Zur Seite Deutsche Literatur       Mittelalter
     
Startseite
Mittelalter
Renaissance
Barock
Aufklaerung
      Philipp Melanchthon
geb. 16.2.1497 Bretten (Baden)
gest. 19.4.1560 Wittenberg.

Biographie

Melanchthon wuchs als ältester Sohn in einer wohlhabenden bürgerlichen Familie in Bretten auf. Sein Vater soll 1504 im bayerisch-pfälzischen Krieg aus einem vergifteten Brunnen getrunken haben; nach langem Siechtum starb er am 27.10.1508. Melanchthon, der den Vater nur als kranken Mann erlebt hatte und von dessen frommer Haltung beeindruckt war, gedachte sein Leben lang dieses Tages. Kurz vor dem Vater war auch der Großvater Reuter gestorben, in dessen Hause Melanchthon seine Kindheit verbracht hatte. Die Großmutter Reuter zog mit drei Enkeln in ihre Heimatstadt Pforzheim, und dort besuchten sie die bekannte Lateinschule. Johann Reuchlin, Richter des Schwäbischen Bundes in Stuttgart, kümmerte sich um die Ausbildung Melanchthons, beriet ihn und schenkte ihm Bücher. Als Melanchthon mit seinen Freunden vor dem berühmten Gelehrten eins von dessen neulateinischen Schauspielen aufführte, setzte ihm Reuchlin seinen Doktorhut auf und gab seinem Namen die gräzisierte Form, mit der Melanchthon in die Geschichte eingegangen ist.

Am 13.10.1509 wurde Melanchthon in Heidelberg immatrikuliert, wo er den Grad des Bakkalaureus erlangte. 1512 zog er nach Tübingen, um Reuchlin näher zu sein. Er beschäftigte sich nun mit den Schriften des Erasmus von Rotterdam, die ihm die humanistische Bildungswelt weiter erschlossen. 1514 wurde er Magister und lehrte seitdem in der Realisten-Burse Rhetorik und Dialektik. Im Verlag Anshelm bearbeitete er daneben die Chronik des Tübinger Rektors Nauclerus und einige Lehrbücher. Zuletzt übernahm er den Lehrauftrag für Eloquenz. Hier zeigte sich auch sein historisches Interesse. Wichtig wurde für ihn der Freundeskreis, der sich damals um ihn sammelte und zu dem auch Johannes Ökolampad gehörte. Von diesem erhielt er Agricolas "Dialectica", ein für seine wissenschaftliche Entwicklung wichtiges Buch, das ihn über Cicero und Quintilian hinausführte.

Zu dieser Zeit erhielt Reuchlin von Kurfürst Friedrich dem Weisen von Sachsen die Anfrage, ob er ihm für seine Universität einen Lehrer des Griechischen empfehlen könne. Dieser wies auf Melanchthon hin, der nach seiner Überzeugung gleich nach Erasmus komme. Der Kurfürst folgte diesem Rat. Über Augsburg, wo er sich dem Kurfürsten vorstellte, Nürnberg und Leipzig ritt Melanchthon nach Wittenberg, das ihm für 42 Jahre Heimat werden sollte. In der Schlosskirche hielt er am 29.8.1518 seine vielbeachtete Antrittsvorlesung "De corrigendis adolescentiae studiis". Luther war beeindruckt; ihm erschien es als Fügung, dass er einen so tüchtigen Kollegen erhalten sollte. Als er sich im Oktober 1518 vor Kardinal Cajetan verantworten musste, setzte er Melanchthon zu seinem Stellvertreter ein, der sein Werk fortsetzen sollte, falls er nicht wiederkehrte. Dadurch ergab es sich, dass Melanchthon von Anfang an außer Vorlesungen über klassische Autoren auch solche über biblische Schriften hielt. Von Luthers Theologie erfasst, hat auch Melanchthon diesen in mancher Hinsicht anregen und weiterführen können. Diese ersten Jahre brachten es mit sich, dass aus dem Humanisten Melanchthon zusehends der Theologe und Kirchenmann wurde. Schon im September 1519 wurde er baccalaureus biblicus. In den Jahren des Durchbruchs und der reformatorischen Entscheidungen begann Melanchthon auf der Grundlage seiner Römerbrief-Vorlesung eine Zusammenfassung der reformatorischen Lehre zu schreiben, die er "Loci communes" (Hauptbegriffe) nannte. Diese erste evangelische Dogmatik erschien im Dezember 1521.

