Von 1849 bis zum Ersten Weltkrieg

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Die Judenemanzipation ...

... ging nach anfänglich stürmischen Fortschritten durch die deutsche Revolution von 1848/49 in den Folgejahren in Deutschland nur zögernd voran. Im Großherzogtum Oldenburg änderte sich aber nichts; hier wurde der Rechtsstatus der jüdischen Bevölkerung so gelassen, wie er im liberalen Staatsgrundgesetz von 1849 formuliert worden war. Die dadurch erreichte Freizügigkeit, die Aufhebung der Ehebeschränkungen und (1861) die Gewerbefreiheit bewirkten einen stärkeren Zuzug von Juden vom Land in die Stadt, wo sie sich bessere Verdienstmöglichkeiten versprachen. Die jüdische Gemeinde Wildeshausens wuchs bis 1865 von bisher 40-50 auf 72 Personen an (die Stadt hatte zu dieser Zeit knapp 2000 Einwohner).

Von der Jahrhundertmitte bis etwa 1876 erlebte die jüdische Gemeinde Wildeshausens ihre Blütezeit, die geprägt war durch

Hierfür einige Beispiele:

Mitte der 1870-er Jahre bekleideten die Juden Wildeshausens öffentliche Ämter, sie waren Mitglieder der Schützengilde, der Liedertafel, des Vorschussvereins, des Turn- und des Kriegervereins und damit weitgehend in das gesellschaftliche Leben der Stadt eingebunden.

Als nach den von Optimismus geprägten Gründerjahren im Gefolge des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 allerdings eine Rezession begann, sahen Teile der deutschen Bevölkerung wiederum in "den Juden" die Hauptursache der Wirtschaftskrise. Es entwickelte sich eine neue Art von Antisemitismus, bei der mehr und mehr (und anders als früher) ein pseudowissenschaftlicher "Rassengedanke" in den Mittelpunkt trat: Zwischen der jüdischen und der ‚arischen' Rasse bestünden biologische Gegensätze, die gesellschaftlich nicht überbrückbar seien.

In Wildeshausen erregte gerade in diesen Jahren ein spektakulärer Fall große Aufmerksamkeit, der wohl durchaus geeignet gewesen wäre, die erneut zutage tretende Judenfeindschaft anzufachen:

Nach 1877 Louis Schwabe von seinem Vater Simson Levi Schwabe dessen gut gehendes Geschäft übernommen hatte, begann noch im gleichen Jahr gegen den Vater ein Konkursverfahren. Offenbar hatte Simson Levi Schwabe in den letzten Geschäftsjahren die Übersicht über die finanzielle Lage verloren und sich hoffnungslos verschuldet. Um vor den Gläubigern zu retten, was noch zu retten war, hatte er das Geschäft seinem Sohn und einen Teil des Warenlagers seiner Schwester Lucie überschrieben. Nun wurden alle drei wegen betrügerischen Bankrotts angeklagt und 1879 zu unterschiedlich langen (1-3 Jahren) Zuchthausstrafen verurteilt.

Obwohl nach Verbüßung dieser Strafe Vater Simson Levi gesellschaftlich ‚erledigt' war, gelang es Sohn Louis ab 1880, in Wildeshausen geschäftlich wieder Fuß zu fassen und es zu Vermögen und Ansehen zu bringen. Es deutet nichts darauf hin, dass dieser geschäftliche und gesellschaftliche Skandal im Umkreis des Schwabe-Bankrotts unmittelbare negative Auswirkungen auf den Umgang mit den jüdischen Bürgern Wildeshausens gehabt hätte. Dafür mehren sich hier in den 1890-er Jahren die öffentlichen Auftritte und Wahlerfolge judenfeindlicher Vereine (so z.B. des antisemitischen "Deutschen Reformvereins", der bei den Reichstagswahlen 1893 84 von 264 abgegebenen Stimmen erhielt!). In den folgenden Jahren kam es in Wildeshausen immer wieder zu gut besuchten Versammlungen antisemitischer Gruppierungen, die sich diese Stadt im Oldenburger Land offenbar als Agitationszentrum ausgesucht hatten. Dies zeigt, dass die christliche Bevölkerung trotz großen Bemühens der Juden sich einzugliedern, gerade in Krisenjahren sehr anfällig blieb für intolerantes Verhalten.

Nicht deswegen, sondern durch die anhaltende wirtschaftliche Flaute in Deutschland und durch die Wildeshauses Randlage bedingt, verließen seit den 1870-er Jahren viele erwerbsfähige junge Leute - darunter nicht wenige Juden - die Stadt, wodurch sich die Erwerbslage für Handwerker und Geschäftsleute weiter verschlechterte. Erst 1898, mit dem späten Eisenbahnanschluss Wildeshausens an die Strecke Delmenhorst - Vechta - Lohne, erhielt die Stadt neue wichtige Wirtschaftsimpulse, die v.a. dem Viehhandel (einer wichtigen jüdischen Geschäftsdomäne) sehr zugute kamen. Bis zum Ersten Weltkrieg hatten es alle alteingesessenen jüdischen Familien (Heinemann, Rennberg, Schwabe) für kleinstädtische Verhältnisse zu etwas gebracht. Später hinzugezogene Familien (Cohn, Goldstein, de Haas, de Vries) hatten es dagegen schwerer, sich wirtschaftlich durchzusetzen. Entgegen dem landläufigen Klischee kann nicht gesagt werden, dass Juden in Wildeshausen im Allgemeinen wohlhabender gewesen wären als ihre christlichen Glaubensgenossen.