Historisches und Kunsthistorisches
Die Anfänge des ehrwürdigen Bauwerks reichen wohl zurück in das 13. Jahrhundert, als Wildeshausen die Stadtrechte erhalten hatte. Nun brannte die Bürgerschaft darauf, ein würdiges Gebäude zu haben, das als trutziges Denkmal ein erwachtes bürgerliches Selbstbewusstsein gegenüber weltlichen und geistlichen Herren kundtat.
Zuerst war es eine zweigeschossige Halle im Ausmaß von 20,5 x 12 m. Später wurde dann eine Zwischendecke ohne Mittelstützen eingezogen und eine eichene Treppe eingebaut. So hatte man nun zwei große Säle und etwa seit 1520 auch einen Stadtkeller mit mächtiger Gewölbedecke, der damals mit weißem Sand ausgelegt und am Rand mit Stangen zum Anbinden gepfändeter Rinder versehen war. Seit 1968 ist dieser Keller als Gaststätte "Ratskeller" ausgebaut.
Im 16. Jahrhundert erhielt das Rathaus am Südteil einen Vorbau für einen Lagerraum (unten) und eine Ratsstube (oben). In den 1 m starken Außenwänden sind nach innen überwölbte Nischen eingelassen, die 40 cm über dem Fußboden beginnen und in alten Zeiten als Sitzplätze bei Festlichkeiten dienten. - Im 16. Jahrhundert wurde auch an der östlichen Längsseite das Spritzenhaus angebaut. Das Ziegeldach wurde dabei heruntergezogen. Schon bald danach wurde zur Westerstraße hin ein einstöckiges Quergebäude als Fachwerkbau errichtet. Darin befand sich die "Hauptwache". 1879 wurde dieser Querbau als Steinbau und zweistöckig neu aufgebaut. Er diente zunächst als Berufsschule, dann als Stadtsparkasse. Erst 1935 wurden die Räume für Büros der Stadtverwaltung eingerichtet. Gleichzeitig wurde das Spritzenhaus ins neue Feuerwehrgebäude an der Huntestraße verlegt und an ihrer Stelle ein Amtszimmer mit Erker erbaut. Bereits 10 Jahre vorher hatte sich das Gesicht des Rathauses wesentlich verbessert, als man den Außenputz mit dem bläulichen Kalkanstrich entfernte und das wahre Gesicht mit den roten Backsteinen in alter Schönheit hervortreten ließ.
Die Außentür im Nordgiebel des Rathauses zeigt über dem massiven Eichenportal im Spitzbogen eine farbige Glasmalerei mit dem Wappen der Stadt, das die beiden Türme der Alexanderkirche erkennen lässt. Das Wappen ist umrankt von dem Sinnspruch "Jeden sien Deel".
Seit 1804 steht links vom Haupteingang eine Kastanie; sie wurde mehrmals erneuert, zuletzt 1980. - An der Westseite der Außenwand wurde zum Stadtjubiläumsjahr 1970 in einer Mauernische eine Gedenkplatte angebracht mit der Inschrift: "1270 hat Erzbischof Hildeboldus von Bremen Wildeshausen die Stadtrechte verliehen." Die vordere Giebelspitze ist geziert durch eine Stange mit Wetterfahne. Bis 1595 konnte man obenan den Bremer Schlüssel erkennen.
Bezüglich der einstmaligen Nutzung des Rathausgebäudes können verschiedene interessante Einzelheiten angemerkt werden:
Im unteren Saal befand sich die Stadtwaage, deren Verpachtung eine feierliche Handlung war. Dort wurden auch die eisenbeschlagene Geldlade, zwei Streusandfässer und die Wahrzeichen der Gilde (Fahne, Königskette, Schellenbaum, Archiv-Kommode) aufbewahrt. - Unter der Kellertreppe befand sich ein kleiner, vergitterter Gefängnisraum.
Mehrfach, z.B. auch im Dreißigjährigen Krieg, wurden Gottesdienste in den Rathaussälen abgehalten. - In Kriegszeiten wurden Soldaten in den Sälen und Pferde im Keller untergebracht. 1811 richteten französische Truppen im Rathaus ein Magazin ein. - Zur Zeit des Brigade-Exerzierens auf der Pestruper Heide im Jahre 1868 wurde das Rathaus zu einem Militär-Lazarett. - Die Säle des Rathauses wurden alljährlich in der Pfingstwoche für das Gildefest zur Verfügung gestellt (bis zur Gegenwart!). Aber auch für andere große Feste und für Familienfeiern wurden die Säle genutzt, solange es in der Stadt noch keine Säle bei den Gaststätten gab.
In den Jahren 1979 bis 1980 wurde das Rathaus innen und außen gründlich instandgesetzt und ausgebaut. Dadurch kann es entsprechend den neuzeitlichen Anforderungen seinem ursprünglichen Verwendungszweck wieder gerecht werden, d.h., es können im oberen Sitzungssaal wieder Ratssitzungen abgehalten werden. Doch der Saal wird auch für kulturelle Zwecke, wie Ausstellungen und Vorträge, genutzt. So ist nun das Rathaus wirklich ein Schmuckstück Wildeshausens.