Gedichtinterpretation schreiben: Aufbau, Gliederung & Beispiel

Gedichtinterpretationen gelten als langweilig. Doch ist es eines der faszinierendsten Dinge, die man in Schule und Freizeit unternehmen kann, sich mit Gedichten zu beschäftigen, sich ihnen zu nähern, sie zu verstehen, ihre Bedeutungen zu entschlüsseln und uns von ihnen bereichern zu lassen. Dazu lohnt es sich, wenn man sich sensible und angemessene Formen von Gedichtinterpretationen aneignet. Einem Gedicht wollen wir uns nähern, wie einer Dame beim Ball: höflich, sensibel und intelligent. Immerhin besteht die Möglichkeit, dass wir uns verlieben; in die Dame oder in das Gedicht. Und dazu sollte man tanzen können, ebenso wie es sich lohnt, ein Gedicht lesen und verstehen zu können!

Was ist eine Gedichtinterpretation?

Gedichte gehören zu den ältesten Äußerungsformen der Menschheit. In prähistorischen Kulturen gab es keine Unterscheidung zwischen Zauberspruch, Bannfluch, Heilformel und rituellen Deklarationen. Erst nach und nach, besonders seit Erfindung von Aufschreibsystemen, zweigten sich religiöse Texte von juristischen oder historischen und anderen erzählenden ab. Dennoch können wir viele Texte der Bibel, wie etwa die Psalmen, aber auch Texte anderer religiöser Überlieferungen, wie etwa das Ägyptische Totenbuch, mit Fug und Recht als »Gedichte« ansprechen. Die Gelehrten vieler Jahrhunderte haben sich damit beschäftigt, diese Texte zu verstehen und für ihre Zeitgenossen zu deuten. Solche »Gedichtinterpretationen« ihrer Schriftgelehrten waren für die Menschen vieler Epochen wie Gesetze, denn die Texte wurden als göttliche Äußerungen verstanden, die es richtig zu deuten galt. Wenn wir heute ein Gedicht lesen, auf uns wirken lassen und zu verstehen versuchen, stehen wir also durchaus in der Nachfolge der alten Schriftgelehrten. Der Unterschied besteht darin, dass wir das Gedicht nur noch im übertragenen Sinne als göttliche Äußerung betrachten. Immerhin dient es uns dazu, Dinge und Fragen ausgedrückt zu finden, die sich anders nicht sagen lassen. Ein Gedicht macht uns also klüger und schärft unsere eigene Ausdrucksfähigkeit.

Vorarbeit für die Gedichtinterpretation

Ein Gedicht ist keine »Schreibe«, es wird vielmehr vom Dichter komponiert. Daher lohnt es sich, jedes Gedicht, das wir interpretieren wollen, erst einmal laut zu lesen. Im Klang des Gedichtes offenbaren sich bereits seine Reime, sein Rhythmus, sein Charakter. Im Internet, z. B. bei Youtube, finden sich nicht selten Gedicht-Deklamationen von Laien, aber auch von Sprechern oder berühmten Schauspielern. Wenn wir eine solche gelungene Deklamation auf uns wirken lassen, wird uns viel von der Art und dem Charakter des Gedichts klar. Außerdem ist das Anhören ein Genuss, wie ein gutes Musikstück.

Dann müssen wir uns Fragen stellen wie: Um welche Form von Gedicht handelt es sich? (Z. B. Naturgedicht, Liebesgedicht, Ballade, humoristisches Gedicht?) Mit welchen Reimformen haben wir es zu tun? Aus welcher Epoche stammt die Dichtung? (Z. B. Mittelalter / Barock / Klassik / Romantik / Moderne?) Wer hat das Gedicht geschrieben? Wer spricht? (Z. B. der Verliebte an den oder die Geliebte oder ein neutraler Berichterstatter?) Wer soll angesprochen werden?

Aufbau & Gliederung der Gedichtinterpretation

Einleitung:

Name des Dichters (sofern bekannt).

Zu welchem Anlass wurde das Gedicht geschrieben?

Zusammenfassung des Inhalts.

Hauptteil:

Nehmen wir als Beispiel das Gedicht Das Fräulein stand am Meere von Heinrich Heine.

Das Fräulein stand am Meere

Das Fräulein stand am Meere

Und seufzte lang und bang,

Es rührte sie so sehre

Der Sonnenuntergang.

 

Mein Fräulein! sein Sie munter,

Das ist ein altes Stück;

Hier vorne geht sie unter

Und kehrt von hinten zurück.

 

Inhalt

Ein Fräulein steht gerührt am Meer. Der Dichter spricht es direkt an mit der ironischen Bemerkung, dass die untergegangene Sonne wieder aufgehen wird.

