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      Jörg Wickram
geb. um 1505 in Colmar
gest. vor 1562 bei Altbreisach

Biographie

Jörg Wickram gehört einer weitverzweigten, schon um die Mitte des 15. Jhd. in Colmar (Elsass) angesehenen Patrizierfamilie an; doch nur als Seitensprössling, nämlich als unehelicher Sohn des Ratsvorsitzenden Konrad Wickram. Das Datum seiner Geburt ist unbekannt, aber mindestens im ersten Jahrzehnt des 16. Jhd. zu suchen. Er erhielt keinen gelehrten Unterricht, gehört aber zu den nicht seltenen kleinbürgerlichen Männern jener Epoche, an ihrer Spitze Hans Sachs, die mit offenem Sinn und großem Fleiß soviel wie nur möglich sich an Bildungsschätzen, antiken und modernen, geistlichen und weltlichen, hörend und lesend aneigneten, um es dann selbst literarisch zu verarbeiten und zu popularisieren.

Auch wann Wickram seine Frau Anna heiratete, ist unbekannt. 1546 wurde er Bürger der Stadt, der er als niederer Gerichtsangestellter diente; doch zeugt es von Vertrauen, dass man ihn 1542 nach Speier und Frankfurt sandte, um dort eine im Selbstverlag des Rats erschienene deutsche Übersetzung Plutarchs abzusetzen. 1543 ist er, vielleicht deshalb, selbst als Buchhändler erwähnt. Dieser Reise und einer Überfalls durch Straßenräuber gedenkt er 1555 im "Bilger". Er war ein sesshafter "Tichter und Burger". Auch einen "selbstgewachsenen Moler" nennt er sich und gehörte vielleicht als solcher zur Schmiedezunft; "Jerg Wickramm der maler" heißt er kurzweg in einem Jahrbuch; "die weil du ein wenig mit dem Bensel kanst" bezeugt ihm sein Freund Hanschelo 1554.

Wie er seit dem Anfang der 1530er Jahre die bürgerlichen Schauspiele leitete und auch adelige Gönner zu Beiträgen für die Ausrüstung warb, so war er der rechte Mann, den Meistergesang unter den ehrsamen Bürgern und Handwerkern Colmars zu verbreiten. Am Thomastag 1546 kaufte er in Schlettstadt die jetzt in München befindliche Liederhandschrift, und ein Liederbuch des Hans Sachs kopierte er ausdrücklich als "Tichter und anfenger dieser schuolen", deren Satzungen der Rat 1549 guthieß.

Spätestens zu Neujahr 1555 trat Wickram bei Altbreisach das damals nicht selten von bürgerlichen Dichtern bekleidete Amt eines Stadtschreibers an. Die Umsiedlung scheint dem schon langsam Alternden allerdings schlecht bekommen zu sein. Im Sommer erkrankte er, um gegen Ende des Jahres neuem Siechtum zu verfallen, und der melancholische Grundton der nächsten Schrift und ihre wenig "scharpffen" Reime zeigen, dass er "sehr blöd" war. Nach 1556 (der im folgenden Jahr erschienene Roman "Goldfaden" war schon 1544 "in Truck verfertigt") hat er kein ganz neues Werk mehr verfasst. Tag und Jahr seines Todes sind unbekannt. Das Vorwort eines Straßburger Druckes redet 1562 von ihm als einem Verstorbenen.

Werke in Auswahl

Drama
- Der trew Eckart (1532 gespielt, 1538 gedruckt)
Langatmige biblische Exempla des Herolds liefern den Gegensatz zu einer Revue, "darinn alle stend der welt begriffen werden". Es mischen sich die Lebensalter (Greis, Vater, Kind), die Stände (Pfaff, Edelmann, Ratsherr, handwerker, Landsknecht, Bauer), die Charaktertypen (Ehebrecher, Spieler, Trinker, Gotteslästerer), deren jeder sich seiner Fehler mit großem Behagen rühmt.
- Das Narrengießen (1537 gespielt, 1538 gedruckt)
Anklänge an das "Narrenschiff" Sebastian Brants und an Murners "Großen lutherischen Narren". Ein alter Narr meint, es gebe keine jungen mehr, doch ein Meister von Narrdeyß mit seinem Knecht gießt ihm unter komisch-feierlichen Formeln drei, die nun auf Narrensuche gehen (der Klerus wird allerdings der Überfülle an Narren wegen ausgespart). Sie bringen einen nach dem andern: Der Ehebrecher verteidigt sich, ihn schilt der Trinker, dem sagt der Spieler derb die Wahrheit, und so geht es fort durch Stände und Typen.
- Das Rollwagenbüchlin (1555)
Diese Schwanksammlung ist einem befreundeten Wirt gewidmet, der immer einen Rollwagen zur Straßburger Messe laufen ließ, so dass dies Buch ungefähr dem entspricht, was man heute unter ‘Reiselektüre’ versteht. Er erzählt hierin manche bekannte Anekdote aus dem Elsass, dem Breisgau und aus Schwaben.

Roman
Wickrams Hauptbedeutung liegt im Roman, zu dessen ersten wirklich originellen Pflegern in Deutschland er zählt. Dabei greift er auf aus Frankreich importierte sogenannte Volksbücher zurück. Sein Romanstil erscheint aus heutiger Sicht allerdings als schwülstig, ausufernd und affektiert.

Werke im Original

  • Nachbarn (Straßburg 1556)
    Textausgabe im Rahmen des "Frühneuhochdeutsch-Korpus" der Universität Bonn

     
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