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Tendenzen der 1970-er bis 1990-er Jahre Übersicht:
Das Theater der 60-er Jahre kann ein Theater der Politisierung genannt werden: Autoren wie Rolf Hochhuth, Peter Weiss und Heinar Kipphardt fühlen sich getragen von einer Aufbruchsstimmung gegen die abgelebten autoritären Strukturen Adenauer-Deutschlands, ermutigt von Willy Brandts erster sozialliberaler Regierungsbildung (Wahlslogan: "Mehr Demokratie wagen"). Dieses Theater sieht sich in der Mitte gesellschaftlicher Auseinandersetzung und Urteilsbildung. Es sieht sich (im Sinne Schillers oder auch Brechts) als moralische Instanz, die in der Gesellschaft etwas zum Guten hin verändern will. Stich- und Schlagworte dieser Zeit sind:
Mit den 60-er Jahren endet die Möglichkeit, die Theaterproduktion in Kategorien einzuteilen (absurdes Theater, Dokumentarstück, Sprechstück usw.). Das Theater der Folgezeit ist in seinen Positionen und Konzepten schwer fassbar. Es gibt nur noch Einzelarbeiten, aber kaum etwas Übergreifendes mehr in der Theaterproduktion - vielleicht zeigt sich aber auch gerade in dieser Vereinzelung das neue Allgemeine. Die 70-er Jahre sind auf dem Theater geprägt von einem zunehmenden Verschleiß politisch-emanzipatorischer Ansprüche. Zwar arbeiten und publizieren nach wie vor politisch motivierte Autoren wie Kroetz, Hochhuth, Henkel, Sperr, Fassbinder, Kipphardt oder Dorst. Als aber Mitte der 70-er Jahre der unterschwellige RAF-Bürgerkrieg in Terror- und Gewaltakten eskaliert, machen sich zunehmend Ratlosigkeit und Resignation breit, die sich in zwei Fragen zusammenfassen lassen:
Orientierungs- und Ausweglosigkeit prägen von nun an das deutschsprachige Theater. Als Schlagwörter lassen sich hier nennen:
Ein sich so definierendes Theater nähert sich damit dem schon verschwunden geglaubten Theater des Absurden intentional und auch formal wieder an, insofern, als es die Grenzen der eigenen Form tendenziell zu sprengen versucht.
Das Theater wandert in den 70-er Jahren vom inhaltlichen und formalen Zentrum der Gattung an deren Rand aus. Hier fällt es ihm schwer, die Erinnerung an das abwesende große Drama wachzuhalten (siehe: Thomas Bernhard). Dies gelingt in einigen seiner Theaterwerke einzig Botho Strauß, und dies begründet wohl auch nicht nur seinen Rang als repräsentativster Dramatiker der Bundesrepublik in den siebziger und achtziger Jahren, sondern auch als gebildetster und begabtester. Einige seiner Stücke (Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle - 1975; Trilogie des Wiedersehens - 1977; Groß und klein - 1978; Kalldewey Farce - 1982; Der Park - 1984; Die Zeit und das Zimmer - 1989) zählen inzwischen zum festen Repertoire deutschsprachiger Theater. Die drei ersten und das letztgenannte spielen innerhalb geschlossener Räume, spielen mit der symbolischen Bedeutung von Wänden, Fenstern und Türen. Denn Türen und Fenster sind Grenzorte des Zimmers, die den Verkehr und Übergang zwischen draußen und drinnen regeln und sichtbar machen. Und leere Zimmer ohne Wohnung und Haus sind an den Rand des Geschehens gerückte Orte, an denen sich auf moderne und realistische Weise zeigen läßt, dass der Mensch seinen Platz am Rande des Universums hat. Trotz der Bedeutung und der Schwere des Themas (Der Mensch, der nirgendwo zu Hause ist) geht Strauß leicht mit ihm um, so dass sich alle seine Stücke durchaus als Komödien lesen und inszenieren lassen.
