Im 19. und 20. Jahrhundert ...
... sind Millionen Deutsche aus den unterschiedlichsten Gründen vor allem in die USA ausgewandert - teils aus wirtschaftlicher Not, teils aus Abenteuerlust, teils weil sie aus politischen Gründen verfolgt wurden. Einige dieser Schicksale spiegeln sich in literarischen Texten wider, andere lassen sich in Dokumenten oder z.B. in Briefen mindestens in Ansätzen nachvollziehen. Nicht zuletzt ist Auswanderung auch ein Phänomen, das sich in unserer Stadt und im alten Amt Wildeshausen vollzogen hat und das wir näher verstehen wollen.
Was war das damals für ein Land - Amerika?
In den Jahren 1803 bis 1867 war die junge Nation USA damit beschäftigt, ihr Territorium zu erweitern und die Besiedelung immer weiter nach Westen hin auszudehnen. Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts war klar, dass sich der Staat bald von der Atlantik- zur Pazifikküste erstrecken würde. So erwarb die amerikanische Regierung im Jahre 1803 unter ihrem zweiten Präsidenten Jefferson ein riesiges Gebiet zwischen Mississippi und den Rocky Mountains für 15 Millionen Dollar vom französischen Kaiser Napoleon Bonaparte. Weitere Staaten wurden gekauft oder erobert. Im Jahre 1867 hatten die USA ihre heute noch gültigen Festlandsgrenzen erreicht.
Dieses Land lockte Einwanderer aus der ganzen Welt. Was sie faszinierte, war die demokratische Gesellschaftsordnung, die Freiheit der Religionsausübung, die Möglichkeit sich ohne staatliche Einmischung beruflich zu entfalten. Leute vom Land reizte die Leichtigkeit, eigenes Land mit geringem finanziellem Einsatz zu kaufen oder einfach zu besetzen und zu bewirtschaften. Das Klima war den Europäern vertraut, der Boden fruchtbar, und neben der Landwirtschaft gab es bereits viel versprechende Ansätze einer Industriekultur. Auswanderer, die dieses Land durch ihren Fleiß immer reicher machten, schrieben begeisterte Briefe in die alte Heimat und zogen immer mehr Menschen nach.
In Deutschland begann seit den 1820-er Jahren ein zuerst langsam, dann immer mächtiger anschwellender Auswandererstrom. Diejenigen, die in ihrer deutschen Heimat kaum mehr verlieren konnten als ihre Fesseln, diejenigen, die sich eingeschränkt fühlten in ihrer beruflichen, politischen oder religiösen Entfaltung, auch diejenigen, die einfach nur neugierig waren auf ein Abenteuer - sie alle verkauften das oftmals Wenige, das sie hatten, und nahmen die beschwerliche Reise auf sich.
Sie hatten Glück: Gerade in dieser Zeit entwickelte sich auch in Deutschland das Verkehrswesen in Atem beraubender Geschwindigkeit. Menschen, die Generationen lang kaum ihr eigenes Dorf, ihre eigene Stadt verlassen hatten, und wenn, dann meistens zu Fuß - sie erlebten, wie eine sensationelle Erfindung die Fortbewegung revolutionierte: die Dampfmaschine. An die Stelle der Pferdewagen und Postkutschen traten die ersten Eisenbahnlinien, Dampfschiffe lösten nach und nach die Segelschiffe ab - und beides beschleunigte die Reise eines Auswanderungswilligen ganz erheblich.
In Amerika brauchte man diese Menschen. Sie brachten Hoffnung mit auf eine bessere Zukunft, sie waren in der Mehrzahl jung, kräftig und arbeitswillig, waren Handwerker und Landwirte, die nur auf ihre Chance warteten, die sie in Deutschland nicht bekamen. Sie wanderten allein aus und in Familienverbänden, sie nahmen teilweise Kapital mit, Werkzeuge und deutsches Know-How. Daher machten die amerikanischen Behörden in Europa Werbung für ihr Land und lockten Auswanderungswillige mit Informationen, dem Versprechen auf günstigen Landkauf und billigen Krediten.
