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      Erasmus von Rotterdam
Desiderius,
geb. zwischen 1466 und 1469 bei Rotterdam
gest. in der Nacht zum 12.7.1536 Basel.

Biographie

Der Name Roterodamus ersetzte den Familiennamen; Desiderius war der Humanistenname. Die Herkunft des Erasmus ist unklar; er stammte aus der Verbindung eines niederen Klerikers mit der Arzttochter Margareta Rogers aus Gouda. Die fünfzehnjährige Schulzeit dauerte ungewöhnlich lange: auf Gouda folgte die Domschule von Utrecht, dann die Kapitelschule der Brüder vom Gemeinsamen Leben in Deventer. 1487 trat Erasmus mit seinem älteren Bruder Pieter in das Augustiner-Chorherrenstift Steyn bei Gouda ein.

Im Kloster traf er auf einen humanistischen Kreis von Brüdern, die klassische Sprachstudien neben dem Bildungsprogramm des Ordens betrieben. Seit der Priesterweihe 1492, erstes belegtes Ereignis seines Lebens, suchte er dem Kloster zu entkommen. Seine Hoffnung war eine Bildungsreise nach Italien: Der erste Versuch 1493/94 als Sekretär des Bischofs von Cambrai, Heinrich van Bergen, misslang; er begleitete ihn auf Reisen, doch die Italienreise zerschlug sich. Schließlich erhielt Erasmus 1495 ein Stipendium für ein Studium. Er studierte in Paris Theologie, um das Doktorat zu erwerben. Vorausgesetzt war das vierjährige Artesstudium, danach ein achtjähriges Studium der Theologie. Erasmus blieb im Zeitrahmen und wurde 1506 in Turin zum Doktor der Theologie promoviert.

Während seiner Zeit beim Bischof von Cambrai entwarf Erasmus die Antibarbari gegen die Sprachbarbaren, ein Werk, das 25 Jahre später teilweise herauskam: Im Gespräch zwischen Freunden werden die humanistischen Ideen von der Perfektibilität der Menschen durch Bildung und Erziehung entwickelt. Die humane Bildung sei auf natürliche Weise in der Antike geoffenbart und durch die christliche Offenbarung vollendet worden. Barbarischer Bildungsfeind ist nicht der rohe Ungebildete, sondern der tyrannische Verbildete in Mönchsorden und Schulen. Erasmus artikulierte als sein zentrales Problem die Suche nach dem christlichen Humanismus.

Während seines Studiums in Paris fand er Anschluss an den Pariser Humanistenkreis, doch blieb er dort nur einer unter vielen "jungen" Humanisten. Als Privatlehrer entwarf er etliche Lehrtexte, wie De conscribendis epistolis und De copia verborum, die erst später veröffentlicht wurden. Sein Lateinschüler Lord Mountjoy, William Blount, lud ihn 1499 nach England ein.

Der halbjährige Englandaufenthalt bis Februar 1500 - mit Perspektive einer Italienreise - wurde kurzfristig zur Enttäuschung, langfristig die Lebenswende: Er fand Anerkennung und wurde in die hohe Gesellschaft eingeführt. In Oxford fand er angemessene Gesprächspartner, so in John Colet, der ihn zu den Disputatiunculae de tedio, pavore, tristitia Jesu und der Concio de puero Jesu anregte. Erasmus überzeugte sich von der Bedeutung des Griechischen und wendete sich der antiken paganen wie christlichen Literatur zu.

Zurückgekehrt in seine kargen Pariser Verhältnisse, gab Erasmus 1500 dort sein erstes Buch, die Adagia, heraus. Diese Sammlung lateinischer Sprüche zur Pflege eines eleganten Stils ergänzte er in weiteren Ausgaben um griechische Weisheiten, bis 1536 die letzte Ausgabe 3260 kommentierte Redewendungen enthielt. Verschiedentlich hielt er sich in den Niederlanden auf und fand in Theodor Maertens in Antwerpen (dann Löwen) einen Drucker, der 1503 seine Lucubrationes, Ergebnisse seiner Nachtwachen, verlegte. Darin befand sich das Enchiridion militis christianae (Handbüchlein eines christlichen Ritters), welches erst die gesonderte Ausgabe 1518 bei Froben in Basel zu dem - von Luther wie von Loyola - gelobten und verdammten Hauptwerk humanistischer Christus-Frömmigkeit machte. Im Jahr 1504 fand Erasmus im Kloster Parc bei Löwen das Manuskript der Annotationes in Novum Testamentum seines Vorbildes Lorenzo Valla, worin der Vulgatatext am klassischen Latein wie am griechischen Urbild geprüft wurde. Die philologische Bibelkritik inspirierte Erasmus zu der ein Jahrzehnt später edierten kritischen Neuausgabe des Neuen Testaments.

