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Das Sprechstück
Grundlagentext: Peter Handke, Bemerkungen zu meinen Sprechstücken
Analysebeispiel: Peter Handke, Kaspar

Übersicht:

Die Ursprünge

Wenn man nach den Quellen dieser heute in Deutschland allein durch Peter Handke vertretenen Gattung fragt, so zeichnen sich deren mehrere ab:

  • zum einen das absurde Theater Eugène Ionescos, vor allem die in den Stücken "Die kahle Sängerin" und "Die Unterrichtsstunde" zur Sprache kommende Thematik;
  • des Weiteren Helmut Heißenbüttel und der Kreis der Wiener Schule;
  • von dort aus schließlich ergibt sich eine weitere Verbindung zum Sprachforscher Ludwig Wittgenstein (1889-1951), der die Wiener Schule stark beeinflusste und von dem auch Peter Handke direkt einige sprachanalytische Reflexionen übernommen hat.

Was ist Sprechtheater?

Das Sprechtheater versteht Peter Handke als Negation des bestehenden Theaterbetriebs, jedoch nicht in so weit gehender Form, wie es das Straßentheater tut. Sein Schritt ist vielmehr der, dass er, weg von der Illusionsbühne (Parabel), über den allmählichen Illusionsdurchbruch (Dokumentartheater, Neuer Realismus) schließlich eine Illusionsverweigerung erreichen will: "Die Sprechstücke sind Schauspiele ohne Bilder, insofern, als sie kein Bild von der Welt geben."1) Er erreicht dies durch eine spielerisch-parodistische Auflösung der Realität durch Zerlegung in deren Formen und schließlich Relativierung dieser Formen.

Nichtsdestoweniger schafft Handke ein "Abbild" der Welt, nämlich das Bild einer Wirklichkeit im Spiegel ihrer Sprache: "(Die Sprechstücke) ... zeigen nicht auf die Welt als etwas außerhalb der Worte Liegendes, sondern auf die Welt in den Worten selber." Indem er also die typischen Sprechmuster (und damit auch Sprachmuster) reproduziert, analysiert er die eigentliche Kommunikationsstruktur der Sprache ("Klischeedramaturgie" des mittelmäßigsten Sprachgebrauchs). Dabei ahmen seine Stücke "die Gestik all der aufgezählten natürlichen Äußerungen ironisch im Theater nach." Mit anderen Worten:

  • Durch Sprechmontage wird eine Sprachentdeckung intendiert.
  • Stichworte aus der Sprachrealität ersetzen das serielle Stück, das keine Handlung im herkömmlichen Sinne hat. Dialoge sind vielmehr als reine Parodien von Dialogen zu verstehen: sie demonstrieren ein Aussetzen von Kommunikation und machen den scheinkommunikativen Charakter dessen klar, das noch wie Kommunikation aussieht.
  • Die Sprechstücke entlarven das darin verarbeitete Sprachmaterial, stellvertretend für ein ganzes Sprachsystem, als Hohlformen der Wirklichkeit (Insofern Handke seinen Stücken einen allgemeingültigen Anspruch zuerkennt, nähert er sich wieder dem Parabeltypus).

Was intendiert das Sprechtheater?

Handke schreibt hierzu: "(Die Stücke) ... wollen nicht revolutionieren, sondern aufmerksam machen." Im Gegensatz zum engagierten Theater, in dem der spielerische Ablauf im Vordergrund steht, will er diesen nur so weit realisiert wissen, dass das Publikum sich provoziert fühlen kann (produktive Herausforderung). Den Zuschauern sollen die schon erwähnten Stichworte aus der Sprachrealität als Reizworte dazu dienen, einen Erkennensprozess zur Selbstsituierung in Gang zu setzen. Die Zuschauer sollen ganz für sich darüber nachdenken, ob für sie die aufgezeigten Sprachklischees verbindlich sind oder ob sie sie (und damit auch die Intention des Stücks) durchschauen.

"Reflexion (im doppelten Sinne) einer Verhaltensstruktur durch Reproduktion von Sprechsituationen und -strukturen" würde die Absicht des Sprechtheaters, auf eine kurze Formel gebracht, lauten.

Das Verfahren

Das Sprechtheater ist ein methodisch-didaktisches Theater: Die Verdeutlichung eines sprachlich programmierten Bewusstseins wird durch Verfremdung des Sprachmaterials in seinem Gebrauch erreicht. Variation, Parodie, Wiederholung, Austausch, kurz gesagt Relativierung sprachlicher Elemente sind daher die am häufigsten verwendeten Mittel, mit denen neue, unbewusste Zusammenhänge zwischen ihnen sichtbar gemacht werden. So kommt es, dass Handke in der Sprachmontage des Sprechtheaters die einzige, heute noch mögliche Form des 'Theatertheaters' sieht.

1) Dieses und die folgenden Zitate: Peter Handke, Bemerkungen zu meinen Sprechstücken, in: Stücke 1, suhrkamp taschenbuch 45, Ffm. 1972, S. 201

 

 
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