Übersicht
Johann Friedrich Wilhelm Wellmann verlässt kurz vor seinem 23. Geburtstag sein Elternhaus im Kreis Lübbecke mit der Absicht, "ohne Erlaubniß die Königl. Lande [zu] verlassen und sich dadurch dem Eintritte in den Dienst des stehenden Heeres zu entziehen", wie dies später in den Prozessakten vermerkt werden wird. Er flüchtet über die unmittelbar nördlich von Haldem gelegene preußisch-westfälische Landesgrenze, überquert kurz hannoversches Territorium und gelangt in den nahe gelegenen Ort Damme im Großherzogtum Oldenburg. Von hier aus bricht er am 14.3.1859 zur Weiterreise nach Bremen und von dort aus zur Einschiffung nach Bremerhaven auf.
Nordwestdeutschland 1859
Reisewege
Ob J.F.W. Wellmann die gut 75 Kilometer lange Strecke zwischen Damme und Bremen vom 14. auf den 15. März 1859 zu Fuß gegangen ist, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Möglich wäre es schon, denn viele Auswanderer dieser Zeit taten dies, vor allem um Geld zu sparen. Vielleicht erhielt er zwischendurch auch einen Platz auf einem der Lastkarren, die sich auf kleinen Straßen Richtung Bremen bewegten.
Auch die Reise in der schnelleren Postkutsche hätte der Auswanderer in
Betracht ziehen können, denn von Damme über Vechta, Wildeshausen und
Delmenhorst nach Bremen reichte einer der wichtigeren Postkurse dieser Zeit in
Norddeutschland. Die Entscheidung dürfte freilich eine Geldfrage gewesen
sein.
Mit der Eisenbahn hätte er 1859 von Damme nach Bremen noch nicht fahren können. Zwar ist Bremen schon an das sich entwickelnde deutsche Eisenbahnnetz angeschlossen. Die einzige, 1847 gebaute Bahnstrecke führt aber nur von Südosten kommend hierher: Von Minden und Hannover teilweise dem Lauf der Flüsse Weser und Leine folgend, treffen sich die zwei Trassen in Wunstorf und laufen dann entlang der Weser über Nienburg und Verden nach Bremen. - Oldenburg ist erst ab 1867, Vechta über Oldenburg erst ab 1885 per Bahn mit der Hansestadt Bremen verbunden.
Wie auch immer: Am 15. März 1859 kommt Wellmann in Bremen an.
Bremen
Wellmann trifft in einer Stadt mit etwa 60.000 Einwohnern ein, in der die
Anwesenheit von Auswanderern nichts Außergewöhnliches ist. Mehr
noch: Die Hanse- und Hafenstadt Bremen profitiert seit dem ausgehenden 17.
Jahrhundert und dann vor allem seit der Lockerung der Auswanderungsbestimmungen
im deutschen Reichsgebiet im 19. Jahrhundert ganz massiv vom Geschäft mit
den Auswanderern. Und auch diese selbst haben etwas davon, dass der Strom der
deutschen Auswanderung insbesondere über Bremen und Bremerhaven in die
Neue Welt fließt; die Bremer Geschäftsleute sorgen im Laufe des 19.
Jahrhunderts dafür, dass eine Infrastruktur entsteht, die ganz auf das
Geschäft mit den Auswanderern zugeschnitten ist:
- Dem anfänglichen Anmarschweg der Auswanderer entsprechend, entwickelt sich im Bremer Südosten eine Art erster Sammelpunkt. Hier entstehen aus Fuhrmannskneipen heraus im Laufe der Jahre Auswanderer-Gaststätten und später Auswanderer-Hallen.
- Da in den 30-er und 40-er Jahren des 19. Jh. die Wartezeit der Auswanderer oft zwei Monate überschreitet, bildet sich ein dichtes Netz von Herbergen heraus, die sich auf die Bewirtung und Unterbringung von Auswanderern spezialisieren. Auch in den 50-er Jahren noch lassen sich mehr als 150 Wirtschaften ermitteln, die Auswanderer beherbergen.
