Zur Seite Deutsche Literatur       Mittelalter
     
Startseite
Mittelalter
Renaissance
Barock
Aufklaerung
      Reinmar von Hagenau: Ich wirbe umb allez daz ein man

Ich wirbe umb allez daz ein man
ze wereltlîchen fröiden iemer haben sol.
daz ist ein wîp der ich enkan
nâch ir vil grôzen werdekeit gesprechen wol.
lob ich si sô man ander frowen tuot,
dazn nimet eht si von mir niht für guot.
doch swer ich des, sist an der stat
dâs ûz wîplîchen tugenden nie fuoz getrat.
daz ist in mat.

Si ist mir liep, und dunket mich
daz ich ir volleclîche gar unmære sî.
nu waz dar umbe? daz lîd ich,
und bin ir doch mit triuwen stæteclîchen bî.
waz obe ein wunder lîhte an mir geschiht,
daz si mich eteswenne gerne siht?
sâ denne lâze ich âne haz,
swer giht daz ime an fröiden sî gelungen baz:
der habe im daz.

Und ist daz mirs mîn sælde gan
deich abe ir redendem munde ein küssen mac versteln,
gît got deichz mit mir bringe dan,
sô wil ichz tougenlîche tragen und iemer heln.
und ist daz siz für grôze swære hât
und vêhet mich dur mîne missetât,
waz tuon ich danne, unsælic man?
dâ heb i'z ûf und legez hin wider dâ ichz dâ nan,
als ich wol kan.

Übertragung ins Neuhochdeutsche:

Ich bemühe mich um alles, was ein Mann zu irdischem Glück immer haben muss. Das ist eine Frau, von der ich gar nicht so sprechen kann, wie es ihre Vollkommenheit verlangt. Preise ich sie wie andere Frauen, so nimmt sie das von mir doch nicht als gut genug an. Ich versichere dennoch, sie hat nie einen Schritt aus dem Kreis weiblicher Tugenden hinausgetan. Das setzt sie alle matt.

Sie ist mir lieb, doch scheint mir, dass ich ihr vollkommen gleichgültig bin. Was tut's! Das ertrage ich und bin ihr dennoch stets mit meiner Treue nah. Wie, wenn vielleicht ein Wunder an mir geschieht, dass sie mich irgendwann einmal doch gerne sieht? So lasse ich es denn auch neidlos geschehen, wenn jemand behauptet, er habe größere Freuden erlangt. Mag er!

Und sollte mir mein Glück vergönnen, dass ich von ihrem Munde, während sie spricht, einen Kuss stehlen kann, gibt Gott, dass ich ihn dann mit mir fortbringe, so will ich ihn heimlich bei mir tragen und immer verbergen. Sollte sie das aber für eine schwere Kränkung halten und mich meiner Untat wegen hassen, was tu ich dann, ich Unglücklicher? Dann nehme ich ihn und lege ihn wieder dorthin, woher ich ihn nahm, wozu ich gewiss imstande bin.


     
© Wolfgang Pohl       [Deutsche Literatur] [Startseite] [Mittelalter] [Renaissance] [Barock] [Aufklärung]