Wildeshauser Stadtbrände von 1895 und 1900

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Einführung

Wildeshausen blieb bis Anfang des 20. Jahrhunderts ein Ackerbürgerstädtchen. Die meisten Häuser waren selbst um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert noch in Fachwerkbauweise, aus Lehm und Holz konstruiert. Sie trugen Holzgiebel und zur Isolierung gegen Kälte und Feuchtigkeit - besonders gefährlich - Strohdocken unter den Dachziegeln. Bei unachtsamen Umgang fand ein Feuer hier reichlich Nahrung und konnte sich, wenn der Wind entsprechend wehte, sehr rasch ausbreiten.

Seltsamerweise nahmen die Bewohner von Städten solche nicht seltenen Brände als unabwendbares Schicksal hin. Bis in die Neuzeit hinein waren Feuerwehren in Deutschland unbekannt. In Wildeshausen beschlossen Rat und Bürgerschaft der Stadt erstmals im Jahr 1748, für den Brandschutz Feuerlöschgeräte zu beschaffen; in der Stadt wurden Notbrunnen angelegt. Diese Maßnahmen allein reichten allerdings nicht aus, so dass es in der Folgezeit zu vier verheerenden Stadtbränden kam - der erste davon am 31.3.1790. Im Verlaufe dieses Großfeuers brannten im Stadtgebiet 72 Wohnhäuser und 19 Scheunen ab. Die drei letzten Stadtbrände (in den Jahren 1895 und 1900) werden im Folgenden durch zeitgenössische Artikel in den "Wildeshauser Nachrichten" dokumentiert.

Das Schadenfeuer vom 21./22.4.1895

Wildeshausen, 23. April. Ein großes Schadenfeuer. In der Nacht zum Montag erscholl zwischen 1 und 2 Uhr in unserer Stadt der Ruf "Feuer". In dem Kolloge'schen Viehstall war Feuer ausgebrochen, welches an den dort lagernden Stroh- und Heuvorräthen reichlich Nahrung fand. Mit furchtbarer Rapidität verbreitete sich dasselbe auf den angrenzenden zweiten Stall, das Wohnhaus, den Brennereigebäuden und auf die Wohn- und Stallgebäude der Viehhändler und Schlachter J. Schwabe Söhne. In dem Immohr'schen Lokale fand das Stiftungsfest des hies. Turnvereins statt, und obgleich alle Festtheilnehmer zur Brandstätte eilten, war es doch nicht mehr möglich, alles Vieh zu retten. 22 werthvolle Kühe und 4 fette Kälber sind ein Raub der Flammen geworden. Gerettet wurden die Pferde und 23 Schweine. Von dem Mobiliar des Gastwirths Kolloge wurde auch nur wenig gerettet. 3 Betten und einige Schränke wurden mit genauer Noth dem Feuer entrissen. Von den vor wenig Jahren neuerrichteten Brennereigebäuden ist nur der große Schornstein stehen geblieben. Einen schauerlich schönen Anblick gewährte es, wie dieser stolze Schornstein sich mitten aus dem riesigen Flammenmeer hervorhob. Aus dem Schwabe'schen Hause konnte ein großer Theil des Mobiliars und auch das Vieh in Sicherheit gebracht werden. Die Schlachtereiutensilien, Kuh- und Schaffelle, Fettwaaren, Stroh- und Getreidevorräthe, fielen den Flammen zum Opfer. Große Mühe kostete es, die Nachbargebäude, das Haus des Kupferschmiedes Rademacher und des Kaufmanns Börger vor dem Feuer zu bewahren. Diese Gebäude sind aber auch besonders durch Wasser arg beschädigt worden. Durch glühende Funken wurde auch das Haus des Kaufmanns Louis Schwabe in Brand gesetzt, aber das Feuer wurde, ohne nennenswerthen Schaden angerichtet zu haben, bald gelöscht. Nach Verlauf von kaum 3 Stunden lagen 6 große Gebäude in Asche. Beinahe wäre auch das Kindermädchen des Herrn K. in den Flammen umgekommen. Dasselbe wurde noch im letzten Augenblick aus dem Bette geholt. Kolloge hat seine Gebäude mit 27,000 Mark bei der Landesbrandkasse und sein Mobiliar mit 36,000 Mark bei der Gladbacher Feuerversicherungsgesellschaft versichert. Die Schwabe'schen Gebäude sind auch bei der erstgen. Kasse mit 6300 Mk. und das Mobiliar mit 14,600 Mk. bei der Oldenb. Feuerversicherungsgesellschaft versichert. Glücklicherweise herrschte zu der Zeit Windstille, sonst wäre es leicht möglich gewesen, daß das Feuer noch eine größere Ausdehnung angenommen hätte. Ueber die Entstehung des Feuers ist nicht bekannt, man vermuthet daß dasselbe auf der Hille über dem Kuhstall ausgebrochen ist. Herr Photograph Cassens aus Delmenhorst war heute hier, um die Brandstätte zu photographieren.

