Untersuchung von Texten

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Übersicht

2.1. Text und Textsorte
2.1.1. Text
2.1.2. Textsorte
2.1.3. Kontext
2.1.4. Fiktionale und nichtfiktionale Texte
2.2. Analyse nichtfiktionaler Texte
2.2.1. Mögliche Arbeitsaufträge
2.2.2. Textwiedergabe
2.2.3. Darstellung des Gedankenganges
2.2.4. Thesenartige Zusammenfassung
2.2.5. Beschreibung sprachlicher Besonderheiten
2.2.6. Bestimmung von Sachverhalt, Position, Absicht und Textsorte
2.3. Interpretation fiktionaler Texte
2.3.1. Mögliche Arbeitsaufträge
2.3.2. Merksätze
2.3.3. Beispiele zu den Merksätzen
2.4. Problemerörterung anhand von Texten
2.4.1. Mögliche Arbeitsaufträge, Definitionen
2.4.2. Leitfragen zur Erörterung
2.4.3. Merksätze

Um Texte untersuchen zu können, müssen wir uns zunächst darüber verständigen, was wir unter einem Text verstehen. Wir suchen also nach einer Definition für den Begriff "Text". Auch müssen wir überlegen, wie man die Fülle von Texten sinnvoll einteilen kann.

2.1. Text und Textsorte

2.1.1. Text

Das allgemeinste und zunächst banal klingende Merkmal eines Textes ist es, dass er aus sprachlichen Gebilden (Laut, Buchstabe, Wort, Satz) besteht. Er unterscheidet sich dadurch von einem Bild und einem Gebilde aus nichtsprachlichen (z.B. musikalischen) Tönen.

Doch sind diese Bestimmungen noch zu ungenau. Denn nicht jeder beliebige sprachliche Gegenstand ist ein Text. Als Beispiel seien die folgenden Sätze angeführt:

Der Himmel ist blau. Der Lehrer gibt dem Schüler eine gute Note. Das Auto hat einen kaputten Reifen. Der Erdbeerkuchen schmeckt ausgezeichnet.

Diese Sätze wird man wohl kaum als Text bezeichnen. Sie sind inhaltlich nicht verbunden, sondern nur beliebig aneinander gereiht. Doch auch nicht jede inhaltliche Verknüpfung kann man Text nennen.

Gestern Mittag sah ich in der Schillerstraße einen alten Bekannten. Von der Schillerstraße ist es nicht weit zum Goetheplatz. Dort gibt es ein neues Kaufhaus. Ich glaube, es gehört zur Woolworth-Kette. Der Woolworth-Konzern wurde 1879 im Staate New York gegründet. Im ersten Ladengeschäft der Kette gab es nur Waren für fünf Cent. Der Cent ist eine amerikanische Währungseinheit...

Hier stehen die Sätze zwar in Verbindung miteinander, sie ergeben aber keinen einheitlichen Sinn.

Eine sinnvolle Einheit entsteht aber z.B. in dem Moment, wo wir zu den Sätzen des ersten Beispiels noch einen weiteren hinzufügen:

Beispiele für den Aussagesatz sind die folgenden Sätze:
Der Himmel ist blau. Der Lehrer gibt dem Schüler eine gute Note. Das Auto hat einen kaputten Reifen. Der Erdbeerkuchen schmeckt ausgezeichnet.

Wir erkennen nun, in welchen Zusammenhäng die Sätze gehören. Der Zusammenhang erscheint uns auch sinnvoll. Der Sinn kommt dadurch zustande, dass wir wissen oder uns vorstellen können, dass ein Autor (bei unserem Beispiel etwa der Verfasser einer deutschen Grammatik) den Text mit einer bestimmten Absicht (Beispiele für den Aussagesatz im Deutschen zu geben) für eine Leserschaft geschrieben hat. Jeder Text steht in einem kommunikativen Zusammenhang, d.h. er dient der Übermittlung von Inhalten zwischen einem "Sender" und einem "Empfänger". Bei dieser allgemeinen Definition des Begriffes "Text" ist es unerheblich, zu welchem Anlass ein Text hergestellt wird und welchen Inhalt er bat. Ferner spielt es keine Rolle, wie er realisiert ist (geschrieben oder gesprochen), durch welche Medien er vermittelt wird (Handschrift, Druck, Tonträger, Bild-Ton-Träger) und welchen Umfang er hat. Schließlich kann jede beliebige sprachliche Form verwendet sein (z.B. Hochsprache, Umgangssprache, korrektes oder unkorrektes Deutsch).

2.1.2. Textsorte

Die zahllosen Texte haben häufig gemeinsame Merkmale. Texte mit gemeinsamen Merkmalen bilden eine Gruppe oder auch "Textsorte" (z..B. Brief, Nachricht, Gedicht, Erzählung, Rede, Gebrauchstext).

Die verschiedenen Textsorten lassen sich nun ihrerseits drei sprachlichen Funktionen zuordnen. Um dies darzulegen, greifen wir auf den kommunikativen Aspekt der Texte zurück, Kommunikation ist die Übermittlung von Inhalten zwischen einem Sender und einem Empfänger. Die Sprache ist das vielseitigste Mittel der Kommunikation. Sie erfüllt dabei drei Aufgaben. Durch die Sprache ist der Sender nämlich fähig, innere Vorgänge oder Zustände, also Gefühle und Meinungen, auszudrücken. Man nennt diese Funktion der Sprache die Ausdrucksfunktion. Weiterhin bietet die Sprache die Möglichkeit, dem Empfänger Sachverhalte mitzuteilen. Hier spricht man von der Darstellungsfunktion der Sprache. Schließlich kann der Sender den Empfänger zu einem bestimmten Verhalten auffordern. Diese Funktion bezeichnet man als die Appellfunktion der Sprache. Da ein Text, wie wir gesehen haben, ein sprachliches Gebilde ist, hat auch er diese drei Funktionen: Ausdruck, Darstellung und Appell.

