



|
|
Der Marner: Drei Lieder
Es hat du starke gotes kraft
ich wil die minne strafen
We dir, von zweter Regimar!
Es hat du starke gotes kraft
mit wunderlicher meisterschaft
gecirgget wol der sternen kreis, den svnnen vnd die manen.
dv bist gebildet, mensche, nach im.
dv sitze, dv stant, dv wat, dv swim,
dv solt dich siner helfe niemer vreuenliche entanen.
sin hoehe, dú ist dir ze hoh,
sin wite ze breit, sin grunt ze tief, sin lenge sich dir lenget.
der erste mensche sin lere floch,
da von wart er vs paradyses froeiden her gepfrenget
in dirre werlte vnfroeiden kamer;
da von vns twinget noch des fluoches zange vnd sleht der hamer:
wir mvessen vnser spise in sweize von der erden ianen.
Neuhochdeutsche Übertragung:
Die gewaltige Macht Gottes hat in wunderbarer Meisterschaft
dem Sternenrund, der Sonne und dem Mond ihre Bahnen aufs Genaueste zugemessen.
Du, Mensch, bist nach seinem Vorbild gestaltet. Ob du nun sitzt, stehst,
watest, schwimmst, seiner Hilfe sollst du dich niemals mutwillig entschlagen.
Seine Höhe ist zu hoch für dich, seine Weite zu weit, seine Tiefe
zu tief, seine Länge zu ausgedehnt. Der erste Mensch entzog sich seinem
Gebot, deshalb wurde er aus den Freuden des Paradieses hinaus in das jammervolle
Gehäuse dieser Welt verstoßen; von daher hält uns noch
heute die Zange des Fluches in ihrem Griff und schlägt uns sein Hammer:
Im Schweiß müssen wir unsere Nahrung der Erde abgewinnen.
ich wil die minne strafen,
si swachet ir eren ein teil.
swa si wol solde slafen,
da wachet si vf ir vnheil.
ich tven ir mit rede gewalt, das ist ir widerwinne.
si vert vsserthalb der mâsse vnd ist genant vnminne.
minne ist vnstete vri.
swa sich du rose erzeiget,
da reiget der dorn an das zwi.
Neuhochdeutsche Übertragung:
Ich will die Liebe schelten, sie bringt sich um die Ehre.
Zu ihrem eigenen Schaden wacht sie, wo sie ruhen sollte. Ich schmähe
sie mit Worten, das ist ihr zuwider. Sie ist maßlos und muss
das Gegenteil von Liebe heißen. [Wahre] Liebe kennt keine Unbeständigkeit.
[Aber] auf dem Zweig, auf dem sich die Rose zeigt, macht sich auch der
Dorn breit.
We dir, von zweter Regimar!
du núvest mangen alten vunt,
du speltest als ein milwe ein har,
dir wirt vs einem orte ein pfvnt,
ob din liessen dich niht trúget.
dir wirt vs einem tage ein iar,
ein wilder wolf wirt dir ein hvnt,
ein gans ein goch, ein trappe ein star,
dir spinnet hirz dur dinen mvnt,
wa mit hast dv das erzúget?
ein lug dur dine lespe sam ein slehtú warheit vert,
dv hast dien vischen hvesten, krebsen sat erwert.
bi dir so sint drú wundertier:
das ist der git, has vnde nit.
dv doene dieb!
dv prueuest ane malz ein bier.
supf vs! dir ist ein leker lieb,
der den herren vil gelúget.
Neuhochdeutsche Übertragung:
Pfui über dich, Reinmar von Zweter! Du wärmst manchen
früheren Einfall wieder auf, du spaltest Haare wie die Milbe, aus
einem Heller wird bei dir ein Pfund, wenn deine Zauberei dich nicht [selbst]
betrügt. Aus einem Tag wird bei dir ein Jahr, ein wilder Wolf wird
bei dir ein Hund, eine Gans ein Kuckuck, eine Trappe ein Star, durch deinen
Mund kann ein Hirsch spinnen, womit hast du dafür den Beweis erbracht?
Über deine Lippen geht eine Lüge wie eine glatte Wahrheit, du
hast den Fischen das Husten, den Krebsen das Säen zugestanden. Dich
begleiten drei seltsame Tiere: das ist der Geiz, der Hass und der
Neid. Du Tönedieb! Du braust Bier ohne [eigenes] Malz. Sauf es selbst!
Du hältst es mit dem Schmarotzer, der den Herren viel vorlügt.
|