Übersicht
1. Geschichtliche Hintergründe
2. Das Biedermeier
2.1 Namensgebung
2.2 Merkmale und Strömungen des Biedermeier
2.3 Autoren und Werke
3. Junges Deutschland und Vormärz
3.1 Namensgebung
3.2 Merkmale und Strömungen des Jungen Deutschland
3.3 Autoren und Werke
4. Vormärz im engeren Sinne
4.2 Strömungen und Tendenzen
4.3 Autoren und Werke
1. Geschichtliche Hintergründe
Die Zeit der Restauration beginnt 1815 mit dem Ende der napoleonischen Herrschaft in Europa und dem Wiener Kongress und endet mit der bürgerlichen Revolution, der so genannten "Märzrevolution" von 1848; deshalb wird diese Epoche auch Vormärz genannt. Kennzeichen für diese Epoche ist die äußere Sicherheit und die innere Unterdrückung aller aufkeimenden Ideen des Liberalismus, des Nationalismus und der Demokratie.
Die deutschen Patrioten und liberalen Reformer mussten erleben, wie ihre Hoffnungen auf dem Wiener Kongress und noch brutaler durch die Karlsbader Beschlüsse 1819 (Verbot der Burschenschaften; Verfolgung von 'Demagogen'; Pressezensur) zuschanden gemacht wurden. Es gab jedoch erstaunlich wenig Auflehnung gegen diese Entwicklung. Der Hauptgrund für die politische Gefügigkeit vieler Deutscher in den Jahren der Reaktion zwischen 1815 und 1848 lag darin, dass die Behörden und die Masse des Volkes die Stabilität und Sicherheit begrüßten, wie sie durch die Rückkehr zur politischen Vorkriegsordnung erreicht wurde. Das Leben in Preußen, Bayern, Baden und Sachsen war vor den napoleonischen Kriegen jahrzehntelang friedlich verlaufen. Die Kriege, die sich mit Unterbrechnungen von 1792 bis 1815 hinzogen, die tief greifenden Umwälzungen, die sie einem nicht an Veränderungen gewohnten Volk aufzwangen, die Zerstörung des Heiligen Römischen Reiches brachten dagegen keinerlei erkennbaren Gewinn für das Volk mit sich - wenn man einmal von den linksrheinischen Gebieten absieht, die während der französischen Besatzung die Segnungen einer liberalen Verwaltung erfahren hatten. Die stürmische Unruhe und die Entbehrungen, unter denen die Deutschen in den anderen Teilen des Reiches litten, ließen die Menschen mit Wehmut an die 'guten alten Tage' vor 1789 denken.
Die Deutschen führten ihre Beschwerden und Verluste weniger auf den Krieg und den von vielen bewunderten Napoleon zurück als auf das Phänomen der Revolution. Die Französische Revolution 1789 war schließlich dafür verantwortlich, dass ein König hingerichtet wurde und zahlreiche Adlige starben oder ins Exil gingen. Man war der Ansicht, dass diese Revolution die Massen dazu aufgestachelt hatte, nach Dingen zu greifen, die ihnen nicht zustanden. Die französische Nation hatte in ihrem maßlosen Ehrgeiz lange Jahre hindurch Unruhe und Krieg über Europa gebracht und beinahe die ganze gesellschaftliche Ordnung umgestürzt. Die Deutschen wussten aber, dass ihr Land aufgrund seiner Lage in der Mitte Europas und seiner Uneinigkeit besonders anfällig für alle Störungen der europäischen Ordnung war. Somit war die Mehrheit des deutschen Volkes nicht unzufrieden mit dem Ergebnis des Wiener Kongresses und protestierte nicht dagegen, dass die Schlussakte keine Bestimmungen über die Sicherung individueller Rechte und Freiheiten enthielt. Die harten Maßnahmen, zu denen die staatlichen Behörden griffen, um die wiederhergestellte Ordnung zu sichern, gaben dem Bürger das beruhigende Gefühl, in einer festen Ordnung zu leben. Sowohl Preußen als auch Bayern, die beide später nach der Vorherrschaft in Deutschland streben sollten, begrüßten es, das Österreich 1815 seine alte Vormachtstellung in Deutschland wieder einnahm. Das war ein Unterpfand für Frieden in der Gegenwart und Sicherheit in der Zukunft.
