Naturalismus Literaturepoche Merkmale & Autoren

Der Naturalismus ist eine Protestbewegung in der Literatur gegen den Idealismus, die Ende des 19. Jahrhunderts auftrat. Seine Vertreter schrieben vor allem prosaische Werke und Dramen. Die Lyrik hatte keine wichtige Funktion für diese Strömung. Die Themen für ihre Werke fanden sie regelrecht auf der Straße, indem sie sich der Problematik der wachsenden Großstädte widmeten. Sie machten die Prostitution, den Alkoholismus und auch das sonstige soziale Elend, das die moderne Industriegesellschaft mit sich brachte, zum Hauptgegenstand ihrer Kunst. Es hatte bereits in Frankreich, Skandinavien und Russland naturalistische Bewegungen gegeben, an denen sich die deutsche Szene orientierte.

Definition der Epoche

Der Begriff Naturalismus leitet sich von dem lat. Wort natura, dt. Natur, ab. Er steht für eine Strömung in der Literatur, die in Deutschland etwa zwischen 1870 und 1900 entstand. Die Naturalisten legten Wert auf eine detaillierte Beschreibung der Wirklichkeit, die sie mit menschlichen Sinneseindrücken für erfahrbar hielten. Sie hatten ein materialistisches Menschenbild. Um eine objektive Darstellungsform zu erreichen, orientierten sie sich in ihrer Kunst an naturwissenschaftlichen Methoden.

Merkmale der Epoche Naturalismus

Verwissenschaftlichung der Kunst

Der Naturalismus lässt sich als Aufstand gegen die sozialen, politischen und kulturellen Verhältnisse verstehen. Philosophisch gesehen war das 19. Jahrhundert geprägt von der Lehre Ludwig Feuerbachs über den Materialismus, vom Pessimismus Arthur Schopenhauers und der Milieutheorie des Hippolythe Taine. Nun kam noch die Theorie über Allmacht der Entwicklung und Vererbung von Charles Darwin hinzu. Diese Denkströmungen schalteten das christliche Weltbild und den Glauben an das Jenseits aus. Die neuesten Erkenntnisse der Technik, Industrie, Medizin und Psychologie trugen ebenfalls dazu bei. Aufgrund des industriellen Wachstums spaltete sich die Gesellschaft in Unternehmer und Arbeiter, in Kapitalismus und Sozialismus. Die in dieser Zeit heranwachsende Dichtergeneration protestierte gegen jegliche Sentimentalität und gegen die traditionelle, reine Form der Kunst. Die Weltbetrachtungen des Realismus schienen ihnen viel zu verklärt zu sein. Deshalb nahmen sie das naturwissenschaftliche Weltbild der Gegenwart als Herausforderung an und riefen nach einer Verwissenschaftlichung der Kunst.

Wahrheitsbegriff

Während es im Realismus noch darauf angekommen war, die Wahrheit in einer künstlerischen Form wiederzugeben, kam es den Naturalisten darauf an, ihrer Dichtung wissenschaftliche Objektivitätsmaßstäbe zu verleihen. Sie nahmen sich Methoden aus den verschiedensten naturwissenschaftlichen Bereichen zum Vorbild. Sie recherchierten, um allgemein gültige Gesetzmäßigkeiten formulieren zu können. Ebenso arbeiteten sie mit der experimentellen Methode und orientierten sich dabei am Experimentalroman von Emil Zola. Ein Schriftsteller war in ihren Augen ein Experimentator, der seine mit individuellen Erbanlagen versehenen Figuren in ein Umfeld setzten konnte, dem sie ausgeliefert waren. Und sie ließen diese Menschen in Konflikte geraten, aus denen sie je nach charakterlichen Eigenschaften, als Sieger oder Verlierer hervorgingen. Die Naturalisten vertraten die Auffassung, dass ein Chemiker nichts Anderes tun würde, wenn er verschiedene Stoffe vermischen und in unterschiedliche Temperaturgrade brächte, um ein Ergebnis zu beobachten. Die Literatur sollte aus einer wissenschaftlichen Grundlage heraus entstehen. Das eigentliche Schreiben wurde aber nicht als ein wissenschaftlicher, sondern nach wie vor als ein schöpferischer Vorgang angesehen.

Milieu und Vererbung

Im klassischen Drama wurde der Ort des Geschehens nur kurz angedeutet, denn die Figuren füllten und prägten ihn durch ihr Handeln. Im Gegensatz dazu kam es den naturalistischen Schriftstellern darauf an, den Schauplatz so konkret wie möglich zu beschreiben, weil die Figuren durch ihn geprägt waren. Jedem kleinsten Detail gaben sie eine Aussagekraft, aus dem der Zuschauer seine Schlüsse ziehen konnte, denn jedes Details war typisch für das Milieu in dem die Figuren lebten. Diese Prägung erklärte das Handeln der Figuren. Die Zuschauer erhielten somit ein intimes Bild in das jeweilige Milieu und konnten schon vor dem Einsetzen des Dialogs wahrnehmen, welche Situation vorlag. Die Naturalisten gingen davon aus, dass der Mensch keinen freien Willen besitzen würde und in keinem Augenblick frei sei, sondern dass jeder Mensch nur das wollen würde, wozu er, aufgrund seiner Natur und des Milieus aus dem er stammte, gezwungen sei.

