Projektgeschichte

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Projekt "Auswanderung aus dem alten Amt Wildeshausen"
am Gymnasium Wildeshausen, Schuljahr 1998/99 und 1999/2000
- Projektgeschichte -

"Als unser Lehrer uns zu Beginn der 9. Klasse eröffnete, dass er mit uns an einem Projekt über Auswanderung arbeiten wolle, waren, soweit ich mich erinnere, alle recht begeistert. Während der Grund dafür bei den einen wahrscheinlich wirkliches Interesse war, glaubten andere darin eine Chance für ein paar erholsame Tage zu sehen. Letztere hatten sich jedoch bitterböse getäuscht."
(Eine Schülerin am Ende des zweijährigen Projekts)

Ganz ehrlich: Kennen Sie Jürnjakob Swehn? Bis vor etwa zweieinhalb Jahren sagte mir dieser Name auch nichts. Aber das änderte sich, als ich im Schuljahr 1998/99 meiner damaligen Klasse 9c eine neue Deutschlektüre vorschlug. Der mecklenburgische Autor Johannes Gillhoff veröffentlichte im Jahre 1917 diesen Briefroman, "Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer", der schnell zu einem der Bestseller der deutschen Auswanderer-Literatur wurde. Erzählt wird darin die wahre Geschichte des Tagelöhners Jürnjakob Swehn aus Mecklenburg, der 1868 nach Amerika auswandert. Dort lässt er sich schließlich im Bundesstaat Iowa nieder, gründet eine Familie, erwirbt Land und bringt es zu Wohlstand und Ansehen. Mit diesem Roman begann 1998 in der Klasse 9c/10c des Gymnasiums Wildeshausen ein zweijähriges Projekt "Aufbruch nach Amerika".

Anfangs stand die Klassenlektüre im Mittelpunkt, anhand derer sich allgemeine thementypische Fragestellungen entwickeln ließen, wie zum Beispiel:

Diese Fragestellungen mündeten im ersten der beiden Projektjahre in die Frage, warum Emigration im Deutschland des 19. Jahrhunderts überhaupt ein Thema war. Hierzu nutzten die Schülerinnen und Schüler neben ‚klassischen' Materialien (Büchern, Zeitschriftenaufsätzen) bereits das Medium Internet.

Das Ergebnis dieser ersten Phase war eine Broschüre, die wir einer interessierten Öffentlichkeit verlauften.

Dann geriet stärker die Frage in den Mittelpunkt, ob es auch in unserer Umgebung, im alten Amt Wildeshausen, Auswanderungen gegeben hatte. Sehr bald stellte sich heraus, dass das zum Teil massiv der Fall gewesen war. Jetzt begann die Forschung "vor Ort": In drei nachmittäglichen Exkursionen besuchte ich mit Freiwilligen aus der Klasse Forschungsstätten in der näheren Umgebung:

  1. das Staatsarchiv in Oldenburg. Dort lagern u.a. die Statistiken, die das Amt Wildeshausen ab 1847 über die Auswanderer an die Regierung abliefern musste. Diese kurzen Berichte sind interessant, aber nicht vollständig. Sie überstreichen mit gewissen Lücken den Zeitraum 1843 bis 1878; Auswanderer-Akten aus der Zeit der zweiten großen Auswanderungswelle der 1880-er Jahre gibt es leider nicht. Das Staatsarchiv hat auf der Grundlage dieser Jahresberichte eine Auswandererkartei entwickelt. Jeder Auswanderer, dem offiziell seine Entlassung aus dem Oldenburgischen Untertanenverband gewährt wurde, ist darin vermerkt. Allerdings gibt es Schätzungen, nach denen etwa doppelt so viele Menschen illegal ausgewandert sind. Wir haben uns alle Karteikarten, die das Amt Wildeshausen betreffen, abgeschrieben und sind damit zur nächsten Forschungsstation gewandert.
  2. Das war die NAUSA - heute umbenannt in DAUSA. Hinter dieser Abkürzung verbirgt sich die Forschungsstelle "Niedersächsische (oder Deutsche) Auswanderer in den USA". Sie befindet sich an der Universität Oldenburg und verfügt über viele Materialien, die man für Nachforschungen auf den Spuren von Auswanderern aus unserer Gegend in die USA benötigt. Wir haben dort vor allem von drei Dingen profitiert: zum ersten von der Geduld und dem Sachverstand von Professor Holtmann, der die Forschungsstelle leitet. - Zum zweiten vom Standardwerk "Germans to America" von Glazier/Filby, das - wenn auch nicht selten in problematischer Weise - die in den USA erhaltenen Passagierlisten deutscher Auswandererschiffe aus den Jahren 1850-1893 erschließt. - Und drittens von den Mikroverfilmungen eben dieser Passagierlisten, die die Universität Oldenburg gekauft hat.
  3. Tatsächlich fanden wir dort einige Namen Wildeshauser Auswanderer wieder, die wir vorher im Staatsarchiv Oldenburg abgeschrieben hatten. Sie begegneten uns hier - allein oder in Gruppen - auf Segelschiffen mit Kurs auf die Häfen New Orleans, Baltimore oder New York.