Dies lässt sich vereinfacht und anschaulich wie folgt darstellen (man nennt dieses Modell nach dem Sprachwissenschaftler, der es entwickelt hat, das Bühlersche Modell):

Das Buehlersche Sprachmodell

2.1.3. Kontext

Menschliche Kommunikation vollzieht sich nicht im luftleeren Kaum, sondern in konkreten Situationen. Diese sind durch außersprachliche Faktoren bestimmt. Die Summe all dieser Faktoren nennt man außersprachlichen Kontext.

Einige dieser Faktoren sind:

der situative Kontext
Hierunter versteht man die äußeren Faktoren, die eine Kommunikation beeinflussen (Größe des Raums, Anzahl der Teilnehmer, Lärm usw.).
der normative Kontext
Er umfasst einmal die gesellschaftlichen Rollen, die Sender und Empfänger innehaben (z.B. Vorgesetzter, Untergebener), und zum andern bestimmte sprachliche Regeln, die der Anlass der Kommunikation vorschreibt (Begrüßung, Festrede, Bewerbungsgespräch usw.).
der historische Kontext
Jede Kommunikation spielt sich in einer bestimmten geschichtlichen Situation, einer politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Lage ab, die sich direkt oder indirekt im Text niederschlägt oder ihm zugrundeliegt, deren Kenntnis für sein Verständnis notwendig ist.

Zusammenfassung: Modell der sprachlichen Kommunikation

Kommunikationsmodell
K = Kode: Menge der sprachlichen Zeichen und Regeln

2.1.4. Fiktionale und nichtfiktionale Texte

Wir vollen noch auf zwei wichtige Textarten und deren Unterschiede eingehen. Es handelt eich dabei einmal um die große Gruppe von Texten, die von Dichtern geschrieben sind und die man als dichterische, poetische, literarische, ästhetische oder fiktionale (erdichtete, erfundene) Texte bezeichnet. Sie unterscheiden sieh grundlegend von allen anderen Texten, wissenschaftlichen, journalistischen usw., die wir der Einfachheit halber nichtfiktionale Texte nennen.

Die folgende Aufstellung fasst die Hauptunterschiede in knapper Form zusammen.

Fiktionale Texte

Nichtfiktionale Texte

Sie stellen eine eigene Wirklichkeit dar, die nur in ihnen existiert und die keine Entsprechung in der Wirklichkeit außerhalb des Textes haben muss. Eine Übereinstimmung der im Text geschilderten Wirklichkeit mit der Wirklichkeit außerhalb des Textes ist nicht erforderlich.

Sie stellen keine eigene Wirklichkeit dar, sondern beziehen sich auf die Wirklichkeit außerhalb des Textes. Eine Übereinstimmung der im Text geschilderten Wirklichkeit mit der Wirklichkeit außerhalb des Textes ist ein entscheidendes Kriterium für die Beurteilung des Textes.

Sie können viele Bedeutungen haben, je nach den Erfahrungen, Stimmungen und der Beobachtungsgabe der Rezipienten.

Ein eindeutiger Sinn des Textes wird erwartet.

Sie wollen einen ästhetischen Genuss verschaffen.

Sie dienen in erster Linie einem Informationsbedürfnis.

Mögliche Fragen an den Text: Welchen Sinn hat dieser Text? Was will der Autor aussagen? Spricht mich der Text an, gefällt er mir?

Mögliche Fragen an den Text: Ist das wirklich so? Ist die Meinung überzeugend? Sind die Argumente stichhaltig?

2.2. Analyse nichtfiktionaler Texte

Die Unterschiede von fiktionalen und nichtfiktionalen Texten machen es notwendig, dass man bei der Untersuchung beider Textsorten verschiedene Methoden anwendet, die wir getrennt üben müssen.

2.2.1. Mögliche Arbeitsaufträge

Bei den Klausuren werden Sie einen Text erhalten, zu dem drei oder vier Arbeitsaufträge gestellt werden. Diese Arbeitsaufträge geben die Gesichtspunkte an, unter denen Sie den Text bearbeiten sollen. Die Arbeitsaufträge können bei der Fülle der nichtfiktionalen Texte nicht immer dieselben sein. Einen Werbetext z.B. muss man unter anderen Aspekten untersuchen als eine philosophische Abhandlung. Trotzdem wird man die folgenden Aufgaben Ihnen in unterschiedlicher Auswahl, Anordnung und Formulierung immer wieder stellen:

2.2.2. Textwiedergabe

Der erste und unerlässliche Zugang zu jedem Text ist das aufmerksame und mehrmalige Lesen. Vieles, was zunächst unverständlich erscheint, klärt sich bei wiederholtem Lesen nach und nach. Man sollte dabei "innerlich laut lesen", sich den Text gleichsam selbst vortragen, damit man nicht über Teile des Textes oberflächlich hinweggeht.

2.2.3. Darstellung des Gedankenganges

Der Autor eines Textes reiht in der Regel seine Gedanken nicht beliebig aneinander. Sie stehen vielmehr in einem bestimmten, oft logischen Zusammenhang, v.a. wenn es dem Autor darauf ankommt, sein Thema dem Leser möglichst deutlich darzulegen. Wir wollen uns dies zunächst an einem kurzen Texten ansehen. Es handelt sich um Ausschnitte aus Schülerbriefen zum Thema Schule (aus: DIE ZEIT, 18.3.1977).

Text 1

Das Hauptproblem sind die übermäßigen Stoffpläne, die oft unmöglich erfüllt werden können. Später aber wird der Stoff vorausgesetzt. So fallen Zeit raubende Schülerversuche oder Schülersonderwünsche unter den Tisch, um den Abstand zum Stoffplan nicht zu vergrößern. Die naturwissenschaftlichen Fächer werden leider überbewertet. Während z.B. Mathematik 5 Stunden beansprucht, ist Geschichte nur mit zwei Stunden vertreten und Gemeinschaftskunde gar nicht.

