Die deutsche Literatur des Mittelalters (500-1500)

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Übersicht

  1. Begriff
  2. Historische Grundlagen (Stichworte)
  3. Weltbild
  4. Allgemeine Merkmale mittelalterlicher Literatur
  5. Phasen der deutschen Literatur des Mittelalters

1. Begriff

Den Begriff prägten die Humanisten für die Zeit zwischen des Verfall der Antike und ihrer vermeintlichen Wiedergeburt (Renaissance). Seit dem 17. Jh. wird in Lehrbüchern die Weltgeschichte in die Alte, Mittlere und Neue Geschichte gegliedert. Durch die Ausweitung des Geschichtsbildes im 19.Jh. wurde die Brauchbarkeit des Begriffs M. für die Periodisierung der Weltgeschichte fragwürdig. Manche glaubten ein typisches M. in den entsprechenden Perioden aller Kulturen zu finden (griech. M., japanisches M. usw.), doch blieb der Name M. besonders für die Geschichte des christlichen Abendlandes zwischen Altertum und Neuzeit vorbehalten.

2. Historische Grundlagen (Stichworte)

politisch:
Lehenssystem (König als Lehensherr, Fürsten als Vasallen, erhalten Land von ihm, sind ihm zu Treue und Gefolgschaft im Krieg verpflichtet), ständiger Streit zwischen König/Kaiser und Fürsten um Macht, kein fester Bestand staatlicher Institutionen, kein staatliches Gewaltmonopol; außerdem Streit zwischen Kaiser und Papst um die Führung im christlichen Abendland
sozial:
Ständegesellschaft: Adel, Bauer, Bürger; strenge Trennung, Geburt bestimmt Stand; Adel als Grundherr (Herrscher über Land und Leute) Bauern als Hörige in Abhängigkeit vom Grundherrn (Abgaben, Frondienst), daneben Bürgertum in Städten (Handwerk, Handel)
ökonomisch:
Dominanz der Agrarwirtschaft, langsames Aufkommen des Geldes, verdrängt Naturaltausch; Handwerk, Handel in Städten (Zünfte)

Phasen:

  • 5.-10. Jahrhundert Frühmittelalter
  • 10.-13. Jahrhundert Hochmittelalter
  • 13.-15. Jahrhundert Spätmittelalter

Das Frühmittelalter, die Zeit der Merowinger und Karolinger, reicht vom Untergang des römischen Imperiums über Völkerwanderung und Frankenreich bis zum altdeutschen Kaiserreich. Es entwickelt sich das Lehnswesen, das im ganzen Mittelalter und darüber hinaus die hierarchisch gegliederte ständische Gesellschaftsordnung bestimmt.

Das Hochmittelalter umfasst die sächsische, salische und staufische Kaiserzeit. Neben dem Kaisertum erstarkt die zweite universale Gewalt des Mittelalters, das Papsttum, durch die cluniazensische Reformbewegung. Der Investiturstreit erschüttert die Macht des Kaisertums. Die Kreuzzüge, die abendländische Gegenbewegung gegen den Islam, drängen diesen zeitweise in die Verteidigung zurück.

Im Spätmittelalter erstarkt in den westeuropäischen Ländern die zentrale Gewalt der Könige; es bilden sich die Grundlagen der späteren Nationalstaaten. In Deutschland dagegen sinkt die Macht des Königtums, die der Reichsfürsten wächst; die Kurfürsten gewinnen das Recht der freien Königswahl; die Städte erlangen große wirtschaftliche und politische Macht; hier entsteht die Kultur des Bürgertums. Das gesellschaftliche und kulturelle Leben Europas entwickelt sich aus der bisherigen relativen Einheit zu großer Vielfalt.

(Das historische Grundwissen, Klett)

3. Weltbild

Alle Einschränkungen, Ausnahmen, Grenzphänomene (z.B. Ketzerbewegung) umfassend, stellt das Weltbild des Mittelalters letztlich ein geschlossenes, kohärentes, hierarchisch gegliedertes Bild einer kosmischen Ordnung dar (ordo). Gott ist die Spitze der Seinspyramide, das höchste Seiende (summum ens), der erste Beweger aller Dinge (primum mobile). Der Mensch - als Krone der Schöpfung - ist Bindeglied zwischen der geistig-spirituellen (guten) und der materiellen (bösen) Welt. Er verkörpert den Kampf zwischen Gut und Böse, Gott und dem Teufel, Erlösung und Erbsünde. Wie der Mensch ist die Natur von Gott geschaffen und wird von ihm gelenkt. Die Geschichte ist Heilsgeschichte, beginnend mit der Vertreibung aus dem Paradies und auf das Jüngste Gericht zulaufend, nach dem das Gottesreich auf Erden existieren wird, als dessen irdische Vorläufer die christlich-europäischen Königreiche und das Kaiserreich verstanden werden. Der einzelne Mensch ist Teil dieser göttlichen Ordnung, ihm ist in ihr ein ganz bestimmter und fester Platz angewiesen. Er fühlt sich nicht - im Gegensatz zur heutigen Moderne - in erster Linie als Individuum, sondern als Glied einer Gemeinschaft.

