Sturm und Drang Literaturepoche Merkmale, Werke & Autoren

Die literarische Epoche von 1765 – 1785, die an die Empfindsamkeit anknüpfte und später in die Klassik übergehen sollte, entwickelte sich in einer Zeit, in der ein kultureller Umschwung geschah und die junge Generation sich zunehmend mit den alten Werten auseinandersetzte. Die Werke des sogenannten Sturm und Drangs sind nicht immer eindeutig von jenen der späten Empfindsamkeit und jenen der frühen Klassik abzugrenzen, aber sie bilden ein wichtiges Bindeglied auf dem Weg hin zur Moderne, da in dieser Zeit sowohl der Geniekult als auch der Naturbegriff in einer gefühlsbetonten Selbstwahrnehmung der Autoren einen nie dagewesenen Stellenwert einnahmen, der spätere Autoren maßgeblich beeinflussen sollte.

Name der Epoche

Der Begriff „Sturm und Drang“ entstammt dem Titel eines Dramas von Friedrich Maximilian Klinger, der seinerzeit ein guter Freund des Autors Johann Wolfgang von Goethe war. Er passt deshalb so gut zu den literarischen Akteuren jener Epoche, da diese sich angeregt durch die Werke der Empfindsamkeit mit der Intensität ihrer eigenen Gefühlswelt rigoros auseinandersetzten. Voller Leidenschaft verkörperten die Autoren dieser Zeit ein Sehnen nach einer Kultur der Affekte – sie bewunderten tragische Helden, hofften auf eine bessere Welt und zollten sämtlichen Gefühlsregungen, Naturschauspielen und der Kunst ihren Respekt. Die Stürmer und Dränger lehnten sich gegen ihre Vätergeneration auf und betrachteten den Einzelnen als gottähnliches Wesen, dessen Persönlichkeit Großes zu vollbringen imstande wäre.

Merkmale der Epoche Sturm und Drang

1) Werke des Sturm und Drang verwenden eine leidenschaftliche Sprache

In den meisten Werken jener Epoche finden sich übersteigerte Gefühlsausbrüche der Figuren oder revolutionäre Reden gegen Bestehendes. Der Protagonist eines Sturm und Drang-Werkes lässt den Leser stets an seinen Empfindungen und Beobachtungen teilhaben.

2) Autoren des Sturm und Drang sind junge und freie Poeten

Eine Vielzahl der Autoren dieser Epoche befand sich in einem Alter zwischen 20 und 30, als ihre Werke erschienen und sie lehnten sich ganz bewusst gegen die Epoche der Aufklärung auf. Ebenso wandten sich ganz bewusst gegen eine allzu starre Form der Poetik und setzten dieser stattdessen eine individuelle, künstlerische Form entgegen. Das von den Stürmern und Drängern gefeierte Original-Genie sollte die Wiedergabe seiner Erlebnisse keinesfalls strengen Regularien unterwerfen, sondern unbeschwert mit diesen umgehen können.

3) Es gibt eine Hinwendung zum (tragischen) Heldentum

Seien es antike Helden wie Prometheus oder die tragischen Erlebnisse der Protagonisten Shakespeares – es gibt kein heroisches Tun, das die Stürmer und Dränger nicht bewundert und adaptiert hätten, um es in ihren eigenen Prozess der Stimmungs- und Realitätswahrnehmung einzubauen.

4) Literatur und Philosophie kommen einander sehr nahe

In nahezu allen Werken dieser Zeit lassen sich Begriffe wie „Ursprüngliches“ oder „schöpferisch“ finden, die dazu dienen, die Forderung der jungen Generation nach Selbstentfaltung und Gedankenfreiheit zu unterstreichen. Daher gibt es eine enorme Schnittmenge zwischen literarischen Werken und pgilosophischen Abhandlungen jener Zeit. Im Sturm und Drang diente die Literatur als Mittel zur Reflexion.

5) Der Mensch ist voller Empfindungs- und Tatendrang

In den Augen der gefühlsbetonten Stürmer und Dränger ist der Mensch aufgrund der Fähigkeiten und Talente bestimmter Einzelpersonen zweifelsohne dazu gemacht, Bedeutendes zu erreichen und dabei gegenüber bestehenden Normen zu rebellieren, falls nötig. Teil der Sturm und Drang-Bewegung zu sein, bedeutete, dass man einen ungeheuren Enthusiasmus für etwas Wertvolles wie die Natur, die Poesie, die Kunst, die Liebe oder das Vaterland entwickelte. Statt der von der Aufklärung geforderten Vernunft (ratio) ist hier die Emotion (emotio) das zentrale Motiv des geistigen Schaffens.

6) Schnittstelle zur Aufklärung – die Kritik am Feudalismus bleibt bestehen

Ebenso wie die Aufklärer sahen auch die Stürmer und Dränger die Überwindung des feudalen Systems als hehres Ziel an. Aus diesem Grund wenden sich die Charaktere in den Werken beider Epochen gegen die höfische Kultur und den Absolutismus.

7) Das Drama ist das zentrale Genre der Epoche

Eine der meist aufgegriffenen literarischen Gattungen des Sturm und Drang war das Drama, in dem der Konflikt zwischen der jungen Generation und der vorherrschenden Weltordnung behandelt wurde. Wenngleich durchaus auch andere Formen bedient wurden, waren es dennoch mehrheitlich dramatische Texte, mit denen sich damalige Autoren beschäftigten und die bei der Leserschaft Wellen schlugen.