Wiedergabe des Gedankengangs:

Graphisch lässt sich der Gedankengang folgendermaßen darstellen:

Autor stellt 1. Behauptung auf
Pfeil
Autor stellt 2. Behauptung auf
Pfeil
Autor stellt Folge aus 1. und 2. Behauptung dar
Pfeil
Autor stellt 3. Behauptung auf
Pfeil
Autor erläutert 3. Behauptung

Will man also den Gedankengang eines Textes herausfinden, muss man fragen, welche geistige Tätigkeit des Autors einer bestimmten Äußerung zugrunde liegt (behaupten, erläutern, Folgen aufzeigen u.a.).

Neben den bisher behandelten gedanklichen Schritten gibt es noch eine Reihe anderer. In der folgenden Tabelle sind die wichtigsten zusammengestellt, anhand derer Sie den Gedankengang eines Textes beschreiben können. Die Gedankenschritte sind nach einem Schema geordnet, das man in vielen Texten - wenn auch meist nicht in dieser klaren Reihenfolge - finden kann. In der rechten Spalte sind die Formulierungen angegeben, die die Autoren häufig zum gedanklichen Aufbau ihrer Texte wählen. Sie müssen natürlich nicht wörtlich in einem Text erscheinen, man könnte sie aber an den betreffenden Stellen im Text verwenden.

Ausgangspunkt eines Gedankengangs:

Der Autor macht eine Aussage in Form von...

BehauptungIch behaupte, dass...
TheseIch stelle die These auf, dass...
FrageWie (Was) ist...
FeststellungEs wird behauptet, dass...
AnnahmeIch nehme an, dass...
ProphezeiungEs wird mit Sicherheit Folgendes eintreffen...
Urteil / MeinungIch finde es gut / schlecht, dass...
DefinitionIch verstehe darunter...
Weiterführung des Gedankengangs:

Der Autor führt die Aussage fort, indem er...

eine gegensätzliche Behauptung oder These aufstelltMan kann aber auch behaupten, dass...
Man kann aber auch die Gegenthese aufstellen, dass...
eine Gegenfrage stelltWie (Was) ist dagegen...
seine Aussage einschränktMan muss allerdings sagen, dass...
seine Aussage erläutertz.B.; so etwa...
darlegt, welche Folgen der Inhalt seiner Aussagen hatFolge davon ist...
darlegt, welche Gründe der Inhalt seiner Aussage hatGründe dafür sind...
darlegt, welche Voraussetzungen der Inhalt seiner Aussage hatDies gilt nur, wenn...
Abschluss des Gedankenganges:

...und indem der Autor schließlich...

eine Folgerung, einen Schluss aus mehreren Aussagen ziehtWenn alle Menschen sterblich sind und wenn Sokrates ein Mensch ist, dann ist Sokrates sterblich.
zusammenfasstKurz gesagt...
Zusammenfassend kann man sagen, dass...
auffordert, appelliertWir müssen daher...
Tun Sie deshalb...

Kehren wir zum Gedankengang längerer Texte zurück. Auch hier kann man den gedanklichen Aufbau Aussage für Aussage nachvollziehen. Jedoch sollte man im Interesse einer übersichtlichen Darstellung kleinere Gedankenschritte des Textes zu größeren zusammenfassen.

Text 2

In den letzten Jahren erschienen viele Artikel über "Jugend in Aufruhr" und über das Anwachsen einer "Gegenkultur". Sieht man sich das Beweismaterial dafür genauer an, so erscheinen einem diese Urteile als eine mächtige Übertreibung der Tatsachen. Sicherlich vertreten viele Jugendliche Meinungen, Ansichten und Werte, die sich von denen der Eltern erheblich unterscheiden. Dazu kommt noch, dass zahlreiche und höchst sichtbare Minderheiten unter höheren Schülern und Studenten ihrer tiefen Enttäuschung von unserer Gesellschaft laut und beredt Ausdruck verleihen. Sie halten die gegenwärtige Gesellschaft für verdorben, ungerecht, gewalttätig, heuchlerisch, grausam, unpersönlich, oberflächlich und übermäßig konkurrenzbegierig. Trotzdem sind die Wertmaßstäbe des durchschnittlichen Jugendlichen viel stärker traditionsgebunden, als Zeitungsartikel und Fernsehprogramme uns glauben zu machen versuchen. (112 Wörter)

Der Text hat folgenden Gedankengang:

1. Feststellung
Pfeil
2. Erste Behauptung
Pfeil
3. Erste Einschränkung der ersten Behauptung
Pfeil
4. Zweite Einschränkung der ersten Behauptung
Pfeil
5. Erläuterung der zweiten Einschränkung
Pfeil
6. Zweite Behauptung

Es ist nun leicht einzusehen, dass die erste und zweite Behauptung inhaltlich zusammengehören, man sie also zusammenfassen kann. Auch die beiden Einschränkungen können als ein Gedankenschritt behandelt werden. Die kurze Erläuterung, die sich zudem nicht auf die Ausgangsbehauptung bezieht, kann unberücksichtigt bleiben. Der Gedankengang lässt sich demnach so darstellen:

1. Feststellung
Pfeil
2. Behauptung
Pfeil
3. Einschränkung der Behauptung

Wollte man den Gedankengang ausführlich wiedergeben, müsste man etwa formulieren:

Version 1

Der Autor stellt fest, dass man von der Jugend immer wieder behauptet, sie sei rebellisch. Demgegenüber stellt der Autor die Behauptung auf, dass solche Aussagen übertrieben seien und die Jugend in der Mehrheit die Normen der Erwachsenen mehr akzeptiere, als man gemeinhin annehme. Er schränkt seine Behauptung dahingehend ein, dass viele Jugendliche anders dächten als die Erwachsenen und einige die Gesellschaft lautstark kritisierten. (63 Wörter)

