Als 1914 ...
der Erste Weltkrieg ausbrach, meldeten sich auch viele junge jüdische Männer begeistert freiwillig zum Militär. Teilweise patriotischer noch als ihre christliche Umwelt eingestellt, waren sie oftmals der Überzeugung, an der Front beweisen zu können, dass auch sie vollwertige Deutsche waren. Ab 1916 aber, als die militärische Wende einsetzte und erkennbar wurde, dass der Krieg für Deutschland kaum noch zu gewinnen war, mussten die Juden neben Sozialdemokraten und Kommunisten wieder als Sündenböcke herhalten. Man warf ihnen vor, sie würden sich vor dem Kriegsdienst drücken und sich stattdessen fernab der Front auf Kosten der ‚wahren Deutschen' bereichern. - Wie sah die Situation in Wildeshausen aus?
- Alle sechs jüngeren jüdischen Männer der Stadt wurden 1914 einberufen. Einer davon, Salomon de Vries, erhielt 1917 das Eiserne Kreuz verliehen und galt seit dem 2.10.1918 als vermisst. An ihn erinnert seit 1924 eine Inschrift im Ehrenmal auf dem Wildeshauser Burgberg. - Ivan de Haas wurde 1916 das Friedrich-August-Kreuz 2. Klasse verliehen, ebenso wie seinem Bruder Bernhard, der 1917 auch das Eiserne Kreuz erhielt.
- Meyer, Sally und Julius Schwabe (bei Kriegsausbruch 68, 61 und 57 Jahre alt) arbeiteten im Krieg als Viehaufkäufer für die Armee, wobei sie sich einen guten Ruf erwarben.
- Die Viehhandlung Rennberg, deren männlicher Geschäftsinhaber 1914 mobilisiert wurde, musste als Folge davon ihren Viehbestand verkaufen.
Es ist also nicht erkennbar, dass jüdische Wildeshauser Geschäftsleute von den Kriegsereignissen profitiert hätten. Sie blieben hier auch von öffentlichen Anpöbelungen und Schändungen des Friedhofs und des Bethauses verschont. Dennoch ist unverkennbar, dass antisemitische Strömungen und das langsame Erstarken der NSDAP ab den 1920-er Jahren eine größere Rolle zu spielen begannen.
In dieser Zeit verließen zwei einflussreiche und bis dahin geschäftlich erfolgreiche jüdische Familie, Schwabe (1919 und 1921) und Rennberg (1921/22) Wildeshausen und siedelten sich in größeren Städten an (München, Bremen). Ivan de Haas kehrte nach dem Krieg nicht in seine Geburtsstadt zurück, sondern zog mit Frau und Kindern nach Delmenhorst. Eine Reihe jüdischer Familien geriet nach dem Krieg in private oder geschäftliche Turbulenzen, verarmte oder stieg gesellschaftlich ab. Zu den wenigen, geschäftlich weiterhin erfolgreichen in Wildeshausen verbliebenen jüdischen Familien zählten die von Moritz de Haas (Viehhändler und Notschlachter) und Alfred Heinemann (Kaufmann), die auch finanziell maßgeblich für das Weiterbestehen der jüdischen Glaubensgemeinde sorgten. Die kleine Gemeinde schrumpfte in den Folgejahren so stark, dass das Bethaus in der Huntestraße im Oktober 1938 verkauft wurde.