  4. Wir besuchten auch die Landesbibliothek Oldenburg. Dort lagern alte Wildeshauser Zeitungen des Zeitraums, der uns interessierte: "Die Hunte" (aus den Jahren 1859-60) und "Wildeshauser Nachrichten" (1865-85). Wir haben sie durchstöbert auf der Suche nach allem, was das Thema Auswanderung berührte, und wir wurden fündig:

Immer wieder erschienen Annoncen von Auswanderungsagenten. Ab und zu Berichte über besondere Auswandererschicksale oder Schiffskatastrophen. Es wurde davor gewarnt, auf Kredit auszuwandern. Überhaupt: Warnungen! - vor überzogenen Hoffnungen, Betrügern, Gefahren, Indianerüberfällen... Manchmal kleine Reportagen über aufbrechende oder durchziehende Auswanderergruppen. Aber immer wieder auch Hinweise auf Schifffahrtslinien und -verbindungen von Bremen oder Hamburg nach den USA; die darin deutlich werdende Botschaft: Es wird immer einfacher auszuwandern, man kümmert sich um euch. - Schließlich: Auktions-Anzeigen: Neubauern, Handwerker oder Heuerlinge aus der Gegend um Wildeshausen verkaufen all ihren Besitz mit dem erklärten Ziel, in die USA auszuwandern.

Uns interessierte zunehmend, was aus diesen Menschen in den USA geworden war. Nun lassen sich aber Nachfahren Wildeshauser Stadtbürger, die im 19. Jahrhundert in die USA ausgewandert sind, heute nur noch mit viel Glück und eigentlich nur per Zufall aufspüren. Sie leben über das ganze Land verstreut, ihr Name hat sich oftmals durch Heirat oder Anpassung an die amerikanische Aussprache verändert. Drei Möglichkeiten wurden genutzt, um hier weiterzukommen:

Die Auswanderung aus der Landgemeinde Wildeshausen vollzog sich etwas anders als die aus der Stadt. Denn die Lage der Bevölkerung dieser Landstriche war noch wesentlich stärker durch die Landwirtschaft und ihre Probleme und Rahmenbedingungen geprägt als die der Bewohner der Ackerbürgerstadt Wildeshausen. In den 1840-er Jahren wandern aus der ländlichen Umgebung deutlich weniger aus als aus der Stadt. An den äußeren Umständen vor Ort kann das kaum gelegen haben, denn die Möglichkeiten der beruflichen Entfaltung auf dem Lande waren und blieben im 19. Jahrhundert sehr begrenzt. Für die diejenigen Bauernkinder, die durch das Erbteilungsverbot von der Erbfolge ausgeschlossen waren, blieb als Möglichkeit, sich als Handwerker niederzulassen, sich als Knecht oder Magd bei fremden Leuten auf einem anderen Hof zu verdingen, sich in einer der benachbarten Moorkolonien anzusiedeln oder - nicht unbedingt besser - eine Heuerlingsstelle auf dem Hof des eigenen älteren Bruders zu akzeptieren.

