Realismus Literaturepoche Merkmale & Autoren

Begriffsklärung: Realismus

Der Begriff Realismus ist abgeleitet von dem lateinischen Wort res und kann mit Ding oder Sache übersetzt werden. Realistisch, lat.: realis, bedeutet sachlich und meint, dass etwas lebensecht und der Wirklichkeit entsprechend, oder der Wirklichkeit nahe kommend gezeigt wird. Es geht also bei dem Begriff Realismus um eine Darstellung, die die Wirklichkeit widerspiegelt. Der literarische Realismus stellt vor allem das Leben bürgerlicher Menschen, ihre Lebensumstände und die Art, wie sie ihre Eingrenzungen erleben oder sich mit ihnen auseinandersetzen, sachlich bzw. objektiv dar.

Merkmale des Realismus

Aufgrund des gesellschaftlichen und politischen Hintergrunds waren Mitte des 19. Jahrhunderts neue Definitionen notwendig. Es entstand ein anderer Blickwinkel auf die tatsächlichen Begebenheiten und auf die begrenzten Aspekte, die man bei Betrachtung der Realität hatte. Während zuvor der Idealismus maßgeblich gewesen ist, also das Nachdenkten über den Sinn und Zweck aller Dinge und Wesen, betrachtete man nun genau, was auf der einen Seite der ökonomische Fortschritt und auf der anderen Seite die politische Stagnation für Lebensumstände mit sich brachten. Das hatte zur Folge, dass die Existenz jedes einzelnen Menschen durch Zufall und Notwendigkeit erklärt wurde. Zwar erleichterten die gesellschaftlichen Veränderungen des 19. Jahrhunderts sowohl in der Wissenschaft und Technik als auch in der Medizin und der Wirtschaft die Arbeit und den Alltag, aber sie zogen auch Massenarbeitslosigkeit und eine weit um sich greifende Armut mit sich.

Die neuen Errungenschaften der Technik bedeuteten den Ruin für viele Gewerbe. Kleinbauer und Tagelöhner verließen die ländlichen Regionen, um in der Stadt Arbeit zu finden. Die Folge war eine Überfüllung der Städte. Dort hatte bis dahin das wohlhabende Bürgertum gelebt. Ebenfalls wohnte bis zu diesem Zeitpunkt eine kleine Anzahl an Adligen und Klerikern in den Städten.

Diese privilegierte Bürgerschicht war mit der neuen Situation überfordert und es kam zu Spannungen. Rasant verloren altbewährte Normen an Wert. Wissenschaftliche oder philosophische Erkenntnisse wurden genauso in Frage gestellt, wie das christliche Weltbild. Von der Ständegesellschaft war man plötzlich nicht mehr überzeugt und auch nicht mehr vom Leben in Großfamilien. Die Rolle und Funktion des einzelnen Menschen wurde somit Gegenstand von Kunst und Literatur. Die Probleme der einzelnen Figuren und ihre Konstellation im neuen gesellschaftlichen Zusammenleben rückten in den Mittelpunkt. Aber die Wirklichkeit wurde nicht eins zu eins wiedergeben, sondern mit Hilfe einer kunstvollen, poetischen Sprache.

Deshalb spricht man von einem poetischen Realismus, der die Wirklichkeit dichterisch ausgestaltet. Die Realitätsnähe in der Literatur diente nicht als Anklage der gesellschaftlichen Umstände, sondern sie sollte eine beobachtende Instanz sein. Um die größtmögliche Objektivität zu wahren, wurde auktorial oder aus der Perspektive der Figuren erzählt. In der Literatur des Realismus ist nicht nur das wirkliche Geschehen wiedergegeben worden, sondern durchaus auch die Wirkungsweise der verschiedenen Faktoren. Damit sollte ein ganzheitliches Bild dargestellt werden. Doch bezogen auf die Frage nach dem Sinn des Ganzen, war eine Resignation zu spüren. Diese war natürlich nie ganz ohne Ironie zu verstehen.