Auf diese Art wäre die Darstellung des Gedankenganges dieses Textausschnittes immer noch zu ausführlich. Angemessen erscheint die folgende Version:

Version 2

Der Autor geht von der allgemeinen Behauptung aus, dass die heutige Jugend rebellisch sei. Dem hält er entgegen, dass die Jugend in der Mehrheit die Normen der Erwachsenen akzeptiere, auch wenn viele Jugendliche eigene Ansichten hätten und Minderheiten lautstark Gesellschaftskritik übten. (42 Wörter)

Merksätze zur Untersuchung des Gedankenganges

  1. Fragen Sie, welche geistigen Tätigkeiten (behaupten, erläutern, zusammenfassen usw.) hinter den Aussagen des Autors stehen.
  2. Suchen Sie diejenige Aussage, auf die sich die meisten anderen beziehen, die also den Ausgangspunkt des Gedankenganges darstellt.
  3. Achten Sie genau darauf, auf welche andere Aussage sich eine bestimmte Aussage bezieht, sonst stellen Sie falsche Bezüge her (z.B. erläutert der Autor eine Einschränkung seiner Behauptung, nicht die Behauptung selbst).
  4. Wenn Sie die Art einer Aussage nicht sofort erkennen (z.B. ob es eine Begründung oder eine Folge ist), formulieren Sie die Ausgangsaussage in eine Frage um, auf die die Ihnen unklare Aussage eine Antwort gibt (z.B. Text 1: Was ist die Folge davon, dass der Stoff gekürzt, später aber vorausgesetzt wird? - Schülerversuche und Schülerwünsche fallen weg.).
  5. Fassen Sie die einzelnen Gedankenschritte eines Textes nach Möglichkeit zusammen.
  6. Halten Sie den Gedankengang stichwortartig, u.U. auch graphisch fest.
  7. Verbinden Sie die Beschreibung des Gedankenganges mit der Textwiedergabe (wie in den Beispielen der Versionen 1 und 2). Sie werden feststellen, dass man bei einiger Übung in der Textanalyse unwillkürlich Inhalt und Gedankengang gemeinsam erarbeitet. Versuchen Sie auf diese Weise den Umfang des Textes auf etwa ein Drittel zu kürzen (Richtwert).
  8. Verdeutlichen Sie, dass Sie keine eigenen Aussagen machen, sondern lediglich fremde Meinungen wiedergeben. Verwenden Sie daher die indirekte Rede (Konjunktiv) oder entsprechende Zusätze (z.B. "so der Autor", "nach Meinung des Autors").

2.2.4. Thesenartige Zusammenfassung

Thesen dienen der Vereinfachung, Verkürzung und Systematisierung eines (meist längeren) Textes. Ziel der Thesenbildung ist nicht, diesen Ausgangstext bis in die letzte Nuance hinein wiederzugeben, sondern im Gegenteil so zu vergröbern, dass mit seinen Hauptaussagen sinnvoll weitergearbeitet werden kann.
Thesen lassen sich mit einem Modell vergleichen: Sie sind ein verkleinertes Abbild eines Textes mit dem Vorzug, überschaubar zu sein, aber mit dem (in Kauf genommenen) Nachteil, kleinere Ungenauigkeiten zu enthalten.

Thesen werden am zweckmäßigsten in zwei Phasen erstellt:

Phase 1: Vorarbeit

  1. Alle Erläuterungen, Beispiele, Ausschmückungen des Originaltextes streichen.
  2. Einschränkungen, Gegenbeispiele, Einwände zu den Hauptaussagen des Textes ebenfalls streichen.
  3. Jeden Gedankenschritt des Textes bis auf - im Idealfall - einen Satz konzentrieren.
  4. Diesen einen Satz mit eigenen Worten als Aussagesatz formulieren. - Anzustreben sind parataktische Konstruktionen (also möglichst keine Satzgefüge).

Phase 2: Ausarbeitung

  1. Verzichtbar, aber möglich: Kurze Darstellung des Kontextes, in dem der Originaltext steht (in etwa 1-3 kurzen Sätzen).
  2. Präsentation der 'eigentlichen' Thesen.
    NICHT ERLAUBT:
    • Übernahme von Zitaten aus dem Ausgangstext
    • Frage- und Ausrufesätze
    • Einschübe, die die eigene Meinung enthalten (insbesondere das Pronomen "ich", aber z.B. auch stilistische Wertung durch Ironie)
    ERFORDERLICH:
    • Aussagesätze, Aussagesätze, Aussagesätze!
    • Systematische Reihung der Hauptgedanken (numerisch, alphabetisch, syntaktisch, durch Spiegelstriche)
    • Jede These ein Satz, jede These ein Absatz!
    • Alle Thesen in eigenen Worten formuliert (Ausnahme evtl.: Fach- oder Schlüsselbegriffe)
    WÜNSCHENSWERT:
    • Kein Substantiv-Stil, sondern Sätze mit ausdrucksstarken Verben, Adverben, Adjektiven
    • Kein verhüllender Passiv-Stil, sondern verdeutlichender aktivischer Stil.
      ALSO NICHT: Das Bemühen des modernen Lyrikers wird von Klarheit, Realitätsnähe, Kreativität und Originalität bestimmt.
      SONDERN: Ein moderner Lyriker schreibt möglichst klar, realitätsnah, kreativ und originell.

Unser Beispielsatz (Text 2) enthält nur einen Hauptgedanken und würde als These etwa lauten (Thesen können im Indikativ formuliert werden):

Entgegen einer weit verbreiteten Auffassung akzeptiert die heutige Jugend prinzipiell die Normen der Erwachsenen.

2.2.5. Beschreibung sprachlicher Besonderheiten

Die sprachliche Form eines Textes kann Aufschluss über die Position und Absicht des Autors und die Textsorte geben. Sie lässt sich anhand der Wortwahl, des Satzbaues und eventuell verwendeter rhetorischer Mittel untersuchen.