Sekundenstil

Durch die Auffassung, dass es notwendig sei, einen Menschen in seinem Milieu durch jedes noch so winzige Detail darzustellen, hat sich der Sekundenstil entwickelt. Die Naturalisten gingen davon aus, dass es bei der Beschreibung nichts Nebensächliches gäbe, denn auf den Menschen würde Alles bestimmend einwirken und müsste mit wissenschaftlicher Objektivität wiederzugeben sein. Der Sekundenstil ist eine Technik, die die Wirklichkeit kopiert. Die kleinsten Gesten oder Bewegungen wurden punktgenau aufgezeichnet; auch die Sprache. Die individuellen Eigenschaften der Figuren wurden notiert wie bei einer Tonbandaufnahme. Auch der Dialekt und die Redensart, ein Ausruf, ein Stammeln und Stöhnen oder ein Satzabbruch wurde aufgeschrieben. Damit erzeugten die Naturalisten eine sehr große Nähe zum tatsächlichen Sprachverhalten der Menschen.

Darstellung des Häßlichen

Während in der Klassik noch das Schöne und im Realismus die Wirklichkeit noch in poetischer Verklärung wiedergegeben worden ist, provozierten die Naturalisten das Publikum durch hässliche Gegenstände. Sie inszenierten Alltagsszenen in Fabriken, Kneipen und Hinterhöfen; zeigten das Elend, die Krankheit oder die Alkoholabhängigkeit der Menschen. Und sie stießen damit auf höchsten Widerstand. Kaiser Wilhelm II war, nachdem er die Aufführung Die Weber von Gerhart Hauptmann gesehen hatte, brüskiert und nannte die Literatur des Naturalismus eine “Rinnsteinkunst”.

Politische Implikation

Doch nicht nur der Kaiser sondern auch das Bürgertum war von den Naturalisten geschockt. Die Sozialdemokraten, die anfänglich noch mit den Naturalisten sympathisiert hatten, kehrten ihnen, nachdem sie 1890 zu einer staatstragenden Partei geworden waren, den Rücken zu. Sozusagen lehnte die gesamte gebildete Gesellschaft Thematik der naturalistischen Literatur ab.

Naturalismus in der Weltliteratur

Dennoch war der Naturalismus auch von politischer Bedeutung, denn er stellte eine Art Nachholprozess dar. Schließlich war er bestrebt, die Literatur zu modernisieren. Alle anderen Lebensbereichen waren es ja bereits; angefangen bei der Wirtschaft, über den Verkehr, über die Wissenschaft und Technik, die Philosophie bis hin zur Evolutionslehre, Medizin und Psychologie. Dort hatten enorme Wandlungen stattgefunden und in anderen Ländern Europas war die Modernisierung der Literatur im naturalistischen Sinne auch vorangeschritten; in Frankreich beispielsweise durch Emil Zola, in Norwegen durch Henrik Ibsen und in Schweden durch August Strindberg. Somit schloss sich die deutsche Literatur einer internationalen Bewegung an, die auf eine Bewusstseinsveränderung des Publikums hinauslaufen sollte.

Formen

Drama

Das Drama hat den wichtigsten Stellenwert im Naturalismus. Zur damaligen Zeit war es nicht anerkannt, weil epische und dramatische Aspekte vermischt wurden. Im Zentrum stand die charakterliche Darstellung der Protagonisten. Die Handlung des Stücks wurde weniger wichtig. Vielmehr legte man das Augenmerk auf bestimmte Objekte. Das sollte die Echtheit der Darstellung unterstreichen und die soziale Komponente hervorheben.

Prosa

Die Naturalisten verwendeten häufig kleine epische Formate wie die Kurzerzählung, die Novelle oder die Skizze. Sie entwickelten eine neue Erzähltechnik: den Sekundenstil. Damit wurde es ihnen möglich, die Realität im Detail zu schildern. Ein weiteres stilistisches Mittel, das häufig Anwendung fand, ist der innere Monolog.

Lyrik

Die Lyrik des Naturalismus ist eine soziale Lyrik, die sich den Problemen des Großstadtlebens widmet. Thematisiert werden die hässlichen Aspekte einer Stadt, das dortige Elend und der Schmutz. Die naturalistischen Gedichte haben keine Metrik und keine Reimform. Ein weiteres Merkmal ist die Mittelachsenzentrierung. Dies bedeutet, dass Verszeilen zentriert gedruckt wurden. Dadurch entstand der Eindruck, sie würden links und rechts flattern.

Wichtige Autore der Epoche

  • Hermann Sudermann (1857 – 1928)
  • Arno Holz (1863 – 1929)
  • Gerhart Hauptmann (1962 – 1946)
  • Karl Schönherr (1867 – 1943)
  • Clara Viebig (1860 – 1952)
  • Johannes Schlaf (1862 – 1941)

Wichtige Werke der Epoche

  • Clara Viebig: Die Dilettanten des Lebens. 1897
  • Arno Holz: Das Buch der Zeit. 1885
  • Gerhart Hauptmann: Die Weber. 1893
  • Johannes Schlaf mit Arno Holz: Papa Hamlet. 1889
  • Hermann Sudermann: Frau Sorge. 1887
  • Karl Schönherr: Der Judas von Tirol. 1897
  • Georg Hirschfeld: Die Mütter. 1896
  • Max Halbe: Jugend. 1893

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