Der Stadtbrand vom 18./19.9.1895

Feuersbrunst in Wildeshausen

Brand 1895 Wildeshausen, 20. September 1895. Wie schon durch ein Extrablatt unseren Lesern mitgeteilt, hat in der Nacht vom 18. auf den 19. September in unserer Stadt ein furchtbares Feuer gewütet. Es war eine schreckliche Nacht für die Bewohner unserer Stadt, wie sie wohl seit dem 31. März des Jahres 1790, in welcher Nacht hier 101 Gebäude, darunter 73 Wohnhäuser niedergebrannt sind, nicht schrecklicher gewesen ist. War schon der Brand der Kolloge'schen und Schwabe'schen Gebäude im April d. Js. besorgniserregend, so war man hier als die Gebäude des Stadtkämmerers v. d. Ecken (jetzt Kronen-Apotheke) und des Bauunternehmers Weltmann (jetzt Uhrmachermeister Spille) an der Westerstraße in Flammen standen, weit besorgter, denn man glaubte bei dem ziemlich starken Wind würden die Häuser der Westerstraße bis zur Sonnenstraße vom Feuer verzehrt werden.
Aufruf vom 21.9.1895 Das Feuer soll, wie man vernimmt, in dem Stallgebäude des Bürger Holzapfel (Hinter den Ställen - jetzt Neue Straße), in welchem Torfschollen lagerten, zum Ausbruch gekommen sein. Alsbald wurde dann das Holzapfelsche Wohnhaus vom Feuer erfaßt und nach kurzer Zeit auch die anliegenden Gebäude des Schuhmachermeisters H. Ahlers und des Landbriefträgers Büscher. Dann wurde der von Büscher schräg gegenüberliegende Stall des Stadtkämmerers v. d. Ecken von den Flammen ergriffen. Da die Gebäude bis in die Spitze mit Heu, Roggen- und Hafergarben gefüllt waren, so fand das Feuer reiche Nahrung. Nach Verlauf von zwei Stunden bildete die ganze Neue Straße und die Westerstraße bis zum Hause des Ackerbürgers Hespe (jetzt Blumenladen Jöllenbeck) ein Flammenmeer. Durch Funkenflug war auch das Haus des Lohgerbereibesitzers Windeler an der Burgstraße in Brand geraten. Mit rapider Geschwindigkeit verbreitete sich das Feuer auf die Nachbargebäude und in kurzer Zeit standen 8 Wohnhäuser in Flammen. Bei dieser Brandkatastrophe sind 43 Gebäude, darunter 29 Wohnhäuser, niedergebrannt. 33 Familien wurden obdachlos. Das Vieh konnte gerettet werden, auch größtenteils das Mobilar. Roggen- und Hafergarben verbrannten restlos. Feuerwehren aus Harpstedt und Colnrade waren erschienen und leisteten gute Dienste. Von Oldenburg war, obgleich man dort auch telegrafisch Hülfe erbeten hatte, eine Feuerwehr nicht gekommen, sondern man hatte von den nur angefragt, ob die Stadt auch geneigt sei, die Transportkosten zu tragen. - Nächstenliebe! -

Der Stadtbrand vom 23.4.1900

Wildeshausen, den 24. April 1900

Brand 1900 Von einem schrecklichen Brandunglück ist gestern nachmittag unsere Stadt heimgesucht worden. Um etwa 4 ½ Uhr ertönte plötzlich die Sturmglocke und das Feuerhorn. In dem Hause des Arbeiters Meyer (früher Scheele) an der Burgstraße war Feuer ausgebrochen, und in wenigen Minuten stand das ganze Wohnhaus in Flammen. Da M., sowie auch dessen Frau nicht zu Hause waren und das Haus verschlossen, so mußten die herbeigeeilten Nachbarn die Haustür aufbrechen, um das Vieh zu retten. Das Feuer verbreitete sich dann auf die beiden Nachbarhäuser und sprang dann nach der Kleinenstraße über, wo zunächst der Schlömer'sche Stall von dem entfesselten Element ergriffen wurde. Von dem Schlömer'schen Hause ging das Feuer dann auf das demselben gegenüberliegende Haus des Arbeiters Hieronymus Dierßen über, weiter verbreitete sich das Feuer auf den Stall des Lib. Panschar an der Westerstraße, das Wohnhaus des Joh. Plöger und fast gleichzeitig des A. Niester in der Sögestraße. Sodann wurde bald das dem Niester'schen Hause gegenüberliegende H. Ahler'sche Haus von dem Feuer ergriffen, worauf dann auch bald am kleinen Wall das Nürnberg'sche und die demselben gegenüberliegenden Häuser in Flammen standen. So standen dann in dem Zeitraum von kaum einer Stunde und 25 Minuten über 100 Gebäude in Flammen, welchen man machtlos gegenüberstand.