Die unterschiedliche künstlerische Reaktion auf diese gesellschaftpolitischen Entwicklungen trennt die konservative Strömung des "Biedermeier" von der liberalen des "Jungen Deutschland" bzw. der radikaldemokratischen des literarischen "Vormärz":
2. Das "Biedermeier"
Die meisten deutschen Schriftsteller zwischen 1820 und 1848 teilten die konservative Beurteilung der politischen Lage. Sie standen im Allgemeinen dem Liberalismus kritischer gegenüber als dem fürsorglichen Absolutismus ihrer Herrscher und den Polizeitstaat-Methoden des Metternich-Regimes. Sie bedauerten das politische Engagement ihrer jüngeren Zeitgenossen (s.u.) und standen neuen politischen Ideen mit Misstrauen gegenüber, weil sie dahinter umstürzlerische Bestrebungen witterten. Dennoch waren sie keineswegs begeistert von der neuen Ordnung.
Die Bezeichnung "Biedermeier" geht auf die deutschen Schriftsteller Ludwig Eichrodt und Adolf Kußmaul zurück, die für die Münchener "Fliegenden Blätter" von 18551857 die Gestalt des schwäbischen Dorflehrers Gottlieb Biedermaier erfanden - einen Menschen, dem nach ihrer Charakterisierung "seine kleine Stube, sein enger Garten, sein unansehnlicher Flecken und das dürftige Los eines verachteten Dorfschulmeisters zu irdischer Glückseligkeit verhelfen." Während Eichrodt und Kußmaul mit dieser Figur und dessen Freund Horatius Treuherz eine Parodie auf das Spießbürgertum abliefern wollten, begann man gegen Ende des 19. Jahrhunderts, das Biedermeier mit der "guten, alten Zeit" gleichzusetzen und verwendete diesen Begriff als Synonym für Behaglichkeit, Häuslichkeit, Geselligkeit in Familie und im Freundeskreis, für den (auch geistigen) Rückzug ins Private. Ab 1906 wurde der Begriff für Mode und Möbel aus der Zeit zwischen 1815 und 1848 verwendet, dann auch für einen Malstil.
2.2 Merkmale und Strömungen des Biedermeier
Die Einstellung, von der die Literatur und das geistige Leben bis ungefähr 1840 gekennzeichnet wurden, hieß Anpassung an die Wirklichkeit: Man fügte sich ohne Aufbegehren in eine unvollkommene Welt. Die politischen Enttäuschungen, die die Literaten des Biedermeier in ihrer Jugend erlebt hatten (Napoleon; Wiener Kongress), erzeugten in ihnen ein allgemeines Misstrauen gegen die große Politik. Sie hatten daher die Tendenz, sich nach den Befreiungskriegen in ihrem Heim oder in engsten Kreisen abzukapseln. Ihre Welt, die sie auch in ihren Werken darstellten, war gekennzeichnet durch eine konservative Grundhaltung, durch Selbstgenügsamkeit und Hingabe an eine Arbeit, die um ihrer selbst willen und nicht wegen eines materiellen Vorteils gut getan wurde.
Die Wohnung wurde so zum Mittelpunkt des Lebens. Dennoch gewannen Kaffeehäuser und Theater, als wichtige Treffpunkte in den Städten, an Bedeutung.