Die Ironie zeigte, dass etwas ohne Leidenschaft oder Tendenz dargestellt werden konnte, auch wenn die Umstände noch so ärmlich waren. Das Negative dieser Zeit konnte nicht verändert werden. Aus diesem Grund wurden die literarischen Figuren in Zusammenhang mit der Natur dargestellt. Die Natur sollte die Struktur der Welt wiedergeben. Durch ihre Beschreibung wurde eine bestimmte Ruhe oder Stimmung geschaffen, die deutlich machte, dass die Natur stets einem geregelten Ablauf folgt. Die Autoren bildeten so einen Gegenpunkt zu der Realität, in der die Figuren lebten oder die Ereignisse stattfanden. Damit wurde deutlich gemacht, dass sich der Mensch nach der Natur zu richten hatte, denn in ihr war das Urvertrauen zu spüren.

Berühmte Autoren des Realismus

Die tonangebenden Schriftsteller dieser Epoche kannten sich nicht persönlich. Außer Theodor Storm und Conrad Ferdinand Meyer kamen alle aus bescheidenen Verhältnissen und hatten ein schweres Leben. Gemeinsam ist ihnen, dass sie erst ab dem 30. Lebensjahr ihre berühmtesten Werke schrieben. Theodor Fontane hat sogar erst ab dem 60. Lebensjahr angefangen. Weitere, wichtige Autoren des Realismus sind Gottfried Keller und Friedrich Hebbel.

Bedeutende literarische Werke des Realismus

Frau Jenny Treibel, Theodor Fontane, erschienen: 1892. Dieser Roman gibt einen Einblick in die Perspektive des Bürgertums. Es geht darum, dass der Sohn der Jenny Treibel eine standesgemäße Verbindung eingehen soll. In ausführlicher Dialogform wird dargestellt, inwieweit das Bürgertum sich am Adel orientiert und geistigen Werten huldigt.

Die Leute von Seldwyla, Gottfried Keller, erschienen: erster Band 1856, zweiter Band 1873/74. Dies sind Sammlungen von zehn Erzählungen.

Der Schimmelreiter, Theodor Storm, erschienen: 1888. In dieser Novelle geht es um die Geschichte des Deichgrafen Hauke Haien, der einen neuen Deichtyp entwickelt und bei einer Sturmflut umkommt. Der Legende nach erscheint er bei drohender Gefahr als „Schimmelreiter“. Vorrangig geht es um die Gegenüberstellung: Aberglaube vers Wissenschaft.

Maria Madgalena, Friedrich Hebbel, erschienen: 1844. Ein Familiendrama im kleinbürgerlichen Milieu. Die Tochter Klara erwartet ein uneheliches Kind. Der Vater versucht, die Reputation zu wahren und stürzt damit die Familie und den ehemaligen Verlobten der Tochter in den Tod.

Historischer Hintergrund

Der literarischen Epoche des Realismus wird in etwa in die Zeit von 1848 bis 1890 eingeordnet. Ein markantes Zeitereignis ist die Märzrevolutuion von 1848/49. An diese hatte das liberale Bürgertum große Erwartungen geknüpft. Es kam jedoch nicht zu durchgreifenden Veränderungen der politischen Verhältnisse. Der Wunsch nach einer nationalen Einigung Deutschlands konnte nur in Form einer kleindeutschen Lösung unter der Vorherrschaft Preußens erfüllt werden. Zu dieser für Viele unbefriedigenden politischen Situation kam noch eine sich verschlechternde soziale Komponente hinzu. In den 30er und 40er Jahren des 19. Jahrhunderts hatte es ein erhebliches Bevölkerungswachstum gegeben.

Die zahlreichen technischen Neuerungen schmälerten den Rang menschlicher Arbeitsleistungen und es kam zu einer Massenarmut. Auf der anderen Seite brachte der industrielle Aufschwung große Veränderungen. Kanäle, Straßen und Eisenbahnen wurden gebaut. Zahlreiche Aktien- und Kommanditgesellschaften entstanden. Das Banken- und Versicherungswesen sowie das Nachrichtenwesen gewannen immer mehr an Bedeutung. Auch in der Landwirtschaft konnten die Erträge dank der Chemieindustrie gesteigert werden.

Durch die politische Stagnation einerseits und die wirtschaftlichen Erfolge andererseits hatte das Bürgertum gewisse Orientierungsprobleme. Und so trat an die Stelle des bisherigen idealistischen Weltbildes das des Materialismus. Bisher waren einzelne Tatsachen in metaphysische Zusammenhänge eingeordnet worden. Doch das änderte sich nun.

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