Ein Land wie die USA, in dem der freie, relativ billige Landkauf möglich war, musste da wie das Paradies erscheinen. Allerdings schreckten in den 40-er und 50-er Jahren auch negative Berichte über eine Wirtschaftskrise in Amerika die Auswanderungswilligen ab. Die Schreckensmeldungen über den Bürgerkrieg in den Jahren 1861-65 taten ein Übriges. Danach setzt allerdings mit der Phase der innenpolitischen Beruhigung und der Erschließung neuer Bundesstaaten im Mittleren Westen und Westen eine umso massivere Auswanderung aus dem ländlichen Bereich um Wildeshausen ein. Hiervon ist insbesondere das Kirchspiel Großenkneten betroffen: Allein in den Jahren 1864 bis 1874 führt die Auswanderungsstatistik 337 Personen auf!

Dem bisher einzigen Aufsatz zur Auswanderung aus dem alten Amt Wildeshausen des Vareler Genealogen und Heimatforschers Dierk Feye entnahm ich, dass Großenkneter Auswanderer sich in Familienverbänden in bestimmten Counties des US-Bundesstaats Nebraska angesiedelt hatten. Ihre Nachfahren leben dort bis auf den heutigen Tag. Ich schrieb daher den County Clerk (dem obersten Verwaltungsbeamten) mehrerer Nebraska-Counties an und hatte das Glück, dass eine meiner Anfragen an eine örtliche High School weitergeleitet wurde. Dort weckte sie als öffentlicher Aushang das Interesse vieler Schüler und Lehrer, die sich per Email bei mir meldeten, weil sie Nachfahren von Auswanderern aus dem Großenkneter Raum waren. Eine andere Anfrage landete bei einer lokalen genealogischen Gesellschaft; ein Artikel in der Lokalpresse erschien und setzte weitere Rückmeldungen per Brief und Email in Gang.

Die hier geschilderte Explorations-Phase lag über einen längeren Zeitraum im ersten Projektjahr gänzlich in meinen Händen. Dann legte ich auf der Grundlage der ersten gewonnenen Materialien ein knappes Dutzend Mappen über Auswanderer aus dem Amt Wildeshausen an, um die sich im zweiten Projektjahr kleine Schülergruppen kümmerten. Sie schrieben parallel zum Unterricht Emails und Briefe an Nachfahren in den USA, andere führten Interviews vor Ort durch mit Personen, in deren Familien es Auswandererschicksale gab. Die Ergebnisse ihrer Arbeit fassten sie am Ende des Schuljahrs wiederum in einer Broschüre zusammen, die die Grundlage für diese Website bildeten.

Da wir auch die Wildeshauser Öffentlichkeit über unsere Arbeit informieren wollten, lag die Frage nahe, in welcher Form das am besten geschehen könnte. Wir entschieden uns schließlich für eine Vier-Projektoren-Diaschau, die wir am 8.2.2001 im alten Wildeshauser Rathaus aufführten. Diese Diaschau schildert in knapp 20 Minuten das Schicksal einer fiktiven Auswandererfamilie aus dem ländlichen Raum bei Wildeshausen. Informationen aus unseren Interview-, Brief- und Email-Kontakten flossen hier reichlich mit ein, aber auch Bildmaterial, das uns unsere amerikanischen Gesprächspartner freundlicherweise zur Verfügung gestellt hatten.

Rückblickend betrachtet, erging es mir so ähnlich wie der Projektteilnehmerin, die am Anfang dieses Artikels bereits das Wort hatte: Wenn ich gewusst hätte, wie ungeheuer arbeitsaufwändig sich dieses Projekt gestalten würde, hätte ich vielleicht die Finger davon gelassen... Daher bin ich froh, dass ich es nicht genau wusste, denn es hat mir selbst und vielen meiner Schülerinnen und Schüler neue Horizonte aufgezeigt.