Schon lange nennen Theaterautoren ihre Produktionen nicht mehr "Drama" oder "Tragödie", da diese Kategorien ein für sich selbst verantwortliches, autonomes, bewusstes Individuum (eben einen "tragischen Helden") voraussetzen, das sich in freier Wahl für ein bestimmtes Handeln entscheidet und unter bestimmten Umständen daran zerbricht, weil es handelnd in Konflikt gerät mit Prinzipien einer gleichrangigen Wertebene. Tragödien werden geschrieben, um eine bessere Gesellschaft zu erreichen, in der Tragödien nicht mehr vorkommen müssen. Geht diese utopische, optimistische Perspektive verloren, ist auch der Begriff der "Tragödie" sinnlos. Stattdessen hat sich der nichts sagende Terminus "Stück" eingebürgert. In ihm spiegelt sich die Beobachtung eines Menschentyps wider, der geprägt ist von Handlungs-, Geschichts- und Sinnverlust, von Ohnmacht und Fremdbestimmung inmitten einer übermächtigen Mediengesellschaft bei gleichzeitig zunehmenden Kommunikationsschwierigkeiten. Folgerichtig hat sich auch der einmal verbindliche Formenkanon der Tragödie aufgelöst:
Es hat sich eingebürgert, von einem solchen Theater als einem Theater der 'Postmoderne' zu sprechen. Dieser Begriff ist aber insofern irreführend, als er vorgibt, das Ende der Moderne sei bereits erreicht und liege hinter uns. Irreführend, denn: Nicht die aus der Aufklärung herrührenden Utopien der Moderne haben sich verbraucht, sondern einzig der Glaube an ihre bald mögliche Verwirklichung.
Auf die veränderte gesellschaftliche Realität gibt das deutsche Theater in West und Ost in den 80-er und 90-er Jahren sehr unterschiedliche Antworten: 1. Endzeit- und Untergangsvisionen Für Vertreter dieser Richtung sind die Verhältnisse bereits am schlimmstmöglichen Punkt angekommen. Eine ihrer exponiertesten AutorInnen ist Elfriede Jelinek. Ihre Stücke sind im Grunde genommen nicht für, sondern gegen das Theater geschrieben, da sie die vorhandenen Formen und Erwartungen radikal zerstört. Sie selbst formuliert: "Den Wunsch, Leben zu erzeugen auf dem Theater, der fast alle Schriftsteller angezogen hat, lehne ich ab. Ich will genau das Entgegengesetzte: Unbelebtes erzeugen. Ich will dem Theater das Leben austreiben." Dementsprechend sind ihre Figuren Sprachschablonen. Nichts an ihnen und auf der Bühne wirkt real, nichts nachgeahmt, alles künstlich zitiert und schräg montiert. (Stücke: Krankheit oder Moderne Frauen - 1987; Wolken. Heim - 1988; Stecken, Stab und Stangl - Stück des Jahres 1996; Sportstück - 1998) Weitere Autoren sind u.a.: Harald Mueller (Totenfloß - 1984), Christoph Hein (Die Ritter der Tafelrunde - 1989), Tankred Dorst (Merlin oder Das wüste Land - 1981; Wegen Reichtum geschlossen - 1998), Ludwig Fels (Lieblieb - 1986). 2. Ironie, Farce und Groteske Eine Farce oder Groteske ist das, was übrig bleibt, wenn Visionen scheitern - sozusagen ein schrill klingendes Überbleibsel der Tragödie, nämlich der Rest jener Bemühungen, die Gesellschaft so zu humanisieren, dass keine Tragödien mehr stattfinden. Stücke dieser Richtung haben eine gewisse Nähe zu schnelllebigen Fernsehproduktionen im Stil von Seifenopern, da sie vor überschäumendem, belanglosem Wortwitz, Tabubrüchen und Kitsch nicht zurückschrecken. Vertreter u.a.: Daniel Call (Wetterleuchten - 1997; Ehepaar Schiller - 1998), Thomas Jonigk (Du sollst mir Enkel schenken - 1994; Täter - 1999), Wilfried Happel (Das Schamhaar - 1994; Mordlust - 1996; Der Nudelfresser - 2000). 