Außer theologischen Problemen bedrängten ihn in der Zeit um 1524/25 die Nöte des Bauernkrieges. Sein alter Landesherr, der Kurfürst von der Pfalz, rief ihn zu Hilfe; bei den Bauern stand er in so hohem Ansehen, dass sie ihn als Schiedsrichter vorschlugen. Melanchthon willigte nicht ein, er schrieb eine beschwichtigende Schrift, die seine Obrigkeitstreue und konservative Art hervortreten ließ. Entsprechend seiner Herkunft aus wohlhabendem Hause hatte er kein Verständnis für das Elend der Bauern. Wie Erasmus so war auch ihm jeder Tumult zuwider. Für ihn war dabei das Obrigkeitsverhältnis nach Römer 13 maßgebend.

Als die Ruhe im Lande hergestellt war und die schon lange fällige Visitation in Kursachsen durchgeführt wurde, gehörte Melanchthon zur Visitationskommission. Aufgrund der ersten praktischen Erfahrungen entwarf er die Grundsätze für diese Arbeit in seinem "Unterricht der Visitatoren", in dem die Lehre kurz zusammengefasst und die kirchliche und schulische Ordnung behandelt wurde. Die von Luther überprüfte und mit einer Vorrede versehene Schrift wurde 1528 veröffentlicht. Melanchthon sah die Belehrung des Volkes als dringende Aufgabe an. Daher befasste er sich in dieser Zeit erneut mit Fragen des Unterrichts und der Bearbeitung des Katechismus. Als weitere Aufgabe kam auf ihn die lehrmäßige Zusammenfassung evangelischer Bekenntnisse zunächst für innerkirchliche Zwecke, dann auch für die Verständigung mit Glaubensverwandten zu. Über Jahrzehnte hin blieb er damit beschäftigt. Daneben galt er als der gegebene Mann, wenn es sich um Schulfragen handelte. Er besaß dafür auch praktische Erfahrungen, denn zehn Jahre lang unterhielt er eine Privatschule, in der er junge Studenten vorbereitete und begabte Schüler förderte. Nürnberg forderte ihn auf, eine städtische Lateinschule dort einzurichten; die Organisation traf er, die Leitung überließ er Joachim Camerarius. Ihm fiel auch die Reform der Universitäten zu, in Wittenberg ebenso wie in Tübingen und Leipzig. Überall betonte er die Würde der Schule und ihre Bedeutung für den Staat.

Melanchthon behielt zeitlebens seine Stellung in der artistischen Fakultät, seit 1535 war er auch Mitglied der theologischen. In Vorlesungen behandelte er die aristotelische Philosophie. Auch gab er Kommentare zu Schriften des Aristoteles heraus, dessen Klarheit und Bestimmtheit er bewunderte. Er beschäftigte sich vor allem mit dessen Physik, Ethik und Politik. Unter Physik verstand Melanchthon die gesamte Kenntnis der Natur unter Einbeziehung des Menschen. Später gab er seine Anthropologie unter dem Titel "De anima" gesondert heraus. Melanchthon sah den Menschen darauf angelegt, den Willen Gottes in der Schöpfung zu erkennen und das zum Leben Nützliche auszuwählen. Die Erkenntnis führe ihn zu weiterer Entwicklung. Daher solle sich der Mensch nicht mit der Beschreibung äußerer Erscheinungen begnügen, sondern ihre Ursachen zu erfahren suchen. Als einer der ersten neueren Denker bezog Melanchthon auch die Psychologie in seine Anthropologie ein. Statt wie Aristoteles von den Elementen, ging Melanchthon von Gott als dem Urheber alles Geschehens aus. In Anknüpfung an die Antike trug er seine Argumente für die Gottesbeweise zusammen: da der Gedanke an den Schöpfer natürlich ist, muss er nach Melanchthon auch wahr sein. Auch die Zweckmäßigkeit der Schöpfung führe auf den Schöpfer. Am wirksamsten war für ihn der moralische Beweis. Nicht weniger anregend als "De anima" waren Melanchthons ethischen Fragen gewidmete Schriften. Insbesondere beschäftigte ihn der Unterschied zwischen philosophischer und theologischer Ethik. Die auf das öffentliche Leben bezogene Moral nannte Melanchthon Politik. Auch hier konnte er nicht blindlings antiken Philosophen folgen, sondern bemühte sich, Anschauungen klassischer Autoren mit biblischen Gedanken zu verbinden. Schafft die Obrigkeit ihrer Pflicht entsprechend "vernünftige Gesetze", die dem natürlichen Recht entsprechen, dann wird ihnen jeder gehorchen. Mehrfach überarbeitete Melanchthon auch seine Dialektik, die die Logik zum Gegenstand hat. Er schätzte die Kunst, methodisch richtig über einen Gegenstand zu denken und zu lehren.

