



|
|
Literatur des Mittelalters: Begriffe
Minnesang
die mit der ritterlich-höfischen Kultur in der zweiten Hälfte
des 12. Jahrh. sich entwickelnde Liebeslyrik, deren Höhepunkt in die
Jahre von etwa 1180 bis 1220 fällt und deren Nachwirkungen bis ins
14. Jahrh. zu spüren sind. Ihre Träger (Minnesänger, Minnesinger)
waren Angehörige des Fürstenstandes, des Adels und der Ministerialen,
später auch bürgerliche Dichter, ihre wichtigsten Pflegestätten
die Höfe kunstsinniger Fürsten wie der der Babenberger in Wien,
Hermanns von Thüringen auf der Wartburg, Dietrichs von Meißen,
Heinrichs Vll. in Schwaben.
QUELLEN
Die Forschung nach den Quellen des zuerst in der Provence (Troubadours)
voll entwickelten Minnesangs hat auf mögliche Einflüsse volkstümlicher
Lyrik, mittellateinische Dichtung (besonders der Vaganten), der Antike
(besonders Ovids), der christlichen Marienverehrung und vor allem auf die
Dichtung der Araber in Spanien aufmerksam gemacht, die eine sangbare Liebeslyrik
mit einem dem Minnesang ähnlichen Frauenpreis und Minneerlebnis vor
dem europäischen Minnesang hatten. Eine schlüssige Ableitung
des Minnebegriffs und -sangs ist jedoch nicht möglich.
FORM
Die ältesten erhaltenen Lieder des deutschen Minnesangs zeigen einfachen
Strophenbau, vier paarweise gereimte Lang- oder Kurzzeilen, zuweilen mit
einer eingeschobenen reimlosen Zeile, der Waise; der eigentliche Minnesang
hingegen ist durch eine dreigeteilte Strophe bestimmt: Zwei in sich gleich
gebauten Stollen (Aufgesang) steht ein dritter, abweichender Teil (Abgesang)
gegenüber. Diese Form ist zweifellos musikalisch bedingt. Denn der
gesamte Minnesang ist "Sang", nicht gesprochene oder gelesene Dichtung.
Die Dichter waren zugleich Komponisten, jedes Lied hatte seine Weise. Die
Gesamtheit von Strophenbau und Melodie nannte man don (Ton). Wie die Strophe
wurde auch der Reim immer kunstvoller: Reinheit des Reims wurde strenge
Forderung und die Reimkunst zu beachtlicher Höhe gesteigert. Neben
dem durch Anregung des französischen Zehnsilblers entstandenen dreiteiligen
Sprachtakt (früher Daktylus, heute eher Dreisilbler-Takt genannt)
herrschte der einfache Wechsel von Hebung und Senkung vor, der in der Spätzeit
(besonders bei den Meistersingern) zu sprechwidrigem Silbenzählen erstarrte.
Neben dem Lied steht der Leich, formal von der lateinischen Sequenz abzuleiten,
der aus unregelmäßigen, jedoch kunstvoll miteinander korrespondierenden
Teilen aufgebaut ist. Als dritte Gattung wird der Spruch gesehen (ein-
oder mehrstrophig, dreiteilig oder unstollig), der erst durch Walther von der Vogelweide
Aufgabe des ritterlichen Dichters wurde. Zumeist steht er
seines politisch-didaktischen Inhalts wegen außerhalb des eigentlichen
Minnesangs. Krönung und Vollendung erfuhr er im Spätmittelalter
durch Heinrich Frauenlob.
WESENSZÜGE
Der Minnesang ist keine Erlebnislyrik; diese für das Mittelalter neuartige,
psychologisch hochdifferenzierte Darstellung sinnlicher und seelischer
Beziehungen zwischen Mann und Frau vollzog sich vielmehr im Rahmen einer
gesellschaftlichen Konvention: Kern war das grundsätzlich als hoffnungslos
vorausgesetzte Dienen und Werben des ritterlichen Sängers um die verheiratete
höfische, unerreichbare und im Lobpreis idealisierte Frau. Dennoch
können persönliche Erfahrung sowie dichterische Minne Imagination
und Ausdruckskraft einzelne Lieder individueller Liebeslyrik gleichsetzen.
Sinn des beständigen Dienstes ohne Lohn war die Läuterung des
Ritters, die Entfaltung seelischer und sittlicher Tugenden, die zugleich
Werterhöhung für ihn bedeuteten. Der aufbrechende Konflikt zwischen
Hingabe an die Hohe Minne und Gottesdienst, insbesondere der Verpflichtung
zur Kreuzfahrt, wurde Thema des Kreuzliedes.
