Neuer Realismus Franz Xaver Kroetz, Vorbemerkungen zum Stück Wunschkonzert (1971)

Das Stück ist der Vorschlag zur Darstellung eines Sachverhaltes, der mir oft in Polizeiberichten aufgefallen ist:

Selbstmord vollzieht sich in vielen Fällen unglaublich ordentlich. Der Selbstmord, dessen Vorbereitungen ohne Übergang aus den täglichen und deshalb als normal erachteten Tätigkeiten heraus passieren, geschieht mit der gleichen Ordnungsliebe, gleich säuberlich, bieder und stumm-trostlos wie das Leben, das ihn verursacht hat.

Das kann viel aussagen über das Leben einiger unter uns, über ihre nichterfüllten Erwartungen, ihre aussichtslosen Hoffnungen, ihre kleinen Träume; das kann ihre Unfähigkeit dokumentieren, sich aus der Sklaverei der Produktion zu befreien, das kann zeigen, daß ihr Leben und Dahinleben dem von Arbeitstieren gleicht.

Wie Tiere projizieren diese Menschen ihre Notsituationen in ihrer Haltung im Stummsein, die ein starkes Maß an Ordnung, an Dulden, an »sich ungefragt einverstanden erklären«, an Ausnutzung und Verbietung bis zur Schwäche und zum Zusammenbruch enthält.

Würde die explosive Kraft dieser massiven Ausnutzung und Unterdrückung sich nicht, leider, gegen die Unterdrückten und Ausgenützten selbst richten, so hätten wir die revolutionäre Situation. So haben wir nur viele Fälle von kleinen, törichten Selbstmorden und Morden, die selbst wieder nur affirmativ funktionieren: die, die so weit sind, daß sie die Kraft und den Mut hätten, »ihr eigen Leben in die Waagschale zu werfen«, liefern sich selbst der Gerichtsbarkeit ihrer natürlichen Feinde aus. Damit säubern sie unfreiwillig die Gesellschaft, gegen die sie klagen. Jetzt sind sie die Angeklagten und verschwinden in den Gefängnissen oder in den Gräbern, was das gleiche sein muß.

Nur so ist es möglich, daß die unmenschliche Ordnung, in der wir leben, aufrechterhalten werden kann und wir weiter darin leben müssen.

Neuer Realismus Franz Xaver Kroetz, Vorbemerkungen zum Stück Wunschkonzert (1971)
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