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Das Straßentheater
Analysebeispiele

Die unten erwähnten Beispiele finden sich abgedruckt in:
Agnes Hüfner (Hg.): Straßentheater. Suhrkamp: Frankfurt am Main 11970 (edition suhrkamp ; 424).
Die Texte stehen jeweils als PDF-Dateien (Adobe Acrobat) zur Verfügung.

1. Wirtschaftskonjunktur
Sozialistisches Straßentheater Berlin (West) - S. 143 f.

Das in den Jahren 1968/69 aufgeführte Stück greift hauptsächlich drei aktuelle Geschehnisse auf:

  1. die wirtschaftliche Rezession der Jahre 1968/69, also generell die Krisen und Widersprüche des kapitalistischen Wirtschaftssystems, die in Talsohlen besonders krass zum Ausdruck kommen (Entlassungen, Kurzarbeit u.a.);
  2. die 'Große Koalition', die die SPD 1965 mit der CDU/CSU einging und die mit zur 'Entschärfung' der ehemaligen Arbeiterpartei beitrug;
  3. die immer wieder geforderte Vietnam-Diskussion im deutschen Bundestag, von dem eine deutliche Distanzierung von der Indochinapolitik der Präsidenten Johnson und Nixon erwartet wurde. Eine solche Debatte fand bekanntlich nie statt.

Die Gruppe macht sich zur Aufgabe, die gegenwärtige Wirtschaftskrise als ein Phänomen des Kapitalismus, genauer, dessen planloser Produktion (Absatzkrise) und eines aufgeblähten Rüstungshaushalts darzustellen:

"sie produzieren einfach ins Blaue hinein, ohne dass wir, die Käufer, nach unseren Bedürfnissen überhaupt gefragt werden. Sie produzieren nur, was ihnen den Höchstprofit abwirft, egal, ob es uns, den Verbrauchern, nützt oder nicht. " (S. 144)

Die Funktion und Position des Arbeiters in dieser Maschinerie wird gleich zu Beginn der Szene deutlich gemacht: kniend und also unterdrückt bildet er doch die Achse des Wirtschafts'karussells'. Ganz klar bezieht die Gruppe Position für die Arbeiterschaft, worauf sich fast von selbst versteht, dass das Stück u.a. einen Stoßkeil gegen die von Gewerkschaften und Kapital ins Leben gerufene, gegen die Interessen der Arbeiter agitierende 'konzertierte Aktion' darstellen soll. Die Funktion des Chors, der, wie auch der Agitator, eine aufklärende und kommentierende Funktion innehat, besteht darin, die szenische Prosa durch Chansons zu unterbrechen, dabei gleichzeitig das Vorherige zusammenzufassen und somit, auch mitten im Spiel, einen Einsatz zur Diskussion zu ermöglichen:

"Soziale Partnerschaft, gesellschaftliche Harmonie,
von Euren Bossen bekommt Ihr das nie!
Sie verlagern die Betriebe nach ihrem Belieben,
der Entlassungsplan wird von ihnen geschrieben.
Befreit Euch von diesem Gängelband!
Nehmt die Betriebe selbst in die Hand!" (S. 146)

oder

"Seht, wir die Herren uns verschachern,
das ist das alte Lied:
nichts als Profitemachen,
egal, was dann geschieht.

Ihr Profit in Gefahr,
der Staat zahlt in bar.
Die Subventionen fließen,
wir müssen's büßen!" (S. 147)

2. Lied vom Dollarlöwen oder: der gewöhnliche Imperialismus (1969)
AGIT-Gruppe München - S. 195 f.

Die Intention dieser Gruppe dürfte der der 'Wirtschaftskonjunktur' recht nahe kommen (vgl. unter 1.), jedoch wird hier die Situation weltweit dargestellt, wobei sich die Wirtschaft als Triebfeder sozialer und internationaler Ungerechtigkeiten und Verbrechen (z.B. Vietnamkrieg; faschistische Diktaturen in Griechenland und Spanien; von der NATO unterstützter Kolonialismus Portugals u.a.) erweist. Wirtschaftliche und soziale Krisen im Inland und weltweite politische Repression und ökonomische Ausbeutung sind also alle auf den gleichen Nenner rückführbar, den die Kapitalisten aber mit phrasenhaften 'Idealen' wie

"FÜR DEN 'WOHLSTAND DES WESTENS'
FÜR DIE 'SICHERHEIT DES WESTENS'
FÜR DIE 'FREIHEIT DES WESTENS'"

kaschieren.

Es kommt der Gruppe offensichtlich darauf an, diese Widersprüchlichkeiten (also das Auseinanderklaffen von beobachtbaren Fakten und ideologischer, ja demagogischer Verschleierung) aufzuzeigen.

3. Tendenz: Immer besser. (1969)
Interpol Köln - S. 215

Dem Anspruch des Straßentheaters, mit dem Arbeiter in direkten Kontakt zu treten, wird dies Beispiel wohl am ehesten gerecht. Mit konkreten Zahlen und Fakten aus einem durchschnittlichen Arbeiterhaushalt - die jeder Zuschauer aus eigener Erfahrung kennt und also bestätigen kann - wird mit dem Klischee des 'zufriedenen Lohnarbeiters' aufgeräumt. Man könnte sagen, es handele sich in doppelter Hinsicht um eine 'Abrechnung' mit der bestehenden Auffassung, den Arbeitern gehe es doch eigentlich ganz gut, die in Form von Zitaten aus der Presse mit den Realitäten konfrontiert wird:

"Aber längst nicht alle verdienen 1000 Mark. Ein Drittel der Lohn- und Gehaltsempfänger verdient höchstens 500 Mark im Monat."
(Spiegel, 28. Juni 1969)" (S. 216)

Die Verhältnisse in der Bundesrepublik werden in Lohnstreifenmanier analysiert und aufgearbeitet, so dass sich eine Diskussion mit den Zuschauern anschließen kann, die dadurch "begünstigt wird, dass das Faktenmaterial jedermann aus ureigenster Erfahrung "bekannt ist: der Diskussionshintergrund ist also besonders groß.


 
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