Bevor der Einfluss des provenzalischen und nordfranzösischen
Minnesangs im deutschen Sprachgebiet wirksam wurde (vermittelt zuerst durch
Friedrich von Hausen am Mittelrhein), gab es im Donauraum eine eigenständige
ritterliche Liebeslyrik, in der die Frau sich unbefangen zur Liebesgemeinschaft
bekannte (Der Kürenberger; Dietmar von Aist). Höhepunkte des
klassischen deutschen Minnesangs sind die an glanzvollen Bildern reichen
Lieder Heinrichs von Morungen und die subtilen Minnereflexionen und -klagen
Reinmars von Hagenau. Auch die großen Epiker pflegten den Minnesang:
Bei Hartmann von Aue klingt das Motiv der niederen Minne, der gewährenden
Liebe der nichthöfischen Frau, auf; Wolfram von Eschenbach benutzte
die im Provenzalischen vorgebildete Form des Tageliedes, das den Abschied
nach heimlicher Liebesnacht schildert, und durchbrach schließlich
die Grenzen des Minnesangs mit dem Preis der ehelichen Liebe. Walther von der Vogelweide
verband meisterhafte Beherrschung des hohen Minnesangs mit
der kühnen Überwindung der ständischen Gebundenheit in den
volkstümlich-vagantische Anregungen schöpferisch aufnehmenden
Liedern der niederen Minne. Neben der epigonalen Nachfolge und Variation
des hohen Minnesangs (Ulrich von Lichtenstein, Gottfried von Neifen u.a.)
gab es die dörperliche Dichtung Neitharts von Reuental (Tanzlied),
der mit bäuerlich derben Szenen in der Formensprache des Minnesangs
und der daraus entstehenden parodistischen Wirkung eine späthöfische
Gesellschaft unterhielt.
Schon um 1300 wurde der Minnesang historisch empfunden und in Liederhandschriften
gesammelt. Im späten Mittelalter, mit dem Übergang der Dichtkunst
vom Adel auf den Bürger, wurde die Formenwelt des Minnesangs vom Meistersang übernommen.
|  |
Tagelied oder Wächterlied
Diese Gattung des europäischen mittelalterlichen Minnesangs schildert
zumeist in Wechselrede das Scheiden der heimlich Liebenden am Morgen, der
in der typischen Form des Liedes durch den warnenden Wächter vom Turm
verkündet wird. Durch seine unverhohlene Darstellung der erfüllten
Liebe nimmt das Tagelied eine Sonderstellung innnerhalb des klassischen
Minnesangs ein. Die Entstehung der Gattung ist nicht eindeutig geklärt.
Das höfische Tagelied mit dem Ruf des Wächters stammt von den
Troubadours der Provence; von dort aus wirkt es auf Nordfrankreich und
Deutschland. Hier wird Wolfram von Eschenbach der Meister des deutschen
Tagelieds; das frühe Tagelied Dietmar von Aists kennt die Figur des
Wächters noch nicht. Im Spätmittelalter wird das Tagelied oftmals
parodiert (Steinmar); seit dem 14. Jahrhundert geht es in die bürgerliche Dichtung und ins Volkslied über.
|  |
Dörperliche Dichtung
nach mittelhochdeutsch "dörper" ("Dörfler, Tölpel"). Zweig
der spätmittelalterlichen Lyrik. Die Formkunst des Minnesangs wird
auf grotesk-satirisch gesehene bäuerlichen Themen, vornehmlich Tanzszenen,
übertragen. Schöpfer dieser, einer höfischen Gesellschaft
vorgetragenen, auf komisch-parodistische Wirkung berechneten Dichtung ist
Neithart von Reuental, der selbst zu einer Sagenfigur und als Feind der Bauern Held derber Spiele und Schwänke wurde.
|  |
Leich
auf germanisch "laik" (Tanz, Spiel) und althochdeutsch "leih" (gespielte
Weise) zurückgehend. Der Leich ist eine Form mittelhochdeutscher Lyrik
und geht zurück auf die lateinischen Sequenzen des Kirchengesanges
und deren System einander respondierender Chöre. Im Unterschied zur
Folge gleichartiger Strophen beim Lied weist der Leich nach Umfang und
Bau unregelmäßige Teile auf, die aber in zumeist zwei umfassenden
Gruppen und in Untergruppen miteinander korrespondieren. Inhaltlich unterscheidet
man religiöse, Minne- und Tanz-Leich. Auch der epische Gesang zur
Harfe wird im Mittelhochdeutschen (z.B. im "Tristan") Leich genannt.
|  |
Kreuzlied
Gattung der provenzalischen und mittelhochdeutschen höfischen Lyrik, die mittelbar oder unmittelbar propagandistisch zum Kreuzzug aufruft, wie z.B. Friedrich von Hausen, Hartmann von Aue, Walther von der Vogelweide, Albrecht von Johansdorf, Heinrich von Rugge u.a. Seltener sind direkte Pilgerlieder erhalten; meist handelt es sich um eine Verbindung mit dem Minnelied, indem der Dichter auf der Kreuzfahrt an die Geliebte denkt und sich des tiefen Konflikts zwischen Minne- und Kreuzzugspflicht bewusst wird, oder es geht um politische Mahnungen und Kritik (siehe z.B. Tannhäuser).
Die 12 alten Meister
Die Meistersinger des ausgehenden Mittelalters verehrten als die "Zwölf alten Meister" folgende Minnesänger:
|