gebe mich zufrieden.


Abendlied

Der Feierabend ist gemacht,
Die Arbeit schläft, der Traum erwacht,
Die Sonne führt die Pferde trinken;
Der Erdkreis wandert zu der Ruh,
Die Nacht drückt ihm die Augen zu,
Die schon dem süßen Schlafe winken.

Ich, Schöpfer, deine Kreatur,
Bekenne, daß ich auf der Spur
Der Sünder diesen Tag gewandelt;
Ich habe dein Verbot verletzt,
Mich dir in allem widersetzt
Und wider meine Pflicht gehandelt.

Doch weil ein Quintchen Vaterhuld
Viel tausend Zentner meiner Schuld
Durch dein Erbarmen überwieget,
So gib Gnade vor das Recht
Und zürne nicht auf deinen Knecht,
Der sich an deinen Füßen schmieget.

Der Beichte folgt das Gnadenwort:
Steh auf, mein Sohn, und wandre fort,
Die Missetat ist dir erlassen.
Drum kann mein Glaube ganz getrost,
Ist Welt und Satan schon erbost,
Bei deiner Wahrheit Anker fassen.

Mein Abendopfer ist ein Lied,
Das dir zu danken sich bemüht,
Die Brust entzündet Andachtskerzen;
Gefällt dir dieser Brandaltar,
So mache die Verheißung war:
Gott heilet die zerschlagnen Herzen.

Du bester Anwalt, Jesu Christ,
Der in den Schwachen mächtig ist,
Komm und vollführe meine Sache!
Beweise, daß dein teures Blut,
Was ich verbrochen, wieder gut
Und auch die Sünder selig mache.

Du Geist der Wahrheit, breite dich
Mit deinen Gaben über mich;
Dein Wort sei meines Fußes Leuchte.
Vergönne mir dein Gnadenlicht
Auf meinen Wegen, daß ich nicht
Mir selber zum Verdammnis leuchte.

Herr, deine Hand sei mein Panier,
Dein Antlitz aber zeige mir
Auch in dem Traume mein Vergnügen
Die Einsamkeit betrübt den Geist,
Doch, wo du meine Seite schleust,
So darf ich nicht alleine liegen.

Das müde Haupt sinkt auf den Pfühl,
Doch wo ich ruhig schlafen will,
So muß ich deinen Engel bitten;
Der kann durch seine starke Wacht
Mich vor dem Ungetüm der Nacht
Um meine Lagerstatt behüten.

Soll mir der Pfühl ein Leichenstein,
Der Schlaf ein Schlaf zum Tode sein,
Ja, soll das Bette mich begraben,
So laß den Leichnam in der Gruft,
Bis ihn die letzte Stimme ruft,
Den Geist im Himmel Friede haben.

Will aber deine Gütigkeit,
Die alle Morgen sich verneut,
Mir heute noch das Leben borgen,
So wecke zeitlich mich darauf,
Nicht aber durch ein Unglück, auf
Und laß mich vor das Danklied sorgen.


Als er durch innerlichen Trost bey der Ungedult gestärcket wurde

Gedult, Gelaßenheit, treu, fromm und redlich seyn,
Und wie ihr Tugenden euch sonst noch alle nennet,
Verzeiht es, doch nicht mir, nein, sondern meiner Pein,
Die unaufhörlich tobt und bis zum Marcke brennet,
Ich geb euch mit Vernunft und reifem Wohlbedacht,
Merckt dieses Wort nur wohl, von nun an gute Nacht;
Und daß ich euch gedient, das nenn ich eine Sünde,
Die ich mir selber kaum jemahls vergeben kan.
Steckt künftig, wen ihr wollt, mit euren Strahlen an,
Ich schwöre, daß ich mich von eurem Ruhm entbinde.