Denn andererseits maß man der Kunst durchaus eine soziale Bedeutung bei. Man war davon überzeugt, dass sowohl das künstlerische Schaffen als auch das Erlebnis der Kunst die Menschen verbinde und ihr Gemeinschaftsgefühl stärke. Die bevorzugten Gattungen waren in diesen Jahren die Idylle - ein episches Gedicht, an dem man sich im Familienkreis erfreute - und das Drama, das öffentlich aufgeführt wurde. Der gesellige Charakter der Biedermeier-Literatur zeigt sich ferner in der Beliebtheit gewisser Gattungen wie der Satire, des Epigramms, der Reiseberichte sowie v.a. der Tagebücher, Briefe und Lebenserinnerungen, die im Familienkreis oder vor Freunden vorgelesen wurden.
Trotz dieser Gemeinsamkeiten zerfällt die Biedermeier-Zeit in eine verwirrende Vielfalt literarischer Stile und Vorlieben, die sich manchmal sogar in ein und demselben Werk zeigen:
Franz Grillparzer (1791-1872):
In seinen Dramen ist der grüblerische Weltschmerz des beginnenden 19.
Jahrhunderts ein Grundmotiv: Ausdruck des Unglaubens an sich selbst, des
Zweifels, der in die Ruhe der Idylle, des reinen Herzens, der stillen
Innerlichkeit flieht.
Hauptwerke: "König Ottokars Glück und Ende" (1825), "Ein treuer
Diener seines Herrn" (1828), "Ein Bruderzwist in Habsburg", "Die Jüdin
von Toledo", "Libussa", "Das Goldene Vlies".
Ferdinand Raimund (1790-1836):
Er blieb trotz seiner unglücklichen Liebe zur Tragödie der
barock-wienerischen Volkstradition verhaftet und führte sie mit seinen
Zauberspielen und Besserungsstücken auf den Gipfel der
Vollendung.
Hauptwerke: "Der Verschwender", "Der Alpenkönig und der Menschenfeind",
"Der Bauer als Millionär", "Der Barometermacher auf der Zauberinsel",
"Der Diamant des Geisterkönigs", "Die gefesselte Fantasie" und "Die
Unheil bringende Zauberkrone".
Johann Nestroy (1801-1862):
Bei ihm wandelt sich das Altwiener Volksstück zur sozialkritischen
Komödie: Die Zaubermaschinerie einer übersinnlichen Welt vermag
die Personen nicht mehr aus ihren Bedingtheiten zu reißen.
Hauptwerke: "Der konfuse Zauberer", "Lumpazivagabundus", "Der Zerrissene", "Einen Jux will er sich machen", "Das Haus der Temperamente".
Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848):
Gefangen in ihrer von Milieu, materieller Not und triebhaftem Denken und
Fühlen bestimmten Welt, sind die Personen in ihrer Meisternovelle "Die
Judenbuche. Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westfalen" (1842)
nur in geringem Maße wirklich Handelnde; vielmehr kann ihr Verhalten
als bloßes, fast instinktives Reagieren auf äußere, von
Gesellschaft und Natur gesetzte Umstände aufgefasst werden. In diesem
Prosawerk nimmt die Autorin Züge des Realismus und des Naturalismus
vorweg, so wie sie auch in anderen Erzählungen einen besonderen Schwerpunkt
auf die möglichst detaillierte und atmosphärisch dichte Schilderung
der Lebensumstände des Landadels wie des einfachen Volkes legt.
Bekannt wurden außerdem Annette von Droste-Hülshoffs Balladen
und Gedichte, etwa die Sammlung "Heidebilder", zu der auch die bekannte Ballade
"Der Knabe im Moor" (1842) zählt. Weniger bekannt sind heute die Versepen der Dichterin ("Das Hospiz auf dem großen St. Bernhard", "Die Schlacht
im Loener Bruch").
