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      Georg Philipp Harsdörffer: Lyrik

Das Leben des Menschen

Das Leben ist
ein Laub, das grünt und falbt geschwind,
ein Staub, den leicht vertreibt der Wind,
ein Schnee, der in dem Nu vergehet,
ein See, der niemals stille stehet,
die Blum', die nach der Blüt' verfällt,
der Ruhm, auf kurze Zeit gestellt,
ein Gras, das leichtlich wird verdrücket,
ein Glas, das leichter wird zerstücket,
ein Traum, der mit dem Schlaf aufhört,
ein Schaum, den Flut und Wind verzehrt,
ein Heu, das kurze Zeite bleibet,
die Spreu, so mancher Wind vertreibet,
ein Kauf, den man am End bereut,
ein Lauf, der schnaufend schnell erfreut,
ein Wasserstrom, der pfeilt geschwind,
die Wasserblas, die bald zerrinnt,
ein Schatten, der uns macht schabab,
die Matten, die gräbt unser Grab.


Der Frühling

Der frohe Frühling kommet an,
Der Schnee dem Klee entweichet;
Der Lenz, der bunte Blumen-Mann,
Mit linden Winden häuchet;
Die Erd eröffnet ihre Brust,
Mit Saft und Kraft erfüllet;
Der zarte West, der Felder Lust,
Hat nun den Nord gestillet.

Es hat der silberklare Bach
Den Harnisch ausgezogen;
Es jagt die Flut der Flute nach,
Durch bunten Kies gesogen.
Das Tauen nun die Auen frischt;
Die weiße Wollen-Herde
Auf neubegrünten Teppich tischt
Und tanzet auf der Erde.

Man hört die heisre Turteltaub,
Die Schwalb und Nachtigallen;
Die grünlich weiße Blüt und Laub
Muß aus den Knöpfen fallen
Und bauen diesen Schatten-Thron
Den Luft- und Feldergästen.
Die Rosen knüpft der Dörner Kron
Von schwachen Stachelästen.

Die Sonne nunmehr stärker scheint
Und machet früher wachen.
Allein der dürre Reben weint,
Wann Feld und Wälder lachen.
Die hochgeschätzte Tulipan,
Das Sinnbild auf dem Bette,
Zieht ihre fremden Kleider an
Und pranget um die Wette.

Der Immen Markt, der Blumen Plan,
Narzissen und Violen,
Die Nelken, Lilien, Majoran,
Ist nunmehr unverhohlen.
Die kleinen Honig-Vögelein
Den Zucker destillieren,
Und henken in die Wachsburg ein,
Was sie zusammen führen.

Ach Gott, der du mit so viel Gut
Bekrönst des Jahres Zeiten,
Laß uns auch mit erfreutem Mut
Zum Paradeis bereiten:
Da wir dich werden für und für,
Die schönste Schönheit finden,
Dagegen diese schnöde Zier
Ist eitler Kot der Sünden.


     
© Wolfgang Pohl       [Deutsche Literatur] [Startseite] [Mittelalter] [Renaissance] [Barock] [Aufklärung]