3. Sprachlosigkeit Vor allem im Laufe der neunziger Jahre nimmt das Interesse an allem stark zu, was kein Stück mehr ist: Tanz, Performance, Live Art (z.B. Pina Bausch, Stefan Pucher, Gob Squad). Allen gemeinsam ist der weitgehende Verzicht auf die traditionelle Bedeutungsebene jedes Erzähltheaters: keine Handlung, keine Geschichte, keine Figuren, in die sich die Schauspieler bzw. Tänzer verwandeln - und damit: keine von der Realität des Bühnengeschehens deutlich abgehobene Fiktion. 4. Umschlag der Tragödie in Utopie Hier finden sich zunächst drei Namen von Autoren aus der Ex-DDR: Heiner Müller (Der Auftrag - 1980; Wolokolamsker Chaussee - 1988; Germania 3 - 1996), Einar Schleef (Totentrompeten - Theaterstück des Jahres 1995) und Frank Castorf (Dämonen - 1999). Sie mussten die Erfahrung machen, dass der Staat, für den sie sich einsetzten, Menschen zerbrach, die in prinzipiellen Konflikt mit ihm gerieten - und daran schließlich selbst zerbrach. Müller und Schleef sammeln in ihren Stücken die schizophrene Grunderfahrung eines Lebens als DDR-Bürger: die lautere Absicht, die zur Absurdität verkommene sozialistische Utopie und der Mensch dazwischen eingekeilt wie ein lebendes Hindernis. Castorf räumt in seinen Stücken mit dem inneren Stalinismus der Ex-DDR auf, indem er ihn ästhetisiert auf die Bühne bringt, um ihn so dann endlich loszuwerden. Drei weitere Namen verdienen in diesem Zusammenhang Beachtung:
5. Fröhliche Kulturkritik Christoph Marthaler fasst in seinem Regietheater auf kleinstem gemeinsamen Nenner das allgemeine Unbehagen an der Moderne zusammen, die allen modernen Stückeschreibern gemeinsam ist. Seine Kulturkritik "weiß, was früher besser war. Sie vermittelt ein Gefühl von Ohnmacht einerseits, Überlegenheit andererseits." Seine Stücke (Murx - 1993; Faust Wurzel aus 1 und 2 - 1994; Die Stunde Null - 1995) vermitteln keine "verbiesterte Untergangsentschlossenheit" und auch keine "kitschgefährdeten Abschiedfeiern des bürgerlichen Individuums". Sie sind "vollmechanisch durchkonstruierte() Bühnenkunstwerke, die sich mit folgerichtiger Sinnlosigkeit im Kreis drehen: wahre Wunderwerke der verschlungenen Komplikationen und verschränkten Repetition aus Musik, Bewegung und den hochtrainierten, vollends unnützen Kunstfertigkeiten seiner Akteure. [...] Das Spiel dieser geisteshellen Wiederholungstäter ist ein bedrohlich freundlicher Hohn auf hochfahrende Fortschritts-Emphasen, voller Respekt vor den Menschen, die diese erdulden müssen und einem innigen Gefühl für alle Modernisierungsverlierer." (Wille 1999, S. 58) 6. Wiedergeburt der sozial-realistischen Tradition Vertreter: Marius von Mayenburg (Feuergesicht - 1998; Parasiten - 2000). Dieser Autor erzählt wieder Geschichten in der Art von Theaterstücken des Neuen Realismus der 60-er Jahre. Seine Figuren haben eine Psychologie - wenn auch nicht unbedingt eine realistische Perspektive, ihre Hoffnungen und Wünsche umzusetzen. Sie loten aber ihre Handlungsspielräume bis zum Äußersten aus. Hier taucht das für das Theater schon verloren geglaubte handlungsfähige, wenn auch sozial ohnmächtige Individuum doch wieder auf.
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