Adalbert Stifter (1805-1868):
Eine mindestens ebenso zentrale Rolle spielt die Natur auch bei Stifter,
allerdings mit völlig anderer Funktion. Denn wenn bei einem Autor
tatsächlich und ganz wertfrei von Biedermeier im Sinne von 'Rückzug
ins Private, Abgewandheit von der (sozial geprägten) Welt' gesprochen
werden kann, dann ist dies bei ihm der Fall. Stifter hat die in seiner Prosa
allgegenwärtige Natur zum Zeugen und Mitbeteiligten am menschlichen
Schicksal gemacht. Im Grunde thematisieren alle seine Werke die Entsagung
und die Zuwendung zum Kleinen, Alltäglichen als Kern wahrer Humanität,
die sich dem »sanften Gesetz« der sittlichen Ordnung
unterwirft.
Sein Erzählwerk umfasst sechs Novellenbände, unter anderem "Studien"
(1844-50; darin "Der Hochwald"), "Bunte Steine" (1835; darin "Bergkristall")
sowie den Bildungs- und Erziehungsroman "Nachsommer" (1857) und den historischen Roman "Witiko" (1865-67). - Weitere Werke: "Nachkommenschaften", "Brigitta",
"Der Hagestolz".
Eduard Mörike (1804-1875):
Ein Name, der fast automatisch mit dem Biedermeier in Zusammenhang gebracht
wird. Dass er sich allerdings keineswegs ausschließlich
unspektakulären Themen widmete und sich nicht zu schade war, auf einen
Turmhahn oder eine Lampe ein Gedicht zu schreiben, scheint ihm zum
Verhängnis geworden zu sein. Dabei steckt selbst in den eher idyllischen
Texten stets eine gute Portion Ironie, aber es überwiegen ohnehin solche,
die alles andere als betulich sind. Seine bildhafte, rhythmisch und formal
vollendete Lyrik, die Volksliedhaftes, Balladeskes, Idyllisches und streng
gefügte antikisierende Formen umfasst, stellt ein Bindeglied zwischen
Goethe und der modernen Dichtung dar.
Hauptwerke: "Mozart auf der Reise nach Prag" (1856), "Maler Nolten" (1832),
"Das Stuttgarter Hutzelmännlein" (1852).
Christian Dietrich Grabbe (1801-1836):
Aus seiner nihilistischen Perspektive war die Welt nichts als ein
»mittelmäßiges Lustspiel«; entsprechend dieser Grundhaltung
gestaltete er historische Dramen (Napoleon oder die hundert Tage, 1831, Hannibal,
1835) als groteske Bilderbücher, in denen das Scheitern alles Großen
an der Übermacht des Gemeinen und Banalen zynisch dargestellt wird.
Hauptwerke: "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung", "Marius und Sulla",
"Die Hohenstaufen", "Die Hermannsschlacht", "Cid", "Don Juan und Faust".
Friedrich Rückert (1788-1866):
Er schrieb unter anderem patriotische Befreiungslyrik [gegen Napoleon] in
"Deutsche Gedichte" (1814), politisch-satirische Lustspiele auf Napoleon
(1815-18) und biedermeierliche "Haus- und Jahrespoesie". Seine eigentliche
Leistung ist die Erschließung der persisch-arabischen Dichtung durch
sein ungewöhnliches Sprach-, Reim- und
Übersetzertalent.
Hauptwerke: Zyklus "Liebesfrühling" (1844), "Die Weisheit des Brahmanen"
(1836-1839), "Kindertotenlieder" (1872 aus dem Nachlass, vertont durch Gustav
Mahler), "Geharnischte Sonette" (1814).
