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Neuer Realismus
Grundlagentext: Franz Xaver Kroetz, Vorbemerkungen zum Stück Wunschkonzert
Analysebeispiel: Franz Xaver Kroetz, Stallerhof

Übersicht:

Allgemeines und Vorläufer

Beim Neuen Realismus handelt es sich um eine Reaktivierung des Volksstücks in der Art, dass Elemente des Heimattheaters zitiert werden. Das Resultat ist zumeist ein Dialektstück, in dem das Heimattheater "bissige Urständ" feiert.

Erste Ansätze in dieser Richtung unternahmen in den 1920er und 1930er Jahren Marie-Luise Fleisser und Ödön von Horvath, aufgenommen 1966 von Martin Sperr mit seinen "Jagdszenen aus Niederbayern" und fortgesetzt über Wolfgang Bauer und Wolfgang Deichsel bis hin zu Franz Xaver Kroetz, sowie Rainer Werner Fassbinders "Antitheater" in München und Bremen.

Beispiel: Franz Xaver Kroetz

Die Eigenart der Kroetz'schen Stücke macht die in ihnen thematisierte Konfrontation menschlicher 'Natürlichkeit' mit menschlicher Fassade aus. Aus billigen Lebensregeln, im Widerstreit liegend mit vorgegebenen Sprachklischees, resultiert eine im Gebrauch und Stil wechselnde, nicht beherrschte 'Sprache der Sprachlosen'. Kroetz sagt dazu: "Die Sprache funktioniert bei meinen Figuren nicht. "

Menschen, die der Sprache nicht mächtig sind, können auch ihre Interessen und Sorgen nicht artikulieren, denn "wenn sie der Sprache mächtig wären, würden sie das Problem aufdecken" (Kroetz). Die Haltlosigkeit, die sich daraus ergibt, die Apathie, die es aufzuzeigen gilt, entlädt sich, wenn ein bestimmter Grad erreicht ist, in zwangshaft wirkenden unwillkürlichen Regungen. Ja, es geht so weit, dass einmal so allein gelassene Außenseiter der Gesellschaft in Verbrechen die scheinbar einzig mögliche Lösung in der jetzigen Situation sehen, wobei unterlassene Verbrechen von Kroetz genauso wichtig genommen werden wie tatsächlich begangene. Diese Atmosphäre des Schweigens, das eine ganze Volksgruppe ausweist, und die daraus resultierenden impulsiven Handlungen fängt er in authentischen, exemplarischen Kriminalfällen ein (Kroetz: "Meine Stücke resultieren meist aus Kriminalfällen"). Vorfälle, Verbrechen des Alltagslebens, so wie sie sich etwa im Schlagzeilenstil der BILD-Zeitung darstellen, entlarvt Kroetz als Verirrungen von Outlaws, an deren Tun und Lassen unmittelbar die gegenwärtige gesellschaftliche Situation die Schuld trägt. Indem Kroetz den Bedingungen nachspürt, unter denen seine Figuren handeln, entwickelt er im Nachhinein das Verbrechen von seinen Ursachen her. Aus umfassendem Milieustudium (Kroetz: "Dann wird in dieser Richtung die Umgebung beobachtet") lässt sich der Krisenpunkt also folgerichtig erklären.

Die zutiefst deprimierende Konstellation der Bedingungen und Ereignisse der Kroetz'sehen "Trivialtragödien", in denen das Schweigen der Personen mindestens eine ebenso große Rolle spielt wie das Reden, zusammen mit dem für die Figuren unabwendbaren Unhappy-End, dienen dazu, das weit verbreitete Klischeebild einer, wenn auch nicht mehr heilen, so doch halbwegs geordneten Welt zu zerstören.

Der betroffene Zuschauer wird konfrontiert mit introvertierten Individuen, deren jedes sich nur an seinem eigenen Leben orientiert, Personen, deren korrumpierte Sprache mehr verschweigt als sie aussagt, und einer Gesellschaft, die, indem sie auf sie keine Rücksicht nimmt, sie in ihrem Schweigen verharren lässt. Eben dies ist die Schreibsituation Kroetz', die er sehr klar in den Vorbemerkungen zum "Wunschkonzert" dargelegt hat.

Kroetz selbst bezeichnet seine Stücke als "filterndes Moment menschlichen Seins", womit er sich die Aufgabe stellt, Ausschnitte aus unserer gegenwärtigen Gesellschaftslage herauszufiltern. Die Aufführung, die Realisation auf der Bühne soll dabei "ein episches Regiekonzept mit schlichter Menschendarstellung" aufweisen, wodurch Kroetz verhindern will, dass Mitleid die einzige Reaktion bleibt. Mit diesem Konzept wäre er zwischen Illusions- und Zeigetheater anzusiedeln; Illusionismus jedoch nicht so verstanden, dass sich Sentimentalität, die nur das Gefühl anspricht, in den Vordergrund schiebt. Vielmehr dient die Bühne bei ihm dazu, Bilanz zu ziehen, die Wirklichkeit zu erkennen, nicht zu imitieren.


 
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