Ankunft in den USA

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Am 15.5.1859 gegen Abend ...

... wirft die Dreimastbark "Gustav" vor der Reede der Hafenstadt Baltimore in Maryland Anker. Fast genau zwei Monate sind seit der Abfahrt aus Bremerhaven vergangen. Die Passagiere an Bord treffen nun die letzten Vorbereitungen für den entscheidenden Schritt an Land: Das Gepäck wird überprüft und neu gebündelt, viele ziehen ihre feinere Kleidung an und versuchen mit den dürftigen Bordmitteln ein wenig Körperpflege - und dann fliegt alles, was an Sachen nicht mehr gebraucht wird - unter anderem die Matratzen - über Bord ins Meer.

Im Hafen von Baltimore Die Erwartungen sind gespannt, doch bevor die amerikanischen Behörden das Anlandgehen gestatten, müssen die Passagiere auf ihren Gesundheitszustand untersucht werden. Deshalb kommen am nächsten Morgen Ärzte zur Kontrolle auf das Schiff. Alle Auswanderer sind gesund. Nun erscheint ein Schleppdampfer - vermutlich das erste Dampfschiff, das die meisten sehen - und nimmt sie an den Haken. Am 16. Mai 1859 legt die "Gustav" im Hafen von Baltimore an, und die Passagiere gehen voller Hoffnung an Land - einer nicht immer gewissen Zukunft entgegen. Aber zunächst herrscht Freude darüber, dass alle die lange Überfahrt unbeschadet überstanden haben: Johann Friedrich Wilhelm Wellmann und seine Reisebegleiter legen sich glücklich in ein Wirtshaus und trinken sich einen gehörigen Rausch an.

Baltimore ist im Jahre 1859 eine bedeutende, aufstrebende Hafenstadt mit über 200.000 Einwohnern - und damit mehr als dreimal so groß wie Bremen! Dennoch hält es J.F.W. und seine drei Reisegefährten hier nicht; sie haben ein anderes Ziel: Cincinnati im Bundesstaat Ohio, das Wellmann in einem Anflug von Begeisterung in seinem Tagebuch auf Seite 56 als "gelobte(s) Land" bezeichnet.

B&OVermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben nehmen Wellmann und seine Gefährten am 17. Mai 1859 die Eisenbahn, die sie in 19-stündiger Fahrt zunächst bis nach Bellaire (Ohio) bringt. Dieser Ort, am Westufer des Ohio River gelegen, wurde etwa 1795 gegründet und mauserte sich bis 1874 zu einem Städtchen, das seine Wichtigkeit wohl der Tatsache verdankt, dass es Kreuzungspunkt zweier Eisenbahnlinien ist: der Pennsylvania Railroad und der Baltimore & Ohio Railroad. Von dort nimmt die Reisegesellschaft am 18. Mai gegen 6 Uhr morgens einen weiteren Zug Richtung Cincinnati, wo sie schließlich am 19. Mai morgens um 9 Uhr anlangt.

Cincinnati

Hier, in dieser Stadt am Ohio River, die 1860 mehr als 122.000 Einwohner hat, verlieren sich zunächst J.F.W. Wellmanns Spuren. Seine Reisebeschreibung endet auf der Seite 57 mit dem Hinweis, dass er und seine Reisegefährten bei ihrem "Freund Kruthaup einkehrten, der uns mit Freuden aufnahm. Da verblieben wir dann ungefähr eine Woche, und dann ging der eine hierhin und der andere dorthin. Meine erste Arbeit war bei einem Gärtner."

Zwei Jahre später, 1860, findet in den USA eine landesweite Volkszählung statt. Bei dieser Gelegenheit wird Wellmann dann im Federal Census for Ohio, Hamilton County, Ward 9, p. 403, in der Stadt Cincinnati registriert als "Wm Wellmann, 24, laborer" (=ungelernter Arbeiter). Sein Herkunftsland ist korrekt angegeben mit "Prussia". Er wohnt zusammen mit einer weiteren Person, Bernard Kraft, 26, laborer, bei Eliza Wernke, 54, beide aus Hannover, und deren 3 Kindern Eliza, 21, Cath., 16, und Joh., 14:


Nun wird es eine ganze Weile still um Johann Friedrich Wilhelm Wellmann. Er wird in Cincinnati seinem Beruf nachgegangen sein, immer in der stillen Hoffnung, es im "gelobten Land" zu etwas zu bringen. Doch langsam muss er wohl einsehen, dass ihn seine überzogenen Erwartungen trügen. Zwar verdient man nicht schlecht als Arbeiter in einem Land, in dem jeder unabhängig und daher kein Lohnarbeiter sein will, doch auch dann dauert es Jahre, bis man genügend Geld zusammengespart hat, um sich durch Kauf von Grund und Boden eine eigene Existenz aufzubauen. - Bevor es dazu überhaupt kommen kann, bricht 1861 der amerikanische Bürgerkrieg aus...