3. Junges Deutschland und Vormärz
Liberales Bürgertum und Studenten reagierten anders als die Mehrheit des Volkes auf die politischen Verhältnisse der Restaurationszeit. Während sich auf der einen Seite Wirtschaft, Technik und Industrie rasant weiterentwickelten, blieben das Bürgertum - und natürlich das sich langsam entwickelnde Proletariat - von der Möglichkeit politischer Gestaltung ausgeschlossen. Soziale Not und Unzufriedenheit mit der politischen Unterdrückung stiegen im Lauf der Zeit immer weiter an; es kam vereinzelt zu Aufständen bzw. politischen Aktionen (Hambacher Fest 1832) und schließlich 1848 - im Gefolge der französischen Julirevolution 1830 - zur Märzrevolution, die in den Hauptstädten fast aller deutschen Bundesstaaten zu Reformen (liberale Verfassungen) und in Deutschland zur Wahl der Frankfurter Nationalversammlung führte. In Wien kam es zum Sturz Metternichs.
Mit Vormärz verbindet man also fortschrittliche Tendenzen - etwa ab dem Jahr 1815 - und eine Literatur mit liberalen, später sozialpolitischen, teilweise radikaldemokratisch-kommunistischen Zielen. Unterteilt wird die Literatur des Vormärz in Junges Deutschland (von ca. 1830 bis zum Verbot dieser Schriften 1834 in Österreich, 1835 in Preußen) und - nach einer unbenannten Zwischenphase - in den eigentlichen Vormärz, auch politische Tendenzdichtung genannt.
Als Junges Deutschland wird eine lose Vereinigung von politisch engagierten Schriftstellern bezeichnet, denen Ludolf Wienbarg den Namen gab: "Dem jungen Deutschland, nicht dem alten widme ich diese Buch."
3.2 Merkmale und Strömungen des Jungen Deutschland
Die Jungdeutschen und die Vertreter des literarischen Vormärz hatten das gemeinsame Ziel, die Literatur zu erneuern, das Recht auch der Frauen auf Bildung und Selbstständigkeit durchzusetzen. Sie schrieben gegen die Zensur und für die Pressefreiheit, gegen die Willkür der absoluten Herrscher und für das Recht auf Freiheit und Gleichheit der Bürger, gegen die Kleinstaaterei und für eine demokratische Verfassung. Sie traten für eine Trennung von Staat und Amtskirche ein.
Die bedeutendste Figur in diesem Kontext ist Heinrich Heine, der zwar nur bedingt dem Jungen Deutschland zugeordnet werden kann, dessen führende Rolle jedoch durch die Konsequenz seiner Haltung, die Originalität seiner Gedanken und den ästhetischen Rang seiner Werke begründet ist. Heines Auseinandersetzung mit der Romantik fand ihren Niederschlag in dem Buch "Die romantische Schule" (1836), das zugleich zu einer der wichtigsten theoretischen Schriften des Jungen Deutschland wurde, da es in ihr nicht um Literaturgeschichte ging, sondern um eine Abrechnung mit den reaktionären Tendenzen der (Spät-)Romantiker.
Im Gegensatz zum abstrakten Idealismus der Burschenschaftler oder der Turnerbünde ("Turnvater" Friedrich Ludwig Jahn, 1778-1852) entwickelte sich im Jungen Deutschland eine Gruppe von Intellektuellen, die sich nicht mehr von schönen Worten blenden ließ. Was sie wollte, war eine "Politisierung der Literatur", bei der Formen wie die Satire oder die Zeitkritik im Vordergrund standen. Nicht das Poetische, Erhabene, Romantische fand man entscheidend, sondern das Hier und Jetzt, die konkrete Situation der Gegenwart, die jeden Tag zu einer neuen Stellungnahme herausforderte.
Man verzichtete bei diesem Emanzipationsverlangen auf jedes "System", um sich nicht von neuem "binden" zu müssen. Aus diesem Grunde wichen die Jungdeutschen manchmal selbst in den wesentlichsten Punkten erheblich voneinander ab. Doch das kümmerte sie wenig, da sie alle dem Prinzip der ungezügelten Liberalität anhingen. Einig waren sie sich jedoch zumeist in dem, was sie ablehnten: alles Bedrückende, Reaktionäre, das Wachstum Hemmende, wofür sie das bürgerliche Mittelmaß oder das Metternich'sche Regime verantwortlich machten.