Untersuchungsfragen zur Wortwahl:

  1. Sind bestimmte Wortarten (v.a. Substantive,Adjektive, Verben) häufig vertreten?
  2. Tauchen bestimmte grammatische Formen häufig auf (z.B. Steigerungsformen, eine bestimmte Zeitform des Verbs)?
  3. Kann man bestimmten Wörtern einen Oberbegriff zuordnen, haben sie etwas gemeinsam, bilden sie eine Gruppe? Welches ist das Merkmal dieser Gruppe (z.B. eine bestimmte Sprachschicht)?

Untersuchungsfragen zum Satzbau

  1. Herrscht eine bestimmte Satzart vor (Aussage-, Frage- oder Aufforderungssatz)?
  2. Werden vorwiegend Satzreihen (Parataxen) oder Satzgefüge (Hypotaxen) verwendet? Sind diese kurz oder lang, einfach oder kompliziert?
  3. Sind die Sätze vollständig oder unvollständig?
  4. Welche Handlungsrichtung haben die meisten Sätze (Aktiv, Passiv)?
  5. Gebraucht der Autor direkte oder indirekte Rede?

Rhetorische Mittel

Texte, bei denen die appellative Funktion der Sprache überwiegt (z.B. Reden), haben bestimmte sprachliche Merkmale, die den Empfänger auf der Ebene des Gefühls ansprechen sollen, damit der Autor seine Aussagen eindringlicher machen kann, um sie so leichter zu übermitteln.
Dies versuchen Autoren solcher Texte konkret dadurch, dass sie

  1. Wörter an bestimmten Stellen wiederholen,
  2. Wörter umbilden,
  3. den Sinn von Wörtern und Wendungen und
  4. den normalen Satzbau ändern,
  5. Wörter und Wendungen in bestimmter Art und Weise zusammenstellen.

Daneben gibt es noch eine Reihe so genannter Argumentationstechniken. All diese rhetorischen Mittel sind schon seit der Antike bekannt, wo die Rhetorik (Lehre von der Redekunst) einen wichtigen Zweig der Wissenschaften darstellte. Die häufigsten rhetorischen Mittel sind im Folgenden aufgeführt.