Ihr Lügner, die ihr noch dem Pöbel Nasen dreht,
Von vieler Vorsicht schwazt, des Höchsten Gnad erhebet,
Dem Armen Trost versprecht und, wenn ein Sünder fleht,
Ihm Rettung, Rath und Kraft, ja, mit dem Maule gebet,
Wo steckt denn nun der Gott, der helfen will und kan?
Er nimmt ja, wie ihr sprecht, die gröbsten Sünder an:
Ich will der gröbste seyn, ich warthe, schrey und leide;
Wo bleibt denn auch sein Sohn? Wo ist der Geist der Ruh?
Langt jenes Unschuldskleid und dieses Kraft nicht zu,
Daß beider Liebe mich vor Gottes Zorn bekleide?

Ha, blindes Fabelwerck, ich seh dein Larvenspiel.
Dies geb ich auch noch zu: es ist ein ewig Wesen,
Das seine gröste Macht an mir nur zeigen will
Und das mich obenhin zur Marter auserlesen;
Es führt, es leitet mich, doch stets auf meinen Fall,
Es giebt Gelegenheit, damit es überall
Mich rühmlich strafen kan und stets entschuldigt scheine.
Bisweilen zeigt es mir das Glücke, recht zu gehn,
Bald läst es mich in mir dem Guten widerstehn,
Damit die frömmste Welt das Ärgste von mir meine.

Aus dieser Quelle springt mein langes Ungemach:
Viel Arbeit und kein Lohn als Kranckheit, Haß und Schande.
Die Spötter pfeifen mir mit Neid und Lügen nach,
Die Armuth jagt den Fuß aus dem und jenem Lande,
Die Eltern treiben mich den Feinden vor die Thür
Und stoßen mich - o Gott, gieb Acht, sie folgen dir -
Ohn Ursach in den Staub und ewig aus dem Herzen.
Mein Wißen wird verlacht, mein ehrlich Herz erdrückt,
Die Fehler, die ich hab, als Laster vorgerückt,
Und alles schickt sich recht, die Freunde zu verscherzen.

Ist einer in der Welt, er sey mir noch so feind,
An dem ich in der Noth kein Liebeszeichen thäte,
Und bin ich jedem nicht ein solcher wahrer Freund,
Als ich mir selbst von Gott, erhört er andre, bethe,
Hat jemand auf mein Wort sein Unglück mehr gefühlt,
Hat boßheitsvoller Scherz mit fremder Noth gespielt
Und hab ich unrecht Gut mit Vorsaz angezogen,
So greife mich sogleich der bösen Geister Bund
Mit allen Martern an, wovon der Christen Mund
Schon über tausend Jahr den Leuten vorgelogen.

Was wird mir nun davor? Ein Leben voller Noth.
O daß doch nicht mein Zeug aus Rabenfleisch entsproßen,
O daß doch dort kein Fluch des Vaters Lust verboth,
O wär doch seine Kraft auf kaltes Tuch gefloßen!
O daß doch nicht das Ey, in dem mein Bildnüß hing,
Durch Fäulung oder Brand der Mutter Schoos entgieng,
Bevor mein armer Geist dies Angsthaus eingenommen!
Jezt läg ich in der Ruh bey denen, die nicht sind,
Ich dürft, ich ärmster Mensch und gröstes Elendskind,
Nicht stets bey jeder Noth vor größrer Furcht umkommen.

Verflucht sey Stell und Licht! - - Ach, ewige Gedult,
Was war das vor ein Ruck von deinem Liebesschlage!
Ach, fahre weiter fort, damit die große Schuld
Verzweiflungsvoller Angst mich nicht zu Boden schlage.
Ach Jesu, sage selbst, weil ich nicht fähig bin,
Die Beichte meiner Reu; ich weis nicht mehr wohin
Und sincke dir allein vor Ohnmacht in die Armen.
Von außen quälet mich des Unglücks starcke Fluth,
Von innen Schröcken, Furcht und aller Sünden Wut;
Die Rettung ist allein mein Tod und dein Erbarmen.


     
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