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Das Dokumentarstück
Übersicht:
Dramenform des politischen Theaters in der 2. Nachkriegszeit, die als Reaktion gegen die Unverbindlichkeit der Brecht'schen Parabel und aus Skepsis gegenüber der Möglichkeit, Menschen und gesellschaftliche Verhältnisse durch Phantasieprodukte von der Bühne herab zu verändern, Zuflucht zu archivalischem historischen Faktenmaterial sucht und es in mehr oder weniger unveränderter Form, in authentischen Szenen und quellenmäßig belegbaren Sätzen und Dialogen auf die Bühne bringt. Das Dokumentarstück ist mithin eine (... ) szenische Reportage, bei der der Autor nur zum Arrangeur des dokumentarischen Materials wird, der allenfalls die Ausschnitte bestimmt, Sätze herausgreift, die, isoliert gesprochen, überbewertet werden, über das Geschehen jedoch nicht mehr frei verfügt. ...
Es hatte sich in den 1960-er Jahren gezeigt, dass insbesondere die Parabelstücke der 1950-er Jahre im Stil Max Frischs und Friedrich Dürrenmatts nicht mehr überzeugten. Die Kritikpunkte sollen hier nochmals thesenartig zusammengefasst werden:
Was will nun das Dokumentarstück und, im engeren Sinne das Dokumentartheater? Es will vor allem diejenigen mobilisieren, die einen Missstand zwar mit latenten Schuldgefühlen zur Kenntnis nehmen, darüber hinaus jedoch nichts tun. Das Dokumentartheater richtet sich in seiner politischen Intention quasi an die "Davongekommenen". Es tut dies, indem es die Zeitgeschichte in den Literaturzusammenhang integriert (z. B. Weiss' Vietnamstück) und sich dabei streng an die Fakten hält. Die Charakteristika des Dokumentarstücks, das sich als Gegenpol zur Illusionsliteratur versteht, liegen in seiner Authentizität und Identität der Vorgänge. Dies bedeutet jedoch nicht, dass es den literarisch-ästhetischen Aspekt völlig vernachlässigt. Im Gegenteil: da das Faktenmaterial auf der Bühne nicht reproduziert, sondern rekonstruiert und somit montiert wird, ist ein Arrangement nach ganz bestimmten Gesichtspunkten Notwendig. Die Formungsprinzipien des traditionellen Theaters werden um der Realisierung einer politisch-publizistischen Absicht willen beibehalten. Wir finden bei dieser Gattung also eine Art 'gelenkter Authentizität' auf der Bühne vor, eine Rekonstruktion von Geschehnissen in der Form des Zitats : das Dokumentarstück ist ein 'Nach-Spiel'.
nach Peter Weiss: Notizen zum dokumentarischen Theater (1968)
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