Wiederholung
Doppelungunmittelbare Wiederholung eines Wortes, dient wie alle Wiederholungen dazu, einen besonderen Nachdruck auf eine Aussage zu legenNiemals, niemals werde ich...
AnapherBenachbarte Sätze beginnen mit den gleichen WörternO Mutter, was ist Seligkeit, o Mutter, was ist Wonne?
KetteDer folgende Satz nimmt einen Ausdruck des vorangegangenen wieder auf.Sie haben versprochen, Sie werden es sagen. Werden Sie es sagen?
Verdeutlichungwörtliche oder variierte Wiederholung eines Wortes oder eines Ausdruckes, einer SatzkonstruktionDer Pott, der gute Pott
Um- und Neubildung
Wortneu- oder Umbildunghaben häufig witzige WirkungBirkeln Sie mal!
VISA - Deutschlands meiste Kreditkarte
Sinnveränderung von Wörtern und Wendungen
MetapherGebrauch eines Wortes in übertragener Bedeutung, um etwas bildlich auszudrückenLebensabend, Hafen (für "Zuflucht")
PersonifizierungEinem Begriff oder Ding werden Eigenschaften eines Lebewesens zugesprochen.Autos lieben SHELL
pars pro totoEin Teil einer Person, eines Dinges steht für das Ganze.Meine Stimme wird ohne Mühe die Verleumdung zurückweisen.
ParaphraseUmschreibung statt Definition oder genauer Beschreibung, meist in Form des 
EuphemismusUmschreibung mit beschönigender Absicht"Angleichung" für "Preiserhöhung"
HyperbelÜbertreibung, extreme, vom Sinn her nicht notwendige Formulierung zum Zweck der Pointierung oder als SchockeffektSie arbeitem im Schneckentempo!
LitotesUntertreibung, Abschwächung eines Ausdrucks durch die Verneinung des Gegenteils zur Verschleierung des eigentlich Gemeinten; kann auch in verstohlener Weise eine Aussage betonennicht ohne Fleiß
nicht gerade schnell
EmphaseNachdruck, betontes Aussprechen bzw. hervorgehobene Schreibweise eines Wortes; gibt ihm einen ungewöhnlichen SinnEr ist ein Mensch (=Er ist nur ein schwacher Mensch oder Er ist ein Mensch, kein Tier.)
ScheinparadoxAussage, die sich zu widersprechen scheint, soll Aufmerksamkeit erregenKunst ist nicht immer Kunst.
WortspielAusnutzen der Tatsache, dass ein Wort verschiedene Bedeutungen haben kann, meist mit aufheiternder WirkungRaum-Schiff (Werbung für Großflugzeuge)
IronieErsatz des gemeinten Gedankens durch den entgegengesetzten Gedanken, mit spöttelnder AbsichtDu bist mir ein schöner Freund.
Rhetorische FrageScheinfrage, auf die keine Antwort erwartet wird; dient zur Bekräftigung einer unausgesprochenen Behauptung, weckt die innere Beteiligung der ZuhörerWie lange soll das so weitergehen?
Satzveränderung
AnastropheEin Satzteil wird aus seiner normalen Stellung im Satz herausgelöst und an den Anfang oder das Ende gestellt, um einen Teil der Aussage zu betonen.Zehn Jahre haben Sie gebraucht!
Ist es demokratisch, dass einige Mächtige die Entscheidungen treffen - über die Köpfe der Abgeordneten hinweg?
ChiasmusKreuzstellung von inhaltlich ähnlichen oder entgegengesetzten Wörtern; dient der Verlebendigung einer AussageDie Kunst ist lang
und kurz ist unser Leben.
EllipseAbkürzung eines Satzes; soll häufig die Wirkung von vertrauter Umgangssprache haben, dient auch einer knappen AusdrucksweiseEgal, wie Sie sich rasieren. Ob trocken oder nass. Nach der Rasur sollten Sie etwas für sich tun. TARR extra herb nehmen. Prickelt und erfrischt.
ZeugmaVerklammerung von gleichen oder ähnlichen längeren Formulierungen zu einem kürzeren Satz
mit komischer Wirkung, wenn Aussagen verklammert werden, die inhaltlich nicht zusammenpassen
Zu Beginn war alles noch unbefangen, schien wohlgelaunt, schien vieles möglich.
Er bekam Schwinger in die Magengegend und Trümpfe in die Hand.
Zusammenstellung
Zweier- und DreiergruppeSie sollen den Eindruck vermitteln, dass die Begriffe ein abgeschlossenes Ganzes bilden, dem nichts mehr hinzuzufügen ist.Blut, Schweiß und Tränen wurden vergossen.
AntitheseWörter werden so zusammengestellt, dass sie einen Gegensatz bilden; dient der VerlebendigungEs war nicht Zufall, sondern Absicht!
KlimaxWörter werden so zusammengestellt, dass sie eine Steigerung bilden; dient der VerlebendigungIch kam, ich sah, ich siegte.
HäufungAufbauschung einer Aussage durch eine vom Sinn her nicht notwendige Aufzählung inhaltlich ähnlicher WörterEr war hässlich, abstoßend, widerwärtig und Ekel erregend.
Argumentationstechniken
... der Publikumszugewandtheit
Aufrüttelnsollen beim Publikum Aufmerksamkeit und Sympathien gewinnenGroße Sorge um das Wohl des Staates lässt mich heute zu Ihnen reden.
Versprechen der KürzeSie haben schon so viel zu diesem Thema hören müssen, ich möchte mich daher ganz kurz fassen.
BescheidenheitIm Grunde weiß ich zu wenig über dieses Problem, erlauben Sie mir trotzdem...
AnheimstellungWas von den Argumenten meines Gegners zu halten ist, überlasse ich Ihrem kundigen Urteil, meine Damen und Herren.
ZugeständnisMein Gegner hat vollkommen Recht, wenn er sagt..., aber...
... der Sachzugewandtheit
DetaillierungEtwas, was man auch kürzer sagen könnte, wird ausgemalt; soll die Einbildungskraft, die Emotionen steigernTäglich lesen wir von Entführungen, Erpressungen, Vergewaltigungen, fast jeden Tag finden Banküberfälle statt, Menschen werden bedroht und ermordet.
Beispielsoll eine allgemeine Behauptung beweisen oder illustrieren; wirkt eindringlicher als die allgemeine Formulierung 
Vergleichdient der Veranschaulichung von Sachverhalten 
Zitieren von Autoritätensoll die eigene Aussage unterstützenWie Goethe schon sagte...
Übergehendient dazu, Aussagen zu machen, ohne auf die näher eingehen zu müssenIch will gar nicht davon reden, was diese Leute alles angestellt haben, dass sie...
Tricks
ad personam-TechnikAnstatt sachlich zu argumentieren, greift man die Person des Gegners an.
Verdrehungs-TechnikMan nimmt Behauptungen und Begriffe des Gegners auf und gibt ihnen einen falschen Sinn.
Übertreibungs-TechnikMan übertreibt die Behauptung des Gegners ins Gefährliche oder Absurde, man ignoriert alle vom Gegner gemachten Einschränkungen.
Unterstellungs-TechnikMan unterstellt dem Gegner Absichten und zieht aus seiner Behauptung Folgerungen, die in ihnen gar nicht enthalten sind.
Ausweich-TechnikMan geht auf die Argumente des Gegners gar nicht ein, sondern weicht auf ein anderes Problem aus.
Verdrängungs-TechnikMan ignoriert die Hauptpunkte der gegnerischen Argumentation und konzentriert seine Angriffe auf Details.
Verwirrungs-TechnikDurch komplizierte Unterscheidungen und Problem- Vermischungen sucht man die gegnerische Position zu vernebeln.

2.2.6. Bestimmung von Sachverhalt, Position, Absicht und Textsorte

Nach den einzelnen Untersuchungen des Textes lässt sich nun das vorläufige Gesamtverständnis überprüfen. Die Vermutungen über Sachverhalt, Position, Intention und Textsorte kann man in Aussagen verwandeln, die mit den eigenen Untersuchungsergebnissen belegt werden können. Greifen Sie dazu auf die Ergebnisse der vorigen Arbeitsschritte zurück (soweit sie in den Arbeitsaufträgen von Ihnen gefordert werden), und überlegen Sie, was sie zur Beantwortung der folgenden Fragen beitragen können.

  1. Was ist der Sachverhalt, der im Text behandelt, die Frage, die in ihm gestellt, das Problem, das in ihm aufgeworfen wird?
  2. Welche Meinung hat der Autor zu dem Sachverhalt, wie beantwortet er die Frage, welche Lösung des Problems sieht er?
  3. Welche Absicht verfolgt der Autor mit dem Text, wen will er ansprechen, von welchem Kontext, in dem sich Sender und Empfänger befinden, kann man ausgehen?
  4. Welcher Textsorte kann man den Text zuordnen, in welchem Ausmaß sind die drei sprachlichen Funktionen in ihm vertreten?

2.3. Interpretation fiktionaler Texte

2.3.1. Mögliche Arbeitsaufträge

Auch bei dieser Aufsatzart werden Sie Arbeitsaufträge erhalten, die Ihnen die Aspekte vorgeben, unter denen Sie den Text untersuchen sollen. Diese Aspekte sind Ihnen teils vertraut, teils werden Sie in den Kursen noch vertieft bzw. erarbeitet werden (z.B. Charakteristik, Beschreibung von Aufbau, Figurenkonstellation, Bildsprache; vgl. Interpretation von Dramen, epischen Texten oder Gedichten).

