Einschiffung und Überfahrt

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Am Kai in Bremerhaven Am 18.3.1859 kommt J.F.W. Wellmann mit dem Frachtkahn aus Bremen in Bremerhaven an. Nach dieser unbequemen Fahrt wird er es eilig gehabt haben, auf den bereits am Kai liegenden Segler nach Amerika zu gehen und so schnell wie möglich auszulaufen. In Bremerhaven selbst nämlich gibt es außer dem 1849 gebauten Auswandererhaus keinen Ort, an dem sich Reisende hätten aufhalten und verpflegen können.

Auswandererhaus Das vom Bremerhavener Kaufmann Johann Georg Claußen errichtete Haus, dessen Bau durch die Gründung einer Aktiengesellschaft möglich geworden war, beendete eine Zeit, in der Auswanderer ganz auf sich selbst gestellt und wie Schweine in primitiven Unterkünften zusamengepfercht bis zur Abfahrt ihres Schiffes ausharren mussten: Die Auswandererfirmen schafften sie sich in Bremen, um Kosten zu sparen, so schnell es ging vom Hals, ohne dass andererseits die Kapitäne der Überfahrtsschiffe verpflichtet gewesen wären, bis zum Auslaufen für ihre Verpflegung und Unterkunft zu sorgen. Und diese Wartezeit konnte bei widrigen Winden bis zu einem Monat betragen...

Die Dreimastbark "Gustav"

J.F.W. Wellmann und seine Reisebegleiter müssen sich bis zum Ablegen ihres Schiffs nur zwei Tage in Bremerhaven gedulden (Tagebuch Seite 51), zwei Tage, die sie aber wohl auf ihrem Segler verbrachten, auf denen seit Neuestem auch mit offenem Feuer gekocht werden durfte. Sie werden die zwei Tage bis zum Auslaufen genutzt haben, um ihr Reisegepäck zu verstauen und das Schiff in Augenschein zu nehmen, dem sie sich für die beiden nächsten Monate anvertrauen müssen.

Bark Gustav 1859 hat längst die Ära der Dampfschifffahrt begonnen (1847 begann der Liniendienst mit Dampfschiffen zwischen Bremen und den USA). Dennoch fällt auf, dass Dampfschiffe fast ausschließlich New York anlaufen. Weiterhin werden auch Segler gebaut und im Personen- und Warenverkehr auf dem Atlantik eingesetzt. Einer davon ist die "Gustav" (Kapitän C. Nienaber), mit dem J.F.W. Wellmann nun seine Überfahrt nach Baltimore in den USA antritt. Die "Gustav" ist eine Dreimastbark von 438 Last (292 Commerzlasten bzw. 657 Registertonnen), die erst 7 Jahre zuvor, am 28.8.1852, bei J. Lange in Vegesack vom Stapel lief und in einer zeitgenössischen Zeitungsannonce als "vorzüglich schnellsegelnd" angepriesen wird.

Auf diesem Schiff muss sich Johann Friedrich Wilhelm Wellmann eingeschifft haben, denn nur dieses eine legt am 20.3.1859 in Bremerhaven ab und kommt am 16.5.1859 in Baltimore an. Beide Daten hält Wellmann in der Beschreibung über meine Reise nach Amerika im Anschluss an sein Kriegstagebuch fest. Erstaunlich ist nur, dass die mikroverfilmte Schiffsliste der Gustav (Kapitän E.G. Gerdes) keinen Passagier mit Namen Wellmann enthält... Vielleicht hat er sich, um letzte Spuren zu verwischen, mit falschem Namen auf den Weg nach Amerika gemacht ?

Im Zwischendeck

Für die Seereise von Bremerhaven nach Baltimore braucht ein Segler dieser Zeit durchschnittlich 51 Tage. Die "Gustav" wird wegen stürmischen Wetters im Englischen Kanal erst am 16.5.1859, also nach 57 Tagen, dort eintreffen. Diese acht Wochen verbringen die meisten der 150 bis 200 Auswanderer als Passagiere im Zwischendeck des Segelschiffs.

Im Zwischendeck Das Zwischendeck eines Seglers ist eine Konstruktion aus Ostseehölzern, fast ohne jede Ausstattung für den Fahrgastverkehr. Die gesamte Einrichtung beschränkt sich auf Holzverschläge, welche Spötter passend mit Apfelbörten und Schweinekoben vergleichen. Als Wohn- und Schlafstätten zugleich werden sie in zwei Abteilungen übereinander längs den beiden Bordwänden in der Richtung des Schiffs angebracht. Jede dieser Kojen, die erst in späterer Zeit durch Holzlatten voneinander abgeteilt werden, müssen sich 4-6 Personen teilen. Eine Trennung nach Geschlechtern, allein oder als Familie reisenden Auswanderern gibt es erst ab 1868.

