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Das Straßentheater
Analysebeispiele

Übersicht:

Entwicklung

Das Straßen- oder Agitationstheater entstand in Deutschlang in der 2. Hälfte der 60er Jahre im Zusammenhang mit der Außerparlamentarischen Opposition (APO). Seine Blütezeit fiel in die Zeit der Notstandsgesetz-Debatten, der Sternmärsche auf Bonn sowie der Unruhen in Universitäten und Betrieben, so dass seine Wirkungsbereiche mit den Schlagworten 'Streiks, Demonstrationen, Kundgebungen' abgedeckt sein dürften.

Die Vorläufer des Straßentheaters sind in den Varianten während der Weimarer Republik, in der Agitprop zur Zeit der Russischen Revolution und den Arbeitertheatern in der Epoche der Sozialistengesetze (1879-1890) zu suchen.

Charakter und Wirkungsabsicht

Das Straßentheater hat mit dem herkömmlichen Kulturbetrieb nichts zu tun, will auch nichts damit zu tun haben. Handke 1) unterscheidet zwischen traditionellem 'Theatertheater', das mit dem, was es darstellt, in einem abgegrenzten Raum an eine beschränkte Zahl von Zuschauer herantritt, und 'Straßentheater', eben jener Spielform, die direkt in die Realität übergehen will und deshalb seinen Weg ins Publikum auf der Straße, in Kneipen, Jugendheimen, Gewerkschaftsräumen etc. sucht. Es ist politisch orientiert und daher parteilich, nicht 'pluralistisch' konzipiert wie das Theatertheater und versteht sich in diesem Sinne als Medium politischer Agitation auf dem Wege der Vermittlung und Verbreitung szenisch aufbereiteten Informationsmaterials. Seine Zielsetzung ist dabei die, aktuelle Propaganda direkt ins Publikum zu überführen, indem es diese zunächst szenisch gestaltet, um dann in eine Diskussion mit den Zuschauern einzutreten. Aus dem oben Gesagten ergibt sich, dass die Choreographie, also eben die szenische Gestaltung, vor der Intention der politischen Aktivierung in den Hintergrund treten muss. Sie nimmt also nur quasi eine Katalysatorfunktion ein, sie ist ein Übergangsstadium in dem intendierten Bewusstwerdungsprozess. Dialoge, Choreographie und Gestik haben klaren Zweckcharakter (dienende Funktion), hinter dem ästhetische Erwägungen zurücktreten. So hat ein Teil der szenischen Elemente die Aufgabe, das Publikum zunächst anzulocken (z. B. Musik), ein weiterer Teil (Montagen aus Sprechchören, Liedern und kurzen Szenen), die Zuschauer in die bestehende Problematik einzuweisen und ihnen schließlich am Schluss eine klare Zielperspektive anzubieten. Mit vielfältigen Mitteln können

  • das Dokumentarmaterial aufbereitet
    (Schilder, Tafeln zur Typisierung der Darsteller je nach Klassenzugehörigkeit, Projektionen, Masken)
  • und das Publikum angesprochen und provoziert werden
    (Vereinfachung, Vergröberung, Schematisierung, plakative Sprache).

Vorrangig muss dabei das Publikum mit einbezogen werden, sei es in abschließender Diskussion, sei es mitten im Spiel, wenn Einwürfe seitens der Zuschauer gemacht werden.

Es ergibt sich hieraus die Forderung nach Improvisation nach der Fähigkeit, modifizieren zu können, was das Straßentheater mit der italienischen Commedia dell'Arte und dem Jesuitendrama (beide etwa 16. -18. Jhd. ) vergleichbar macht. Im Gegensatz zu diesen Spielformen hat das Straßentheater jedoch kein festes Repertoire, sondern muss aufgrund der punktuellen Gebundenheit seiner Themen diese laufend dem aktuellen Stand anpassen und umarbeiten.

Zusammenfassend kann das Straßentheater so vom Dokumentartheater abgrenzen, indem man sagt, das letztere sei gesellschaftsgerichtet, das erstere aber gesellschaftsimmanent. Das Straßentheater ist ein Theater der revolutionären Praxis; es vertritt sozusagen einen theatralisierten Klassenkampf. Es ist primär inhaltlich ("Theater als Sozialarbeit") und hat daher - und dies könnte man als Nachteil begreifen - eine schmale organisatorische Basis.

Das Straßentheater hat es darauf angelegt, komplexe gesellschaftliche und ökonomische Vorgänge in eingängige Szenen zu reduzieren. Besonderes Augenmerk gilt dabei der Darstellung von Eigentumsverhältnissen, Abhängigkeitssituationen und Machtpositionen, kurz gesagt also: von Klassenstrukturen.