Die meisten Vertreter dieser Bewegung betrachteten sich voller Stolz als öffentlich wirksame Publizisten und nicht als weltfremde Literaten. Aus diesem Grunde schrieben sie bewusst populär, um neben den Schöngeistern auch die Masse der Leser zu erreichen. Neben lyrischen Texten, Romanen und Novellen erschienen daher literarische Zweckformen wie Briefe, Reiseberichte, Memoiren, Flugblätter, journalistische Texte und Feuilletons.
Am 10. Dezember 1835 wurden die gesamten Schriften des Jungen Deutschland durch den deutschen Bundestag verboten, womit zum ersten Mal in der deutschen Geschichte eine gesamte literarische Richtung von der Zensur betroffen war. Den jungen Literaten wurde vorgeworfen, "die christliche Religion auf die frechste Weise anzugreifen, die bestehenden sozialen Verhältnisse herabzuwürdigen und alle Zucht und Sittlichkeit zu zerstören". Das Verbot und die damit verbundenen Repressionen bewirkten, dass viele jungdeutsche Autoren den Glauben an Recht und Freiheit verloren und die gesellschaftspolitische Arbeit beendeten.
Karl Gutzkow (1811-1878):
Er gründete 1831 das "Forum der Journal-Literatur", ein Jahr später
erschien anonym sein erster Roman "Briefe eines Narren an eine Närrin".
1835 erregte sein Roman "Wally, die Zweiflerin" Aufsehen und brachte ihm
eine zweieinhalbmonatige Gefängnisstrafe ein. Wieder auf freiem Fuße,
heiratete er und gab die "Frankfurter Börsenzeitung" und den "Frankfurter
Telegraf" heraus. 1837 zog er nach Hamburg, wo er mit seinen Stücken
große Erfolge feiern konnte. Die Komödie "Zopf und Schwert" war
eine der meistgespielten seines Jahrhunderts. Im Jahre 1852 gründete
er die Zeitschrift "Unterhaltungen am häuslichen Herd".
Hauptwerke: "Wally, die Zweiflerin", "König Saul", "Die Ritter vom Geiste",
"Der Zauberer von Rom ", "Der Gefangene von Metz".
Heinrich Laube (1806-1884):
Redigierte 1833-1834 die belletristische "Zeitung für die elegante Welt",
die zum Sprachrohr des "Jungen Deutschland" wurde. 1848 Mitglied der Frankfurter
Nationalversammlung; Förderer Grillparzers; Intendant des Wiener
Burgtheaters; 1871 Gründung des Wiener Stadttheaters; verfasste auch
historische Romane und Dramen.
Hauptwerke: "Das junge Europa" (1833-37), "Die Karlsschüler" (1846), "Graf Struensee" (1847), "Die Bernsteinhexe" (1847).
Die jungdeutschen Autoren Gustav Kühne, Theodor Mundt und Ludorf Wienbarg sind, anders als Gutzkow und Laube, heute der völligen Vergessenheit anheim gefallen.
4. Vormärz im engeren Sinne
Der gebildete, spätromantisch gesonnene Friedrich Wilhelm IV., der 1840 den preußischen Thron bestieg, erweckte zunächst Hoffnung auf größere Liberalität, die er dann um so schlimmer enttäuschte. Zugleich waren die politischen Ansprüche des erstarkten gehobenen Bürgertums gewachsen, während das verarmende Kleinbürgertum und die Arbeiter unüberhörbar ihre sozialen Forderungen anmeldeten. Teils radikalisierte sich die Opposition daher ab 1840 (Ferdinand Freiligrath, Robert Eduard Prutz), teils traten neue entschlossene Gestalten in den Vordergrund (Georg Herwegh, Georg Weerth). Die Linkshegelianer sowie Karl Marx und Friedrich Engels begannen ihren philosophischen Angriff.