2.3.2. Merksätze

  1. Lesen Sie den Text mehrmals auferksam und bearbeiten Sie ihn (Unterstreichen) gemäß den Arbeitsaufträgen.
  2. Die Interpretation eines fiktionalen Textes ist mehr ala eine bloße Inhaltsangabe, sie stellt vielmehr eine Deutung des Textes dar. (Das Wort "Interpretation“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie "Vermittlung, Übersetzung, Auslegung, Erklärung").
  3. Die Beschreibung formaler Merkmale eines Textes ist bei fiktionalen Texten unerlässlich und wird auch in den Arbeitsaufträgen immer wieder gefordert werden. Die Besonderheiten der sprachlichen Form unterscheiden ja wesentlich den fiktionalen vom nichtfiktionalen Text. Die Beschreibung ist aber nur dann sinnvoll, wenn die Funktion der Form für die Bedeutung eines Textes deutlich wird. Es ist z.B. nicht nötig, das Versmaß oder das Reimschema eines Gedichtes zu bestimmen, wenn man nicht angeben kann, wie der Dichter gerade mit diesem Mittel die Aussage, den Sinn eines Gedichtes in der Form zum Ausdruck gebracht hat. (Es ist durchaus möglich, dass z.B. das Versmaß in einem Gedicht nichts Besonderes ausdrückt; der Dichter hat es nur gewählt, da ein bestimmtes Versmaß seiner Meinung nach zu einem Gedicht gehört.)
  4. Erarbeiten Sie Ihre Interpretation am Text und belegen Sie Ihre Aussagen mit Textstellen. Dies kann durch Verweise oder Zitate geschehen. Verwenden Sie aber nicht zu viel wörtliche Zitate; Ihre Arbeit darf nicht den Eindruck einer Zitatenkollage machen.

2.3.3. Beispiele zu den Merksätzen

Zu den Merksätzen 2 und 3 werden im Folgenden Beispiele vorgestellt, die den Unterschied zwischen Inhaltsangabe und Beschreibung formaler Elemente auf der einen und einer Interpretation auf der anderen Seite erläutern sollen. Die Interpretationen erheben dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Zu Merksatz 2

ERSTES KAPITEL

An dem Schnittpunkte von Kurfürstendamm und Kurfürstenstraße, schräg gegenüber dem "Zoologischen“, befand sich in der Mitte der siebziger Jahre noch eine große, feldeinwärts sich erstreckende Gärtnerei, deren kleines, dreifenstriges, in einem Vorgärtchen um etwa hundert Schritte zurückgelegenes Wohnhaus, trotz aller Kleinheit und Zurückgezogenheit, von der vorübergehenden Straße her sehr wohl erkannt werden konnte. Was aber sonst noch zu dem Gesamtgewese der Gärtnerei gehörte, ja die recht eigentliche Hauptsache derselben ausmachte, war durch ebendies kleine Wohnhaus wie durch eine Kulisse versteckt, und nur ein rot und grün gestrichenes Holztürmchen mit einem halb weggebrochenen Zifferblatt unter der Turmspitze (von Uhr selbst keine Rede) ließ vermuten, dass hinter dieser Kulisse noch etwas anderes verborgen sein müsse, welche Vermutung denn auch in einer von Zeit zu Zeit aufsteigenden, das Türmchen umschwärmenden Taubenschar und mehr noch in einem gelegentlichen Hundegeblaff ihre Bestätigung fand. Wo dieser Hund eigentlich steckt, das entzog sich freilich der Wahrnehmung, trotzdem die hart an der linken Ecke gelegene, von früh bis spät aufstehende Haustür einen Blick auf ein Stückchen Hofraum gestattete. Überhaupt schien sich nichts mit Absicht verbergen zu wollen, und doch musste jeder, der zu Beginn unserer Erzählung des Weges kam, sich an dem Anblick des dreifenstrigen Häuschens und einiger im Vorgarten stehenden Obstbäume genügen lassen.

Theodor Fontane: Irrungen Wirrungen

Inhaltsangabe mit Beschreibung formaler Elemente:

Im ersten Absatz des ersten Kapitels schildert Fontane einen wichtigen Ort des Romangeschehens. Es ist eine Gärtnerei, die etwas verborgen an dem Schnittpunkt von Kurfürstendamm und Kurfürstenstraße in Berlin liegt. Von der Straße aus ist nur ein kleines, dreifenstriges Wohnhaus zu sehen, davor ein kleiner Garten mit drei Obstbäumen. Von der Existenz weiterer Gebäude hinter dem Haus zeugen nur gelegentliches Hundegebell, ein kleiner Turm, die ihn umschwärmenden Tauben und das Stück Hof, das man durch die offene Haustüre erkennen kann.

Interpretation:

Im ersten Absatz des ersten Kapitels schildert Fontane einen wichtigen Ort des Romangeschehens, eine kleine, von der Straße etwas abgelegene Gärtnerei. Durch die Schilderung des Autors gewinnt sie einen besonderen Charakter. Der Vorgarten, die Obstbäume, die den Turm umschwärmenden Tauben, das Hundegebell, die Tatsache, dass die Gärtnerei von der Straße weg an den Feldern ("feldeinwärts") liegt, verleihen dem Ort etwas Ländliches, lassen ihn wie eine heile Welt, eine Idylle erscheinen. Fontane unterstützt diesen Eindruck noch durch die Wortwahl: "Vorgärtchen", "Kleinheit", "kleines... Wohnhaus", "Holztürmchen", „Häuschen“. Aufgrund dieser zahlreichen die Kleinheit betonenden Wörter kann man den Ort als "niedlich", "heimelig", "liebenswürdig" bezeichnen. Die Wortwahl unterstreicht damit seinen idyllischen Charakter.

Zu Merksatz 3

Er ist's

Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohl bekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
- Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist's!
Dich hab ich vernommen!