Aufbau

Wir haben es mit zwei volksliedartigen Strophen zu je vier Versen zu tun. Das Reimschema ist Paarreim: ABAB. Die erste Strophe beschreibt die Szene des am Meer stehenden Fräuleins, in der zweiten spricht der Dichter direkt zur Protagonistin.

Sprache

Wir haben es in der ersten Strophe mit einem betont einfachen, ironisch überspitzten romantischen Ton zu tun. In der zweiten Strophe kippt dieser vollends in die Parodie und den Ulk um.

Interpretation

Heinrich Heine gilt selbst als einer der bekanntesten Dichter der Romantik. Nun kann man gerade bei einem Gedicht oft vom Spezifischen auf das Allgemeine schließen. Es ging Heine also nicht darum, irgendein Fräulein auf den Arm zu nehmen. Vielmehr lässt er die gesamte Romantik mit ihrer Naturbeschwörung in den Humor umkippen. Das zeigt, dass Heine sich hier von der Romantik verabschiedet, zu der er selbst mit zahlreichen Gedichten beigetragen hat.

Schluss

Wir haben es mit einer kurzen, pointierten und witzigen Parodie auf die romantische Dichtung zu tun. Heinrich Heine scheut sich nicht, sich über die romantischen Dichter (und damit auch sich selbst) und ihre Leser lustig zu machen. Dabei behält er die volksliedhafte Einfachheit romantischer Dichtung bei.

Literarische Wertung

Wie gefällt dir das Gedicht? Findest du es witzig oder albern? Begründe deine Wertung! Hier könnte ein entscheidendes Kriterium sein, ob der Dichter die Aufgabe, die er sich stellte, auch gelöst hat und wie kunstvoll ihm dieses gelungen ist.

Reime und ihre Formen

1.) Reimformen nach Silbenzahl

Einsilbig, männlich, »stumpf«

Der Esel steht vor einem Haus,

und sieht nicht gerade glücklich aus.

Zweisilbig, weiblich, »klingend«

Er aß gern die belegten Brötchen

und fuhr sehr schnell mit seinem Bötchen.

Dreisilbig, gleitend, »reich«

Der Mensch glaubt gern an seine Wichtigkeit

vergisst dabei die eigene Nichtigkeit.

2.) Reimformen nach Stellung im Vers

Anfangsreim

An der großen Mauer

kann man sich erfreuen.

Ausgangsreim

Er sah das Mädchen in der Schule,

es saß dort still auf einem Stuhle.

Binnenreim

In dem Haus lebt die Maus.

Echoreim

Was ist schlimmer als Schnaken? Kraken!

Inreim

Eine platte graue Matte

liegt vor meiner Tür.

Mittelreim

Er ist der Bruder dieser Frau;

sie ist ein Luder, wie man weiß.

Mittenreim

Die Braut ist uns bekannt,

sie wird genannt in jeder Stadt.

Schlagreim

Die Lauten vertrauten der großen Trompete.

Übergehender Reim

Es tanzten den Tanz

Franz und sein Mädchen.

Überschlagender Reim

Franz liebt den Tanz.

Zäsurreim

Uns ist in alten Mæren wunders vil geseit

von Helden lobebæren, von grôzer arebeit

(Nibelungenlied)

3.) Reimformen nach phonologischer Struktur

Äquivoker Reim

Die drei Waisen

sangen schöne Weisen.

Assonanz

Und ich will es doch versuchen,

hier zu leben, nicht zu bluten.

Doppelreim

Im Traum hat dieser Hoppelhase

eine rote Doppelnase.

Endsilbenreim

Ich freue mich seit Tagen, denn

endlich gibt es Ferien.

Historischer Reim

If this be error and upon me proved,

I never writ, nor no man ever loved.

(Shakespeare, Sonett No. 116)

Identischer Reim

Dann führe ich den letzten Schlag.

Es ist ein tödlich harter Schlag.

Parareim

Morgens pflanzen hier die Riesen

Große wunderschöne Rosen.

Reiner Reim

Es bietet jeder neue Tag

das, was jeder Jäger mag.

Reicher Reim

Gerne möchte ich Lieder singen,

die im Echo wiederklingen.

Rührender Reim

In der Stille steht es,

Und im Winde weht es.

Schüttelreim

Im Fleischextrakt mit Kinderreim

verbirgt sich oft ein Rinderkeim.

Unreiner Reim

An einem Tag wie heute

tut man dir nichts zuleide.

Vorreim

Warum musst du ihn verklagen?

Besser wär es, sich vertragen.

4.) Reimformen gemäß morphologisch-lexikalischer Besonderheiten

Augenreim

Diese Frau bringt mich in Rage;

Nicht nur heute; alle Tage!

Gebrochener Reim

Ich schenke zum Familien

fest am liebsten Lilien.