4. Allgemeine Merkmale mittelalterlicher Literatur

Mittelalterlicher Literatur geht es im Gegensatz zu unserem Kunstverständnis nicht um Ausdruck persönlicher Erfahrung oder Beobachtung, sondern um das Allgemeine, Ideelle, Typische, das gegenüber der unmittelbar erfahrbaren Wirklichkeit als die eigentliche Wirklichkeit gilt, die letztlich in Gott gründet und auf die alles bezogen ist.

5. Phasen der deutschen Literatur des Mittelalters

Die Literatur des Mittelalters - wie das Mittelalter selbst - ist zu verstehen als eine Vereinigung dreier Bereiche: Antike, Christentum, Germanentum. Die Antike wirkte auch im Mittelalter weiter - ihre Dichtungslehre (Poetiken), das Vorbild der Schriftsteller (z.B. Vergil, Ovid), ihre Philosophie (z.B. Aristoteles, Plotin). Im Gegensatz zur späteren Renaissance sah man die Antike aber nicht als eigenständige Epoche oder gar als Vorbild. Antike und Christentum hatten sich vielmehr schon im späten Altertum verbunden, v.a. durch die Bibelübersetzungen (Septuaginta, Vulgata) und die Kirchenväter (z.B. Augustinus). Das Christentum war die prägende geistige Kraft des Mittelalters:

Germanische Zeit

Die zur Zeit der Völkerwanderung in die spätantike Welt eindringenden und sie schließlich zerstörenden Germanenstämme besaßen eine eigene Literatur, die zunächst mündlich Verbreitung fand und erst viel später aufgeschrieben wurde. Das meiste ist verschollen; überliefert sind die folgenden Werke:

  • Hildebrandslied: germ. Heldenlied, um 820 aufgezeichnet (ahd)
  • Merseburger Zaubersprüche: magische Zauberformeln, im 10.Jh. aufgezeichnet (ahd)
  • Edda; Sammlung germanischer Götter- und Heldenlieder, aufgezeichnet um 1250 in Island (anord)

Geistliche Dichtung des frühen Mittelalters (ahd) 9.-10. Jh.

Nach der Christianisierung der Germanen sahen sich die Geistlichen vor der Aufgabe, die lateinisch-christliche Literatur den bekehrten Heiden nahe zu bringen. Aus dieser Zeit stammen Wörterbücher und v.a. Nacherzählungen der Evangelien. Als wichtige Werke sind zu nennen:

  • Heliand (um 825) anonymer Verfasser, Evangelien in Form eines germanischen Heldenepos, für die bekehrten Sachsen
  • Evangelienharmonie von Otfrid von Weißenburg (um 870), benutzte erstmals den Endreim statt des germanischen Stabreims

Schreiborte waren die Klöster (z.B. St. Gallen, Weißenburg, Fulda), Schreiber die Mönche, Auftraggeber Bischöfe und das Publikum der germanische Adel. Geistliche Dichtung wurde während des gesamten Mittelalters geschrieben und verbreitet, auch während der folgenden Perioden, in lateinischer und deutscher Sprache.

Höfische Dichtung des hohen Mittelalters (mhd), 11.-13.Jh.

Diese Periode ist geprägt von der Kultur des Rittertums. Ritter waren ehemals Unfreie, die in den Dienst eines Königs bzw. Adligen traten und als Ministeriale ihrem Herrn als Verwalter oder berittener Krieger dienten. Diese "Aufsteiger" übernahmen die Lebensformen des Adels und wandelten sie zu einem oft starren Formenkult um. Äußerlich zeigte sich dies in Festen und Turnieren, in Symbolen (Wappen) und Kleidung.

Die ritterlichen Ideale lassen sich in drei "Diensten" zusammenfassen: treuer Dienst für den Herrn, Dienst für Kirche und Christenheit (Kreuzzug, Hilfe für Arme und Schwache, Friedfertigkeit untereinander), Frauendienst.