Wie reagierten die Behörden der deutschen Staaten auf diese Entwicklung? - Zunächst abweisend. Sie versuchten die anfangs noch nicht sehr zahlreichen Auswanderer durch offizielle Ausreiseverbote im Lande zu halten. Aber das half nicht viel, denn die Menschen liefen dann eben ohne ihre Genehmigung fort. Und zwei deutsche Staaten freuten sich insgeheim sowieso und verweigerten den anderen ihre Amtshilfe: Bremen und Hamburg, die mit ihren internationalen Häfen das große Auswanderergeschäft witterten und dann auch tatsächlich machten!
So blieb den übrigen Staaten des Deutschen Bundes kaum etwas anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Sie ließen Auswanderung grundsätzlich zu, auch wenn sie gewisse Bedingungen daran knüpften: So mussten junge Männer beispielsweise ihren Wehrdienst abgeleistet haben oder einen Stellvertreter dafür benennen; die Auswanderer durften keine Schulden im Land zurücklassen; sie durften nicht polizeilich gesucht sein; sie mussten versichern, dass sie die Reise aus eigenen Mitteln bezahlen konnten. Und dann wurden sie - sozusagen zur Strafe - "aus dem Untertanenverband entlassen" und durften nicht hoffen, in diesen wieder aufgenommen zu werden... Kurz gesagt: Die Obrigkeit sah es nicht gern, dass Landeskinder weggingen - Untertanen, Steuerzahler, Soldaten -, aber sie konnte es auch nicht mehr verhindern.
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| Das alte Amtshaus an der Herrlichkeit, links um 1900, rechts in seinem Zustand in den 1980-er Jahren | |
Der Strom der deutschen Auswanderer steigerte sich von 2000 bis 4000 pro Jahr im Zeitraum 1820-26 bis auf über 200.000 im Jahre 1854. In den 60 Jahren von 1820 bis 1880 landeten 3 Millionen deutsche Einwanderer in den USA; in den darauf folgenden 45 Jahren bis 1925 waren es dann noch einmal rund 2,5 Millionen. Deutsche stellen insgesamt mit etwa 14% den größten nationalen Einwanderer-Anteil in den USA.
Das Herzogtum Oldenburg, zu dem das Amt Wildeshausen seit 1803 wieder gehörte, ließ ab etwa 1850 so genannte "staatlich konzessionierte Auswanderungsagenten" zu. Diese wurden von Seiten der Regierung bestätigt und berieten vor Ort Interessenten in allen Fragen, die die Auswanderung betrafen. Nicht selten waren es Gastwirte, Handwerker oder Gewerbe Treibende - also Menschen, in deren Häusern sich ohnehin schon Kundschaft traf -, die sich auf diese Weise einen Zusatzverdienst erschlossen.
In den Wildeshauser Zeitungen der 1850-er und 1860-er Jahre erschienen Anzeigen, in denen diese Auswanderungsagenten auf ihre Dienste aufmerksam machten. Es handelte sich in Wildeshausen um den Uhrmacher Logemann, den Fabrikanten Heinrich Nolte sowie den Zeitungsverleger Friedrich Schierbaum, der ab 1865 die "Wildeshauser Nachrichten" herausgab.
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| Anzeigen von Auswandereragenten im Amt Wildeshausen: Logemann (Die Hunte, 12.8.1859); Pieper (Wildeshauser Nachrichten, 6.6.1869); Schierbaum (Wildeshauser Nachrichten, 22.9.1867); Nolte (Die Hunte, 17.6.1859) | |
Auswanderung aus dem Amt Wildeshausen: Personenkreise und Motive
(a) Stadt Wildeshausen
Auswanderer aus der Stadt Wildeshausen sind vor allem unselbständig arbeitende Personen, insbesondere Dienstboten und -mägde, daneben auch häufig Handwerker, nicht selten Schneider und Schuhmacher, die im Rahmen der einsetzenden Industrialisierung in Deutschland kein Auskommen mehr finden und sich in den USA größere berufliche Möglichkeiten versprechen. Es ist anzunehmen, dass sie sich dort vorwiegend in den Städten ansiedeln. Der Zwang zur beruflichen Mobilität bringt es mit sich, dass sich ihre Spuren recht schnell verlieren; es ist uns in keinem Fall gelungen, den Nachfahren eines im 19. Jahrhundert ausgewanderten Handwerkers ausfindig zu machen.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte die Stadt Wildeshausen etwa 2000 Einwohner. Die Amtsunterlagen der Jahre 1843 bis 1868 belegen, dass mindestens 137 Menschen die Stadt Wildeshausen mit Erlaubnis der Behörden verließen und in die USA auswanderten. Die meisten davon - genau 100 - in den sieben Jahren von 1843-49, was für diesen Zeitraum einen Jahresdurchschnitt von etwa 18 Personen ausmacht. Danach flacht die Kurve ab; in den Folgejahren sind es nur noch jeweils 1 bis höchstens 8 pro Jahr.
