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Das Theater des Absurden
Text: Samuel Beckett, Akt ohne Worte 1
Grundlagentext: Wolfgang Hildesheimer, Erlanger Rede über das absurde Theater

Übersicht:

Allgemeines

Absurdes Theater (von lat. absurdus: misstönend) ist ein Theater des Unheimlichen im Freud'schen Sinne: In ihm ist unsere Alltagswelt in erschreckenden Formen verzerrt anwesend. Das Unheimliche, so Sigmund Freud, entsteht oft aus dem Überbetonen der psychischen Realität im Bezug zur materiellen Wirklichkeit. Im Theater des Absurden nehmen die Personen die Außenwelt nur noch wahr durch das Prisma ihrer Ängste, Zwangsvorstellungen und Wahnbilder.

Das Unsichtbare oder Unbewusste offenbart sich in diesem Theater am schärfsten in der Sprache. Sie ist jedoch nicht mehr Kommunikationsmittel, sondern Folterinstrument. Die Figuren sind in eine Sprache verstrickt, die sie ganz durchdringt und überwältigt. Sie reden nicht, es redet in ihnen: Sie verlieren sich in Häufungen von Gemeinplätzen, Halbwahrheiten, Klischees und Stereotypen - äußerste Entfremdung der in einer 'automatischen Sprache' (Eugène Ionesco), in uferlosem Jargon verlorenen Menschen.

Im Gegensatz zu Brechts epischem Theater kommen im absurden Theater metaphysische Fragen zur Sprache, parodistisch-zeremoniell, mit sich wiederholender, oft kreis- oder spiralenförmiger Handlung.

Am Ende der1950-er Jahren totgesagt, taucht die Idee des Absurden ab der 2. Hälfte der 1970-er Jahre verstärkt wieder auf: Mit Blick auf die Stücke der so genannten Postmoderne kann man wie im absurden Theater generell von einem Handlungs-, Geschichts- und Sinnverlust sprechen, von Ohnmacht und Fremdbestimmung des Individuums inmitten einer übermächtigen Mediengesellschaft, von zunehmenden Kommunikationsschwierigkeiten und einem wachsenen Kälte-, Endzeit- und Untergangsbewusstsein.

Merkmale absurden Theaters in Thesenform

  1. Voraussetzung des absurden Theaters ist eine als "absurd" erkannte Welt.
  2. Es wird keine geschlossene gegenständliche Welt dargestellt, kein logisch fortschreitendes Geschehen.
  3. Statt eines Geschehens, einer fortlaufenden Handlung bietet das absurde Theater nur Reflexionen, Dialoge ohne Ziel, gedankliche Akrobatik.
  4. Nicht die äußere Welt, die Welt der Realität wird dargestellt, sondern der seelische Innenraum des Menschen.
  5. Der Mensch steht nicht dem Menschen und der Welt gegenüber, sondern dem Rätselhaften, Unbegreiflichen, Transzendenten, dem Chaos, dem Nichts.
  6. Der Mensch kennt keine Ideale und hat kein Ziel mehr; er hat keinen Halt; er ist entsetzlich einsam, es erfasst ihn eine namenlose Angst vor der eigenen inneren Leere, die sein Denken und Tun völlig beherrscht.
  7. Das absurde Theater ist Demonstrationstheater: Es "zeigt" die Situation des Menschen auf, in der er sich "befindet": die Situation der metaphysischen Ausweglosigkeit.
  8. Das absurde Theater desillusioniert und setzt damit einen Denkprozess in Gang: Es fordert heraus.
  9. Die klassischen Kategorien der Einheit der Zeit, des Ortes und der Handlung sind aufgehoben: Es gibt keine äußere messbare Zeit mehr, sie geht über in Zeitlosigkeit, in Zuständlichkeit. Zeit läuft nicht mehr ab, sie wird zum festfixierten Dauerzustand: das Warten ("Warten auf Godot"); das Vegetieren ("Endspiel"). Der Ort ist ein imaginärer Ort: Er ist überall und nirgends. ("Landstraße. Ein Baum.") Es gibt keine Handlung mehr (im alten Sinne), der "Verlauf" der Stücke ist statisch.
  10. Die Figuren sind nicht mehr mit sich selbst identisch, haben keine Personalität, sondern sind Typen, Marionetten, "Spieler". Daher oft Rollenverdoppelung oder Doppelrollen, eine Folge der Auflösung der normalen Subjekt-Objekt-Beziehungen.
  11. Das absurde Theater ist vielfach Pantomime. Es bevorzugt optische und akustische Elemente der Darstellung.
  12. Das absurde Theater schwelgt in Allegorien, Paradoxien und Clownerien. "Der Clown ist weder tierisch ernst noch zynisch, sondern von einer Traurigkeit, die, da sie das traurige Los des Menschen abspiegelt, die Herzen aller Menschen solidarisiert."
  13. In einer Welt, in der die Grenze zwischen Subjekt und Subjekt gefallen ist, in der sich offenbart, wie das Subjekt in sich gespalten ist, kann die Sprache, die auf dem gesicherten Subjekt-Objekt-Bezug basiert, nicht mehr tragfähig sein. Im absurden Theater herrscht die Inkommunikabilität: die Menschen reden aneinander vorbei, ihre Worte werden nicht verstanden oder gehen ins Leere. Die Zerstörung der Sprache als Mittel der Verständigung ist im absurden Theater evident.
  14. Doppelungen, Parallelität, Kreisbewegungen, Rückwendung des Endes in den Anfang sind typische, bühnentechnische und dramaturgische Kunstgriffe des absurden Theaters, die sich in der Vorliebe für Figurenpaare, Wort- und Satzwiederholungen, Situationswiederholungen und in steten, ins Unendliche verlaufenden Dialogen ohne Anfang und Ende äußern: ein Teufelskreis, aus dem der Mensch sich nicht mehr herauslösen und befreien kann.

Wichtige Autoren

Die Vertreter des absurden Theaters finden sich in den 1950-er Jahren vor allem im anglophonen und frankophonen Sprachraum:
Samuel Beckett (1906-1989), Arthur Adamov (1908-1970), Eugène Ionesco (1912-94), Jean Genet (1910-1986), Edward Albee (*1928), Harold Pinter (*1930).

In Deutschland sind nur zwei Autoren mit absurden Theaterstücken in Erscheinung getreten:

  • Günter Grass (*1926): Beritten hin und zurück, 1954; Noch zehn Minuten bis Buffalo, 1954; Hochwasser, 1955; Onkel, Onkel, 1956; Die bösen Köche, 1957; 32 Zähne, 1958
  • Wolfgang Hildesheimer (1916-1991): Stücke, in denen es dunkel wird, 1958

 
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