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      Hildegard von Bingen - vereinnahmt und verfälscht

Sie gilt als große Heilkundige, Visionärin und geniale Komponistin des Mittelalters - die vor 900 Jahre geborene Hildegard von Bingen. Ihre Person und ihr Werk sind jedoch in Gefahr, von der Esoterik-Bewegung vereinnahmt und verfälscht zu werden. Daran ist die Fachwissenschaft indes nicht ganz unschuldig, denn bisher gibt es keine historisch-kritische Biographie, die den zahlreichen Hildegard-Romanen, Hildegard-Rezeptsammlungen und Hildegard-Ratgebern gegenüberstehen könnte.
Eine Tagung, die Mitte März 1998 in Mainz stattfand, hat versucht, einige Strittigkeiten über Leben und Werk der Hildegard zu klären. (Veranstaltungen im Hildegard-Jahr). Die FAZ hat in ihrer Ausgabe vom 6. Mai 1998 einige Ergebnisse zusammengetragen. Ein Problem ist die Korrespondenz der Hildegard, die zu den umfangreichsten des gesamten Mittelalters zählt. Welche von den Briefen, die oft erstaunlich sind - es sind Drohbotschaften an Kaiser Barbarossa und politische Ratschläge für Päpste darunter - welche von diesen Briefen also sind tatsächlich abgeschickt worden? Sind viele dieser Briefe vielleicht fiktiv?
Unklar ist auch die Autorschaft Hildegards an den Heilkunde-Büchern "Physica" und "Causae et curae" (Ursachen und Behandlungen der Krankheiten). Nach eigener Aussage hat sie nur ein einziges Heilkundebuch verfaßt. Laurence Moulinier aus Paris, die sich zur Zeit der Edition von "Causae et curae" widmet, nimmt an, daß diese Texte im wesentlichen hildegardianisch sind. Die Existenz von "Physica" hingegen wird erst um 1300 faßbar, also lange nach Hildegard. Irmgard Müller aus Bochum zeigte, daß jedoch sprachlich der Text von "Physica" den Wissensformen des 12. Jahrhunderts entspricht.
Staunend und rätselnd stehen die Forscher vor dem Musikschaffen Hildegards. Einflüsse und Vorgänger sind nicht erkennbar. Ihre 77 "Symphoniae" sind das größte musikalische Gesamtwerk eines Komponisten vor dem 14. Jahrhundert, wie Magareth E. Fassler aus Yale darlegte.
Das Bild von der Person Hildegards konnte wesentlich korrigiert werden. Franz Staab aus Koblenz konnte zeigen, daß Hildegard nicht schon mit acht Jahren, sondern erst als vierzehnjährige Inklusin, "Eingemauerte", der Benediktinerabtei am Disibodenberg bei Mainz wurde. Hildegard, die zehnte Tochter aus dem Geschlecht der Herren von Bernersheim, war also nicht von früher Kindheit von Klostermauern eingeschlossen, sondern lebte zunächst in einer Art religiöser Wohngemeinschaft in einem zwar frommen, aber doch weltoffenen, höfisch geprägten Milieu. Hildegard hat auch in ihrem weiteren Leben versucht, diese relativ selbstbestimmte Lebensform zu bewahren. Die Umbildung der rasch wachsenden Frauenklause zum Kloster war ein Kompromiß, den sie akzeptierte. Als jedoch der Einfluß des Männerkonvents zu groß wurde, gründete Hildegard das Kloster am Rupertsberg bei Bingen und akzeptierte 1158 schließlich die "Regula Benedicti".

[Quelle: Doris Marszk, FAZ]


     
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