- Von diesen 137 Personen wandern 48 alleine aus, die anderen als Ehepaar zu zweit oder in Familienverbänden mit bis zu 9 Mitgliedern.
- Wer auswandert, steht altersmäßig in der Blüte seines Lebens: Die allermeisten Auswanderer aus der Stadt Wildeshausen sind zwischen 20 und 30 Jahren alt. Auch Kinder unter 15 Jahren sind relativ häufig darunter.
- Nicht immer machen die Statistiken Angaben über die Berufe der Ausgewanderten. Da die meisten außer dem notwendigen Reisegeld kein weiteres Vermögen mit sich führen, wie die Akten vermerken, dürfen wir wohl vermuten, dass es sich dabei um Tagelöhner, Dienstknechte und Dienstmägde handelt. Wer ein wenig zusätzliches Startkapital mitnimmt, ist meist Handwerker: vor allem Schneider, aber auch Tischler, Zimmermann, Töpfer, Weber, Schuhmacher, Weißgerber, Färber. Die Mechanisierung mancher dieser Berufe und die zunehmende Konkurrenz der benachbarten Städte dürfte die Auswanderung dieser Personen beschleunigt haben. Interessant auch eine Randnotiz des Amtmanns im Bericht über die Jahre 1843-46. Dort heißt es: "Unter den Familien sind zweimal 3 Geschwister, 1 Wittwe und 1 uneheliche Mutter mit ihren Kindern."
- Damit sind wir schon bei den Motiven für die Auswanderung. Jahr für Jahr wiederholt sich in den Amtsakten eine ähnliche Formulierung: "Grund der Auswanderung ist bei Sämmtlichen die Hoffnung auf ein besseres Fortkommen." - so liest es sich z.B. im Bericht aus dem Jahr 1852.
- Nachfahren Wildeshauser Stadtbürger, die im 19. Jahrhundert in die USA ausgewandert sind, lassen sich heute nur noch mit viel Glück und eigentlich nur per Zufall aufspüren. Sie leben über das ganze Land verstreut, ihr Name hat sich oftmals durch Heirat oder Anpassung an die amerikanische Aussprache verändert.
(b) Landgemeinde Wildeshausen
Die Auswanderung aus der Landgemeinde Wildeshausen vollzog sich etwas anders als die aus der Stadt. Denn die Lage der Bevölkerung dieser Landstriche war noch wesentlich stärker durch die Landwirtschaft und ihre Probleme und Rahmenbedingungen geprägt als die der Bewohner der Ackerbürgerstadt Wildeshausen.Zur Landgemeinde gehörten seit 1803 diejenigen Teile der Kirchengemeinde Wildeshausen, die nicht im Stadtgebiet lagen, sowie die Kirchengemeinden Großenkneten, Huntlosen und Dötlingen.