Die Darstellung beschränkt sich dabei keineswegs auf bloßes Konstatieren, sondern ist parteilich angelegt, d.h. sie artikuliert oder will artikulieren die Bedürfnisse der Arbeiterklasse. Aus dieser Intention ergibt sich die Art der Darstellung: die Ausbeutungssituation wird dem Bildungsstand der Arbeiter angemessen vereinfacht dargestellt, was u.a. durch Einsatz plakativer Sprache erreicht wird. Dadurch erhält das Spiel des Straßentheaters jene Note, die dessen Kritiker gerne mit 'Holzhammermethode' umschreiben. Doch ließe sich gerade auf diesen Vorwurf mit dem Sprichwort antworten: 'Für einen groben Klotz braucht es einen groben Keil.' - Jedoch gibt es auch Kritiker, die dem Straßentheater aus anderen Gründen keine Chance geben:

Generelle Einwände gegen das Straßentheater

  • Bühnenautor Franz Xaver Kroetz 2) z.B. gibt zu bedenken, es produziere lediglich Momentanerlebnisse bei einer relativ kleinen Anzahl von Zuhörern bzw- Zuschauern. Der Eindruck bleibe zu flüchtig, meint er, um in der angesprochenen Person so etwas wie einen Bewusstwerdungsprozess auszulösen; mehr Effektivität gestehe er der Arbeit eines Kollektivs, auch in Form eines Arbeitertheaters, aber auf eine jedes Mal zahlenmäßig begrenzte feste Zielgruppe ausgerichtet, zu.
  • Sein Kollege Peter Handke 3) : Das Straßentheater benutze, indem es gänzlich auf den ästhetischen und auch experimentellen Faktor verzichte, "infantile" Methoden. Es habe "kurzentschlossen, kurzgeschlossen", einfach das Material des alten Agitprop übernommen.
  • Theaterkritiker und Essayist Ivan Nagel (München): Das Straßentheater verbreite einen "einfallslosen Dilettantismus", indem es ausschließlich "verbiestert unglaubwürdige Totalkritik" liefere.
Während Nagel mit dem zweiten Kritikpunkt in die Kerbe der 'Holzhammermethode' schlägt, auf die weiter oben schon eingegangen wurde, handelt es sich in der Kritik Handkes um eine schlichte Fehleinschätzung der Funktionen des Straßentheaters, insofern als dieses ganz bewusst auf ästhetische und experimentelle Kategorien verzichtet. Der Vorwurf geht also an der Sache vorbei.

Andere wiederum sprechen sich ganz dezidiert für das Straßentheater aus; so zum Beispiel Yaak Karsunke 4) oder Michael Buselmeier 5).

Straßentheater heute

Die Praxis des Straßentheaters lebt bis heute fort, wenngleich in Deutschland nicht mehr mit dem dezidierten politischen Akzent wie in den 60-er Jahren. In Fortführung dieser Tradition wurde das Straßentheater durch den brasilianischen Theaterleiter Augusto Boal zu neuer Blüte geführt - v.a. in Lateinamerika, aber auch in Spanien und Frankreich. Sein Interesse gilt der Demokratisierung der Politik durch Theater. Daraus entwickelte sich das "Theater der Unterdrückten", eine Sammlung von Übungen, Spielen und Theatertechniken, die eine neue, aktive Dimension des Theaters zum Ziel haben.

Dieses findet wie das Straßentheater meist unter freiem Himmel statt und wird in einer Weise verwirklicht, dass die Zuschauer wirklich an dem Ereignis teilnehmen und so spontan auf die Diskussion in der Vorstellung reagieren, als wäre es ein normales Ereignis. In der Spielform des "Forum-Theaters" beispielsweise ist die Zentralfigur eine unterdrückte Person, die ihre Wünsche nicht verwirklichen kann, weil sie durch eine Figur der Unterdrückung daran gehindert wird. Im ersten Durchlauf soll das Publikum nur zusehen, dann beginnt die Szene von vorne und der Joker / die Spielleiterin regt die Zuschauer an, in die Szene zu gehen und die Zentralfigur zu ersetzen, um einen anderen Ausgang der Situation zu probieren und so alle möglichen Alternativen zu erproben. - Im Ansatz des "Legislativen Theaters" werden nach der Analyse die möglichen Lösungen in Projekte zur Erarbeitung eines neuen Gesetzes, in Änderungen existierender Vorschriften, zu Initiativen oder politischen Aktionen verwandelt.

Diese Vorgehensweise erinnert nicht von ungefähr an die Intentionen des epischen Theaters Bertolt Brechts, dem sich Boal verbunden fühlt und das er auf diese Weise weiterentwickeln will.

Zitatnachweise:
  1. Peter Handke, Straßentheater und Theatertheater. In: Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms. Suhrkamp Taschenbuch 56, Frankfurt 1972. S. 51-55
  2. Franz Xaver Kroetz, Braucht das Volk ein Theater? In: Spielplatz 1, Jahrbuch für Theater 1971/72, Hrsg. K. Braun/K. Völker. Wagenbach Verlag, Berlin 1972. S. 15-16
  3. Peter Handke, Für das Straßentheater gegen das Straßentheater. In: Theater im Umbruch, Hrsg. Henning Rischbieter dtv 640, München 1970. S. 68-75
  4. Yaak Karsunke, Die Straße und das Theater. In: Kursbuch 20, Wagenbach Verlag, Berlin 1970. S. 55-71
  5. Michael Buselmeier, Bedingungen des Straßentheaters. In: Straßentheater, Hrsg. Agnes Hüfner. edition suhrkamp 424, Frankfurt am Main 1970, S. 520

 
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