Zur Seite Deutsche Literatur       Mittelalter
     
Startseite
Mittelalter
Renaissance
Barock
Aufklaerung
      Reinmar von Zweter: Vier Lieder

Tristram, der leit vil groze not
Alle schvole sint gar ein wint
Ein wip, di gar geuriet hat
Waz cleider vrowen wol an ste

Tristram, der leit vil groze not,
von eines wibes minne lac er vil iemerlichen tot;
daz quam von sinen triwen, di selbe minne vz eime glase er tranc.
Daz selbe ouch ich getrvnken han
vz miner frowen ougen, da uon ich in grozem kumber stan,
des mac mir nit gehelfen des meien schin noch cleiner vogelline sanc.
Si hat mich verwundet also sere
durch min herze mit ir minne gere,
ez ensi, daz mich noch ir trost heile,
so ich were anders schire tot,
wand ir vil svozer munt so rot,
der werde noch mir senedem man zu teile.

Neuhochdeutsche Übertragung:

Tristan erduldete große Qualen, durch die Liebe zu einer Frau fand er ein jämmerliches Ende; das geschah durch seine Treue, diese Liebe trank er [im Zaubertrank] aus einem Glas. Dieses [Schicksal] habe auch ich aus den Augen meiner Liebsten getrunken, dadurch trage ich tiefes Leid, von dem mich weder die Pracht des Frühlings noch der Gesang der kleinen Vögelchen erlösen kann. Sie hat mich so tief im Herzen mit ihrem Liebesspeer verwundet, dass ich, wenn mich ihr Trost nicht heilt, bald sterbe, es sei denn, ihr so süßer roter Mund berührt mich sehnsuchtskranken Mann.



Alle schvole sint gar ein wint
wan div schvole aleine, da di minnere sint;
di ist so kunstvrise, daz man ir mvoz der meisterschefte iehen.
Jr besem zamt so wilden man,
daz er nie gehorte noch gesach, daz er daz kan.
ich wene, nieman so hoher schvole habe gehort oder gesehen.
Di minne leret, di vrowen schone grvezen,
di minne leret manigen spruch vil svezen,
di minne leret groze milte,
o di minne leret groze tvgende,
di minne leret, daz di iugende
kan ritterlich gebaren vnder schilte.

Neuhochdeutsche Übertragung:

Alle Schulen taugen nichts im Vegleich zu der, in der die Liebenden sind; die ist so unterrichtet in der Kunst, dass man ihr die Meisterschaft zusprechen muss. Ihre Rute zähmt den ungebärdigen Menschen so sehr, dass er das vermag, was er vorher nie gehört oder gesehen hat. Ich glaube, niemand hat je von so vortrefflicher Schule gehört oder [sie] gesehen. Die Liebe lehrt, sich vor den Frauen zierlich zu verneigen, die Liebe lehrt viele zärtliche Worte, die Liebe lehrt große Freigebigkeit, die Liebe lehrt große Fähigkeiten, die Liebe lehrt, dass der junge Mann, der den Schild trägt, sich auch als wahrer Ritter erweist.

Ein wip, di gar geuriet hat
ir leben vnt ouch irn lip vor aller missezemender tat,
di hat ir herze gevurstet, ob si nit lúte noch der lande habe.
Sint ir gedenke vnkúsche vri,
vnkuscher worte ir munt, so iehen wir, daz si beide si:
ein engel vnt ein wip; des lobes gestet ir nimmer gvot man abe.
Swer si dan wip, vrowe vnt engel nennet,
der bekennet ir, des ir got selbe bekennet:
von liebe ein wip, von tugenden ein vrowe,
ein engel von der reinikeit,
da mite der geist ie widerstreit
vleislicher girde alsam di sunne dem touwe.

Neuhochdeutsche Übertragung:

Eine Frau, die ihr Leben und ihre ganze Person von allen Taten freigehalten hat, die sich nicht für sie schicken, die hat das Wesen einer Edelfrau erworben, auch wenn sie nicht Leute und Land besitzt. Wenn ihre Gedanken frei von Unkeuschheit sind, ihr Mund [frei von] unkeuschen Worten, dann sagen wir, sie sei beides: ein Engel und eine Frau; kein redlicher Mann versagt ihr dieses Lob. Wer sie Frau, Herrin und Engel nennt, der billigt ihr zu, was Gott selbst ihr [als Titel] zubilligt: um der Liebe willen eine Frau, um der Tugenden willen eine Herrin, ein Engel um der Keuschheit willen, mit der der Geist stets gegen die fleischliche Begierde ankämpft wie die Sonne gegen den Tau.

Waz cleider vrowen wol an ste,
des wil ich vch bescheiden: ein hemede wiz alsam ein sne,
daz ist, daz si got minne vnt habe in liep, dest wol ein richez cleit.
Dar ob sol sin ein roc gesniten,
so daz si liep vnt leit sol tragen mit uil kuschen siten;
ir gurtel si diu minne, ir vurspan, daz si tugenden si bereit;
div ere ir mantel, daz der an ir decke,
ob icht des si, daz wandels an ir blecke;
Jr rise, daz sol sin ir triwe,
dar ob ein schappel von der art,
daz si uor ualsche si bewart.
si selic wip, der lop ist immer nîwe!

Neuhochdeutsche Übertragung:

Ich will euch erklären, welche Kleider den Frauen gut stehen: Ein Unterkleid weiß wie der Schnee, das bedeutet, dass sie Gott lieben und ihm zugetan sein soll, das ist ein prächtiges Kleid. Darüber soll als ein Rock geschneidert sein, dass sie Gutes und Böses in keuscher Sittsamkeit ertragen soll; ihr Gürtel sei die Liebe, ihre Schnalle Bereitschaft zur Tugend; ihr Mantel die Ehre, damit er an ihr bedecke, wenn etwas Unzuverlässiges an ihr zum Vorschein komme; ihr Schleier soll die Treue sein, darüber ein Häubchen von solcher Art, dass sie vor allem Makel beschützt ist. Preiswürdig ist diese Frau, ihr Ruhm kann nicht verblassen!

     
© Wolfgang Pohl       [Deutsche Literatur] [Startseite] [Mittelalter] [Renaissance] [Barock] [Aufklärung]