Mit 32 Jahren begann Melanchthon sich politisch zu betätigen. Er begleitete Kurfürst Johann den Beständigen nach Speyer zum "Protestationsreichstag", nahm an den Besprechungen teil und verständigte sich mit Philipp von Hessen über die Einigung der evangelischen Stände. Beim Marburger Religionsgespräch am 1.10.1529 war Melanchthon neben Luther der Wortführer der Wittenberger und disputierte mit Zwingli. Seitdem fehlte er bei fast keinem Religionsgespräch.

Als Karl V. im Januar 1530 den Reichstag nach Augsburg ausschrieb, zog der sächsische Kurfürst Melanchthon zu den vorbereitenden Arbeiten heran. War er schon bei den Torgauer Artikeln beteiligt, so erhielt er unterwegs nach Augsburg den Auftrag, die evangelische Auffassung seines Landesherrn ausführlich darzulegen und zugleich eine Antwort auf Ecks 404 Artikel zu geben. An dieser Grundschrift, der "Confessio Augustana", arbeitete er unentwegt drei Monate lang. Sie bestand aus 28 Artikeln: 21 Glaubensartikeln und 7 Artikeln über die Missbräuche, die den Torgauer Artikeln entsprachen. Trotz ihrer Kürze brachte diese Schrift Luthers Glauben voll zum Ausdruck und hob gleichzeitig die Übereinstimmung mit der alten Kirche hervor. Am 25.6.1530 wurde sie in deutscher Übersetzung vor Kaiser und Reich verlesen und am 3.8.1530 von den katholischen Vertretern in der Confutatio widerlegt. Die Ausgleichsverhandlungen, an denen Melanchthon teilnahm, blieben ergebnislos. Nun begann Melanchthon gegen die Confutatio der Altgläubigen seine "Apologia Confessionis Augustanae" zu schreiben, bei der er keine Rücksichten mehr zu nehmen brauchte und manche Klarstellungen bringen konnte. "Confessio Augustana" und "Apologia Confessionis Augustanae" wurden die Grundschriften des Protestantismus, die über Jahrhunderte in Geltung blieben.

Nach dem Passauer Vertrag und dem Augsburger Religionsfrieden konnte Melanchthon daran gehen, für die innere Sicherung der evangelischen Kirche einzutreten. Er schrieb das "Examen ordinandorum", trat für die bekenntnismäßige Verpflichtung der Prediger ein und sorgte für die Abgrenzung von den Methoden der Inquisition. Sein Leben war ausgefüllt von Ereignissen, die die evangelischen Gemeinden schwer trafen, wie die Deportation der Bevölkerung von Dorpat und Narva ins Innere Russlands und die Verwüstung ganz Livlands. Aber auch die Auseinandersetzungen des Hamburgers Joachim Westphal mit Calvin wegen der Behandlung calvinistischer Flüchtlinge sowie der Abendmahlsstreit in Heidelberg und Bremen erregten ihn sehr. Obwohl es viele Missverständnisse zu beheben galt, lehnte er es ab, für alle ein Einigungsbekenntnis aufzusetzen.

Melanchthons Einfluss ist zu seinen Lebzeiten wie auch später groß gewesen. Er hat die Bildungswelt für die Reformation gewonnen und galt als wissenschaftliche, vor allem als pädagogische Autorität. Die Confessio Augustana ist die verfassungsmäßige Grundlage der meisten reformatorischen Kirchen geworden.

Der Autor im WWW


     
© Wolfgang Pohl       [Deutsche Literatur] [Startseite] [Mittelalter] [Renaissance] [Barock] [Aufklärung]