Brand 1900 Ein Flächenraum von 20 bis 25 Scheffelsaat (2 bis 2½ Hektar) bildete ein Flammenmeer, welches nach Anbruch der Dunkelheit einen schrecklichen Anblick gewährte. An den Gebäuden rechtsseitig der Westerstraße und linksseitig der Burgstraße waren Möbel und Betten, welche man aus den in Flammen stehenden Gebäuden herausgeschafft hatte, hoch aufgestapelt; auch der kleine Wall stand voll von Möbeln und allerlei Futtervorräten usw. Ein tieftrauriges Bild gewährte man am kleinen Wall, woselbst einige Leute auf dort ausgebreiteten Betten die Nacht über schliefen. Viele Einwohner haben wenig, einige fast gar kein Eingut gerettet. Ein wahrer Segen ist es, daß wir einer günstigen Jahreszeit entgegensehen, sonst würde sich das Elend für unsere Abgebrannten noch weit fühlbarer gestalten. Die ganze Wildeshauser Bürgerschaft sieht durch dieses große Brandunglück einer trostlosen Zeit entgegen. Die Namen der Abgebrannten sind folgende:

An der Burgstraße
Meyer, Arbeiter - Conr. Rasche, Schuhmachermeister - H. Bösche, Schlachter (früher Löhmann).

An der Kleinenstraße
Conr. Schlömer - Stukenborg, Schuhmachermeister - Hagemann, Maurermeister (früher Hilker) - Hieron. Dierßen, Arbeiter - D. Besuden Ww. - Joh. Steffen, Rieselmeister - Kaufmann Siemer - Joh. Weltmann, Maurermeister, Siegfr. Johanning, Daming, Arbeiter (früher J.B. Becker). - B. Niester, Barbier (früher Schulte) - J. Abeln, Schuhmachermeister

An der Sögestraße
Joh. Plöger, Tischlermeister - Fritz Reuter, Maurermeister - Theesfeld, Arbeiter - Bultje, Mühlenbauer - Joh. Kramer, Kaufmann - Chr. Bowe, Arbeiter - Anton Niester, do. - D. Rasche, Schuhmachermeister - Plöger, Ww. - Thölstedt, Ww. - Lamping, Schlossermeister - Fritz Meyer, Schneidermeister - D. Gerdes, Holzdrechsler - H. Horst, Arbeiter - W. Neumann, (fr. Kreyenborg) - Hohnholtz Ww. - Herm. Wellbrock - Melchers, Ww. - Müller, Ww.

Am kleinen Wall
Herm. Frost, Maurer - Wöhrmann, Tischler - Meyer, Zimmermann - Chr. Damme, Schuhmachermeister - F. Hogeback, Arbeiter - Lühning, Ww. - Herm. Post, Ausrufer - Herm. Huntemann, Cigarrenfabrikant - Dullweber, Schuhmachermeister - W. Schumacher, Arbeiter - Heitmann, Ww. - Tönjes, Bierfahrer - Joh. Schuhmacher, Arbeiter - Fischer, Maurer - H. Nürnberg, Schuhmachermeister - Joh. Krieger, Arbeiter - Deters, Ww. - H. Dierßen - Beckmann, Arbeiter - Meyer, Arbeiter - L. Segelken, Schneidermeister

An der Westerstraße
H. Brinkmann, Wagenbauer - Ritkötter, Gärtner - L. Panschar, Fuhrunternehmer - Joh. Kramers Warenhaus - Joh. Kramers Schneiderwerkstätte, Langhorst, Feldhüter - Brüning, Ww. (Fr. Künning) - B. Schlömer, Fuhrunternehmer — Conr. Büdeler, Ww. - Heinr. Wilke, Schlachtermeister - Ww. G. Schröder, Briefträger - Poppe, Weißgerber - Rasche, Wirt - H. Wiechmann, Seiler

An der Heiligenstraße
F. Poppe (fr. C. Immohr) - H. Schnittker (fr. Becker).

Nach vorläufiger Schätzung sind 113 Gebäude niedergebrannt, welche mit ca. 230000 Mark versichert waren. Die Gebäude waren durchweg nur niedrig versichert. Von auswertigen Feuerwehren waren die freiwilligen Wehren von Harpstedt, Goldenstedt und Colnrade erschienen. Ein Feuerwehrmann von der Goldenstedter freiw. Feuerwehr wurde leider noch von einem Unfall betroffen, indem derselbe unter die Spritze geriet, und ihm die Räder derselben über den Leib hinweg gingen. Weitere Unfälle sind glücklicherweise bei dem großen Brande nicht vorgekommen.