- Zahlreiche lukrative Zusatzgeschäfte entstehen der Bremer Geschäftswelt durch Wechselstuben und durch den Verkauf von Waren, die die Auswanderer tatsächlich oder nur vermeintlich für ihre Reise brauchen. Zu den notwendigen Artikeln gehören unter anderem Matratzen, Decken und Geschirr, die jeder Auswanderer für die Überfahrt auf dem Schiff selbst stellen muss. Und vielfach werden zusätzliche Lebensmittel gekauft, um die eintönige Schiffskost ein wenig abwechslungsreicher zu gestalten.
Auswanderer sind keineswegs arme Leute. Es wird geschätzt, dass jeder Auswanderer ein beträchtliches Barvermögen mit sich führt, wobei die Angaben über dessen Höhe sehr unterschiedlich ausfallen; sie reichen von durchschnittlich 100 bis 200 Talern pro Kopf bzw. 1000 bis 1200 Talern pro Familie. Das Bremer Kleingewerbe verdient nicht schlecht an ihnen: nach einer vergleichsweise zuverlässigen Schätzung durchschnittlich 6 Taler pro Auswanderer, insgesamt aber von 1832 bis 1855 mindestens 4,5 Millionen Taler.
Es leuchtet ein, dass bei derartigen Geldsummen Missbrauch, Nepp und Übervorteilung um sich greifen, vor allem auch angesichts der hohen Zahl von Auswanderern, die nach damaligen Statistiken über Bremen und Bremerhaven auswandern:
| Jahr | Anzahl | Jahr | Anzahl | Jahr | Anzahl | Jahr | Anzahl | Jahr | Anzahl |
| 1846 | 32.372 | 1849 | 28.629 | 1852 | 58.551 | 1855 | 31.550 | 1858 | ... |
| 1847 | 33.682 | 1850 | 25.776 | 1853 | 58.511 | 1856 | ... | 1859 | 22.098 |
| 1848 | 29.947 | 1851 | 37.493 | 1854 | 76.875 | 1857 | ... | 1860 | 30.128 |
Im Jahr 1859 verteilt sich die Zahl von 22.098 Passagieren auf folgende Reiseziele und Schiffstypen:
| Bestimmungshafen | Schiffstypen |
Anzahl
Passagiere |
|
|---|---|---|---|
| Segel | Dampf | ||
| New York | 46 | 15 | 12.812 |
| New Orleans | 20 | - | 3.929 |
| Baltimore | 22 | - | 3.625 |
| Philadelphia | 5 | - | 400 |
| Québec | 1 | - | 62 |
| Galveston | 6 | - | 683 |
| Charleston S.C. | 2 | - | 179 |
| Rio Grande do Sul | 2 | - | 278 |
| Narva (Russland) | - | 1 | 130 |
| Gesamt | 104 | 16 | 22.098 |
Auf Betreiben der Handelskammer greift bereits 1851 eine Vereinigung von
Reedern und Annahmefirmen einen seit einiger Zeit besprochenen Vorschlag auf
und gründet ein "Nachweisungsbureau für Auswanderer". Unter
der Oberaufsicht des Bremer Senats und im Besitz beschränkter
polizeilicher Befugnisse, aber gegen den starken Widerstand der Gastwirte,
bietet diese Organisation bis in die 1870-er Jahre hinein den Auswanderern
während ihres Aufenthalts in Bremen "Rat, Schutz und Hilfe" an:
- kostenlose Vermittlung preiswerter Unterkünfte
- Festsetzen von einheitlichen Preisstaffeln in den Gasthöfen
- Verbot des bis dahin sehr verbreiteten "Litzens", d.h. Anwerbens und Übervorteilens von Auswandern v.a. im Bahnhofs- und Fuhrmannsschenken-Viertel
- Nachforschung im Falle vom Beschwerden
Das "Nachweisungsbureau" eröffnet Kontore im Schütting, am Bahnhof und am Anleger der Flussdampfschiffe und ist damit in das sofortige Blickfeld ankommender Auswanderer gerückt. Ihm ist es zu verdanken, dass die schlimmsten Auswüchse im Auswanderergeschäft ab 1850 ein wenig eingedämmt werden können und die Hansestadt Bremen im Vergleich mit den englischen und holländischen Konkurrenten, aber auch im Vergleich mit Hamburg, sehr günstig abschneidet.