- Die dokumentierte Auswanderung aus der Stadt Wildeshausen spielt sich vor allem in den 1840-er Jahren ab. In dieser Zeit wandern aus der ländlichen Umgebung jedoch deutlich weniger aus. An den äußeren Umständen vor Ort kann das kaum gelegen haben, denn die Möglichkeiten der beruflichen Entfaltung auf dem Lande waren und blieben im 19. Jahrhundert sehr begrenzt. Eine echte Chance hatte nur der älteste Sohn eines Bauern, der den Hof seines Vaters übernehmen konnte. Geteilt werden durfte nicht; damit sollte einer Parzellierung des Landes wie in Süddeutschland ein Riegel vorgeschoben werden. Das funktionierte auch - allerdings auf Kosten aller später geborenen Kinder. Für sie blieb als Möglichkeit, sich als Handwerker niederzulassen, sich als Knecht oder Magd bei fremden Leuten auf einem anderen Hof zu verdingen, sich in einer der benachbarten Moorkolonien anzusiedeln oder - nicht unbedingt besser - eine Heuerlingsstelle auf dem Hof des eigenen älteren Bruders zu akzeptieren. Der Hof und die dazu gehörende bescheidene Landfläche boten nur ein kümmerliches Auskommen, und die Heuerlings-Familie musste obendrein Hand- und Spanndienste beim Bauern verrichten.


Heuerhäuser in Großenkneten: links Ahrens-Heuerhaus um 1925, rechts Deekens Heuerhaus an der Friedenseiche um 1920
- Ein Land wie die USA, in dem der freie, relativ billige Landkauf möglich war, musste da wie das Paradies erscheinen. Allerdings schreckten in den 40-er und 50-er Jahren auch negative Berichte über eine Wirtschaftskrise in Amerika die Auswanderungswilligen ab. Die Schreckensmeldungen über den Bürgerkrieg in den Jahren 1861-65 taten ein Übriges. Danach setzt allerdings mit der Phase der innenpolitischen Beruhigung und der Erschließung neuer Bundesstaaten im Mittleren Westen und Westen eine umso massivere Auswanderung aus dem ländlichen Bereich um Wildeshausen ein. Hiervon ist insbesondere das Kirchspiel Großenkneten betroffen: Allein in den Jahren 1864 bis 1874 führt die Auswanderungsstatistik 337 Personen auf! Zum Vergleich: Im Kirchspiel Dötlingen sind es im gleichen Zeitraum nur 47, in der Landgemeinde Wildeshausen 33, im Kirchspiel Huntlosen 11.




Im Anzeigenteil der Wildeshauser Zeitungen finden sich immer wieder Verkaufsangebote von Auswanderungswilligen. Links oben: WN 17.6.1866; Rechts oben: WN 24.6.1869; Links unten: Die Hunte 13.4.1860; Rechts unten: WN 7.4.1867
- Ganze Familienverbände veräußern ihren Besitz und wandern in Gruppen über Bremen und Bremerhaven in die USA aus. Auch dort bleiben sie oftmals zusammen. Sie ziehen in Trecks gemeinsam von der Ostküste weiter ins Landesinnere, kaufen sich dort Land und gründen vor allem im Bundesstaat Nebraska gemeinsam Dörfer, die man sich wie Miniaturausgaben ihrer deutschen Heimatdörfer vorstellen muss. Sie nehmen ihre plattdeutsche Sprache mit, ihre norddeutsche Küche, ihre Lieder und Gebräuche, ihre Gottesdienstordnungen, und sie geben all dies an ihre Söhne und Töchter weiter, die untereinander heiraten und wiederum Kinder bekommen. Die Gegend um die Stadt Fremont / Nebraska nennt sich halb im Ernst, halb im Scherz "Little Oldenburg". Dort leben die Nachfahren u.a. Großenkneter Auswanderer bis auf den heutigen Tag in bestimmten Countys (Dodge, Platte, Colfax) und sogar in bestimmten Orten (Leigh, Columbus, Creston, Fremont, Scribner, Snyder) konzentriert. Einige sprechen auch heute noch - neben dem Amerikanischen - unser Platt und pflegen das ländliche Oldenburger Brauchtum in Kulturvereinen.
- Es war für uns daher nicht sehr schwer, mit einigen von ihnen in Kontakt zu kommen und sie nach ihrer Familienvergangenheit zu befragen - per Brief, per Email und auch direkt, denn der eine oder andere landet von Zeit zu Zeit wieder hier in unserer Gegend und stattet der Wiege seiner Vorfahren einen Besuch ab.