Eduard Mörike

Inhaltsangabe mit Beschreibung formaler Elemente:

Das Gedicht setzt sich aus neun Versen zusammen. Die ersten vier Verse haben einen vierhebigen Trochäus als Versmaß, die Verse 5 und 6, 8 und 9 einen dreihebigen Trochäus und Vers 7 einen fünfhebigen Trochäus. Das Reimschema des Gedichtes ist wie folgt gestaltet: Die ersten vier Verse bilden einen Umfassreim (abba), die Verse 5 bis 9 einen Wechselreim (abab), in den aber ein nicht reimender Vers (8) eingeschoben ist (abacb). Es fällt auf, dass vor den letzten drei Versen ein Gedankenstrich steht; auch bestehen diese Verse aus je einem Ausrufesatz, während im übrigen Gedicht nur Aussagesätze vorkommen, die sich zudem über mehrere Verse erstrecken.

Interpretation:

In den Versen 1 bis 6 werden die Vorboten des Frühlings in drei jeweils zwei Verse umfassenden Aussagesätzen geschildert: der blaue Himmel, die Düfte, die Blumen (Veilchen). In den letzten drei Versen zieht das lyrische Ich gleichsam die Schlußfolgerung aus den Verboten: der Frühling ist wiedergekommen. Mörike hat diesen Schritt von der Schilderung zur Folgerung deutlich durch einen Gedankenstrich vor dem siebenten Vers markiert. Die Schlussfolgerung ruft im lyrischen Ich zugleich Freude und Begeisterung hervor. Die innere Bewegung wird durch die Tatsache ausgedrückt, dass nur in den letzten drei Versen das lyrische Ich sich selbst nennt ("Dich hab ich vernommen") und der Frühling ("du", "Dich") direkt angesprochen wird. Auch die kurzen jeweils nur einen Vers langen Ausrufesätze, die in deutlichem Gegensatz zu den Aussagesätzen im übrigen Gedicht stehen, bringen die freudig erregte Stimmung des lyrischen Ichs zum Ausdruck. Vers 8, in dem das Wiedererkennen direkt ausgesprochen wird, ist auch formal hervorgehoben, da er den Wechselreim stört. Auch Vers 7, mit dem das Wiedererkennen beginnt, unterscheidet sich formal von den übrigen Versen (fünfhebiger Trochäus). So findet die Aussage des Gedichtes in den formalen Elementen ihre Entsprechung.

2.4. Problemerörterung anhand von Texten

2.4.1. Mögliche Arbeitsaufträge, Definitionen

Aussage und Begründung durchHinweis auf überprüfbare und wissenschaftlich erwiesene Tatsachen
Hinweis auf Wahrscheinlichkeit, Plausibilität, Logik
Zitieren von anerkannten Autoritäten
Aufzeigen möglicher Folgen und Auswirkungen
Hinweis auf allgemeine Übereinstimmung
Hinweis auf allgemeine Normen unserer Gesellschaft

Beispiel:

Der freie Schulsamstag muss auch bei uns eingeführt werdenda er in vielen Gegenden schon eingeführt ist und funktioniert
da wohl alle Betroffenen damit zufrieden sind
da auch der bekannte Freizeitforscher XYZ ihn befürwortet
da er Erholung vom Schulstress für alle Beteiligten bringt
da man kaum Stimmen dagegen hört
da die Freizeit einen hohen Wert in unserer Gesellschaft darstellt

2.4.2. Leitfragen zur Erörterung

(a,b)Was ist der Inhalt des Textes? Welches ist sein Gedankengang? Welcher Sachverhalt wird dargestellt? Um welches Problem geht es?
(a)Aus welchen Blickwinkeln kann man das Problem, den Sachverhalt betrachten?
Welche Lösungen sind möglich?
Was spricht für, was spricht gegen bestimmte Lösungen?
(b)Welches ist die Position des Autors?
Überprüfung von Argumentation und Lösung des AutorsMöglicher Ansatz zum Aufbau der eigenen Argumentation und Lösung
Wo stimme ich überein?
- mit Argumentenzusätzliche Argumente
Wo stimme ich teilweise oder gar nicht überein?
- mit Fragestellung oder AnsatzBegründung, Neuformulierung von Frage und Ansatz
- mit Darlegung des SachverhaltsBegründung, eigene Darlegung
- mit ArgumentenGegenargumente
- mit Stellungnahme oder LösungBegründung, eigene Stellungnahme bzw. Lösung
- mit dem Wertmaßstab des AutorsBegründung, Darlegung des eigenen Wertmaßstabs
Wo hat der Autor wichtige Aspekte nicht berücksichtigt?Darlegung dieser Aspekte
Ist der Gedankengang unklar?Begründung

2.4.3. Merksätze

  1. Untersuchen Sie den Text anhand der Leitfragen.
  2. Fassen Sie den Teil der Wiedergabe (Inhalt, Gedankengang, Sachverhalt, Problem, Position) möglichst kurz. Etwa drei Viertel der Arbeit sollten auf die eigentliche Erörterung verwendet werden.
  3. Suchen Sie einen sinnvollen gedanklichen Aufbau Ihrer Arbeit (Gliederung). Die Gliederung der ganzen Arbeit ergibt sich aus den (i.d.R.) zwei Arbeitsaufträgen (Wiedergabe, Erörterung). Schwierigkeiten kann der Aufbau der Erörterung selbst bereiten. Mögliche Gliederungspunkte sind:
    1. Ausgangspunkt: Das Problem
      Weiterführung: Das Für und Wider möglicher Lösungen
      Abschluss: Stellungnahme, Lösung
    2. Übereinstimmung mit dem Autor
      Teilweise Übereinstimmung oder Ablehnung
      Zusammenfassung, eigene Meinung
    Ein Patentrezept kann nicht gegeben werden, da der Aufbau von der Art des Textes und des Problems und von Ihrer eigenen Meinung zu dem Text abhängt. Nehmen Sie sich auf jeden Fall genügend Zeit für die Gliederung der Erörterung.