Als ritterliche Tugenden galten u.a.:

Der Dichtung kam in diesem Zusammenhang die Funktion zu, das ritterliche Ideal darzustellen. Träger der Dichtung war der meist ritterliche Sänger, der seine Werke auf den Festen vortrug und dadurch seinen Lebensunterhalt verdiente. Es gab zwei Hauptgattungen ritterlicher Dichtung.

HÖFISCHES RITTEREPOS (RITTERROMAN)
In den Verserzählungen wird der Lebensweg eines Ritters geschildert, der eine Reihe von Abenteuern bestehen, viele Irrwege gehen muss, bis er sich zum wahren Ritter geläutert hat und der höchsten Weihe des Rittertums teilhaftig werden kann. Diese besteht i.d.R. in der Aufnahme an den Hof König Arthus'. An seiner Tafelrunde sind viele berühmte Ritter versammelt (z.B. Erec, Iwein, Parzival, Lancelot). Die Figur des idealen Königs stammt aus einem bretonisch-irischen Sagen- und Märchenkreis. Unmittelbares Vorbild der deutschsprachigen höfischen Ritterromane waren die Werke des Franzosen Chrestien de Troyes.

Wichtige Autoren und Werke

MINNESANG

Die Minnedichtung entstand in der Provence. Sie wurde an den Adelshöfen von ritterlichen Sängern, den Trobadors, vorgetragen und verbreitet und ist über Nordfrankreich in den deutschen Sprachraum eingedrungen. Die Trobadors vereinigten in ihren Liedern zwei Auffassungen von Liebe: eine christliche, die in der Liebe eine ethische, religiöse Macht sah, und eine antike, die das Erotisch-Sexuelle betonte. Die antike Tradition wurde von den so genannten Vaganten vertreten, jungen Geistlichen, die studiert, aber keine Aussicht auf ein geistliches Amt hatten und deshalb als von Hof zu Hof wandernde (vagare=umherschweifen) Dichter ihr Dasein fristeten (Sammlung von Vagantenliedern: Carmina Burana).

Die deutsche Minnedichtung vergeistigte die Trobadorlyrik zur "hohen Minne".

Minnelyrik variiert einen engen Kreis von Motiven und Formen. Die Gedichte wurden zur Laute gesungen. Dies erforderte eine strenge Gliederung, die Strophenform des "Kanzone" (=Lied): Sie teilt sich in den Aufgesang und den Abgesang. Der Aufgesang ist noch einmal in zwei Teile (Stollen) gegliedert; die Teile sind am Reimschema erkennbar.

Thematisch enthalten Minnelieder die Liebeserklärung eines Ritters an eine (verheiratete) Adlige, den Preis ihrer inneren und äußeren Vorzüge, die Hoffnung auf Erhörung, die Klage über die Unerfüllbarkeit dieser Hoffnung und - damit zusammenhängend - über den Konflikt zwischen geistiger Liebe und Sinnlichkeit. Das Verhältnis des Ritters zu seiner Herrin ist dem Verhältnis zwischen Lehensherr und Lehensmann nachgebildet.

Minnegesang war Teil des Minnedienstes. Die Gedichte wurden bei Hoffesten vor allen Anwesenden vom Verfasser selbst vorgesungen. Das Publikum beurteilte die Lieder, versuchte zu erraten, wer die anonyme Angebetete sei.

Neben der geselligen Unterhaltung waren Minnedichtung und Minnedienst Teil des ritterlichen Tugend- und Erziehungssystems. Selbstzucht und Selbstüberwindung (heute wurde man sagen "Triebverzicht") sollten einer Kriegerkaste vermittelt werden. In der Minne (von lat. memini=ich erinnere, dagegen Liebe von idg. lubh=begehren) sah man den Inbegriff des Ritterideals.

Bekannte deutsche Minnedichter waren
  • Heinrich von Veldeke, Friedrich von Hausen, Heinrich von Morungen, Hartmann von Aue, Reinmar von Hagenau.
  • Walther von der Vogelweide (1168-1228) knüpfte wieder an die Vagantendichtung an und wandte sich so gegen das allzu Erstarrte, Wirklichkeitsferne der hohen Minne. Er schuf die so genannten "Mädchenlieder" (auch "niedere Minne"), die sich nicht an eine adlige Dame richteten und die Erotik in den Vordergrund stellten.

Dichtung des späten Mittelalters (nhd) 13.-15.Jh.

Das ausgehende Mittelalter erlebte den Zerfall des Ritterstandes und das Erstarken des Bürgertums. Neue literarische Formen entstehen: Volksbuch, Volkslied, Volksballade (Till Eulenspiegel), Pfaffen- und Standessatire, Meistersang.

Literatur