Formen der Epoche

In der literarischen Epoche Sturm und Drang waren sämtliche bekannten literarischen Gattungen vertreten, wnngleich dem Drama seitens der Autoren wie bereits erwähnt eine besondere Aufmerksamkeit zuteil wurde. Entscheidend für die Zeit ist jedoch, dass die Kreativen neue Genres und literarische Formen entwickelten, die großen Anklang fanden und bis in die heutige Zeit tief im Charakter der Schreibkultur verankert sind.

a) Epik

Erstmalig konnte sich der Briefroman, den man sonst nur aus der Hand antiker Philosophen kannte, als neue literarische Gattung etablieren. Diese Entwicklung ist vornehmlich Johann Wolfgang von Goethes Debütroman „Die Leiden des Jungen Werthers“ zu verdanken. Der Briefroman galt in seiner direkten Wiedergabe der Empfindungen des Protagonisten einerseits als absolut authentisches Mittel und war zudem überaus gefühlbetont. Der große Erfolg des Goetheschen Prototyps sorgte jedoch auch für einen Skandal und war im Anschluss an eine vermeintliche Häufung von Freitoden für einige Zeit verboten

b) Lyrik

Die Poesie wandelte ihre äußere Form im Sturm und Drang stark und wendete sich dadurch gegen das bis dahin unveränderlich steife Regelwerk der Aufklärungs- und Barockdichtung. Stürmer und Dränger verfassten Lyrik in freien Rhythmen und schufen, abermals durch Goethe angetrieben, die Erlebnislyrik. Darüber hinaus wurde das Volkslied dank Johann Gottfried Herder als eigene lyrische Form etabliert.

c) Drama

Die dramatischen Texte galten als vorherrschende Gattung der Zeit und legten einen Fokus auf die aktuelle Gesellschaftsproblematik jener Jahre. Der Held jener Stück ist zumeist ein (Natur-)Genie, das sich unverkennbar gegen die gesellschaftliche Ordnung wendet und dabei teils radikal gegen Normen verstößt, um seinen eigenen Ideen und Vorstellungen Rechnung zu tragen. Beispiele für derartige Charaktere bieten beispielsweise Schillers „Räuber“ und Goethes „Götz von Berlichingen“.

Vertreter des Sturm und Drang – Allgemeines

Die Autoren des Sturm und Drang waren junge Leute, die dem einfachen Bürgertum angehörten. So produktiv diese Autoren auch aufgrund ihrer Ideale waren, fehlte es den meisten von ihnen jedoch leider an einem Publikum, dem sie die eigenen Werke vorstellen konnten und darüber hinaus mangelte es am nötigen finanziellen Rückhalt, weshalb anzunehmen ist, dass eine Menge zeitgenössischer Autoren damals ohne Weiteres in Vergessenheit geraten sind. Des Weiteren ist der Sturm und Drang eine rein der deutschen Kultur vorbehaltene Epoche, weswegen es durchaus sinnvoll ist, einen Blick auf den historischen Kontext Deutschlands zu jener Zeit zu werfen.

Bekannte Autoren der Epoche

  • Johann Wolfgang von Goethe
  • Jakob Michael Reinhold Lenz
  • Friedrich Schiller
  • Friedrich Maximilian Klinger
  • Friedrich Leopold Graf zu Stolberg
  • Christian Friedrich Daniel Schubart

Bekannte Werke der Epoche

  • Johann Wolfgang von Goethe: „Die Leiden des jungen Werthers“ (1774) / „Prometheus“ (1774) / „Ganymed“ (1774)
  • Jakob Michael Reinhold Lenz: „Der Hofmeister“ (1774)
  • Friedrich Maximilian Klinger: „Sturm und Drang“ (1776)
  • Friedrich Leopold Graf zu Stolberg: „Über die Fülle des Herzens“ (1778)
  • Friedrich Schiller: „Die Räuber“ (1781)
  • Christian Friedrich Daniel Schubart: „Die Fürstengruft“ (1785/86)

Historischer Kontext

Der Sturm und Drang war deutlich beeinflusst von den zahllosen historischen Veränderungen jener Epoche. Maßgeblich war dabei die zunehmend bedeutendere und staatstragende Rolle des Bürgertums, dessen neues Selbstbewusstsein in den Werken des Sturm und Drang auch unübersehbar zum Ausdruck kommt. Für damalige Autoren aus der bürgerlichen Schicht stellte sich Deutschland damals folgendermaßen dar:

Zwar wurde Deutschland bereits im 18. Jahrhundert als Deutsches Reich betitelt, doch diese Bezeichnung war lediglich eine grobe Einordnung des gesamten Territoriums. Tatsächlich gliederte Deutschland sich in unzählige Kleinstaaten und Reichsstädte und war somit eher zersplittert als geeint. Die Grenzen dieser einzelnen Kleinstaaten brachten zudem konfessionelle Unterschiede mit sich. Diese konnten nach wie vor Konflikte bedeuten, unterschieden in erster Linie aber die Lehre und rechtliche Ordnung der einzelnen Kleinstaaten voneinander. Trotzdem wurde der „Flickenteppich“ aus Staaten mehr und mehr zentral verwaltet, was einen deutlichen Ausbau des Staatsapparats zur Folge hatte. An dieser Regierungsreformation war das Bürgertum vorrangig beteiligt und füllte die neu enstandenen Posten der Verwaltung aus. Doch auch in der Wirtschaft wurde das zu neuer Stärke erwachte deutsche Bürgertum eingesetzt und musste dabei die Fortschritte der Industrialisierung nahezu auf sich gestellt bewerkstelligen. Auf diese Art und Weise sorgte die bedeutendere Rolle des Bürgertums zu einem verstärkten Geltungsbewusstsein der ihm zugehörigen Personen, was sich zweifellos auf die literarischen Bestrebungen jener Jahre auswirken sollte.

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