Gespaltener Reim

Zum Zwecke eines Rufes

Stell dich hin und ruf es!

Grammatischer Reim

Die schönste Form von Trauer

ist die, wenn man gern trauert.

Ohrenreim

Ich fragte sie: »My love,

warst du denn auch brav

Umgekehrter Reim

Können sie sich darüber wundern,

Dass sie so berogen wurden?

Vexierreim

Ich geh mit riesengroßen Schritten,

und betrachte ihre Schulter.

5.) Reimformen, geordnet nach Versenden

Haufenreim

Liederlich sind jene Mädchen,

welche in in kleinen Städtchen

wie ein gut geöltes Rädchen

sich durchschlängeln wie am Fädchen.

Paarreim

Auf hoher See, in tiefem Meere

kommt dem Schiffer in die Quere

immer wieder mal ein Boot

welches schon in großer Not.

Kreuzreim

Ich fuhr per Bahn nach Heidelberg

und sah in großer Ruh

Perkeo, dem berühmten Zwerg

beim Flaschenleeren zu.

Umarmender Reim

Glaubst du an Zufall und Geschick?

Glaubst du an Stolz und Ehre?

Es sei dir eine Lehre.

Versuche selbst dein Glück!

Schweif- oder Zwischenreim

Ich suchte dich in allen Landen,

ich fand dich schließlich im Spital

und war erleichtert wie noch nie.

Für viele, die die Liebste fanden

war es letztendlich eine Qual

und keine Nostalgie.

7. Sonderformen

Stabreim

Mach mich munter, müde Maus!

Waise

Es blüht am Weg

der Dattelbaum,

er blühet auch am Steg.

Weitere wichtige sprachliche Mittel

Strophe

Die Zusammenfassung mehrerer Verse zu einer Sinneinheit, meist durch Absatz von der nächsten Strophe getrennt.

(Hier:

Das Fräulein stand am Meere

Und seufzte lang und bang,

Es rührte sie so sehre

Der Sonnenuntergang.)

Vers

Einzelne Zeile in einem Gedicht.

(Hier: Das Fräulein stand am Meere.)

Metapher

Rhetorisches Stilmittel, bei dem ein Lebewesen oder Gegenstand durch ein anderes bezeichnet wird. Etwa Wüstenschiff für Kamel, oder Heimgang für Tod. Durch dieses Stilmittel soll der Ausdruck gesteigert, oder, im Gegenteil, abgeschwächt werden.

Symbol

Bild oder Erkennungszeichen oder Sinnbild, das für etwas anderes steht, etwa Schwert für Krieg, Löffel für Speise oder Schiff für Meer. Dadurch soll der Ausdruck poetischer gestaltet oder allgemein verständlich abgekürzt werden.

Personifikation

Rhetorisches Stilmittel, bei dem Dingen oder Naturkräften menschliche Handlungsweisen unterlegt werden. Etwa: Der Winter schläft. Der Krieg erwacht. Die Natur trauert. Damit werden Vorgänge allgemeinverständlich und bildhaft anschaulich ausgedrückt und zusammengefasst.

Allegorie

Bildliches oder rhetorisches Stilmittel, Sinnbild, Verkörperung, bei dem ein abstrakter Begriff durch ein anschauliches Bild ersetzt und ausgedrückt wird. Beispiel: Figur der Justitia für Gerechtigkeit. Gestalt des Mars für Krieg. Besonders das bilderreiche Barock ist reich an Allegorien, sowohl in der Bildenden Kunst, als auch in der Dichtung und allgemein in der Rhetorik.

Häufige Fehler bei der Gedichtinterpretation

Falsch:

Unüberlegt nach dem Ersten Eindruck einfach losschreiben und sich dabei seinen Gefühlen überlassen.

Richtig:

Das Gedicht erst einmal laut lesen, auf sich wirken und »setzen« lassen. Und sich dann strukturiert die richtigen Fragen stellen: Aus welcher Epoche stammt das Gedicht? Was ist an dem Gedicht typisch für seine Epoche? Welcher Dichter hat es geschrieben? Was ist an dem Gedicht typisch für den Dichter? Welche Vers- und Reimformen verwendet der Dichter hier?

Falsch:

Den Inhalt des Gedichtes einfach nacherzählen.

Richtig:

Den Gehalt des Gedichtes und seine Substanz wiedergeben und nachweisen, wie es in sprachliche Mittel umgesetzt ist.

Falsch:

Die Interpretation eines bestimmten Gedichts aus einem Buch oder dem Internet abschreiben.

Richtig:

Das Gedicht auf den eigenen Geist wirken lassen und sich selbst Gedanken machen, sich auch als Person der Dichtung aussetzen.
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