Die neue Opposition wollte nicht mehr einzelne politische Institutionen, sondern die gesamte Gesellschaftsordnung ändern, z.T. auch bald im sozialistischen Sinn, sie wollte nicht elegant an der Zensur vorbeischreiben, sondern offen für die Revolution eintreten. Man wollte nicht mehr unterhaltsamer Schriftsteller sein, nicht mehr von sich selber reden, sondern parteilich und theoriebewusst agitieren. Die Religionskritik verschärfte sich, sie enthielt jetzt eine praktische, gegen das Bündnis von Thron und Altar gerichtete Spitze. So entstanden revolutionäre Aufrufe, häufig in Liedform, politisch - philosophische Abhandlungen sowie Satiren auf den opportunistischen, unterwürfigen "deutschen Michel".
Georg Herwegh (1817-1884):
Seine "Lieder eines Lebendigen" (in zwei Bänden 1841 und 1843 in
Zürich erschienen) hatten einen großen Erfolg beim Lesepublikum.
Ferdinand Freiligrath (1810-1876):
Er sprach mit seiner Dichtung besonders die Jugend an, die aus den Grenzen
des deutschen Polizeistaates in die Freiheit der Welt drängte. Zusammen
mit Emanuel Geibel erhielt Freiligrath vom Preußenkönig einen
jährlichen Ehrensold von 300 Talern, der ihm die Existenzgrundlage bieten
sollte. Nach schweren Bedenken lehnte Freiligrath die Ehrengabe ab, da er
sich von der "preußischen Reaktion nicht bestechen" lassen wollte.
Kurze Zeit später (1844) erschien als politisches Manifest der
demokratischen Opposition sein Buch "Mein Glaubensbekenntnis". Der darin
geäußerte Radikalismus zerschlug ihm die Hoffnung auf eine
Lebensstellung, die ihm in Weimar angeboten worden war, und zwang ihn zu
einem unsteten Wanderleben im Ausland. Er emigrierte zunächst nach
Brüssel, wo er sich mit Karl Marx befreundete und zusammen mit diesem
1849-1851 die "Neue Rheinische Zeitung" herausgab. Den Unterhalt für
sich und seine Familie verdiente Freiligrath als kaufmännischer Angestellter
ab 1851 in London. 1868 erfolgte die endgültige Rückkehr nach
Deutschland. Eine "Volksspende" von 60000 Talern war der Dank der Nation
an den opferbereiten Patrioten.
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874):
enthusiastischer Patriot und literarischer Verfechter der Ideen von 1848;
kämpfte gegen die Verfassungsverweigerung König Wilhelms IV. von
Preußen. Bekannt als Dichter des Deutschlandliedes.
Er förderte zunächst als Bibliothekar, später als Professor
an der Universität Breslau das schlesische Geistesleben durch eine
"Monatsschrift von und für Schlesien" und durch die Herausgabe schlesischer
Volkslieder. Als Literaturhistoriker erwarb Hoffmann sich große Verdienste
durch die Auffindung und Erforschung altniederländischer
Literaturdenkmäler und durch eine "Geschichte des deutschen Kirchenliedes
bis auf Luthers Zeit". Daneben veröffentlichte er selbst Kirchen-,
Gesellschafts-, Liebes- und Kinderlieder. Im Geiste der Burschenschaft gab
er 1840 und 1841 seine "Unpolitischen Lieder" heraus, die in Wahrheit
hochpolitisch waren und in denen er für eine deutsche Einheit und
demokratische Volksrechte eintrat. Er wusste, dass er damit seine Professur
aufs Spiel setzte, und diese wurde ihm auch tatsächlich 1842 genommen.
Daraufhin führte er ein Wanderleben, bis der Herzog von Radbor dem
Zweiundsechzigjährigen eine Sinekure als Bibliothekar auf Schloss Corvey
an der Weser gab.