J.F.W. Wellmann wird sich spätestens jetzt, wenn er nicht bereits vorher einen Überfahrtsvertrag mit einer Reederei geschlossen hat, einen solchen durch das Nachweisungsbüro vermitteln lassen. Auch dieser Service schützt die oft unwissenden Auswanderer vor Betrug. Der Auswanderer unterschreibt einen "Schiffs-Contract", in dem die Überfahrtsbedingungen geregelt werden, zahlt sein Passagegeld und erhält einen "Aufnahmeschein" oder ein Passagierbillet. Die meisten Auswanderer buchen Zwischendecks - Passagen, weil sie sich teure Kabinenplätze nicht leisten können. Diese Passage kostet um 1854 etwa 30 Taler Gold.
Johann Friedrich Wilhelm Wellmann quartiert sich vom 15. bis 17. März 1859
"bei Ernst Dormann" ein, wie er in seinem Tagebuch Seite 51 schreibt. Ernst Jobst Heinrich Dohrmann ist Wirt des Gasthofs "Stadt Oldenburg", Geeren 45, in der Nähe der Stephanikirche an der Weser. Er wird hier in Begleitung seiner Reisegefährten, deren Namen man nicht erfährt, auf die Abfahrt des von ihm gebuchten Segelschiffs "Gustav" gewartet haben, das am 16. März 1859 von Bremerhaven ablegt und den amerikanischen Hafen Baltimore anläuft. In der Zeit bis dahin wird er sich wohl mit den notwendigen Reiseartikeln versehen haben (Matratzen, Decken, Geschirr, zusätzlichem Proviant).
In der Bremer Tagespresse wird regelmäßig über abgehende bremische Schiffe nach Übersee informiert. Diese legen wegen der Versandung der Weser schon seit längerem nicht mehr von Bremen ab, sondern 7 Meilen weiter nördlich von Bremerhaven. Das Gebiet an der Geestemündung, auf dem 1827 Hafen und Stadt gebaut wurden, erwarb Bremen von Hannover.
Um zu ihrem Schiff zu gelangen, besteigen Auswanderer in Bremen an der
Schlachte einen von einem Schleppdampfer gezogenen Kahn, der sie auf der Weser
nach Bremerhaven bringt. Bis 1858 war dieser Kahnverkehr der wundeste Punkt,
den das bremische Auswanderungsgeschäft aufwies. Die Fahrzeuge
nämlich, die man verwandte, eigneten sich eigentlich nur für den
Warentransport und wurden von den privaten Eignern meist überbelegt. Nur
bei günstigem Wind und zeitiger Abfahrt ließ sich Bremerhaven in
einem Tag erreichen. Der Regelfall allerdings waren zwei bis drei Tage. Musste
nun daher auf dem Kahn übernachtet werden, fehlte es an den einfachsten
Vorkehrungen (Schutz gegen die Witterung, Proviant).
Erst nachdem der Norddeutsche Lloyd die Auswandererbeförderung auf der Weser mit Schleppdampfern eingeführt hatte, dauerte diese nur noch einen Tag. Der Fortschritt war derart eindeutig, dass der Bremer Senat schon 1858 jede andere Art des Weserverkehrs für Auswanderer verbot, bis dann 1862 die Eröffnung der Eisenbahn zwischen Bremen und Geestemünde auch das System der Schleppdampfschifffahrt überholte und ersetzte.
Zusammenfassung
Johann Friedrich Wilhelm Wellmanns Erbteil von 100 Talern muss seit den Tagen seines Aufbruchs von Haldem erheblich zusammengeschmolzen sein, denn es entstanden ihm bisher bereits folgende Ausgaben:
- Reise bis Bremen
- Kost und Logis im Gasthof
- Buchung einer Passage im Zwischendeck eines Amerikaseglers
- notwendige Reiseartikel für die Überfahrt
- Transport auf dem Zubringerkahn von Bremen nach Bremerhaven