Mittschiffs sind Hecke zum Vertäuen des Gepäcks angebracht; manchmal lagert hier aber auch Stückgut, das den freien Raum weiter empfindlich einschränkt. - Tische, Stühle und dergleichen Bequemlichkeiten gibt es nicht. Für Licht und Luft sorgen ein oder zwei Aufgänge zum Oberdeck, Seitenluken und Ventile, allerdings so unvollkommen, dass im Zwischendeck schon nach kurzer Zeit ein widerliches Gemisch von Ausdünstungen aller Art herrscht. Zwar schreiben die bremischen Gesetze vor, dass nach amerikanischem Vorbild einem Erwachsenen im Zwischendeck mindestens 12 Quadratfuß Bodenfläche zustehen müssten, aber mit dieser Vorschrift nehmen es nicht alle Unternehmer so genau...

Verpflegung

Ein Segler dieser Zeit mit Ziel Nordamerika nimmt Proviant für 13 Wochen an Bord. Man verpflegt die Fahrgäste mit der zwar nahrhaften, aber doch sehr einseitigen Matrosenkost der Zeit: vorwiegend mit Hartbrot, Hülsenfrüchten und gepökeltem Fleisch. Deren Zubereitung geschieht auf allen Schiffen etwa nach folgendem Speiseplan:

Montag gesalzener Speck, Erbsen mit Kartoffeln
Dienstag Salzfleisch, Reis, Pflaumen
Mittwoch geräucherter Speck, Sauerkohl mit Kartoffeln
Donnerstag Fleisch, Kartoffeln, Bohnensuppe
Freitag Hering, Gerste, Pflaumen
Samstag gesalzener Speck, Erbsensuppe, Kartoffeln
Sonntag Salzfleisch, Mehlpudding, Pflaumen

Morgens wird Kaffee, abends Tee ausgeschenkt. Brot und Butter gibt es wöchentlich zugeteilt. - Es leuchtet ein, dass angesichts dieses Angebots an Speisen und Getränken viele Reisende sich vor Antritt der Fahrt selbst mit höherwertigen Nahrungsmitteln eindecken.

Unerfreuliches Bordleben

Die Ernährungslage an Bord ist aber nicht der hauptsächliche Mangel, mit dem Auswanderer zu kämpfen haben. Es sind dies vielmehr:

Zu den schlimmsten Erfahrungen von Zwischendeckpassagieren dieser Zeit zählt allerdings das Erlebnis eines Unwetters auf hoher See, von dem auch J.F.W. Wellmann berichtet (Tagebuch Seite 54): In der Nacht vom 23. auf den 24.4.1859 "hatten wir furchtbaren Sturm, wir wurden alle festgemacht im Schiff, keiner konnte heraus." Kapitän und Mannschaft wachen darüber, dass alle Seiten-, Deckluken und Ventile geschlossen sind. Die Passagiere dürfen das Zwischendeck nicht verlassen, einmal, um die Mannschaft bei ihrer gefährlichen Arbeit an Deck des Seglers nicht zu behindern, aber natürlich auch, um nicht bei Sturm und rauem Seegang über Bord gespült zu werden.

Hin und her geschleudert durch die Gewalt der Wellen und des Sturms; unter Deck ohne jegliche Information darüber, ob sich das Schiff in Gefahr befindet oder nicht; durch die Seekrankheit physisch und psychisch entkräftet - es müssen dramatische Momente gewesen sein, in denen sich viele Auswanderer gefragt haben werden, ob ihr Entschluss richtig war...

Im Zielhafen Baltimore

Am Ostermorgen, dem 24. April 1859, legt sich der Sturm wieder, und die "Gustav" setzt ihre Reise ohne weitere Zwischenfälle bis Baltimore fort, wo sie am 16. Mai im Hafen festmacht. Am Vortag jedoch muss sie bereits auf Reede gelegen haben. Wellmann berichtet, dass Ärzte ("Docktore") an Bord gekommen seien und untersucht hätten, "ob auch Kranke da wären". Dies scheint aber nicht der Fall gewesen zu sein - auch der Kapitän vermerkt auf der Passagierliste zumindest keine Todesfälle während der Überfahrt. Nach dieser Formalität kommt ein Schleppdampfer und zieht den Segler in den Hafen von Baltimore.

J.F.W. Wellmann und seinen drei Reisegefährten ist die Erleichterung anzumerken, wenn das Tagebuch auf Seite 56 vermerkt: "Glücklich angelandet legten wir uns dann ins Wirtshaus und tranken uns ein gehörigen Rausch."

Hafen von Baltimore