Zur Seite Deutsche Literatur       Mittelalter
     
Startseite
Mittelalter
Renaissance
Barock
Aufklaerung
      Philipp von Zesen: Lyrik
Auf die Augen seiner Lieben

Ihr augen fol von gluht! was gluht? karfunkel-strahlen:
   auch nicht! si sein ein bliz / dehr durch di lüfte sprüht
   und sich aus ihrem aug / bis in di meinen züht.
nicht blizze; bolzen sein's / damit si pflägt zu prahlen /
damit si pflägt den zol der libe bahr zu zahlen.
   nicht bolzen; sonnen sein's / damit si sich bemüht
   zu bländen andrer lücht; di keiner ihmahls siht /
der nicht gestrahft mus sein. nicht sonnen; stärne tahlen /
vom himmel ihrer stirn': auch nicht: was säh ich schimmern /
   dan gluht ist nicht so feucht / karfunkel strahlt nicht so /
   der bliz hat minder kraft / der pfeil macht jah nicht fro /
die sonn' ist nicht so stark / ein stärn kan nicht so glimmern /
   wahr-um dan sihet sie däs Folkes aber-wahn
   fohr gluht / karfunkel / bliz / pfeil-son- und stärnen ahn?

Abendlied

Es hat nun mehr das güldne Licht
Des Himmels seinen Lauf verricht',
Der Tag hat sich geneiget;
Der blasse Mond steht auf der Wacht,
Die Sterne leuchten durch die Nacht,
Der süße Schlaf sich zeiget.

Ei, nun will ich in sanfter Ruh
Die Nacht mit Schlafen bringen zu,
Ermüdet durch viel Schreiben,
Das durch den langen Tag ich trieb,
Bis mir die Nacht den Pass verhieb,
Die Sinnen fortzutreiben.

Indessen sei mein Glanz und Licht
Dein freudenreiches Angesicht,
O Sonne meiner Seelen,
Dass nicht der Nächte Schatten mich
Mit Furcht und Schrecken inniglich
Im Herzen möge quälen.

Nimm weg den schweren Sündenschwall,
So sich ereignet überall,
Aus meines Herzens Schranken.
Dass ich fein sanfte ruhen mag,
Und, wann nun kömmt der frühe Tag,
Dir, Höchster, freudig danken.

Hiermit will ich nun schlafen ein,
und dir, o Gott, ergeben sein,
Du wirst mich wohl erretten.
Behüte mich für schnellem Tod,
Für aller Angst und Krieges Not
Und für des Teufels Ketten.

Schlussgesang von der Flüchtigkeit und Nichtigkeit des menschlichen Lebens

Sage mir, was ist dein Leben,
Lieber! Sag es, Menschenkind!
Ist es nicht gleich als ein Wind,
Als ein Schiff, der See ergeben?
Schießt es nicht so schnell dahin,
Als ein Strom von Anbeginn?

Ist es nicht als Meereswellen,
Die der hart erboste Nord
Aufgereizt und jaget fort,
Wann er schrecklich pflegt zu bellen,
Als ein Nebel, den der Tag
Nun nicht mehr vertragen mag?

Schmilzt es nicht, als Schnee und Schloßen;
Als das Eis, das noch so steif;
Schwind't es nicht, als Tau und Reif;
Wann die Wind' aus Süden stoßen,
Wann die Sonne Kraft erreicht,
Nacht und Frost und Kälte weicht?

Flieht es nicht, gleich als ein Schatten,
Als ein Rauch, der nicht besteht;
Als ein Dampf, der bald vergeht;
Als die bunt beblümten Matten;
Als die Blüten um den Ast,
Den der Sturm itzt angefasst:

Als ein Gras, das vor dem Meier
Seinen Stengel niederstreckt,
Und den Boden überdeckt:
Als ein Kräutlein um den Weiher,
Welches, wann's am schönsten grünt,
Mancher Hand zum Raube dient?

Fällt es nicht dahin als Blätter?
Fleugt es nicht als Spreu und Staub,
Die des kleinsten Windleins Raub
Bei des Herbstes schönstem Wetter?
Wird es nicht zu lauter Nichts
Als ein Strahl des Wetterlichts?

Ist wohl etwas jemals kommen
In des Menschen Sinn und Witz,
Das, gleich als der jähe Blitz,
Seine Flucht so rasch genommen?
Doch ist unser Lebensglas
Rascher aus, als alles das.


     
© Wolfgang Pohl       [Deutsche Literatur] [Startseite] [Mittelalter] [Renaissance] [Barock] [Aufklärung]