In England lebte Erasmus nach seinem halbjährigen Besuch 1499/1500 erstmals etwa ein Jahr 1505 bis 1506, dann nach dem Studienaufenthalt in Italien 1509 bis 1514, endlich mehrmals kurzzeitig 1515 bis 1518 in London, an den Universitäten und kirchlichen Zentren, so Canterbury. Erasmus verdankte England viel, vor allem Mäzene und Freunde, wie den königlichen Erzieher Lord Mountjoy, den Dean of St. Paul's, John Colet, den Erzbischof von Canterbury, William Warham, und den Protagonisten des "zivilen" Humanismus Thomas More, mit dem er griechische Literaturstudien (Lukian - Übersetzungen) betrieb, aus denen das Lob der Torheit und die Utopia entstanden.

Die Studienreise nach Italien ergab sich 1506. Erasmus hielt sich in Turin (Promotion), Padua, Bologna, Neapel und Florenz auf. In Venedig edierte er bei Aldus Manutius die um griechische Sprüche erweiterten Adagia. Nach Rom kam er wegen der Kriegszüge Papst Julius' II. spät, wo er die Gunst der Kardinäle Grimani, Riario und des späteren Papstes Leo X., Giovanni de' Medici, gewann. Sein Interesse galt weniger der antiken Kunstüberlieferung als alten, unedierten Manuskripten. Als ihn 1509 aus England die Nachricht erreichte, der alte König liege im Sterben, eilte er dorthin, in Erwartung des "goldenen Zeitalters der Gelehrsamkeit".

Die folgenden englischen Jahre wurden eine Zeit intensiver Studien, besonders an den griechisch-lateinischen Bibeltexten. Man hörte nichts von ihm, außer, er habe im Sommer 1511 sein Lob der Torheit selbst in Paris zum Druck gegeben. Die Hoffnungen auf Heinrich VIII. wurden enttäuscht. Auch fand Erasmus in England keine unabhängige Stellung als Gelehrter und auch keine leistungsfähige Druckerei.
Als Erasmus 1514 wieder auf den Kontinent übersiedelte, suchte er einen Platz bei Gönnern, auch in Löwen, wo sein Drucker Maertens saß. In dieser Übergangssituation erreichte ihn der Rückruf seines Priors ins Kloster, den er mit einem beeindruckenden Lebensbekenntnis ablehnte. Mitte August 1514 war er auf dem Weg rheinaufwärts, blieb in Basel und begann mit Froben sofort ein umfangreiches Druckprogramm: Eine Adagia-Ausgabe, neue Plutarch-Übersetzungen und Seneca-Texte, vor allem die Editionen der Hieronymus-Briefe und des Neuen Testaments.

Auf seinen Reisen durch das Rheinland seit 1514 zeigte sich, wie berühmt Erasmus bereits war. Er wurde als Licht der Bildung gefeiert, welches nun auch in Deutschland aufscheine. In Mainz und Frankfurt traf er Reuchlin und Hutten. Nachdem er fast Engländer geworden war, werde er nun Deutscher, so fand Erasmus selbst.

Die Jahre seines frühen Ruhmes von 1515 bis 1518 waren außerordentlich unruhig; kein Angebot entsprach seinen Ansprüchen an Unabhängigkeit. Jean le Sauvage, Kanzler von Brabant, verschaffte ihm 1516 den Titel eines Ratgebers beim jungen Karl (V.). Erasmus verfasste dazu die Erziehungslehre für Prinzen, Institutio Principis Christiani, doch mochte er nicht mit dem zum König gewählten Karl nach Spanien übersiedeln. Unglücklich verliefen seine Bemühungen, sich in Löwen niederzulassen. Wegen Luther kam er zunehmend in Konflikte mit der dortigen Theologischen Fakultät. Erasmus missbilligte zwar Luthers Heftigkeit entschieden und seine Thesen zum Teil, doch das Reformanliegen verteidigte er voll und plädierte für die Reintegration des Wittenbergers. Der Antilutherpartei in Löwen genügte seine Haltung nicht. Deshalb sollten seine Schriften geprüft werden. Egmondanus und andere predigten öffentlich gegen ihn. Man suchte ihn in Stellung gegen Luther zu bringen. Das aber traf Erasmus' Nerv, sein Bestehen auf geistiger Unabhängigkeit. Im Herbst 1521 siedelte er fast fluchtartig nach Basel über. Er reiste kaum mehr; sein Leben bestand aus Schreiben und Edieren der zahlreichen begonnenen und entworfenen Unternehmen: Durch einen immensen Briefwechsel und ein eigenes Botensystem korrespondierte er mit der Außenwelt.

Mit seinem sechsjährigen "Exil" von 1529 bis 1535 im kath. Freiburg wich Erasmus den religionspolitischen Wirren aus, die ein ruhiges Studieren unmöglich machten, und protestierte gegen Basels Übergang zur Reformation. Doch kehrte er im Sommer 1535 dorthin zurück und lebte bis zu seinem Tod in der Obhut der Froben. Das letzte Werk, das er zum Druck bringen konnte, war seine große Predigtlehre Ecclesiastes sive de ratione concionandi. Seit seiner Niederlassung in Basel bereitete Erasmus die Herausgabe seiner Gesammelten Werke vor. Weiteres zum Autor im WWW


     
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